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Wohlfahrt und Fortschritt – die Better-Life-Initiative der OECD

In einem Umfeld anhaltender Rezession geht es vor allem darum, das Wirtschaftswachstum zu steigern. Dieses Wachstum muss jedoch das Leben der Menschen verbessern sowie gerecht verteilt und nachhaltig sein. In den letzten Jahren hat sich die Diskrepanz zwischen den makroökonomischen Kennzahlen wie dem Bruttoinlandprodukt und der Wahrnehmung der Menschen ihrer eigenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage deutlich vergrössert. Diesem Umstand gilt es Rechnung zu tragen, um die Glaubwürdigkeit und das gute Funktionieren der Demokratie zu gewährleisten. Die Messung der Wohlfahrt bildet einen Schwerpunkt der OECD, entsprechend ihrem Motto: «Bessere Politik für ein besseres Leben».

Wohlfahrt und Fortschritt – die Better-Life-Initiative der OECD

Die Wohlfahrt von Personen ist ein komplexes Phänomen. Der konzeptionelle Rahmen der OECD beachtet die materiellen Lebensbedingungen ebenso wie die Lebensqualität. (Bild: Keystone)

Die Funktionsweise des Wirtschaftssystems steht im Zentrum der Forschungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Seit über zehn Jahren befasst sie sich auch mit den unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensbedingungen von Personen und Haushalten. Die Messung der Wohlfahrt und des Fortschritts von Gesellschaften bildet eine ihrer Prioritäten und ist in der Better-
Life-Initiative konkretisiert. Diese umfasst Forschungs- und Methodologiearbeiten, die Verbreitung von Datenmaterial sowie die Organisation einer Reihe von globalen Foren zum Thema «Statistik, Wissen und Politik» (das nächste Forum in dieser Reihe wird vom 13. Bis zum 15. Oktober 2015 in Mexiko stattfinden).

Besser leben – die Initiative der OECD


Die Better-Life-Initiative[1] wurde im Mai 2011 anlässlich des 50. Geburtstags der OECD lanciert. Sie hat zum Ziel, Statistiken zu entwickeln, welche die für die Menschen wichtigen Aspekte erfassen und die Lebensqualität umfassend abbilden. Zwei entscheidende Elemente der Initiative sind der Bericht How’s Life? und der Better-Life-Index.[2] Der alle zwei Jahre publizierte Bericht entwirft ein umfassendes Bild der Wohlfahrt in den OECD-Ländern und in anderen grossen Volkswirtschaften. Er untersucht die materiellen Lebensbedingungen der Individuen ebenso wie die Verteilung der Wohlfahrt innerhalb der Bevölkerung. Der Better-Life-Index ist darauf ausgerichtet, die Menschen bei der Reflexion über den Wohlfahrtsbegriff mit einzubeziehen. Es handelt sich um ein Online-Tool, mit dem die Benutzenden die mittleren Werte der einzelnen Länder vergleichen und dabei die einzelnen Dimensionen der Wohlfahrt unterschiedlich gewichten können. Ihre Auswahl können die Benutzenden in sozialen Netzwerken teilen oder der OECD zugänglich machen.

Ein Rahmen zur Messung von Wohlfahrt und Fortschritt


Die Wohlfahrt von Personen ist ein komplexes Phänomen, und viele ihrer Bestimmungsgrössen sind eng miteinander verhängt. Um sie ermitteln zu können, braucht es deshalb einen weit gesteckten Rahmen und eine Vielzahl von Komponenten. Idealerweise bestimmt man, wie die Komponenten interagieren und das Leben der Menschen beeinflussen.

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Der konzeptionelle Rahmen der OECD (siehe Grafik 1) unterscheidet zwischen aktueller und zukünftiger Wohlfahrt. Die Indikatoren zur Messung der aktuellen Wohlfahrt lassen sich in zwei Hauptbereiche aufteilen:

  • materielle Lebensbedingungen: Einkommen und Vermögen, Beschäftigung und Lohn, Wohnverhältnisse;
  • Lebensqualität: Gesundheit, Work-Life-­Balance, Bildung und Kompetenzen, Gemeinsinn, Zivilengagement und
    Gouvernanz, Umweltqualität, Sicherheit, Lebenszufriedenheit.


Die Messung der zukünftigen Wohlfahrt basiert auf den grundlegenden Ressourcen. Sie beeinflussen die Entwicklung der Wohlfahrt über die Zeit und werden systematisch vom Verhalten und der Politik in der Gegenwart beeinflusst. Die entsprechenden Indikatoren beziehen sich auf die verschiedenen Arten von Kapital.
Der Evaluationsrahmen wurde auf der Basis der Empfehlungen des Berichts Stiglitz-Sen-Fitoussi sowie der nationalen statistischen Institutionen im Rahmen des Statistic Committee der OECD erstellt. Der Rahmen zeichnet sich durch vier spezifische Eigenschaften aus:

  • Er bezieht sich auf Personen (Individuen und Haushalte) sowie deren Situation und deren Beziehungen am Wohn- und Arbeitsort.
  • Er ist auf die Wohlfahrtsresultate (Outcomes) ausgerichtet und weniger auf die In- und Outputs.
  • Er interessiert sich nicht nur für die Durchschnittsergebnisse, sondern auch für die Verteilung innerhalb der Bevölkerung.
  • Schliesslich berücksichtigt er neben den objektiven auch die subjektiven Aspekte der Wohlfahrt, also was die Personen empfinden und wie sie ihre Lebens­situation einschätzen. Die subjektiven Eindrücke ergänzen die objektiven Indikatoren mit wichtigen Zusatzinformationen.

