Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Digitalisierung der Wirtschaft - Rolle des Staates»

Smartphones und Big Data verändern Bankgeschäft

Die Digitalisierung wirbelt die Finanzwelt auf: Sie führt zu strukturellen Veränderungen im Bankenbereich und belebt den internationalen Standortwettbewerb.

Paypal-Chef Dan Schuman macht ein Selfie beim Börsengang in New York. Der Online-Bezahldienst besitzt eine Banklizenz. (Bild: Keystone)

Grosse US-Technologieunternehmen fordern die Banken heraus. Facebook-Campus in Kalifornien. (Bild: Keystone)

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Bezahlen mit dem Mobiltelefon, Handel mit virtuellen Währungen, Crowdfunding: Die technologischen Entwicklungen verändern die Finanzdienstleistungen und stellen eine grosse Herausforderung für die traditionellen Geschäftsmodelle der Finanzinstitute dar. Internetkonzerne wie Google und Facebook, aber auch Start-ups drängen dabei zusehends in diesen Markt. Der Umgang mit solchen Trends ist zwar grundsätzlich Sache der privaten Akteure, eine enge Abstimmung mit dem öffentlichen Sektor aber gerade mit Blick auf möglichst ideale Rahmenbedingungen und die Positionierung des Finanzplatzes wichtig. Diese Berührungspunkte mit staatlichen Aufgaben müssen genauer betrachtet werden.

Das Wort «Digitalisierung» ist in aller Munde und wirbelt seit einigen Jahren auch die Finanzwelt auf. Beispiele digitaler Finanztechnologie (Fintech) sind etwa mobile Zahlungssysteme, virtuelle Währungen oder die Online-Kreditvergabe zwischen Privatpersonen («peer-to-peer lending»). Diese Entwicklungen haben allesamt das Potenzial, bestehende Geschäftsmodelle im Finanzbereich herauszufordern und den Strukturwandel zumindest längerfristig zu beschleunigen.

Traditionelle Finanzinstitute werden dabei von branchenfremden Wettbewerbern herausgefordert, insbesondere von technologiegetriebenen Unternehmen wie Google, Apple, Facebook, aber auch von Start-ups. Der Fintech-Markt wächst stark: Gemäss dem britischen Magazin «The Economist» wurden 2014 weltweit zwölf Milliarden Dollar in diesem Sektor investiert, verglichen mit vier Milliarden im Jahr zuvor (siehe Abbildung 1).

Die Digitalisierung beeinflusst aber nicht nur den Wettbewerb zwischen den Unternehmen, sondern belebt auch den Standortwettbewerb. Während das Silicon Valley unbestrittener Vorreiter bei der digitalen Finanztechnologie ist, positioniert sich London erfolgreich als Fintech-Hub in Europa, und Singapur strebt eine führende Rolle in Asien an. Auch die Schweiz verfügt bekanntlich über ausgezeichnete Standortfaktoren (politische Rahmenbedingungen, Know-how im Banken-, Versicherungsbereich, führende Universitäten usw.), hat aber ihr Potenzial als internationaler Standort für digitale Finanzinnovation noch nicht ausgeschöpft.

Abb. 1: Globale Fintech-Investitionen (in Mrd. Dollar)

Quelle: The Economist (2015) / Die Volkswirtschaft

Smartphones und Big Data

Die Digitalisierung verschiedener Bereiche des Bankengeschäfts[1] wird durch neue Technologien erst ermöglicht. Dazu gehören insbesondere immer umfassendere Anwendungen auf mobilen Endgeräten sowie die wachsende Verfügbarkeit und Auswertbarkeit grosser Datenmengen (Big Data).

Die Art und Weise, wie wir das Internet nutzen, hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Heute erfolgen in der Schweiz fast zwei Drittel der Internetzugriffe von mobilen Endgeräten, verglichen mit weit unter der Hälfte im Jahr 2010 (siehe Abbildung 2). Bezüglich Smartphones liegt die Schweiz damit über dem europäischen Durchschnitt (Abbildung 3). Der Siegeszug der mobilen Endgeräte – dazu zählen neben Smartphones und Tablets neuerdings auch Uhren – hat auch den Bankensektor erfasst. Bezahlen, Portfolio umschichten und Kredite beantragen ist heute per Mobiltelefon möglich und wird von immer mehr Bankkunden erwartet.

Bei Big Data im Bankenbereich geht es vorwiegend darum, personenbezogene Daten der Kunden zu analysieren und in personalisierte Kundenangebote zu transformieren. Das Geheimnis liegt darin, gesammelte Kundenbewegungen auszuwerten und neu zu verknüpfen, um dadurch Kundenwünsche mittels moderner Algorithmen vorherzusagen und den Kunden einen höheren Nutzen zu bieten.

