Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Starker Franken – vorsichtiger Optimismus?»

Frankenstärke – eine Sicht der Pharmaindustrie

Der starke Franken belastet den Werkplatz Schweiz. Ein Gegenmittel ist mehr Wettbewerbsfähigkeit. Auch die Politik muss aus Sicht des Pharmakonzerns Novartis einen Beitrag leisten.

Eine auf Dauer starke Währung führt zu Produktivitätssteigerungen bei Unternehmen. Das hat sich in den letzten Jahren gezeigt. (Bild: )

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Seit die Nationalbank die Untergrenze von 1.20 Franken zum Euro aufgehoben hat, müssen exportorientierte Unternehmen wieder mit einer länger dauernden Überbewertung des Frankens rechnen. Der Kurs hat sich stark von der Kaufkraftparität entfernt. Dies betrifft insbesondere auch die Pharmaindustrie, bestreitet sie doch ein Drittel der gesamten Schweizer Exporte. Problematisch daran ist: Der Frankenkurs wird weniger durch fundamentale Werte getrieben als durch Finanzmarkttrends. Es ist daher herausfordernd, der Aufwertung nur mit Produktivitätsgewinnen zu begegnen. Zur Sicherung des Werkplatzes Schweiz können allenfalls kurzfristige Massnahmen helfen. Entscheidend aber wird sein, wie es gelingt, die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz stetig zu verbessern, insbesondere durch durchdachte Regulierung, gerade auch solche branchenspezifischer Natur.

Im Januar 2015 hat sich der Franken nach der Aufgabe des Mindestkurses zeitweise gegenüber dem Euro um bis zu 20 Prozent aufgewertet. Der Grund hierfür ist immer noch derselbe wie im Jahr 2011, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestkurs einführte: Unsicherheit dominiert weiterhin die Finanzmärkte.

Im Jahr 2011 waren die globalen Auswirkungen der Finanzkrise von zentraler Bedeutung, was sich auch in schwächeren Dollar und Pfund auswirkte. Heute ist die Krise namentlich in der Eurozone nicht ausgestanden, was sich in fehlendem Vertrauen in den Euro äussert. Leider ist weder die Griechenland-Frage geklärt, noch sind die wirtschaftlichen Probleme in weiteren EU-Peripherie-Ländern nachhaltig gelöst. Investoren reagieren auf diese Unsicherheit und fliehen heute wie 2011 in einen sicheren Hafen, wie ihn der Franken bietet. Das führt zu einer massiven Aufwertung gegenüber dem Euro.

Grosskonzerne spüren Hebeleffekt

Je höher der Anteil an Ausfuhren in den Euroraum und der Kostenanteil in der Schweiz, umso grösser ist der unmittelbare Handlungsbedarf für Exportunternehmen. Viele Unternehmen haben bereits beim letzten Aufwertungs-Schock im Jahr 2011 reagiert und ihre Lieferkette optimiert, um näher an eine „natürliche“ Währungsabsicherung zu kommen, bei welcher die Anteile von Kosten und Erträgen in allen Währungsräumen ähnlich sind. Die meisten Unternehmen sind aber noch weit davon entfernt.

Die Pharmaindustrie ist als Exportmotor der Schweizer Volkswirtschaft stark betroffen. Gegenüber dem Vorjahr nahmen die Exporte um 3,6% zu und beliefen sich auf über 66 Mrd. Franken. Damit machen sie rund ein Drittel des Exportvolumens der Schweiz aus.

Selbst für einen global aufgestellten Schweizer Grosskonzern wie Novartis sind die Effekte der Frankenstärke spürbar: Während aufgrund der geringen Grösse des Schweizer Marktes im Vergleich zum Rest der Welt nur 1 bis 2 Prozent des Umsatzes in Franken generiert werden, fallen immer noch über 10 Prozent der Kosten in dieser Währung an. Daraus ergibt sich ein deutlicher Hebeleffekt bei Wechselkursveränderungen: Eine Aufwertung des Frankens beeinträchtigt das operative Ergebnis umso stärker, je grösser die Differenz zwischen Kosten und Erträgen in Franken ausfällt.

Viele Firmen haben bereits in den ersten zwei Monaten nach dem SNB-Entscheid aufgrund der Wechselkursentwicklung einen Stellenabbau angekündigt. Schweizweit wurde über alle Branchen hinweg schon Anfang März ein Abbau von 1500 Stellen gemeldet. Da die Auftragsbücher jedoch im ersten Quartal vielfach noch voll waren, setzten viele Firmen als unmittelbare Reaktion auf Mehrarbeit oder Lohnkürzungen, anstatt zur Kurzarbeit zu greifen. Der flexible Schweizer Arbeitsmarkt macht solche Lösungen möglich.