Ein Cockpit zur Wohlfahrtserhebung


Die OECD misst die Wohlfahrt der Länder mithilfe eines «Cockpits», das aus 25 Indikatoren besteht. Damit lassen sich auch Entwicklungen über die Zeit verfolgen sowie Ländervergleiche durchführen. Zusätzlich stehen 30 sekundäre Indikatoren zur Verfügung, die Teilaspekte einer Dimension abdecken, eine engere Auswahl von Länder betreffen oder aus weniger zuverlässigen Quellen stammen.
Zur Auswahl der Indikatoren wurden OECD-Experten und die nationalen statistischen Ämter hinzugezogen. Sie basierte auf einer Reihe von Qualitätskriterien wie:

  • Relevanz für staatliches Handeln;
  • Qualität der Datenquellen;
  • Vergleichbarkeit der Konzepte und der in den Erhebungen gestellten Fragen;
  • Häufigkeit der Messung.


Das Cockpit umfasst unserer Meinung nach die besten derzeit verfügbaren Leistungsindikatoren. Die Auswahl kann aber jederzeit angepasst werden, wenn sich Fortschritte in der statistischen Erhebung ergeben.

Anwendungen der Wohlfahrtsmessung


Der konzeptionelle Rahmen sowie die von der OECD ausgewählten Indikatoren finden auf verschiedenen Ebenen Anwendung:
Auf deskriptiver Ebene ermöglichen sie, die Wohlfahrt einer Gesellschaft und deren Fortschritt festzustellen sowie mit anderen Gesellschaften zu vergleichen, so etwa im Bericht How’s Life?.
Auf politischer Ebene können sie Regierungen bei strategischen Entscheidungen unterstützen. Sie können ex ante für Studien zu den Auswirkungen einer Massnahme benutzt werden. Ex post ermöglichen sie die Evaluation der Resultate einer bereits umgesetzten Politik. Sie sind sogar instrumentell bei der Budgetfestlegung einsetzbar.[3] So haben etwa verschiedene Ministerien im Vereinigten Königreich beschlossen, die Wohlfahrtsindikatoren bei ihren Tätigkeiten einzubeziehen.[4] Die israelische Regierung hat einen nationalen Prozess zur Entwicklung von Indikatoren zu Wohlfahrt, Krisenbeständigkeit und Nachhaltigkeit lanciert. Diese sollen in Form eines jährlich aktualisierten Berichts zuhanden des Parlaments in die Prioritätensetzung des Budgets einfliessen.

Wohlfahrt mit Politik verbinden – die Inclusive-Growth-Initiative


Auf der Grundlage der Arbeiten im Bereich Wohlfahrt hat die OECD die Inclusive-Growth-Initiative lanciert. Diese umfasst eine multidimensionale, monetäre Messung des Lebensstandards, welche auch die Verteilungsaspekte unterschiedlicher gesellschaftliche Gruppen berücksichtigt. Es geht darum, Arbitrage zu bekämpfen und Synergien zwischen verschiedenen Politikbereichen zu nutzen. Mit einem solchen Instrument wird es möglich, die Wirkung von strukturellen Massnahmen in Bereichen wie Wachstumssteigerung, Einkommensverteilung, Bekämpfung von Arbeitslosigkeit oder Gesundheitsförderung zu überprüfen. Die OECD ist bestrebt, das Instrument weiter auszubauen und auf andere Dimensionen der Wohlfahrt wie die Bildung auszuweiten.

  1. Siehe www.oecd.org/statistics/better-life-initiative.htm. []
  2. Siehe www.oecdbetterlifeindex.org. []
  3. Siehe Chancel et al. (2014). []
  4. So hat zum Beispiel das Department for Communities and Local Government kürzlich Grundlagen für Wohlfahrtsindikatoren auf lokaler Ebene publiziert und die lokalen Gemeinschaften dazu aufgefordert, diese bei der Evaluation ihrer Politiken zu berücksichtigen. In ähnlicher Weise hat das Department of Health den Bericht Why Well-being Matters to Health Policy veröffentlicht. Darin ging es um die Bedeutung des subjektiven Wohlbefindens in Bereichen wie Massnahmen, Dienstleistungen oder Kosten. []

Bibliographie

  • Chancel L., Thiry G., Demailly D. (2014): Les nouveaux indicateurs de prospérité: pour quoi faire? Enseignements de six experiences nationale, Iddri, Studies, Nr. 04.
  • OECD (2011): How’s Life? Measuring Well-being, OECD Publishing.
  • OECD (2013): How’s Life? Measuring Well-being, OECD Publishing.
  • Sen Amartya (1985): Commodities and Capabilities.

Zitiervorschlag: Elena Tosetto (2015). Wohlfahrt und Fortschritt – die Better-Life-Initiative der OECD. Die Volkswirtschaft, 10. Februar.