Abb. 2: Internetzugriff von unterwegs in der Schweiz (2010 und 2014)

Quelle: BFS / Die Volkswirtschaft

Abb. 3: Internetzugriff mit Smartphones, Tablets und Laptops in Europa (2014)

Anmerkung: Die Abbildung zeigt, wer (ausserhalb des privaten Heims und des Arbeitsplatzes) ein mobiles Gerät für die Internetnutzung besitzt; in Prozent aller Internetbenutzer zwischen 16 und 74 Jahren.

Quelle: BFS / Die Volkswirtschaft

Google, Facebook und Fintech-Start-ups

Ein Blick auf den Finanzmarkt zeigt, dass sich hier neben den traditionellen Finanzinstituten eine Vielzahl von neuen Akteuren tummelt. Internetriesen wie Google und Facebook besitzen E-Banking-Lizenzen, Paypal eine Banklizenz, und eine Vielzahl von Fintech-Start-ups bietet Bankdienstleistungen an.

Die grossen Internetunternehmen zielen darauf ab, mit einer Fülle an personenbezogenen Daten über spezifische Zielgruppen in den branchenübergreifenden Wettbewerb einzusteigen. Es gibt bereits viele Wettbewerber im Markt, die über potenzielle Bankkunden mehr Informationen besitzen als traditionelle Banken.

Während früher der Informationsvorsprung der Banken gegenüber ihren Kunden – etwa bezüglich Anlagemöglichkeiten – entscheidend war, wird heute die Information über bestehende und potenzielle Kunden ein immer wichtigerer Geschäftsvorteil eines Finanzdienstleisters.[2] Ausserdem haben viele Kunden ein hohes Vertrauen in die etablierten Internetunternehmen und assoziieren diese mit nutzerfreundlichem, bequemem und zuverlässigem Service.

Neben den Internetriesen bietet eine rasant wachsende Anzahl von Fintech-Start-ups Finanzdienstleistungen an. Die Schweiz zählt mittlerweile ungefähr 100 solcher Start-ups, wovon einige direkt und gezielt Geschäftsbereiche der Banken konkurrenzieren. Betroffen sind etwa die Vermögensverwaltung, die Kreditvergabe und der Zahlungsverkehr. Andere Fintech-Start-ups spezialisieren sich auf Verschlüsselungssoftware oder Beratungs- und Vergleichsdienste.

Die neuen Technologien verändern die Denk- und Arbeitsweisen und verlangen neue Fähigkeiten, sowohl von Mitarbeitern auf technischem Level wie auch vom Management. Obwohl traditionelle Banken zunehmend Leute mit den entsprechenden Fähigkeiten rekrutieren, haben branchenfremde Unternehmen nach wie vor einen Vorteil im Umgang mit diesen Technologien. Die Innovation wird demzufolge vor allem durch branchenfremde Technologieunternehmen vorangetrieben. Die Banken versuchen aber zunehmend durch Zukäufe, Inkubatorenprogramme[3] oder eigene Entwicklungen den Innovationsprozess mitzubestimmen.

Kunden wollen massgeschneiderte Angebote

Während frühere technologische Fortschritte im Bankenbereich hauptsächlich von den Banken getrieben wurden, ist der Schritt zur digitalen Bank massgeblich von der Kundennachfrage bestimmt.[4] Heute können Kunden dank den neuen Technologien eine grosse Anzahl von Dienstleistern und Produkten parallel nutzen und vergleichen. Dies stärkt die Transparenz und erhöht die Anforderungen der Kunden an die Interaktion mit ihrer Bank.

Die Personalisierung gewinnt dabei an Gewicht. Hierzu zählen massgeschneiderte Dienste auf Basis analysierter Verhaltensdaten genauso wie der Einbezug der Kunden in die Produktgestaltung. Weitere Erwartungen der Kunden sind etwa voll integrierte Dienstleistungen, Rund-um-die-Uhr-Betreuung und mobile Anwendungen.

So erhält die Kundenschnittstelle im digitalen Zeitalter einen hohen Stellenwert und wird den traditionellen Banken von neuen Anbietern streitig gemacht. Unternehmen, die sich an dieser Schnittstelle positionieren, könnten aber den traditionellen Finanzinstituten schon bald weitere Stufen in der Wertschöpfungskette abnehmen.

Berührungspunkte mit der Finanzmarktpolitik

Die Digitalisierung im Bankenbereich befindet sich in einem frühen Entwicklungsstadium, und es ist unklar, welche Technologien sich durchsetzen und welche entsprechenden Geschäftsmodelle sich nachhaltig etablieren werden. Trotzdem ist es wichtig, sich frühzeitig Gedanken über Berührungspunkte mit staatlichen Aufgaben zu machen, insbesondere in Bezug auf die regulatorischen Rahmenbedingungen des Finanzsystems.