Im Moment Theorie: Wechselkurs als Spiegel der Kaufkraft

Trotz aller Bemühungen der Unternehmen stellt sich aber die Frage, ob und allenfalls wie der Staat seine Unternehmen im Streben nach Wettbewerbsfähigkeit unterstützen kann.

Aus Sicht einer Volkswirtschaft – und erst recht ihrer Industrie – ist der richtige Wechselkurs derjenige, der die relative Produktivität des Inlands gegenüber dem Ausland widerspiegelt. In der Praxis wird hierfür oft der Kaufkraftparitäten-Wechselkurs (Purchasing Power Parity; PPP) hinzugezogen. Dieser fiktive Wechselkurs sorgt dafür, dass ein Warenkorb in verschiedenen Währungsräumen dasselbe kostet.

Es ist klar: Auch bei einem PPP-Wechselkurs werden Unternehmen in Konkurs gehen und Strukturwandel weiter stattfinden. Aber insofern die Kaufkraftparität die Produktivität widerspiegelt, ist dieser internationale Wettbewerb fair, und im Schnitt kann eine Volkswirtschaft gut damit umgehen.

„In the long run we are all dead“

Problematisch wird es, wenn wegen anderer Gründe – im vorliegenden Fall wegen der Finanzmärkte – die Differenz zum PPP-Wechselkurs so gross wird, dass Exportunternehmen gegenüber ihrer ausländischen Konkurrenz nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Im ersten Quartal 2015 war dieser Abstand massiv: Die schlagartige Aufwertung des Frankens hat wieder zu einer starken Überbewertung gemessen an der Differenz zur Kaufkraftparität geführt (siehe Abbildung). In der langen Frist ist zwar wieder eine gewisse Gegenbewegung zu erwarten, aber es besteht die Gefahr, dass industrielle Arbeitsplätze bis dahin unwiederbringlich verloren gegangen sind – obwohl sie bei einem fairen Wechselkurs durchaus wettbewerbsfähig gewesen wären. Oder wie einst der britische Ökonom John Maynard Keynes trocken bemerkte: „In the long run we are all dead.“

Wechselkurs Franken – Euro

mumenthaler
Quelle: Macrobond, Berechnungen Economiesuisse / Die Volkswirtschaft

Anmerkung: Für die Zeit vor der Einführung des Euros 2002 handelt es sich in der Abbildung um einen durchschnittlichen Wechselkurs der am europäischen Währungssystem beteiligten Währungen.

Wirtschaft und Staat müssen sich ergänzen

Bei der Suche nach Handlungsempfehlungen ist es wichtig, Wechselkursausschläge nach ihren Ursachen zu unterscheiden. Weicht ein Wechselkurs nicht gravierend von der Kaufkraftparität ab und bleiben somit Kursausschläge gering, können Unternehmen gut auf die Veränderungen reagieren. So kann die Wirtschaft eine konstante Aufwertung mit Innovations- oder Produktivitätsmassnahmen auffangen.

Wenn sich Wechselkurse jedoch stark von der Kaufkraftparität entfernen, sind kurzfristige Reaktionsmöglichkeiten beschränkt. Je nach gesamtwirtschaftlicher Lage können dies Kurzarbeit oder längere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn sein, aber auch Entlassungen oder Verlagerungen von Standorten ins Ausland. Schlagartige Aufwertungen können dadurch also deutliche Bremsspuren in der Wirtschaft hinterlassen. Das Problematische daran ist: Firmen, die aufgrund der Wechselkurssituation Standorte oder Arbeitsplätze verlagern, bauen diese kaum wieder in der Schweiz auf, wenn sich das Währungsumfeld bessert.[1]

Die Trägheit („Stickiness“) der Wettbewerbsfähigkeit führt zwar dazu, dass es einiges braucht, bis etablierte Unternehmen Arbeitsplätze oder Standorte verlagern. Aber wenn der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt – wie bei einer solch starken und kurzfristig erfolgten Überbewertung –, dann kann dies zu heftigen Reaktionen und unwiederbringlichen Verlusten führen.

Seit der Finanzkrise sind beim Franken beide Tendenzen sichtbar. Es gibt eine fundamentale Aufwertung (in der Abbildung durch den PPP-Wechselkurs dargestellt) und ein deutliches Überschiessen der nominalen Wechselkurse, die nur durch den Einsatz der Untergrenze von 1.20 Franken zum Euro während dreier Jahre kontrolliert wurde. Da der Franken vor allem wegen seiner Rolle als sicherer Anlagehafen überbewertet ist, ist eine baldige Annäherung des nominalen Kurses zum Euro an die Kaufkraftparitäten unwahrscheinlich.

