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Erwachsene ohne Berufsabschluss – vorhandene Potenziale nutzen

Der sich rasch verändernde Arbeitsmarkt und generell steigende Qualifikationsanforderungen machen es immer wichtiger, dass Erwachsene über eine abgeschlossene berufliche Grundbildung verfügen. Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt wollen deshalb die Rahmenbedingungen für den Berufsabschluss und den Berufswechsel für Erwachsene optimieren. Ziel ist es, die Abschlussquote zu erhöhen.

Erwachsene ohne nachobligatorische Ausbildung können mit dem Erwerb eines Berufsabschlusses ihre Arbeitsmarktfähigkeit wesentlich erhöhen. (Bild: Keystone)

Im Jahr 2012 machten Erwachsene ohne nachobligatorische Ausbildung 14% der gesamten Schweizer Wohnbevölkerung im Erwerbsalter (25- bis 64-Jährige) aus. Dies sind 619 000 Personen (für eine detaillierte Übersicht siehe Tabelle 1). Knapp 18 000 Erwachsene befanden sich in einer beruflichen Grundbildung oder in der Vorbereitung auf einen Berufsabschluss. Insgesamt wurden 10% aller Berufsabschlüsse in diesem Jahr von Erwachsenen erreicht. Es ist unbestritten, dass ein ungenutztes Potenzial vorhanden ist. Wie gross dieses Potenzial genau ist, lässt sich heute aber kaum beziffern.

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Der Erwerb eines Berufsabschlusses erhöht die Arbeitsmarktfähigkeit der Betroffenen, schützt vor Arbeitslosigkeit und kann damit auch einen positiven Beitrag zur Lebenszufriedenheit, zur Gesundheit und zur sozialen Einbindung leisten. Aber auch Wirtschaft und Staat profitieren – durch qualifizierte Fachkräfte und sinkende Sozialkosten.[1] Ein Grundlagenbericht des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) zeigt das bestehende Angebot auf und gibt Empfehlungen ab.

Wege zu einem Berufsabschluss

In der Schweiz gibt es vier etablierte Wege für Erwachsene, zu einem formalen Berufsabschluss zu kommen. Der meistgewählte Weg ist die reguläre berufliche Grundbildung. Im Jahr 2012 gingen 41% der Erwachsenen, die einen Berufsabschluss nachholten, diesen eigentlich für Jugendliche konzipierten Ausbildungsweg. 34% wurden aufgrund ihrer Vorkenntnisse direkt zur Lehrabschlussprüfung zugelassen. Weitere 21% absolvierten eine verkürzte Grundbildung. Und 4% liessen ihre formalen, nichtformalen und informellen Bildungsleistungen validieren: Sie erstellten ein Dossier und wiesen darin alle erforderlichen Kompetenzen nach. Nebst diesen vier etablierten Wegen bieten wenige Berufe modulare Bildungsgänge und Teilprüfungen anstelle einer integralen Abschlussprüfung an.

Zurzeit unterscheiden sich in der Schweiz die beruflichen Grundbildungsangebote für Erwachsene je nach Kanton, Branche oder Beruf stark. So sind beispielsweise Validierungsverfahren erst in 20 Berufen möglich und werden auch nicht in allen Kantonen angeboten. Die Angebotsunterschiede gründen oft in differierenden wirtschaftlichen und regionalen Gegebenheiten sowie in zielgruppenspezifischen Bedürfnissen.

Faktoren einer erwachsenengerechten Grundausbildung

Erwachsene lernen anders als Jugendliche. Sie messen der Möglichkeit zur flexiblen Zeitgestaltung und dem selbständigen sowie eigenverantwortlichen Lernen eine zentrale Bedeutung bei. Zudem wünschen sie sich, dass ihre vorhanden Kompetenzen anerkannt werden und sie – aufgrund ihrer Lebens- und Berufserfahrung – von gewissen Ausbildungsteilen dispensiert werden können. Erfolgreiche Berufsbildungsangebote zeichnen sich zudem durch die Berücksichtigung zielgruppenspezifischer Bedürfnisse aus. Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger sind fachlich auf den neusten Stand zu bringen, wohingegen Migrantinnen und Migranten vor allem sprachliche Defizite aufarbeiten müssen. Separate Bildungsgänge in Erwachsenenklassen erleichtern den Zugang zur Bildung und den Bildungserfolg. Auch der Information, Beratung und Begleitung vor und während der Ausbildung kommt eine bedeutende Rolle zu. Erwachsene benötigen individuelle Unterstützung, nicht nur bei der Ausbildungswahl. Gerade bildungsferne Personen sind auch auf ein Lerncoaching angewiesen.

Finanzierungshilfen – wichtig für Erwachsene

Ein weiterer Aspekt ist die Finanzierung: Für Auszubildende im Erwachsenenalter ist es wichtig, dass das Einkommen die Lebenshaltungskosten decken kann. Sind die Lebenshaltungskosten während der Ausbildung nicht gedeckt, können Erwachsene finanzielle Unterstützung beantragen (Stipendien, Darlehen). Die Regelungen hinsichtlich der Anspruchsberechtigung und der Beitragshöhe divergieren dabei zwischen den Kantonen (siehe Grafik 1). Sind diese Ausbildungsbeiträge nicht existenzsichernd, kann die Sozialhilfe subsidiär Zahlungen ausrichten.

