Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Digitalisierung der Wirtschaft - Rolle des Staates»

Wirtschaft wächst dank Digitalisierung

Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre geht in erheblichem Mass auf die Digitalisierung zurück. Dies zeigen Studien zur EU und den USA. Die Schweiz ist gut aufgestellt.

Der ICT-Sektor hat in der Schweiz in den letzten Jahren massgeblich zum Wirtschaftswachstum beigetragen. (Bild: Keystone)

Wie soll sich der Staat gegenüber neuen Geschäftsmodellen verhalten? Pilotversuch der Post mit einer Paketdrohne. (Bild: Keystone)

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Die Digitalisierung führt zu einer tiefgreifenden Veränderung vieler Industrie- und Dienstleistungsbranchen. Was bedeuten diese Umwälzungen für die Wirtschaftspolitik der Schweiz? Studien und statistische Erhebungen legen nahe, dass der digitale Wandel in erheblichem Masse zum BIP-Wachstum beiträgt. Gerade für ein ressourcenarmes Land wie die Schweiz ist die Nutzung dieses Wachstumspotenzials von grosser Bedeutung. Erfreulicherweise scheint die Schweiz dafür gut aufgestellt zu sein. Um das Potenzial der Digitalisierung auch in Zukunft optimal ausschöpfen zu können, kommt der Ausgestaltung von günstigen, allgemeinen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft eine grosse Bedeutung zu. Dies gilt im Besonderen für Bildung und Weiterbildung, das Forschungsumfeld, den Datenschutz sowie leistungsfähige und sichere ICT-Infrastrukturen. Zudem sollte darauf geachtet werden, dass Innovationen nicht durch vorschnelle Regulierung behindert werden.

Durch den Prozess der Digitalisierung werden Informationen zunehmend digital gespeichert und verbreitet: Das Buch wird zum E-Book, die Zeitung lesen wir auf dem Smartphone, und viele Markttransaktionen finden heute im Internet statt. Die der Digitalisierung zugrunde liegende Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) ist als sogenannte Basisinnovation einzustufen. Solche grundlegende Neuerungen – wie etwa die Dampfkraft oder die Elektrizität – gestalten Gesellschaft und Wirtschaft tiefgreifend um.

Im Zuge der Digitalisierung kam es vor diesem Hintergrund zu erheblichen Veränderungen in der Musik- und der Fotoindustrie, dem Handel, der Kommunikationsbranche oder jüngst auch im Taxigewerbe. Derartige Umwälzungen lösen häufig Unbehagen und Abwehrreaktionen aus, wie etwa die Protestaktionen von Taxifahrern in verschiedenen Städten der Welt gegen den Fahrdienstvermittler Uber illustrieren. Wie bei jedem strukturellen Wandel ist es gerade im Hinblick auf den Arbeitsmarkt zentral, wie viel Zeit für die Anpassungen zur Verfügung steht.[1]

Was bedeutet der durch die Digitalisierung ausgelöste Veränderungsprozess nun für die Wirtschaftspolitik der Schweiz?

Investitionen und Produktivitätssteigerung

Zunächst beeinflussen die tiefgreifenden Umwälzungen der Digitalisierung das Wirtschaftswachstum. Vereinfacht gesagt kann eine Volkswirtschaft auf zwei Arten wachsen: Entweder wird der Einsatz von Arbeit und Sachkapital erhöht, oder die vorhandenen Ressourcen werden effizienter genutzt, wodurch die Produktivität ansteigt. So können Innovationen, der technische Fortschritt oder eine bessere Ausbildung der Arbeitskräfte zu einer effizienteren Verwendung der vorhandenen Ressourcen führen.

Die Digitalisierung kann das Wirtschaftswachstum demnach über zunehmende Investitionen in Sachkapital wie Software, Server und Netzwerke, einen Produktivitätsanstieg in der ICT-Produktion aufgrund des raschen technischen Fortschritts sowie über eine Produktivitätszunahme durch die Nutzung von ICT in den verschiedensten Industrie- und Dienstleistungszweigen beeinflussen.

