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Was nützen Kurse und Beschäftigungsprogramme für Stellensuchende?

Im Jahr 2013 finanzierte die Arbeitslosenversicherung arbeitsmarktliche Massnahmen im Umfang von 558 Mio. Franken. Ziel dieser Massnahmen ist es, die Eingliederung von Stellensuchenden zu fördern, die auf dem Arbeitsmarkt erschwert vermittelbar sind. Sie umfassen sowohl Bildungs- wie auch Beschäftigungsmassnahmen. Eine neue Studie untersucht deren Wirkung und zeigt auf, welche der Massnahmen besonders gut abschneiden.

Von allen untersuchten Massnahmen schnitten die Beschäftigungsprogramme, wie zum Beispiel dieses Programm für jugendliche Arbeitslose in Burgdorf, am besten ab. (Bild: Keystone)

Um sicherzustellen, dass die Arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) wirksam sind, müssen der Bedarf und der Erfolg der einzelnen Massnahmen systematisch analysiert und kontrolliert werden. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse sind bei der Vorbereitung und der Durchführung zu berücksichtigen.Um diese methodische Fallgrube zu umgehen, wurde im Rahmen der dritten Evaluationswelle zur aktiven Arbeitsmarktpolitik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) eine neue Methodik verwendet. Statt einen Vergleich zwischen zwei Personen (Teilnehmer und Nichtteilnehmer) durchzuführen, wurde die Situation vor und nach Start der AMM bei der gleichen Person verglichen. Dies bedingt Wirkungsindikatoren, die mehrmals gemessen werden können.

Drei Indikatoren zum Verhalten und Erfolg bei Bewerbungen

Für die Evaluation wurden drei Indikatoren ausgewählt, mit denen sich das Bewerbungsverhalten und der Bewerbungserfolg beobachten lassen (siehe Grafik 1):

  • Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bewerbung in einem Vorstellungsgespräch mündet, zeigt die Qualität der Bewerbungen auf.
  • Die Anzahl der Bewerbungen pro Monat bildet die Quantität ab.
  • Die Anzahl der Vorstellungsgespräche pro Monat kombiniert beide Aspekte und fasst damit die Wirkung der AMM auf den Bewerbungserfolg zusammen.

Mit den drei Indikatoren wird der Bewerbungsprozess zwischen Jobverlust und dem Antritt einer neuen Stelle, welcher in der bisherigen Evaluationsliteratur kaum Beachtung fand, genauer untersucht. Die Indikatoren erlauben Rückschlüsse zu ziehen, inwieweit eine AMM-Teilnahme eine rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt fördert. Sie erklären zudem, wie die Wirkung zustande kommt: durch mehr Bewerbungen, bessere Bewerbungen oder beides. Die Studie betritt zudem Neuland, indem sie eine neue Datenquelle erschliesst: Im Rahmen der Evaluation wurde ein ausserordentlich umfangreicher Datensatz zum Bewerbungsverhalten von Stellensuchenden aus den fünf beteiligten Kantonen aufbereitet, der insgesamt Daten zu 725 000 Bewerbungen umfasst. Diese Informationen liegen auf Papier vor, und zwar in Form von meist handschriftlich ausgefüllten Formularen zu den monatlichen Bewerbungsbemühungen der Stellensuchenden. Diese Formulare wurden bisher nicht wissenschaftlich ausgewertet.

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Knapp zehn Prozent mehr Vorstellungsgespräche

Die Resultate der Studie zeigen, dass der Besuch einer AMM die Zahl der Bewerbungen leicht reduziert. Dieser Effekt wird jedoch kompensiert durch eine starke Erhöhung der Bewerbungschancen. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass sich Stellensuchende nach einer AMM gezielter bewerben. Insgesamt resultiert eine Erhöhung der Anzahl Vorstellungsgespräche pro Monat um 9,7 %.Der weitaus grösste Effekt ist während der AMM zu beobachten, also dann, wenn die Begleitung am intensivsten ist. Auch nach deren Abschluss zeigt sich weiterhin ein positiver, wenn auch etwas geringerer Effekt. Für die häufig in der Literatur diskutierten Droheffekte (Stellensuchende melden sich ab, weil sie die AMM nicht besuchen wollen) oder Lock-in-Effekte (ein Rückgang der Bewerbungsanstrengungen während des Kurses oder des Programms) wurden im Durchschnitt über alle AMM-Besuche keine Anzeichen gefunden.

Beschäftigungsprogramme mit grösster Wirkung

Die Palette an AMM, die in den Kantonen verwendet wird, ist sehr vielfältig. In den fünf untersuchten Kantonen wurden im Beobachtungszeitraum (April 2012 bis März 2013) insgesamt über 1200 verschiedene AMM besucht. Für die Studie wurden die AMM nach ihren inhaltlichen Schwerpunkten in sieben Gruppen eingeteilt (siehe Grafik 2). Als einziger AMM-Typ zeigen die (Ausbildungs- und Berufs-)Praktika eine negative Wirkung; mit –12 % ist dieser negative Effekt allerdings sehr ausgeprägt. Die negative Wirkung könnte damit zu erklären sein, dass viele Stellensuchende ihr Praktikum abschliessen wollen oder die (teilweise berechtigte) Hoffnung hegen, dass das Praktikum zu einer Festanstellung führen wird.