Wenn die Wirtschaft ihre Hausaufgaben macht, kann sie der fundamentalen Aufwertung begegnen. Die Unternehmen haben in den letzten Jahren – und vor allem auch seit 2011 – in dieser Hinsicht bereits viel verbessert. Die Erfahrung zeigt: Eine auf Dauer starke Währung führt zu Produktivitätssteigerungen, weil man sich fit trimmen muss. Kommt es hingegen zu schlagartigen Veränderungen, kann die Politik unterstützend wirken. Nicht nur mit vorübergehenden Massnahmen wie Kurzarbeit, sondern vielmehr, indem sie die Pfeiler der Wettbewerbsfähigkeit stützt und ausbaut.

Politik muss Wettbewerbsfähigkeit stärken

Die Schweizer Wirtschaft kann in diesem schwierigen Umfeld nur mithalten, wenn die Rahmenbedingungen laufend verbessert werden. Um die Nachteile aufzuwiegen, welche durch die Wechselkursentwicklung entstehen, müssen die Vorteile des Standorts Schweiz weiter ausgebaut werden. Für die Pharmaindustrie mit ihrer bedeutenden Forschung und den langen Produktzyklen stehen die langfristige Steigerung der Innovation und der Produktivität in den Abläufen im Mittelpunkt, um sich auf dem Weltmarkt zu behaupten. Entsprechend ergeben sich bei den Rahmenbedingungen – neben der unverändert wichtigen Bedeutung der Exzellenz von Bildung und Forschung – die folgenden drei Prioritäten: Marktzugang, Steuerpolitik und Erhaltung des flexiblen Arbeitsmarkts.

Beim Marktzugang geht es sowohl um den Zutritt internationaler Talente in die Schweiz als auch um den Zugang von Schweizer Produkten in internationale Märkte. Die pharmazeutische Industrie, deren Grundlage Innovation ist, muss die qualifiziertesten Köpfe weltweit rekrutieren können, um lokal zu forschen. In diesem Punkt kann man bereits heute auf zukünftige Wettbewerbsnachteile hinweisen. Dazu gehören die vom Bund beschlossene Kürzung der Drittstaatenkontingente und die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Es ist zu hoffen, dass in beiden Fällen mit Augenmass gehandelt wird.

Die Art, wie die Initiative umgesetzt wird, wird darüber entscheiden, wie der Zugang zum bedeutenden europäischen Markt in den nächsten Jahren aussehen wird. Die bilateralen Verträge haben sich bisher bewährt und sollten nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. So erleichtert beispielsweise das Abkommen über die technischen Handelshemmnisse den Austausch mit der EU erheblich, indem nicht jede Produktionsstätte und -charge[2] doppelt oder gar mehrfach geprüft werden muss.

Handlungsfelder: Marktzugang, Steuern und Arbeitszeiten

Auch der Marktzugang zu Drittstaaten muss stetig durch multi- oder bilaterale Freihandelsabkommen ausgeweitet werden, um Diskriminierung schweizerischer Lieferungen zu verhindern. In allen Freihandelsabkommen muss jedoch sichergestellt sein, dass Innovationsleistungen durch einen starken und durchsetzbaren Schutz der Rechte am geistigen Eigentum in aller Form anerkannt werden. Das ist für die Pharmaindustrie besonders wichtig.

Zudem ist die Steuerpolitik ein Pfeiler der Wettbewerbsfähigkeit. So muss das Steuerregime im Rahmen der Unternehmenssteuerreform III an internationale Standards angepasst werden, ohne dass die Schweiz ihre steuerliche Konkurrenzfähigkeit verliert. Entsprechend sind Ersatzmassnahmen für den Wegfall der kantonalen privilegierten Steuerregimes für Holdings, im Besonderen durch die geplanten Lizenzboxen, existenziell.

Es geht dabei keineswegs um Geschenke an die Industrie, sondern schlicht um den Erhalt der steuerlichen Attraktivität und Konkurrenzfähigkeit unseres Landes. Bei den Lizenzboxen erscheinen zusätzliche Abzüge für die Bereiche Forschung und Entwicklung sinnvoll. Zusammen mit einer sogenannten Inputförderung würde dadurch ermöglicht, dass Industrieunternehmen weiterhin im grossen Stil in der Schweiz forschen können.

