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Der Weg in eine Wirtschaft ohne Wachstum

Wir arbeiten unter zunehmendem Leistungsdruck, produzieren und kaufen immer mehr Güter, die wir nicht brauchen, und zerstören dabei unsere natürlichen Grundlagen in rasantem Tempo. Neue globale Alternativkonzepte zum bestehenden Wirtschaftsmodell mit seinem Wachstumszwang gibt es kaum – dafür viele kleine Geschichten einer gelebten Gegenpraxis.

Energiearme, autofreie und selbstverwaltete Siedlungen wie die Kalkbreite in Zürich sind zu städtischen Trendsettern geworden. Carsharing-Unternehmen und andere Formen des geteilten Konsums florieren. Nähateliers veredeln aus der Mode gekommene Kleider zu einzigartigen Stücken. Gemüseanbau-Kollektive entwickeln sich zu Brutstätten der Selbstversorgung. Im deutschsprachigen Raum haben sich über 1500 Unternehmen dazu verpflichtet, für das Gemeinwohl anstatt für die Erhöhung ihres Gewinns zu wirtschaften . Tausende Jugendliche haben mit Greenpeace Solaranlagen auf Dächern von öffentlichen Gebäuden installiert und dabei die Vorteile einer sparsamen, erneuerbaren und dezentralen Energieversorgung kennengelernt. Immer mehr institutionelle und private Anleger entschliessen sich zudem im Rahmen der globalen «Fossil-Free-Divestment»-Kampagne dazu, in die Mineralölwirtschaft investiertes Geld abzuziehen. All diese Projekte haben eines gemeinsam: Sie verzichten darauf, aus der Zerstörung der Umwelt Profit zu schlagen.

In der Wachstumsspirale gefangen


Staaten und politischen Parteien fehlt es hingegen an einer Vision, wie eine Welt ohne diesen Zwang nach grenzenlosem Wachstum aussehen könnte. Wachstumskritische Widerstandsbewegungen wie «Occupy» konnten zwar kurzfristig viele Menschen begeistern, sind aber rasch wieder aus unserem Blickfeld verschwunden.

Der deutsche Soziologe Harald Welzer erklärt, warum das so ist: Ohne eine eigene Struktur der Produktion und des Konsums bleiben Protestbewegungen wirkungslos, da sie in der Wachstumsspirale gefangen bleiben. Demgegenüber zeichnet er den Weg in eine«reduktive Moderne»: eine Gesellschaft mit «erheblich weniger Material- und Energieverbrauch, drastisch verringertem Konsum und deutlich erhöhter persönlicher Autonomie».

In eine ähnliche Richtung weist der Schweizer Sozialethiker Hans Ruh mit seinem Konzept einer «ethischen Marktwirtschaft». Die Zeit der globalen Konzepte sei vorbei oder noch nicht da, schreibt Ruh. Was uns bleibe, sei die sinnvolle, kreative, engagierte und bescheidene Gestaltung einer Zwischenzeit, einer «Brückenzeit» mit massvollem Wachstum. Für Welzer und Ruh wird die Entwicklung einer zukunftsfähigen Gesellschaft von Menschen vorangetrieben, die es wagen, die Dinge, die wir im Alltag brauchen, radikal zu reduzieren, sie zu reparieren und zu teilen. Sie experimentieren nicht nur mit Materialien, Produktions- und Verkaufsketten, sondern probieren auch neue Formen des sozialen und politischen Lebens aus.

Bausteine einer gelebten Gegenpraxis


Paradoxerweise können solche Experimente – haben sie Erfolg – kontraproduktiv sein. Neue Formen der Tauschökonomie bergen die Gefahr eines «Reboundeffekts», wenn sie für gedankenlosen und schnelllebigen Konsum genutzt werden. Und die boomende Share-Economy wird bereits von gewinnorientierten Unternehmen vereinnahmt. «Der Wachstumskapitalismus expandiert gern auch in Bereiche, die zum Widerstand gegen ihn geschaffen wurden», schreibt Welzer. Deshalb braucht es einepolitische Bewegung, die bereit ist, Konflikte auszutragen. Und Akteure, die Verbindungen zwischen den vielen Einzelinitiativen und den gesellschaftlichen Strukturen herstellen.

Die Umweltorganisation Greenpeace versteht sich alseine solche Akteurin. Nicht, dass ihr eigenes Wirken widerspruchsfrei wäre: Die Ansprüche eines schonenden Umgangs mit Ressourcen und diejenigen einer professionellen Kommunikation rund um den Globus sind oft nicht unter einen Hut zu bringen. Doch als einflussreiche Organisation kann sie von Politikern oder Wirtschaftskonzernen die Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards einfordern. Gleichzeitig ist sie Teil einer weltweiten Bewegung: Millionen Menschen kämpfen mit Greenpeace gegen die Zerstörung der Umwelt. Zusammen mit den vielen anderen Bausteinen – seien es autofreie Siedlungen, Kleiderveredelungsläden, Gemüseanbau-Gemeinschaften oder Ansätze einer Gemeinwohlökonomie – bilden sie erste Grundrisse einer Zukunft ohne Wachstumszwang.


Bibliographie

  • Harald Welzer, Dana Giesecke, Luise Tremel (Hg.): Futurzwei. Zukunftsalmanach 2015/16. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt, Fischer tb, Frankfurt am Main, Dezember 2014
  • Christian Felber: Gemeinwohlökonomie. Deuticke, Wien 2012.
  • Hans Ruh: Ordnung von unten. Die Demokratie neu erfinden. Versus, Zürich 2011.

Zitiervorschlag: Verena Mühlberger (2015). Der Weg in eine Wirtschaft ohne Wachstum. Die Volkswirtschaft, 01. Januar.