Eine Studie für Deutschland zeigt: Die zunehmende Nutzung von ICT zwischen 1998 und 2012 hat gut ein Drittel zum Wertschöpfungswachstum im Nachbarland der Schweiz beigetragen.[2] Auch eine Untersuchung für die EU und die USA für die Jahre 1995 bis 2007 ­kommt zu ähnlichen Schlüssen. In der EU stand in diesem Zeitraum ungefähr ein Drittel des Wachstums des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Zusammenhang mit der Digitalisierung; in den USA waren es sogar rund 40 Prozent.[3] Dabei waren Investitionen in ICT sowie die Erhöhung der Produktivität in der ICT-Produktion hauptverantwortlich für den Anstieg. Produktivitätsgewinne durch den Einsatz digitaler Technologien spielten hingegen eine etwas weniger wichtige Rolle.[4]

Eine Zunahme der Produktivität durch die Nutzung von ICT kann etwa dank der Automatisierung von Produktionsprozessen sowie dank der Reorganisation ganzer Wertschöpfungsketten entstehen. Auch neuartige Geschäftsmodelle (insbesondere Internetplattformen), ein relativ schnelles Wachstum (dank der Nutzung des Internets als Absatzkanal) oder neue Erkenntnisse aus der Datenanalyse tragen dazu bei. Solche Effekte sind allerdings schwierig zu quantifizieren, und ihre Bedeutung ist in der ökonomischen Literatur bis heute umstritten.[5]

Digitalisierung als Wachstumstreiber in der Schweiz

Für die Schweiz liegt bisher keine umfassende Studie zu den gesamtwirtschaftlichen Effekten der Digitalisierung vor. Allerdings ergeben Berechnungen der OECD für die Jahre 1995 bis 2013: Alleine die Investitionen in ICT-Sachkapital haben dem BIP der Schweiz im Mittel zu einem Wachstum von jährlich 0,4 Prozentpunkten verholfen.[6]

Das Bundesamt für Statistik rechnet für die Jahre 1998 bis 2012 mit einem Wachstumsbeitrag des ICT-Sektors zum BIP von durchschnittlich 0,3 Prozentpunkten.[7] Auch diese Herangehensweise erfasst jedoch nur einen Teil der Wachstumseffekte der Digitalisierung, da die Auswirkungen in denjenigen Branchen, die nicht dem ICT-Sektor zugeordnet sind, ausgeblendet werden.

Es kann folglich davon ausgegangen werden, dass die Wachstumseffekte des digitalen Wandels auch in der Schweiz substanziell sind. In diesem Zusammenhang ist es erfreulich, dass die Schweiz in verschiedenen Rankings, welche die Voraussetzungen von Wirtschaftsstandorten im Hinblick auf die Digitalisierung vergleichen, einen der vordersten Plätze einnimmt.[8]

Staat muss günstige Rahmenbedingungen schaffen

Aufgrund der zentralen Bedeutung der Digitalisierung für das Wirtschaftswachstum stellt sich die Frage, welche Rolle dem Staat in diesem Umwandlungsprozess zukommt. Verschiedene europäische Länder haben in den letzten Jahren teilweise gross angelegte Programme zur digitalen Transformation vorgestellt. Und im Mai dieses Jahres hat die EU-Kommission ihren Bericht zum Aufbau eines digitalen Binnenmarkts publiziert.[9]

Auch in der Schweiz fördert der Bundesrat die Informationsgesellschaft. Bezüglich der Wirtschaft schreibt er: «Der Bund schafft günstige Rahmenbedingungen für die Nutzung von ICT in allen geografischen Regionen sowie in allen Wirtschaftsbereichen […].»[10] Dieser Fokus auf die allgemeinen Rahmenbedingungen basiert auf der Überzeugung, dass der Staat nicht direkt ins Wirtschaftsleben eingreifen, sondern möglichst optimale Spielregeln für die privaten Akteure setzen soll. Gerade vor dem Hintergrund der grundlegenden Bedeutung der ICT sowie eines sich schnell verändernden Umfelds ist eine gezielte Förderung einzelner Branchen, Unternehmen oder Technologien nicht ratsam.

Zu den wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz zählen eine grosse unternehmerische Freiheit, Rechtssicherheit, gut qualifizierte Arbeitskräfte, ein flexibler Arbeitsmarkt, hochwertige Infrastrukturen, eine nachhaltige Fiskalpolitik, eine relativ moderate Steuerbelastung sowie eine hohe Lebensqualität. Der Erhalt (beziehungsweise die Verbesserung) dieser Rahmenbedingungen für die unternehmerische Tätigkeit ist ein zentrales Anliegen der Wirtschaftspolitik.[11] Daran dürfte sich durch die Digitalisierung kaum etwas ändern.

