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Wie häufig sind Rückrufe durch den ehemaligen Arbeitgeber in der Schweiz?

Etwa 14 % aller Episoden der Arbeitslosigkeit enden in einem Rückruf. Von Rückruf sprechen wir, wenn eine Person nach Ende ihrer Arbeitslosigkeit beim selben Arbeitgeber angestellt wird, bei dem sie unmittelbar vor der Arbeitslosigkeit beschäftigt gewesen ist. Welches sind die Ursachen, und was sind die Auswirkungen für die Schweiz? Die hier präsentierte Studie betritt Neuland, da sie erstmalig die Rückrufquote für die Schweiz empirisch schätzt. Zudem untersucht sie die gesamtwirtschaftlichen Effekte von Rückrufen auf die Arbeitslosigkeit und die Beschäftigungsstruktur.

Unternehmen greifen zuweilen auf vorübergehende Entlassungen zurück, um temporäre Auslastungsschwächen – zum Beispiel aufgrund eines Auftragsrückgangs oder eines witterungsbedingten Arbeitsausfalls – auf Kosten der Arbeitslosenversicherung (ALV) abzufedern. Solche Entlassungen erfolgen häufig mit der Option zur Rückkehr an den ehemaligen Arbeitsplatz, sobald sich die Auftragslage wieder gebessert hat (Rückruf). Dieses stillschweigende Einverständnis zwischen Unternehmen und Arbeitnehmer geht möglicherweise auf Kosten anderer Beitragszahler. In diesem Falle haben die Leistungen der ALV den unerwünschten Nebeneffekt, dass sie eine Zunahme instabiler Beschäftigungsverhältnisse fördern. Ein gleicher Beitragssatz der ALV für alle Branchen führt in diesen Fällen zu einer Quersubventionierung von beschäftigungsinstabilen durch beschäftigungsstabilere Unternehmen. Damit ändert sich auch die Beschäftigungsstruktur. Für die Schweiz liegen bislang keine empirischen Analysen zu Rückrufen vor. Daraus leitet sich ein erstes Ziel für diese Studie ab: Wie häufig sind Rückrufe in der Schweiz, und was sind deren Determinanten? Ein zweites Ziel liegt darin, aufzuzeigen, wie sich die ALV über Rückrufe auf das Verhalten der Stellensuchenden und der Firmen auswirkt und welche Konsequenzen sich für das Niveau der Arbeitslosigkeit und die Beschäftigungsstruktur ergeben. Die Studie untersucht diese Fragestellung in zwei sich ergänzenden Ansätzen: einer empirischen und einer modelltheoretischen Analyse.

Ergebnisse der deskriptiven empirischen Analyse

In der Schweiz enden rund 14 % aller Episoden der Arbeitslosigkeit, die zwischen Juni 2009 und Juni 2011 begonnen haben, mit der Wiederaufnahme eines Beschäftigungsverhältnisses beim vormaligen Arbeitgeber (zur Bestimmung der Anzahl Rückrufe siehe Kasten 2). Bestimmte Personengruppen weisen überdurchschnittlich hohe Rückrufquoten auf: Männer (17 %), Verheiratete (20 %), Personen mit niedrigem Ausbildungsniveau (27 %), über 50-Jährige (20 %), Personen aus der Europäischen Union (24 %) und Personen, die in der Westschweiz und im Tessin leben (20 %).Da Rückrufe im Bau- und im Gastgewerbe überproportional häufig sind, überrascht es nicht, dass Arbeitslosigkeitsspannen, welche im vierten Quartal beginnen, häufiger in einem Rückruf enden. Insbesondere zeigt sich ein Saisonmuster darin, dass das Baugewerbe die höchsten Rückrufquoten bei Arbeitslosigkeitsspannen aufweist, die in den Wintermonaten November, Dezember und Januar beginnen. Im Gastgewerbe treten die höchsten Rückrufquoten bei Arbeitslosigkeitsspannen auf, die im Oktober, April und November beginnen (siehe Grafik 1).