Der ordnungspolitische Rahmen in der Schweiz weist dem Staat die Aufgabe zu, die gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen festzulegen, nicht aber in die Strategien einzelner Unternehmen hineinzuwirken. Die Verantwortung für strategische Weichenstellungen der Unternehmen muss letztlich durch deren Eigentümer wahrgenommen werden, die im Misserfolgsfall auch für die Verluste haften. Diese Verantwortung soll und kann ihnen nicht vom Staat abgenommen werden.[5]

Die Finanzmarktpolitik des Bundes beinhaltet insbesondere die Finanzmarktregulierung, steuerliche Grundlagen und die internationale Einbindung der Schweiz.[6] Zu den Rahmenbedingungen des Finanzmarktes gehören daneben die Geldpolitik, ein offener und flexibler Arbeitsmarkt, ein hohes Bildungsniveau, eine funktionstüchtige Infrastruktur sowie die Wahrung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Finanzsektors.

Die Finanzmarktregulierung soll in der Schweiz die Kunden und Investoren am Finanzmarkt schützen. Zudem will sie die Sicherheit und die Stabilität des Finanzsystems erhalten sowie dessen Funktionsfähigkeit gewährleisten. Dadurch sollen der gute Ruf und das Vertrauen des Schweizer Finanzplatzes geschützt werden.

Die Digitalisierung im Bankenbereich weist verschiedene mögliche Berührungspunkte mit den Zielen der Schweizer Finanzmarktpolitik auf, insbesondere in den Bereichen Kunden- und Datenschutz, Systemstabilität, Wettbewerbsneutralität oder Standortförderung.

Kundenschutz

Die Digitalisierung tangiert den Kundenschutz in verschiedenen Bereichen. So wird etwa die persönliche Beratung durch standardisierte Produkte oder digitale Information ersetzt. Beispiele dafür sind etwa die Online-Hypothekenvergabe, die Peer-to-Peer Kreditvergabe oder die automatisierte Vermögensanlage (sogenannte Robo-Investments). Der Kunde eignet sich sein Wissen in Internetforen oder durch Onlinebewertungen an und will seine Kaufentscheidung in möglichst wenigen Klicks ausführen. Für die Regulatoren stellt sich hier die Frage, ob die Kunden dadurch wissen, was sie kaufen: Sind die Informationspflichten eines Anbieters erfüllt, wenn der Kunde online den «I-Accept-Knopf» drückt?

Eine weitere Herausforderung für den Kundenschutz ist das Cyber-Risk. Die Digitalisierung führt dazu, dass ein zunehmender Anteil der Finanzdienstleistungen online oder auf mobilen Endgeräten stattfindet. Ausserdem werden Daten vermehrt in öffentlichen Clouds gespeichert. Damit steigt das Risiko von Cyberangriffen, und es braucht höhere Anforderungen an den Schutz der Kundengelder. Solche Angriffe sind auch für den Finanzplatz selbst mit grossen Reputationsrisiken verbunden und bedingen eine entsprechend enge Zusammenarbeit zwischen Finanzindustrie und Aufsichtsbehörden.

Datenschutz

Der vertrauliche Umgang mit privaten Daten steht seit je im Zentrum des Bankengeschäftes. Bankdaten werden grundsätzlich weder veröffentlicht noch an Dritte weitergegeben, ausser im Falle eines gesetzlich abgestützten Verfahrens. Mit dem Eintritt branchenfremder Anbieter ins Bankengeschäft findet nun eine neue Kultur im Umgang mit Daten Eingang in die Finanzwelt.

Die Geschäftsmodelle dieser Technologieunternehmen zielen oft gerade auf die Auswertung sowie den Ein- und Verkauf privater Daten ab. Da sich dadurch Preisvorteile erzielen lassen, könnte sich dieser Trend auch in den Finanzdienstleistungen durchsetzen. Die Behörden müssen also zwischen einem Markt mit effizienteren Finanzdienstleistungen einerseits und dem Bedürfnis zum Schutz privater Daten andererseits abwägen. Wichtig ist dabei, dass die Analyse und die Verbreitung von Daten einheitlich reguliert werden und so für Wettbewerbsgleichheit gesorgt wird.

Systemstabilität

Die neuen Technologien verändern einerseits den Umgang mit Risiken, andererseits aber auch die Risiken selbst, denen eine Bank ausgesetzt ist. So könnten die Datenverfügbarkeit und verbesserte Analyseinstrumente zu einer genaueren Kreditrisikoeinschätzung und kleinerem Kreditrisiko für die Bank führen, oder operationelle Risiken könnten durch digitalisierte Prozesse verringert werden.