Damit die Schweiz das wirtschaftliche Potenzial des digitalen Wandels optimal ausschöpfen kann, sind folgende Teilbereiche von besonderer Bedeutung:

  • Bildung und Weiterbildung. Die Qualifikationen der Arbeitnehmer müssen möglichst mit den Anforderungen einer zunehmend digitalen Welt übereinstimmen.
  • Forschungsumfeld. Die Schweiz kann einen Spitzenplatz bei der Erforschung der technologischen Möglichkeiten der Digitalisierung und darauf aufbauender Anwendungen einnehmen (etwa beim 3-D-Druck).
  • Datenschutz. In Bezug auf die neuen technologischen Möglichkeiten und den damit verbundenen Anstieg an gespeicherten Personendaten muss Rechtssicherheit bestehen.
  • Leistungsfähige und sichere ICT-Infrastrukturen. Diese sind gewissermassen das Rückgrat der digitalen Welt. Der Betrieb und der Ausbau solcher Infrastrukturen erfolgen in der Schweiz primär marktgetrieben. Dennoch kommt der staatlichen Regulierung im Bereich dieser Netzwerkinfrastrukturen aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für den digitalen Wandel ein hoher Stellenwert zu. Dabei sollten eine möglichst flächendeckende Versorgung und ein möglichst offener Zugang zu den Infrastrukturen angestrebt werden.

Schliesslich sollten der digitale Wandel und die sich daraus ergebenden Chancen nicht durch vorschnelle Regulierung beeinträchtigt werden. Staatliche Regulierung sollte insbesondere nicht dazu führen, dass herkömmliche Technologien oder traditionelle Geschäftsmodelle bevorzugt werden und diese dadurch mögliche Innovationen behindern (siehe Kasten 1 und 2).

Spezifische Handlungsfelder für Bund, Kantone und Gemeinden im Zusammenhang mit der Digitalisierung sind in erster Linie bei den elektronischen Behördendiensten auszumachen. Der Bundesrat hat hierfür eine E-Government-Strategie verfasst. Sie hat zum Ziel, dass sowohl die Wirtschaft wie auch die Bevölkerung Geschäfte mit den Behörden – von Adressänderungen bei den Einwohnerdiensten bis zur Abwicklung von Zollformalitäten – elektronisch abwickeln können.[12]

  1. Vgl. Artikel von Ursina Jud Huwiler (Seco) in dieser Ausgabe. []
  2. Bitkom/Prognos (2013). []
  3. Bart van Ark et. al. (2013). Die ausgewiesenen Resultate beziehen sich auf die EU-15-Staaten. []
  4. Bei einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von 2,2 Prozent (1995–2007) betrug der Wachstumsbeitrag der Investitionen 0,4 Prozentpunkte, die Erhöhung der Produktivität in der ICT-Produktion 0,3 Punkte sowie die Erhöhung der Produktivität durch die Nutzung von ICT 0,1 Prozentpunkte. []
  5. Vgl. Daron Acemoglu et al. (2014). []
  6. Durchschnittliches BIP-Wachstum in der Schweiz 1995–2013: 2,0 Prozent. Die Werte aller OECD-Länder liegen zwischen 0,2 und 0,6 Prozentpunkten. Vgl. OECD Productivity Database. []
  7. Wertschöpfungsbasierter Ansatz. Der ICT-Sektor wird relativ breit definiert, sein Anteil am BIP betrug 2012 4,3 Prozent. Gemäss der Definition von BFS/OECD umfasst der Sektor Tätigkeiten, die Waren und Dienstleistungen produzieren, welche die Digitalisierung der Wirtschaft, d.h. die Umwandlung der verwendeten Informationen in Digitalinformationen erlauben. Vgl. www.infosociety-stat.admin.ch[]
  8. Network Readiness Index des World Economic Forum (Platz 6); E-Friction Index der Boston Consulting Group (4); National Absorptive Capacity Index von Accenture/Frontier Economics (2). Vgl. auch Seco/IWSB, E-Economy in der Schweiz: Monitoring und Report, 2014. []
  9. Vgl. Artikel von Barbara Montereale (Mission der Schweiz bei der EU) in dieser Ausgabe. []
  10. Strategie des Bundesrates für eine Informationsgesellschaft in der Schweiz (2012), S. 10. Vgl. www.infosociety.admin.ch[]
  11. Vgl. Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), Grundlagen für die neue Wachstumspolitik (2015). []
  12. Vgl. Artikel von Christian Weber (Seco) sowie Alessia C. Neuroni und Andreas Spichiger (beide Berner Fachhochschule) in dieser Ausgabe. []

