Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Freihandelsabkommen Schweiz-China: Ein Jahr danach»

Alternde Bevölkerung bringt Chinas Wirtschaft ins Wanken

Chinas Arbeitsreservoir erschöpft sich: Immer mehr Rentner stehen einer sinkenden Zahl von Jüngeren gegenüber. Diese demografische Entwicklung gefährdet das zukünftige Wirtschaftswachstum. Es sind deshalb neue Ansätze gefragt.

Die Zahl der unter 40-Jährigen ist in China bereits seit fünf Jahren rückläufig. Alte Leute spielen ein Kartenspiel in Lijiang. (Bild: Keystone)

Die Beschäftigungslage in China hat sich im ersten Halbjahr 2015 stabil entwickelt. Dies zeigen die Zahlen des Statistischen Amtes in China (NBS): Die Arbeitslosenquote in 31 grossen Städten fiel im Juni auf rund 5 Prozent. In der ersten Jahreshälfte wurden bereits über 7 Millionen neue Stellen geschaffen – das Ziel von 10 Millionen neuen Arbeitsplätzen für das ganze Jahr hat die Regierung somit fast erreicht. Doch diese positiven Werte trügen, denn das Land steht vor grossen Herausforderungen.

China ist während mehr als dreier Jahrzehnte äusserst dynamisch gewachsen, und entsprechend profitierte ein Grossteil der Bevölkerung von steigenden Einkommen und besseren Lebensbedingungen. Jüngst hat sich das Wirtschaftswachstum jedoch verlangsamt. Gleichzeitig schrumpft Chinas Arbeitskräftereservoir. Dies erfordert politische Massnahmen, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber und somit die Wirtschaft Chinas auf einen neuen Wachstumspfad bringen.

Eine besondere Herausforderung ist die rasch alternde Bevölkerung. Während heute rund 780 Millionen Chinesen im Erwerbsalter sind, dürfte diese Zahl bereits in wenigen Jahren sinken. In der Alterskategorie der 20- bis 39-Jährigen ist bereits seit 2010 ein Rückgang zu verzeichnen. Zwischen 2030 und 2050 dürfte die Erwerbsbevölkerung dann massiv abnehmen, nämlich um 200 Millionen Menschen oder rund ein Fünftel (siehe Abbildung).

Personen im Erwerbsalter in China (1950–2050)

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Quelle: UNO / Die Volkswirtschaft

Verschwinden werden mit dem demografischen Wandel schrittweise auch die auf einem unbeschränkten Arbeitskräfteangebot beruhenden stabilen Kapitalrenditen. Vor diesem Hintergrund muss Chinas Wirtschaft auf eine Modernisierung der Industrie und eine Steigerung der Arbeitsproduktivität setzen. Dies bedingt jedoch andere – an die wechselnden Erfordernisse des Arbeitsmarkts angepasste – Qualifikationen der Arbeitnehmenden.

Eine höhere schulische Bildung ist heute in China aber nicht mehr Garant für eine Stelle. Die Arbeitslosenquote bei den Hochschulabsolventinnen und -absolventen zwischen 21 und 25 Jahren beträgt über 16 Prozent und ist damit viermal höher als in der Bevölkerungsgruppe mit obligatorischer Schulbildung. Diese fehlende qualitative Übereinstimmung zwischen Arbeitskräfteangebot und -nachfrage kann das künftige Wirtschaftswachstum beeinträchtigen oder zur Folge haben, dass das Wachstum noch kapitalintensiver und sozial weniger inklusiv wird.

Wohlstandsgefälle nimmt zu

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, die Einkommenskluft zwischen verschiedenen Bevölkerungsschichten zu überbrücken, da dies sowohl für die kurzfristige gesellschaftliche Stabilität als auch für das langfristige Wirtschaftswachstum massgeblich ist. Der Gini-Koeffizient, ein Index für das Wohlstandsgefälle in einem Land, liegt in China seit der Jahrtausendwende über der UNO-Warnstufe von 0,4.[1]

Insbesondere die Lohnkluft zwischen Stadt und Land, zwischen Wanderarbeitern und ansässiger Stadtbevölkerung sowie zwischen Frauen und Männern ist nach wie vor substanziell oder nimmt sogar noch zu. So betrug das Einkommen der Landbevölkerung im Jahr 2013 lediglich ein Drittel des Einkommens der Stadtbevölkerung.[2]

Hohe Einkommensunterschiede verstärken sich in der Tendenz – insbesondere, wenn diese auf fehlende wirtschaftliche Chancen zurückzuführen sind. Das Haushaltregistrierungssystem «Hukou» untergräbt das langfristige Wachstumspotenzial, indem es die soziale und die berufliche Mobilität behindert. So erschwert es für die Landbevölkerung den Zugang zur formellen Wirtschaft in den Städten sowie für Kinder den Zugang zu Sozialleistungen und zur Schulbildung. Die OECD schätzt, dass eine Zunahme der Einkommensunterschiede um einen Gini-Punkt das jährliche BIP-Wachstum pro Kopf um rund 0,2 Prozentpunkte schmälert.

Voraussetzung für den Abbau der Ungleichheiten sind eine gleichmässigere Einkommensverteilung und die Schaffung zusätzlicher, besserer Arbeitsplätze. Für einen höheren Lebensstandard sind Produktivitätssteigerungen durch neue Technologien, eine bessere Arbeitsorganisation, eine Kapitalintensivierung und höhere Qualifikationen anzustreben. Zudem sollten die Produktivitätsgewinne breiter auf die gesamte Bevölkerung verteilt werden.

Löhne müssen steigen

Überstürzte Lösungen sind für die zweitgrösste Volkswirtschaft mit ihren 1,3 Milliarden Einwohnern keine Option. Genauso fatal wäre es aber, die Hände in den Schoss zu legen. Denn der aktiven Bevölkerung in China bleibt nicht mehr viel Zeit, reich zu werden, bevor sie in den Ruhestand treten wird.

Klar ist: Die Löhne müssen steigen, damit genügend Mittel zur Unterstützung der wachsenden nicht erwerbstätigen Bevölkerung zur Verfügung stehen. Arbeitgeber müssen Wege finden, um die Produktivität entsprechend zu erhöhen.

Und ein solides Sozialversicherungssystem muss den Bedürftigen stärker unter die Arme greifen. Parallel dazu sollten Arbeitsvermittlungen, Ausbildungen und eine Arbeitslosenversicherung koordiniert dafür sorgen, dass die Menschen für den Arbeitsmarkt der Zukunft gewappnet sind. Dieser wird längerfristig seinen Schwerpunkt von traditionellen zu zukunftsträchtigen Branchen und zum Dienstleistungssektor verlagern.

  1. National Bureau of Statistics (NBS). []
  2. Daten NBS und Blue Book of Human Resources, 2013. []

Direktor des Büros für China und Mongolei, Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Peking

Direktor des Büros für China und Mongolei, Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Peking