Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Digitalisierung der Wirtschaft - Rolle des Staates»

Der Staat zwischen digitalem Umbruch und wirtschaftlicher Freiheit

Der digitale Wandel in der Wirtschaft ist im Gang. Mit der kontinuierlichen Ausweitung auf alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens entstehen neue Herausforderungen.

Mit ihrem hohen Bildungsniveau ist die Schweiz relativ gut gerüstet für das digitale Zeitalter: Forscher an der Universität Luzern vor einem 3-D-Drucker. (Bild: Keystone)

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Der Fortschritt in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) bringt ständig neue Start-ups hervor. Die Hochschulen, der Schweizerische Nationalfonds und die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) bilden die Grundpfeiler, die es ihnen erlauben, sich zu entwickeln. Dennoch muss auf das Problem des Risikokapitals ein besonderes Augenmerk gerichtet werden. Die etablierten Unternehmen geben ihrerseits ein uneinheitliches Bild ab. Während viele den digitalen Wandel rechtzeitig mitgemacht haben, offenbaren einige Firmen Versäumnisse, die sie verletzbar machen. Innovationsprozesse funktionieren global und stellen eine permanente Gefahr für traditionelle Geschäftsmodelle dar. Auch die Frankenstärke behindert die innovativen KMU beim Export. Zahlreich sind deshalb die Stimmen, die vom Staat fordern, die traditionellen Modelle zu schützen. Dies ist aber nicht Aufgabe des Staates, auch wenn dieser der letzte Garant des sozialen Zusammenhalts ist. Um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern, ist die Schweiz jedoch besser gewappnet als andere Staaten.

In meiner Studienzeit gab es jene, welche die Welt revolutionieren wollten, und jene, die eine Managementkarriere anstrebten, wenn möglich in einem grossen etablierten Unternehmen. Diejenigen, die sich als Unternehmer sahen, waren eher die Ausnahme und an unseren Hochschulen relativ selten anzutreffen.

Innovationen unterstützen junge Unternehmer

Vierzig Jahre später hat sich das klar geändert. Heute reden die Jungen, auch in der Schweiz, häufig von ihren eigenen Start-ups. Wie ihre Vorgänger in den Sechziger- und Siebzigerjahren wollen auch sie die Welt revolutionieren, aber dieses Mal mithilfe innovativer Produkte und Geschäftsmodelle.

Die enormen Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) haben die Voraussetzungen für Unternehmensgründungen stark vereinfacht. Es kostet heute deutlich weniger als früher, eine Idee zu lancieren und erste Prototypen zu entwerfen: Das nötige Wissen ist auf einen Klick verfügbar, die potenziellen Märkte sind viel grösser und der Eintrittspreis, insbesondere bei digitalen Innovationen, viel tiefer als früher.

Ein qualitativ hochwertiges Umfeld

Ohne die aussergewöhnliche Entwicklung unseres Hochschulsystems könnten die Jungen die sich bietenden Möglichkeiten jedoch heute nicht nutzen. Ich denke hier in erster Linie an die ETH in Zürich und Lausanne. Beide haben kürzlich neue Rekordplatzierungen in den internationalen Rankings erreicht: Im QS Top Universities Ranking sind sie um je drei Plätze auf den 9. respektive auf den 14. Platz vorgerückt. Dabei möchte ich das dichte Universitäts- und Fachhochschulnetz selbstverständlich nicht unerwähnt lassen, ebenso wenig die vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Arbeiten im Bereich der Grundlagenforschung.

Ohne öffentliche Unterstützung hätte sich dieser fruchtbare Boden aus Start-ups und Know-how nie entwickeln können. Dass diese Start-ups wachsen können, verdanken wir auch der Unterstützung durch die Kommission für Technologie und Innovation (KTI), die im Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung angesiedelt ist (WBF).

Die Risikokapitalfrage

Risikokapital (Venture-Capital) ist grundlegend, damit sich ein Start-up zu einem wirtschaftlich tragfähigen Unternehmen entwickeln kann. Doch unsere institutionellen Anleger interessieren sich bisher nur schwach dafür. Das schwächt unsere jungen Unternehmer, die sich in der Folge an die grossen ausländischen Konzerne wenden. Google kaufte letztes Jahr das junge Tessiner Neurotechnologieunternehmen Deepmind, Samsung finanziert den Entwickler von elektronischen Gesundheitsanwendungen Dacadoo, und Apple soll sich ernsthaft für Faceshift – einen Zürcher Spezialisten für Bewegungsverfolgungsprogramme – interessieren.

Es müssen die nötigen finanziellen Grundlagen geschaffen werden, damit solche Unternehmen hierzulande wachsen können. In diesem Zusammenhang muss die Motion von Ständerat Konrad Graber (13.4184) eingehend diskutiert werden. Diese sieht vor, einen kleinen Teil der hohen Ersparnisse der Pensionskassen in zukunftsträchtige Technologien zu investieren.