Andererseits kann die Digitalisierung auch negative Auswirkungen auf die Systemstabilität haben. Beispiele dafür sind etwa eine grössere Angriffsfläche für Cyberattacken, eine engere Verflechtung des Finanzsystems und damit verbundene Ansteckungseffekte oder die Existenz neuer systemrelevanter Infrastruktur. Sollten etwa Transaktionen über mobile Endgeräte einen grossen Anteil am Zahlungsverkehr erreichen, würde das Zahlungssystem eine gewisse Abhängigkeit von Mobilfunkanbietern erlangen.

Wettbewerbsneutralität

Die Behörden sind angehalten, den Auswirkungen einer Regulierung auf das Wettbewerbsumfeld, die Marktstrukturen und das Marktverhalten Rechnung zu tragen und möglichst vergleichbare Wettbewerbsvoraussetzung für alle Marktteilnehmer zu schaffen. So sollte in Bezug auf die Digitalisierung sichergestellt werden, dass die Regulierung nicht bestehende Geschäftsmodelle vor technologischem Fortschritt «beschützt» und so Innovation verhindert.

Sind Regulierungen aufgrund technologischen Fortschritts nicht mehr effizient oder notwendig, sollten diese gegebenenfalls ersetzt oder angepasst werden. Ein Beispiel dafür ist etwa die Überprüfung der Geldwäschereiverordnung, ob dank der neuen digitalen Identifizierungsmöglichkeiten ein Bankkonto online eröffnet werden kann.

Gleichzeitig muss aber sichergestellt werden, dass Dienstleistungen mit gleichen Risiken gleich reguliert werden, unabhängig davon, ob sie von branchenfremden Unternehmen oder traditionellen Banken erbracht werden. Ein Beispiel dafür ist das grenzüberschreitende Portfoliomanagement: Für die Banken gelten hier strenge Anforderungen, und es sollte sichergestellt werden, dass Robo-Investors nicht durch regulatorische Arbitrage einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil erlangen.

Standortförderung

In Bezug auf die Digitalisierung im Finanzbereich wird zurzeit der Ruf nach gezielter Standortförderung laut, insbesondere für Fintech-Unternehmen. Vorbilder sind etwa die Finanzzentren London und Singapur, wo der Staat proaktiv inländische Fintech-Unternehmen fördert und ausländische anzusiedeln versucht. Solche Standorte bieten unter anderem spezifische Steueranreize, kostenlose Rechtsberatungen, Unterstützung für Fintech-Hubs und gezielte Infrastrukturinvestitionen.[7]

Im Vergleich zu London und Singapur gibt der ordnungspolitische Rahmen dem Bund hier weniger Spielraum: In der Schweiz ist die Bewältigung solcher Trends grundsätzlich Sache der privaten Akteure und bedingt nicht a priori eine Steuerung oder Eingriffe der Behörden. Wie oben beschrieben, fokussiert die Finanzmarktpolitik des Bundes auf geeignete regulatorische Rahmenbedingungen.

Abschliessend lässt sich sagen: In Anbetracht der Geschwindigkeit und der Komplexität der digitalen Entwicklungen ist ein enger Dialog zwischen den verschiedenen Akteuren unabdingbar. Zu diesem Zweck bestehen verschiedene Dialoggefässe, welche Behörden und Unternehmen an einen Tisch bringen sollen. Die digitale Innovation gehört dabei zweifellos zu den relevanten Themenbereichen.

  1. Obwohl nicht nur der Bankensektor von der Digitalisierung im Finanzbereich betroffen ist (sondern zum Beispiel auch Versicherer), fokussieren nachfolgende Ausführungen auf die Digitalisierung im Bankenbereich. []
  2. Fintech – Die digitale (R)evolution im Finanzsektor, Deutsche Bank Research, Frankfurt, 2014. []
  3. Inkubatoren sind Einrichtungen, die junge Unternehmen in verschiedenen Bereichen (Coaching, Bereitstellung von Büroräumen und Infrastruktur usw.) unterstützen. []
  4. The Digital Revolution in Banking, Group of Thirty, Washington D.C., 2014. []
  5. Schlussbericht, Expertengruppe zur Weiterentwicklung der Finanzmarktstrategie, SIF, Bern, 2014. []
  6. Bericht zur Finanzmarktpolitik des Bundes, SIF, Bern, 2012. []
  7. Fintech – The UK’s Unique Environment for Growth, UK Trade & Investment, London, 2014. []

Dr. rer. oec., Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF), Bern

Dr. rer. oec., Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF), Bern