Eine weitere Priorität sollte schliesslich die Sicherung des flexiblen Arbeitsmarktes sein. Arbeitszeitregelungen stellen einen bisher ungelösten Konflikt dar: Die flexiblen Realitäten der heutigen Arbeitswelt haben sich von den strikteren Gesetzesvorgaben zur detaillierten Arbeitszeiterfassung entfernt. Lange konnte hier keine Einigung erzielt, im Februar 2015 jedoch ein Zwischenerfolg vermeldet werden. Unter Vermittlung von Bundesrat Johann Schneider-Ammann wurde ein Einigungsvorschlag der Sozialpartner präsentiert. Die vorgeschlagene Lösung des Problems auf Verordnungsstufe, wonach unter bestimmten Bedingungen auf die Arbeitszeiterfassung verzichtet werden kann, ist begrüssenswert und sollte alsbald in Kraft gesetzt werden.

Nicht zu vergessen: Branchenspezifische Regulierung

Bei allen Bemühungen um Verbesserungen bei den generellen Regulierungen darf nicht vergessen werden: Der Erfolg einer Branche hängt wesentlich von den spezifischen Regulierungen ab. Dies betrifft von den Banken (Stichwort „too big to fail“) über die Uhrenindustrie (Stichwort „Swissness“) bis zum Pharmasektor sämtliche Wirtschaftszweige.

In der Pharmaindustrie gibt es diesbezüglich durchaus gegensätzliche Bestrebungen zu konstatieren. Einerseits hat das Parlament mit dem Masterplan zur Förderung der biomedizinischen Forschung einen weitblickenden und ambitionierten Plan vom Bundesrat gefordert. Er trägt in der Diskussion des Heilmittelgesetzes mit zusätzlichen Anreizen zur Erforschung vernachlässigter Krankheiten und pädiatrischer Indikationen bereits erste Früchte. Andererseits hat der Bundesrat jedoch mit der Krankenversicherungsverordnung in den letzten Jahren hinsichtlich der Preisfestsetzung und insbesondere der Preisüberprüfung von Medikamenten nur auf den Auslandpreisvergleich gesetzt, obwohl das Krankenversicherungsgesetz auch den therapeutischen Quervergleich vorsieht. Das gilt es in der aktuellen Revision der Verordnung nachhaltig zu korrigieren.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) betont immer wieder,[3] dass die Schweiz keine Industriepolitik mache und richtigerweise auf die Unterstützung von einzelnen Branchen durch Subventionen verzichte. Die Regierung setzt sich vielmehr für eine Stärkung des Wettbewerbs und der allgemeinen Rahmenbedingungen ein. Genau deswegen wäre es aber auch widersinnig, wenn die eine Hand des Staates versucht, die Wettbewerbsfähigkeit mit allgemeinen Regulierungen zu fördern, während die andere Hand des Staates diesen Effekt mit branchenspezifischer Regulierung zunichtemacht.

Wird bei der Regulierung spezifischer Branchen auch die Auswirkung auf deren Wettbewerbsfähigkeit gebührend berücksichtigt, entspricht dies einer „smarten“ Industriepolitik, welche die ganze Volkswirtschaft stärkt.[4] Denn nur wenn Wirtschaft und Staat gemeinsam am selben Strick ziehen, kann die momentane Überbewertung des Frankens bewältigt und der Werkplatz Schweiz für die Zukunft gesichert werden.

  1. Siehe Mumenthaler und von Schnurbein (2015). []
  2. Unter einer Produktionscharge wird die Gesamtheit sämtlicher Einheiten von z. B. Medikamenten verstanden, die in einem sogenannten Chargenprozess (oder einer Losfertigung) produziert werden. Diese wurden unter gleichen Bedingungen erzeugt, hergestellt oder verpackt. []
  3. Vgl. WBF (2014), S. 78. []
  4. Vgl. Mumenthaler (2012). []

Dr. rer. pol., Direktor Scienceindustries – Wirtschaftsverband Chemie, Pharma und Lifesciences, Zürich

Dr. rer pol., Ökonomin, Novartis, Basel.

Literatur

  • Mumenthaler, Stephan (2012). Für eine Industriepolitik 2.0, Die Volkswirtschaft, 7/8, S. 19–20.
  • Mumenthaler, Stephan und von Schnurbein, Barbara (Sommer 2015 – geplant). The Stickiness of National Competitiveness: Implications for Switzerland and Beyond, Die Aussenwirtschaft.
  • Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF): Bericht des Bundesrats vom 16.04.2014 in Erfüllung des Postulats Bischof (11.3461), Eine Industriepolitik für die Schweiz.

 

Dr. rer. pol., Direktor Scienceindustries – Wirtschaftsverband Chemie, Pharma und Lifesciences, Zürich

Dr. rer pol., Ökonomin, Novartis, Basel.