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Nutzniesser und Finanzierer der Branchenquersubvention

Als Indikator für die Branchenquersubventionierung dient das Verhältnis der von einer Branche ausgelösten Versicherungsleistungen der ALV zu den von dieser Branche eingezahlten Beiträgen. Ist dieses Verhältnis grösser als eins, zahlt die Branche weniger in die Arbeitslosenversicherung ein, als sie an Leistungen auslöst. Zwischen 2004 bis 2010 weisen folgende Branchen im Durchschnitt ein Verhältnis von grösser als eins auf und sind damit Nutzniesser der Branchenquersubventionierung: Gastgewerbe und Gastronomie; Kunst, Unterhaltung und Erholung; verarbeitendes Gewerbe; Handel, Instandhaltung und Reparatur von Motorfahrzeugen; sonstige Dienstleistungen sowie Baugewerbe (siehe Tabelle 1). Der Bausektor ist in überraschend geringem Umfang Nutzniesser der ALV, was wohl auf die gute Baukonjunktur zurückzuführen ist. Dadurch lag die Arbeitslosenquote im Bausektor nie wesentlich über der gesamtwirtschaftlichen Arbeitslosenquote[1]. Das verarbeitende Gewerbe bezog vor allem im Krisenjahr 2009 mehr Leistungen, als Beiträge einbezahlt wurden. Dies ist auf die krisenbedingt hohen Kurzarbeitsentschädigungen zurückzuführen. Die Branchen Erziehung und Unterricht; Energie-, Wasser-, Abwasser- und Abfallentsorgung sowie Gesundheits- und Sozialwesen sind die drei grössten Finanzierer der Branchenquersubvention.

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Theoretische Analyse und Modellsimulationen

Um die Dynamik des Arbeitsmarktes aus gesamtwirtschaftlicher Sicht näher zu beleuchten, werden die Auswirkungen von Rückrufen in einem allgemeinen Gleichgewichtsmodell des Arbeitsmarktes modelliert. Darin wird sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite spezifiziert. Ebenso werden dynamische Aspekte der Arbeitssuche explizit berücksichtigt. Um die Analyse einfach zu halten, gibt es im Modell nur zwei Stellentypen: stabile und instabile Stellen. Instabile Stellen unterliegen Auslastungsschwankungen, während stabile Stellen keinen solchen ausgesetzt sind. Tritt eine temporäre Auslastungsschwäche ein, hat die Firma die Möglichkeit, diese mit einer temporären (vorübergehenden) Entlassung abzufedern.Das Modell zeigt, dass beschäftigungsinstabile durch stabilere Stellen subventioniert werden, weil der Beitragssatz für beide Stellenarten gleich hoch ist. Würden die Beitragssätze an das Risiko des Arbeitsausfalls (z. B. durch ein Experience-Rating) angepasst, hätten Beschäftigungsverhältnisse mit Auslastungsschwankungen die daraus resultierenden Kosten in Form von höherer Arbeitslosigkeit und die damit verbundenen Versicherungsleistungen selber zu tragen, und die Quersubventionierung fiele weg. Dadurch würde sich der Beitragssatz in instabileren Jobs erhöhen. Höhere Lohnnebenkosten senken Anreize, solche Stellen auszuschreiben. Unsere Simulation zeigt, dass bei einem Einheitsbeitragssatz von 2,4 % der Anteil von Stellen mit Auslastungsschwankungen 17 % entspricht. Wird der Beitragssatz in instabileren Beschäftigungsverhältnissen auf das Zweifache des Beitragssatzes von stabileren Beschäftigungsverhältnissen angesetzt, so ergibt die Simulation einen Beitragssatz von 4,3 % für instabile Jobs (jener für stabile Beschäftigungen kann auf 2,2 % gesenkt werden); der Anteil der Stellen mit Auslastungsschwankungen sinkt auf 9 %.

Risikogerechte Beiträge als Lösung?