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Kasten 1: Regulierung in der Sharing Economy

Die Verbreitung digitaler Technologien und damit verbundener Geschäftsmodelle stellt die Wettbewerbspolitik vor Herausforderungen. Dienstleistungen der Sharing Economy – etwa der Fahrdienst Uber oder das Übernachtungsportal Airbnb – haben den Wettbewerb belebt. Nachfrager haben ein breiteres Angebot zur Auswahl und können die gewünschten Dienstleistungen zu tieferen Preisen beziehen. Gleichzeitig beklagen sich traditionelle Anbieter über ungleich lange Spiesse und unzulässigen Preisdruck seitens der neuen Anbieter. Die eingesessenen Anbieter machen dabei geltend, dass ihre digitalen Konkurrenten über einen Wettbewerbsvorteil verfügen, weil sie im Gegensatz zu den traditionellen Anbietern keiner Regulierung unterworfen sind.

Wettbewerbsbehörden können diese Diskussion im Rahmen ihrer Rolle als «Anwälte für den Wettbewerb» (sogenannte Advocacy) zum Anlass nehmen, um bestehende Regulierungen kritisch zu hinterfragen. Aus wettbewerbspolitischer Sicht problematisch sind Vorschriften, welche nicht mehr zeitgemäss sind und den Eintritt neuer Anbieter auf den Markt erschweren.

Marc Blatter Leiter Kompetenzzentrum Ökonomie des Sekretariats der Wettbewerbskommission (Weko)

Kasten 2: Monopolistische Plattformen

Bei der Digitalisierung der Wirtschaft spielen internetbasierte Plattformen wie Suchdienste oder Vermittlungsplattformen eine entscheidende Rolle. Plattformen bringen als Vermittler verschiedene Nutzergruppen zusammen und sind durch indirekte Netzwerkeffekte gekennzeichnet: Eine Plattform ist für Verkäufer umso attraktiver, je mehr potenzielle Käufer die Plattform nutzen. Umgekehrt ist eine Plattform für potenzielle Käufer umso attraktiver, je mehr Verkäufer darauf aktiv sind.

Indirekte Netzwerkeffekte führen dazu, dass Plattformmärkte zu hoher Konzentration neigen. So verfügt zum Beispiel Google bei den Suchdiensten und Booking bei den Hotelbuchungen über eine sehr starke Stellung. Stellt diese Konzentration aus wettbewerbspolitischer Sicht ein Problem dar?

Aus ökonomischer Sicht ist eine monopolistische Plattform effizient, da dabei die Netzwerkeffekte maximiert werden. Aus wettbewerbspolitischer Sicht kann es aber problematisch sein, wenn ein marktbeherrschendes Unternehmen etwa durch eine Bündelung von Angeboten seine Marktmacht von einem Markt auf andere Märkte überträgt oder wenn Nutzer an ein bestimmtes System gebunden sind und dem entsprechenden Anbieter nicht ausweichen können.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die herausragende Marktstellung den Markterfolg der jeweiligen Plattform abbildet. Unternehmen hätten keinen Anreiz mehr, in neue Technologien und Geschäftsmodelle zu investieren, wenn sie nicht die Früchte ihrer Investitionen ernten könnten. Zudem sind digitale Märkte durch eine sehr hohe Dynamik gekennzeichnet und heute dominante Anbieter können ihre Stellung rasch zu Gunsten von neuen, innovativen Anbietern einbüssen. Für Wettbewerbsbehörden gilt es vor diesem Hintergrund, die richtige Balance zu finden zwischen dem Schutz des Wettbewerbs in der kurzen Frist und der Gewährleistung von Innovationsanreizen in der langen Frist.

Marc Blatter (Weko)

Literatur

  • Daron Acemoglu, David Autor, David Dorn, Gordon H. Hanson, Brendan Price (2014). Return of the Solow Paradox? IT, Productivity, and Employment in US Manufacturing, in: American Economic Review: Papers & Proceedings, 104(5), S. 394–399.
  • Bart van Ark, Willem Overmeer, Desirée van Welsum (2013). Unlocking the ICT Growth Potential in Europe: Enabling People and Businesses.
  • Bitkom/Prognos (2013). Digitale Arbeitswelt: Gesamtwirtschaftliche Effekte.
  • Monopolkommission (2015). Wettbewerbspolitik: Herausforderung digitale Märkte, Sondergutachten 68.
  • OECD (2015). Hearing on Disruptive Innovation. Issues Paper by the Secretariat.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern