Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Konjunkturtendenzen Sommer 2015

Wie erwartet kam es in der Schweiz nach dem Fall der Euro-Kursuntergrenze zu einer abrupten Wachstumsabschwächung. Sofern sich die Weltkonjunktur weiter erholt und die Binnenkonjunktur weiterhin als Wachstumsstütze fungiert, schätzt die Expertengruppe des Bundes die schweizerischen Konjunkturperspektiven für 2015/16 nach wie vor als verhalten aber noch positiv ein.

(Bild: Keystone)

Weltkonjunktur

Die Weltwirtschaft ist etwas schwächer in das laufende Jahr gestartet als erwartet. Die USA verzeichneten im 1. Quartal einen Rückgang des BIP, der teilweise allerdings auf temporäre Sonderfaktoren zurückgeführt wird. Das Wachstum im Euroraum hat dank tiefer Ölpreise, schwachem Euro und expansiver Geldpolitik etwas an Fahrt gewonnen. Positive Wachstumsbeiträge sind von allen vier grossen Euro-Mitgliedsländern, namentlich Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, gekommen. Die bislang ungelöste Schuldenkrise Griechenlands stellt eines der grössten Risiken dar. In den Schwellenländern hat sich die Wirtschaftsdynamik abgeschwächt. China hat zu einem etwas tieferen Wachstumspfad gefunden. Für Brasilien und Russland ist für dieses Jahr von einem BIPRückgang auszugehen. Indien meldet hingegen hohe Wachstumsraten.

Schweizer Wirtschaft

Der Wechselkursschock (Aufhebung des Euro-Mindestkurses) am Jahresanfang hat deutliche Spuren hinterlassen. Im 1. Quartal schrumpfte das reale BIP um 0,2%. Am deutlichsten haben sich die Auswirkungen bei der Exportwirtschaft gezeigt. Von der Handelsbilanz mit Waren gingen negative Wachstumsimpulse aus, dies hauptsächlich aufgrund rückgängiger Exporte. Auch die Handelsbilanz mit Dienstleistungen lieferte einen negativen Beitrag. Die aktuellen Stimmungsindikatoren weisen auf eine weiterhin gedämpfte Entwicklung hin.
Die Expertengruppe des Bundes rechnet für 2015 neu mit einem BIP-Wachstum von 0,8% (Prognose vom März 2015: 0,9%). Die Expertengruppe geht somit weiterhin davon aus, dass sich die Schweizer Volkswirtschaft ohne tiefgreifende Rezession an das neue Wechselkursumfeld anzupassen vermag. Voraussetzung hierzu bleibt jedoch eine robuste Inlandnachfrage und eine Erholung der Weltwirtschaft. Für das Jahr 2016 wird ein Wachstum des BIP zu konstanten Preisen von 1,6% erwartet (Prognose vom März 2015: 1,8%).
Auf dem Arbeitsmarkt ist die Zahl der Arbeitslosen seit Februar wieder gestiegen (saisonbereinigt jüngst um etwa 1’500 Personen pro Monat). Im Mai 2015 lag die saisonbereinigte Arbeitslosenquote bei 3,3%. Die Prognose der Arbeitslosenquote bleibt für das Jahr 2015 unverändert (jahresdurchschnittlich 3,3%), während die Prognose für 2016 leicht nach oben korrigiert wurde (Jahresdurchschnitt von 3,5% ggü. den im März 2015 veröffentlichten 3,4%).
Seit Januar hat sich die Frankenaufwertung stark auf verschiedene Preise ausgewirkt (Produzenten-, Import-, Export- und Konsumentenpreise). Der Abwärtstrend bei den
Konsumentenpreisen hat sich bis Mai fortgesetzt. Die Prognose für die Konsumentenpreisentwicklung bleibt unverändert bei -1,0% für 2015 und 0,3% für 2016.

Risiken

Die konjunkturellen Auswirkungen der Frankenstärke bleiben schwer abzuschätzen. Die Schweizer Volkswirtschaft ist zudem nach wie vor gegenüber weiteren starken Ausschlägen des Wechselkurses verwundbar. Derzeit sind etwa die Erfolgschancen für eine glimpfliche Lösung der Griechenland-Krise sehr ungewiss. Die Risiken hinsichtlich der (kurzfristigen) Entwicklung des Franken-Euro-Wechselkurses bleiben daher bestehen. Entspannt sich die Griechenland-Krise hingegen vorübergehend und die Konjunktur in der Eurozone hellt sich 2015 stärker auf als erwartet, so dürfte der Franken gegenüber dem Euro wieder an Wert verlieren.
Die Rezession in Russland, der in Brasilien für dieses Jahr prognostizierte Konjunktureinbruch sowie die Wachstumsverlangsamung in verschiedenen aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens drohen die Dynamik des Welthandels stärker zu bremsen als erwartet. Sollte sich dies bewahrheiten, müsste die Wachstumsprognose für die Schweiz erneut korrigiert werden, da diese Länder in den vergangenen Jahren eine nicht unwesentliche Rolle für den Aussenhandel der Schweiz gespielt haben.
Die Unsicherheit bezüglich der Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union lastet tendenziell auf der Investitionsdynamik und könnten diese weiter beeinträchtigen. Zudem herrschen derzeit monetäre Bedingungen (negative Leitzinsen in der Schweiz, quantitative Lockerung der EZB), deren Auswirkungen ungewiss sind.

Die vollständigen Konjunkturtendenzen als PDF herunterladen

kt_2015_06_d