Vorübergehende Entlassungen, um temporäre Auslastungsschwächen auf Kosten der ALV abzufedern, fallen in der Schweiz quantitativ ins Gewicht. Auf 14 % aller Arbeitslosigkeitsepisoden in der Schweiz folgt ein Rückruf. Wenn solche temporären Entlassungen Teil eines impliziten Vertrags zwischen Firma und Arbeitnehmer sind, geht dies auf Kosten anderer Beitragszahler. Die Arbeitslosenversicherung ist dann nicht nur eine Sozialversicherung, denn als unerwünschter Nebeneffekt fördert diese eine Zunahme instabiler Beschäftigungsverhältnisse. Unternehmen, die instabilere Jobs anbieten, werden durch solche mit stabilen Stellen quersubventioniert. Simulationen unseres allgemeinen Gleichgewichtsmodells, welche die Dynamik des Arbeitsmarktes und Auswirkungen von Rückrufen berücksichtigen, zeigen, dass risikogerechte Beitragssätze die Stellenstruktur zugunsten von beschäftigungsstabileren Stellen verbessern. Würden die Beitragssätze an das Arbeitsausfallsrisiko angepasst, hätten Beschäftigungsverhältnisse mit Auslastungsschwankungen die daraus resultierenden Kosten in Form von höherer Arbeitslosigkeit und die damit verbundenen Versicherungsleistungen selber zu tragen. Umgekehrt ginge der Beitragssatz in Jobs ohne Schwankungen zurück, was die Schaffung solcher Stellen stimulieren würde.

  1. Rechnet man Arbeitslose in der Personalverleih-Branche, die im Bausektor gearbeitet haben, nicht dem Bausektor zu, reduziert sich das Leistungs-Beitrags-Verhältnis gar von 1,1 auf 0,95. Damit wäre der Bausektor ein Finanzierer der Branchenquersubvention. []

Professor für Volkswirtschaftslehre, SIAW-HSG, Universität St. Gallen

ZWF, HTW Chur

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich

Methode und Fragestellungen der Studie

Im empirischen Teil werden sowohl aggregierte als auch Individualdaten analysiert. Die Analyse von aggregierten Daten zeigt das Verhältnis von Versicherungsleistungen und ALV-Beiträgen in einzelnen Branchen. Daraus lässt sich abschätzen, welche Wirtschaftszweige relative und absolute Nutzniesser der Branchenquersubventionierung sind. Insbesondere wird die Frage untersucht:

  • Welche Wirtschaftszweige sind Nutzniesser der Branchenquersubventionierung, und wie stark profitieren sie davon?
  • Wie viele arbeitslose Personen kehren nach einer Arbeitslosigkeitsspanne zu ihrem vormaligen Arbeitgeber zurück?
  • Welche individuellen Charakteristika (z. B. Ausbildung, Alter, Geschlecht oder Nationalität) und branchenspezifischen oder regionalen Merkmale beeinflussen die Wahrscheinlichkeit für einen Rückruf?

Bestimmung der Anzahl Rückrufe

Die empirische Untersuchung basiert auf administrativen Daten der Arbeitsvermittlung und der Arbeitslosenstatistik der Schweiz (Avam). Sie umfasst alle Personen, welche zwischen Juni 2009 und Dezember 2012 mindestens einmal bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum gemeldet waren. Um aufzuzeigen, wie viele Personen, die eine Stelle gefunden haben, von ihrem bisherigen Arbeitgeber zurückgerufen worden sind, ist die Identifikation des bisherigen und des neuen Arbeitgebers notwendig. Die Avam-Statistik enthält die Angaben der Nummer eines Unternehmens im Betriebs- und Unternehmensregister (BUR) des bisherigen und des neuen Arbeitgebers. Der Vergleich zwischen der BUR-Nummer des vormaligen und des neuen Arbeitgebers zeigt an, ob es sich um einen Rückruf (BUR-Nummern sind identisch) oder um einen neuen Arbeitgeber handelt.

Professor für Volkswirtschaftslehre, SIAW-HSG, Universität St. Gallen

ZWF, HTW Chur

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich