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Lehrlingslücke zwingt Berufsbildung auf neue Wege

Die Berufsbildung ist heute solid aufgestellt. Sie wird von den Jugendlichen rege genutzt und hat nach wie vor ein hohes Renommee. Aufgrund der demografischen Entwicklung steht sie jedoch vor einer neuen Herausforderung: der Lehrlingslücke. Dagegen muss die Berufsbildung mit innovativen Angeboten für mehr Allgemeinbildung und bessere Sprachkenntnisse, einer Stärkung der höheren Berufsbildung sowie einem massiven Ausbau der Berufsbildung für Erwachsene reagieren. Wenn dies gelingt, ist die Berufsbildung fit für die Zukunft und kann einen grossen Beitrag leisten zu einer prosperierenden Schweiz.

Die Berufsbildung ist der wichtigste nachobligatorische Bildungsweg der Schweiz. Rund 60% aller Jugendlichen in der Schweiz wählen diesen Weg als ersten Ausbildungsgang. Die Zahl der Lehrverhältnisse ist stabil. Aber auch bei den Unternehmen ist die Berufsbildung gut verankert. Die Zahl der Lehrstellen ist in den letzten zehn Jahren gestiegen. Dank der wichtigen Rolle der Branchenverbände bei der Festlegung der Bildungsinhalte ist die Innovationskraft der Berufsbildung hoch, und deren Abschlüsse sind stark auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet.

Trotzdem steht die Berufsbildung mit der Lehrlingslücke vor einer grossen, neuen Herausforderung. Bereits heute gibt es mehr Lehrstellen als Bewerberinnen und Bewerber. Dazu kommt, dass die demografische Entwicklung zu einem Rückgang der Anzahl von Jugendlichen führt, die überhaupt den Weg der Berufsbildung einschlagen können. Ausserdem erscheint heute das Gymnasium etlichen Jugendlichen attraktiver als die Berufsbildung.

Berufsbildung muss attraktiver werden

Daraus folgt, dass die Berufsbildung ihre Attraktivität steigern und weitere Anstrengungen unternehmen muss, um in Zukunft zu bestehen. Für Travail.Suisse sind dabei drei Schienen zentral:

  • Allgemeinbildung und Sprachkenntnisse: Sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch bei Eltern und Jugendlichen steigen die Anforderungen und Bedürfnisse im Bereich Allgemeinbildung und Sprachkenntnisse. Wenn die Berufsbildung weiterhin auch schulstarke Jugendliche mit bildungsnahen Eltern gewinnen will, müssen Wege gefunden werden, die Allgemeinbildung und den Erwerb von Sprachkenntnissen zu stärken. Mehr wöchentliche Schulstunden für alle sind aber nicht die richtige Lösung, weil darunter die Offenheit der Berufsbildung und die Nähe zum Ausbildungsbetrieb leiden würden. Vielmehr müssen innovative Modelle wie Blockkurse oder Sprachaufenthalte erarbeitet werden, die gezielt den interessierten Jugendlichen offen stehen.
  • Stärkung der höheren Berufsbildung: Die höhere Berufsbildung ist der zentrale Karriereweg für Berufsleute mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis. Die Stärke der höheren Berufsbildung bestimmt also wesentlich die Attraktivität der ganzen Berufsbildung. Zur besseren Vergleichbarkeit mit andern tertiären Abschlüssen ist deshalb eine rasche Einordnung in den nationalen Qualifikationsrahmen nötig. Es braucht einen Diplomzusatz, der die tertiäre Einstufung und die beruflichen Qualifikationen klar zum Ausdruck bringt. Zudem müssen die Absolventinnen und Absolventen der höheren Berufsbildung mit subjektorientierten und vom Bund finanzierten Beiträgen an die Prüfungsvorbereitung auch finanziell in eine mit Studierenden an Universitäten oder Fachhochschulen vergleichbare Situation gebracht werden. In der BFI-Botschaft 2017–2020 ist dies so zu regeln, dass die berufliche Grundbildung finanziell nicht geschwächt wird.
  • Mehr Berufsbildung für Erwachsene: Ein grosses Potenzial zur Deckung der Lehrlingslücke besteht in der Rekrutierung von erwachsenen Arbeitnehmenden ohne Berufsabschluss. Schätzungsweise 50 000 bis 100 000 Arbeitnehmende bringen gute Voraussetzungen mit, um einen Berufsabschluss nachzuholen. Damit dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann, muss die Berufsbildung aber neue Wege gehen. Erstens braucht es ein Commitment von Bund, Kantonen und Sozialpartnern, die Nachholbildung gezielt zu fördern. Zweitens müssen sich die Verbundpartner ein zählbares Ziel setzen und sich auch daran messen lassen. Drittens haben viele potenzielle, erwachsene Lehrlinge eine Familie und sind auf ein anständiges Einkommen angewiesen. Notwendig sind also existenzsichernde Lehrlingslöhne und/oder Stipendien für Erwachsene in der Berufsbildung.

Im Hinblick auf die Herausforderung, das inländische Arbeitskräftereservoir besser auszuschöpfen und mehr Arbeitnehmenden neue Perspektiven zu eröffnen, hat die Berufsbildung grosses Potenzial. Neue Wege machen nicht nur die Berufsbildung fit für die Zukunft. Sie tragen wesentlich zu einem hohen Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten bei und können somit die Schweiz wirtschaftlich und gesellschaftlich stärken.

Dr. phil., Leiter Politik und Public Affairs, Caritas Schweiz, Luzern

Dr. phil., Leiter Politik und Public Affairs, Caritas Schweiz, Luzern