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Die Förderung der beruflichen Grundbildung gehört nicht zu den primären Aufgaben der Arbeitslosenversicherung. Sie gewährt jedoch Ausbildungszuschüsse für stellensuchende Erwachsene ab 30 Jahren ohne abgeschlossene berufliche Grundbildung, welche Recht auf Arbeitslosenentschädigung haben. Bei arbeitsmarktlich indizierten Massnahmen kann die Arbeitslosenversicherung zudem Kostenanteile einer beruflichen Grundbildung übernehmen.

Empfehlungen und Massnahmen zur Weiterentwicklung

Basierend auf der Auslegeordnung werden im Grundlagenbericht des SBFI Schlussfolgerungen gezogen und Empfehlungen für das weitere Vorgehen gegeben.[2] Die Empfehlungen gliedern sich in folgende Bereiche:

  • Nutzung bestehender Handlungsspielräume;
  • Aufbau und Weiterentwicklung von Angeboten;
  • Information, Beratung und Begleitung;
  • Finanzierung;
  • Bildungsstatistik und Berufsbildungsforschung.

Positiv hervorzuheben ist, dass die bestehenden rechtlichen Grundlagen ein breites Spektrum an Bildungsangeboten und Qualifikationsverfahren ermöglichen. Die bestehenden Handlungsspielräume werden aber ungenügend genutzt, und die Möglichkeiten sind sowohl bei potenziellen Teilnehmenden wie auch bei Arbeitgebern und ausbildenden Betrieben zu wenig bekannt.

Nationale Lösungen und eine interkantonale Koordination der Angebote sind gefragt, um die Vergleichbarkeit und Qualität der Verfahren zu gewährleisten. In diesem Sinne wird auch empfohlen, die Validierungsverfahren bedarfsorientiert aufzubauen. Zudem soll der bestehende Leitfaden für Validierungsverfahren überprüft werden mit dem Ziel, differenzierter auf verschiedene Berufe mit ihren unterschiedlichen Anforderungen einzugehen und die Erstellung der Dossiers weniger einseitig auf sprachliche Fertigkeiten auszurichten.

Gemeinsam mit den Verbundpartnern soll überdies ein neuer Leitfaden für modulare Bildungsangebote und andere Qualifikationsverfahren erarbeitet werden, um den Aufbau entsprechender Angebote zu erleichtern und die Qualität und Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu gewährleisten. Niveaubestätigungen für ausländische Bildungsabschlüsse sollen künftig auch beim Zugang zu weiterführenden Ausbildungen – namentlich in der höheren Berufsbildung (höhere Fachschulen, eidgenössische Prüfungen) – berücksichtigt werden.

Information, Beratung und Begleitung für Erwachsene und Arbeitgeber sind zu verbessern. Um Betroffene vor und während einer Ausbildung stärker zu unterstützen, wird den Kantonen empfohlen, spezialisierte Anlaufstellen zu bezeichnen. Diese Stellen sollen auch die Koordination der interinstitutionellen Zusammenarbeit (z. B. zwischen der Sozialhilfe, den Sozialversicherungen und der Berufsberatung) übernehmen.

Betreffend Finanzierung wird den Kantonen empfohlen, bestehende Altersgrenzen für Stipendien und Darlehen zu überprüfen, sodass auch Erwachsene Ausbildungsbeiträge erhalten können. Die Kosten für Information, Beratung, Schulen und Verfahren für einen ersten Berufsabschluss sollen auch bei Erwachsenen von der öffentlichen Hand getragen werden.

Zur Verbesserung der quantitativen und qualitativen Datengrundlage sind schliesslich die bildungsstatistischen Grundlagen weiterzuentwickeln. Insbesondere soll eine statistische Unterscheidung zwischen erstem Berufsabschluss und Berufswechsel ermöglicht werden. Das SBFI wird zudem Forschung und Entwicklungsprojekte zur beruflichen Grundbildung von Erwachsenen fördern, um zusätzliche Erkenntnisse über die Erfolgsfaktoren und die Erfahrungen von Teilnehmenden, Anbietern und Beratungsstellen zu gewinnen.

Wie geht es weiter?

Die Thematik wurde im Frühling 2014 von den Spitzenvertretern der Berufsbildung als Handlungsschwerpunkt verabschiedet. Das SBFI übernimmt die Federführung für die Weiterarbeit an den Empfehlungen des Berichtes. In Zusammenarbeit mit den Verbundpartnern wird ein Projekt lanciert, welches sich der verschiedenen Themen annehmen wird.

  1. Fritschi Tobias, Thomas Oesch und Ben Jann (2009): Gesellschaftliche Kosten der Ausbildungslosigkeit in der Schweiz. Bern, BASS. []
  2. Vgl. SBFI (2014): Berufsabschluss und Berufswechsel für Erwachsene. Bestehende Angebote und Empfehlungen für die Weiterentwicklung. Siehe www.sbfi.admin.ch > Dokumentation > Publikationen > Berufsbildung > Berufliche Grundbildung. []

Leiterin Abteilung Bildungsgrundlagen, Staatssekretariat für Forschung, Bildung und Innovation SBFI, Bern

Leiterin Abteilung Bildungsgrundlagen, Staatssekretariat für Forschung, Bildung und Innovation SBFI, Bern