Die etablierten Unternehmen: Ein uneinheitliches Bild

Nicht alle etablierten Unternehmen sind gleich weit fortgeschritten. Einige haben die Digitalisierung schneller in Angriff genommen. Kein Unternehmen ist jedoch geschützt vor den Innovationen im Zuge der Globalisierung des Wissens und vor den Anforderungen, die der starke Franken an sie stellt.

Ein neuer Antrieb für alte Unternehmen

Viele etablierte Unternehmen sind weit fortgeschritten. Das traditionelle Schlüsselunternehmen Kaba beispielsweise verkauft nun Zutrittskontrollen, während das Liftbauunternehmen Schindler seinen Service rund um die Uhr und teilweise gar für Produkte der Konkurrenz anbietet.

Diese neuen Geschäftsmodelle werden durch das Internet der Dinge und Big Data erst möglich. Diese Werkzeuge erlauben es, die ständigen Rückmeldungen von Millionen von Sensoren, die in den Produkten eingebaut sind, auszuwerten. Letztere erlauben es den Wartungsprogrammen, die Einzelteile genau rechtzeitig auszuwechseln und Programme aus der Ferne zu aktualisieren. Gleichzeitig sind sie unerlässlich für die Erforschung und Entwicklung neuer Produkte. Der aufstrebende 3-D-Druck revolutioniert die Produktion und die Verwaltung von Ersatzteilen, und die neuen Automatisierungsmöglichkeiten krempeln den Transport und die gesamte Logistikkette völlig um.

Die Schweiz hat zudem das Glück, dass grosse multinationale Unternehmen, die an der Spitze der ICT stehen, hier ansässig sind. Durch die Möglichkeit, Verträge elektronisch abzuschliessen, oder indem sie Dienstleistungen nachfragen, die auf den neuen Möglichkeiten des Internets basieren, inspirieren sie Dutzende andere Unternehmen und öffnen neue Nischen, die intelligente Start-ups besetzen können.

Die Gefahr lauert überall

Für etablierte Unternehmen – vor allem diejenigen, welche den digitalen Wandel nicht rechtzeitig mitgemacht haben – lauern oft unterschätzte Gefahren. Vor allem ist die Welt weniger vorhersehbar geworden: Früher reichte es, zwei oder drei grosse Marktkonkurrenten im Auge zu behalten, um böse Überraschungen zu vermeiden. Heute geht die echte Gefahr auch von São Paulo oder Bangalore aus, sobald ein bisher unbekanntes Start-up mit einer Idee den Markt revolutioniert. Man kann die Konkurrenz nicht mehr so einfach im Auge behalten. Angesichts dieser Risiken muss die Schweiz reagieren.

Der Frankenstärke trotzen

Der Staat investiert, damit die Unternehmen auf dem neusten Stand der technologischen Entwicklung bleiben. Der KTI stehen dieses Jahr 110 Millionen Franken zur Verfügung. Um den Folgen der Frankenstärke entgegenzutreten, hat der Bundesrat einen zusätzlichen Beitrag von 20 Millionen gewährt. Dafür erlässt die KTI den exportorientierten KMU bei Innovationsprojekten den Cash-Beitrag.

Als Departementsvorsteher des WBF bat ich die KTI zu prüfen, inwiefern sie Forschungsprojekte unterstützen kann, in deren Fokus nicht unbedingt neue Produkte oder Herstellungsmethoden, sondern vielmehr die Überarbeitung von Geschäftsmodellen mithilfe neuer Technologien stehen.

Der Staat soll kein Hemmnis sein

Wie man sieht, bleibt der Staat angesichts der digitalen Herausforderungen nicht untätig. Und die Debatte über seine Rolle wird zweifellos weitergeführt. Denn der erste Reflex jener, die bereits auf dem falschen Fuss erwischt wurden – wie die Taxibranche durch Uber oder die Hotellerie durch Airbnb –, besteht häufig darin, den Staat um Hilfe zu rufen und ein Verbot oder zumindest eine Reglementierung der neuen, durch das Internet möglich gewordenen Praktiken zu fordern. Der Staat darf hier keine überholten Modelle stützen. Umgekehrt darf er aber auch kein uneingeschränktes Laisser-faire zulassen.

Die Auswirkungen der Digitalisierung übersteigen die rein wirtschaftliche Dimension und betreffen inzwischen unser gesamtes gesellschaftliches Leben. Der digitale Wandel stellt in allen Bereichen seit Langem bestehende Praktiken und Gewohnheiten infrage. Der Staat wird immer der letzte Garant für den sozialen Zusammenhalt bleiben. Man muss jedoch auch die Zivilgesellschaft Lösungen finden lassen. Die Schweiz ist dank ihres liberalen Arbeitsmarktes, der Sozialpartnerschaft, der exzellenten Ausbildung und Forschung sowie der direkten Demokratie zweifelsohne deutlich besser gerüstet als andere Länder, um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern.

Bundesrat und Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), Bern

Bundesrat und Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), Bern