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Merkmale einer erfolgreichen Massnahme

In einem nächsten Schritt wurden verschiedene AMM-Merkmale auf die Frage hin untersucht, ob sie über- oder unterdurchschnittlich häufig bei erfolgreichen AMM auftreten. Zu den Merkmalen, die häufiger bei erfolgreichen AMM vorkommen, gehören kleine Gruppengrössen, Coaching, Selbststudium/Hausaufgaben sowie ein modularer Aufbau (d. h. die Möglichkeit, Kursblöcke massgeschneidert zusammenzustellen). AMM, die einen relativ hohen Anteil an Bewerbungstraining umfassen, zeigen einen überdurchschnittlich hohen Effekt. Zudem scheint ein Minimum an zeitlicher Investition – sowohl in Bezug auf die Wochenstunden wie auch hinsichtlich der gesamten Dauer der AMM – notwendig zu sein, damit sich die Wirkung überhaupt entfalten kann.

Überraschenderweise schneiden jene AMM, die ein eher «geschütztes» Umfeld anbieten, besser ab als solche, die direkt dem Markt ausgesetzt sind. Massnahmen, die direkte Kontakte zu Arbeitgebern anbieten, zeigen zudem eine tiefere Wirkung als solche, die das nicht tun. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass diese Unterschiede nicht durch die AMM selbst, sondern durch ihre Teilnehmenden zustande kommen: AMM wirken bei Personen mit tieferen Chancen besser als bei Personen mit hohen Chancen auf Wiedereingliederung.

Höchste Wirkung bei Ausländern, Frauen und Fachkräften

Schliesslich zeigen sich auch grosse Unterschiede zwischen den Gruppen von Teilnehmenden, die in ihrer starken Ausprägung überraschen. AMM wirken bei Stellensuchenden ausländischer Nationalität doppelt so stark wie bei Schweizern und bei Frauen doppelt so stark wie bei Männern.Untersucht man die Wirkung der AMM getrennt nach der früheren beruflichen Funktion der Stellensuchenden, so zeigen sich ebenfalls grosse Unterschiede: Die höchste Gesamtwirkung wird bei Fachkräften erzielt. Auch bei den Hilfskräften ist ein starker positiver Gesamteffekt zu beobachten. Bei Personen mit einem Kaderhintergrund wurde hingegen eine negative Wirkung gemessen. Dies mag daran liegen, dass die jetzige Produktepalette noch zu wenig auf diese Stellensuchenden zugeschnitten ist. Möglich ist auch, dass es den RAV-Personalberatenden bei diesen Gruppen besonders schwer fällt, die richtige AMM auszuwählen.

Geeignete Massnahmen, richtig genutzt

Zunächst einmal kann man sich über das positive Resultat freuen. Bei einer Wirkung von 10 % auf den Bewerbungserfolg decken sich die AMM bereits zu zwei Dritteln selbst. Dabei sind weder die Wirkung der AMM auf den Prozess zwischen Vorstellungsgespräch und Anstellung noch die längerfristig eingesparten Kosten durch eine tiefere Aussteuerungs- und Wiederanmeldequote berücksichtigt. Würden diese Kosten in die Rechnung mit einfliessen, ist zu vermuten, dass AMM auch finanziell eine rentable Investition seitens der Arbeitslosenversicherung darstellen.In Bezug auf die Frage, wie sich die Wirkung der AMM noch weiter steigern lässt, gibt die Studie verschiedene Hinweise: So gibt es Teilnehmergruppen, die zurzeit noch unterdurchschnittlich von den AMM profitieren. Zudem werden sie auch in Situationen verfügt, bei denen sie – zumindest was den Durchschnitt betrifft – keinen oder sogar einen negativen Effekt erzielen. Um einen grösstmöglichen Effekt zu erreichen, muss die Palette von AMM nicht nur auf die Bedürfnisse der Stellensuchenden zugeschnitten sein, sondern die Palette muss auch richtig genutzt werden. Dies bedingt eine enge Zusammenarbeit zwischen den kantonalen Stellen, welche die AMM entwickeln, den zuweisenden Personalberatern der RAV und den Anbietern, welche sie umsetzen.

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Dr. oec. publ., Projektleiter, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Senior Berater, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Volkswirtschaftsprofessor, Universität Lausanne

Professorin für Volkswirtschaftslehre, Universität Hohenheim

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich

Dr. oec. publ., Projektleiter, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Senior Berater, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Volkswirtschaftsprofessor, Universität Lausanne

Professorin für Volkswirtschaftslehre, Universität Hohenheim

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich