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Was sind nachhaltige Finanzen?

Nachhaltige Finanzen versuchen neben einer finanziellen auch eine ökologische und soziale Rendite zu erzielen. Um dieses Ziel zu erreichen, existieren verschiedene Anlagestrategien. Auch die Zielerreichung dieser Ansätze ist entsprechend unterschiedlich. Ein Überblick.

Gezielte Investitionen in erneuerbare Energien gelten als sogenannte Thematic Investments. Arbeiter montiert Solarpanels in China. (Bild: Keystone)

Oft wird der Begriff nachhaltige Finanzen, auch bekannt als Sustainable Finance, uneinheitlich verwendet. In den meisten Definitionen tauchen jedoch zentrale Elemente auf. So auch in der des Schweizerischen Dachverbands Swiss Sustainable Finance (SSF): Demnach handelt es sich bei nachhaltigen Finanzen um einen langfristigen Investitions- und Finanzierungsansatz. Die Berücksichtigung von bestimmten festgeschriebenen Umwelt-, Sozial- und Gouvernanzkriterien, sogenannten ESG-Faktoren, sind im Entscheidungsfindungsprozess von massgeblicher Bedeutung. Neben einer finanziellen Rendite versucht man mit nachhaltigen Finanzen auch eine gesellschaftliche und ökologische Rendite zu generieren.

Nicht alle Strategien sind gleich wirksam

Doch wie streng solche Nachhaltigkeitskriterien angewandt werden und inwiefern die Anleger aktiv auf die Unternehmen Einfluss nehmen, dazu gibt es verschiedene Anlagestrategien. Der internationale Dachverband Global Sustainable Investment Alliance (GSIA) unterscheidet folgende Ansätze:[1]

Beim Screening handelt es sich um eine Anlagestrategie, bei der anhand von normativen und nachhaltigkeitsorientierten Kriterien entschieden wird, ob ein Finanztitel ausgeschlossen oder priorisiert wird. Beim negativen Screening werden Unternehmen zum Beispiel aufgrund ihres negativen gesellschaftlichen oder ökologischen Einflusses von vornherein vom Investitionsprozess ausgeschlossen. Dies können zum Beispiel Rüstungs- und Tabakunternehmen oder Unternehmen mit umweltschädlichen Geschäftspraktiken sein.

Im Gegensatz dazu versucht das positive Screening, auch als Best-in-Class-Ansatz bekannt, vermehrt in Firmen zu investieren, die sich durch besonders nachhaltige Prozesse und Geschäftspraktiken auszeichnen. Typischerweise verwenden Investoren dann eine Mischung aus normativ-ethischen und nachhaltigkeitsorientierten Filtern. Normativ-ethische Kriterien können etwa der Verzicht auf Kinderarbeit sein. Nachhaltigkeitskriterien sind beispielsweise ein effizienter Wasserverbrauch, Klimaeffizienz, Produktsicherheit oder Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit.

Unter Thematic Investments versteht man Investitionen, die anders als beim Screening direkt und thematisch auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, wie etwa Investitionen in nachhaltige Energie- oder Landwirtschaftsprojekte oder grüne und umweltfreundliche Technologien.

Beim Integrationsansatz basieren Investitionsentscheidungen auf einer integrierten Finanz- und Nachhaltigkeitsanalyse. Der Entscheidungsträger verbindet hierbei die Analyse von Finanz- und Nachhaltigkeitskennziffern, um so integrativ seine Investitionsentscheidungen zu treffen.

Zunehmender Beliebtheit erfreut sich in letzter Zeit vor allem das Impact Investing. Damit will man ganz besonders soziale und ökologische Ziele erreichen. Hierbei können Auszahlungsstrukturen von Finanztiteln wie Impact-Anleihen explizit von der Treibhausgasreduktion oder vom Erreichen sonstiger ökologischer oder sozialer Ziele abhängen. Offensichtlich stellt die Messbarkeit des ökologischen und gesellschaftlichen Erfolges nicht nur Impact-Investoren, sondern auch andere nachhaltige Investoren vor grosse Herausforderungen.

Schliesslich versucht die Strategie des Corporate Engagement durch gezielte Einflussnahme von Investoren, Führungskräfte gleichermassen zur Wahrung von Aktionärsinteressen und zu nachhaltigen Geschäftspraktiken zu bewegen.

Hinsichtlich der Erreichung sozialer und ökologischer Ziele sind die verschiedenen Ansätze unterschiedlich effizient. Das Screening hat typischerweise den geringsten Einfluss, da Investoren bei diesem Ansatz durch ihren Investitionsverzicht nur geringen Einfluss auf nicht nachhaltige Firmen nehmen können. Im Gegensatz dazu können aktivere Ansätze wie z.B. Impact Investing, thematische Investments und Corporate Engagement eine weitaus höhere ökologische und gesellschaftliche Wirkung generieren.

Ausschlusskriterien sind am verbreitetsten

Das Volumen nachhaltiger Finanzen variiert stark mit dem angewendeten Ansatz. Betrachtet man bereits Anlagevermögen mit negativen Ausschlusskriterien als nachhaltige Finanzen, so entsteht der Eindruck, dass schon heute ein grosser Teil der professionell verwalteten Vermögen nachhaltig angelegt ist. Dies liegt auch daran, dass es nicht unüblich ist, dass grosse Pensionskassen und öffentliche Investoren aus ethischen Gründen Ausschlussfilter anwenden.

So schätzt die GSIA, dass 2014 allein in Europa Anlagevermögen in Höhe von circa 9 Billionen Dollar negativen Ausschlussfiltern unterlagen. Bei Ansätzen wie den thematischen Investitionen oder dem Impact Investing fallen die Anteile deutlich niedriger aus: Weltweit schätzt die GSIA, dass lediglich 275 Milliarden Dollar in thematischen und Impact-Investing-Strategien investiert sind.

Insgesamt machten 2014 alle vom GSIA betrachteten nachhaltigen Finanzstrategien ein Anlagevermögen von etwa 40 Billionen Dollar aus (siehe Tabelle 1). Vergleicht man diese Summe mit Schätzungen des gesamten professionell verwalteten Anlagevermögens, so ergibt sich, dass heute etwa 60 Prozent nachhaltig verwaltet sind. [2]

Tabelle 1: Entwicklung der Sustainable-Finance-Strategien weltweit, in Milliarden Dollar

 2012 2014 Wachstum
Ausschluss nach normativen Kriterien (normatives Screening)  3038  5534  82%
Ausschluss von nicht nachhaltigen Unternehmen (negatives Screening)  8280 14’390  74%
Auswahl von nachhaltigen Unternehmen (Best-in-Class)  999  992  -1%
Integrierte Finanz- und Nachhaltigkeitsanalyse (Integrationsansatz)  5935 12’854  117%
Auswahl nach thematischen Kriterien (Thematic Investments)  70  166  136%
Auswahl bei nachhaltiger Zielerreichung (Impact Investing)  86  109  26%
Direkte Einflussnahme durch Investoren (Corporate Engagement)  4589  7045  54%

GSIA / Die Volkswirtschaft

Nachhaltige Firmen haben oft bessere Anlageperformance

Zur Performance von nachhaltigen Finanzen lassen sich zwei Typen wissenschaftlicher Studien unterscheiden. Eine Möglichkeit besteht darin, die Risikorendite-Struktur von nachhaltigen und traditionellen Investmentfonds zu vergleichen. Andere Studien vergleichen die Unterschiede zwischen Unternehmen mit nachhaltigen und weniger nachhaltigen Prozessen und Geschäftspraktiken.

Studien, die traditionelle und nachhaltige Fonds vergleichen, zeigen in der Regel keinen signifikanten Unterscheid zwischen den beiden Anlagestrategien bezüglich der Risikorendite-Struktur. Hierbei ist anzumerken, dass ein Vergleich von nachhaltigen mit nicht nachhaltigen Investmentfonds keine direkten Aussagen darüber zulässt, ob Nachhaltigkeit zu höherem Investitionserfolg führt. Dies liegt massgeblich darin begründet, dass der Erfolg eines Investmentfonds vor allem vom Geschick und Glück des Fondsmanagers abhängt.

Studien, welche hingegen direkt die Unternehmen auf ihre Nachhaltigkeit hin untersuchen und vergleichen, sind deutlich aussagekräftiger, was die finanziellen Auswirkungen von Nachhaltigkeit angeht. Eine unlängst erschienene Metastudie[3], welche die Ergebnisse von über 200 Forschungsstudien betrachtet, zeigt, dass sich Nachhaltigkeit signifikant positiv auf die wirtschaftliche Leistung auswirkt. Gemäss rund 90 Prozent der untersuchten Studien schneiden Unternehmen mit robusten Nachhaltigkeitspraktiken auch bei ihrem operativen Kerngeschäft besser ab. Ausserdem attestieren etwa 80 Prozent der analysierten Studien einen positiven Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeitspraktiken und Anlageperformance.

Interessanterweise sind vor allem in den letzten Jahren immer mehr Studien erschienen, die einen positiven Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und finanzieller Performance dokumentieren. Dies liegt sicher auch daran, dass Nachhaltigkeit heutzutage besser messbar ist als noch vor zehn Jahren. Der Grossteil dieser Studien kann allerdings nicht belegen, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und finanziellem Erfolg besteht. Der Umkehrschluss, dass aufgrund der nachgewiesenen Korrelation auch ein Kausalzusammenhang besteht, ist nicht gültig.

Hoher Privatkundenanteil in der Schweiz

Eine Studie[4] des European Sustainable Investment Forum (Eurosif) – des europäischen Dachverbands für nachhaltige Anlagen – zeigt, dass auch in der Schweiz der Grossteil des nachhaltig verwalteten Vermögens in Ausschlussstrategien, dem sogenannten Screening, angesiedelt ist (siehe Tabelle 2).

Tabelle 2: Entwicklung der Sustainable-Finance-Strategien in der Schweiz, in Millionen Franken

 2011 2013 Wachstum
Auswahl von nachhaltigen Unternehmen (Best-in-Class) 28’072 31’216 11%
Auswahl nach thematischen Kriterien (Thematic Investments) 13’467 13’579  1%
Ausschluss nach normativen Kriterien (normatives Screening)  233 12’833 5408%
Integrierte Finanz- und Nachhaltigkeitsanalyse (Integrationsansatz)  9128 24’441 168%
Direkte Einflussnahme durch Investoren (Corporate Engagement) 17’406 28’501 64%
Ausschluss von nicht nachhaltigen Unternehmen (negatives Screening) 25’068 35’066 40%

Eurosif / Die Volkswirtschaft

2013 waren so circa 80 Milliarden Franken in negative Screenings oder Best-in-Class-Anlagestrategien investiert. Wie auch in anderen Ländern sind die zweit- und drittwichtigsten Strategien das Corporate Engagement und der Integrationsansatz.

Eine Besonderheit in der Schweiz ist der relativ hohe Anteil von Kleinanlegern im nachhaltigen Investmentmarkt. So waren 59 Prozent der erfassten nachhaltigen Anlagen in der Schweiz Privatanlegern zuzuordnen. Lediglich die übrigen 41 Prozent verfielen auf institutionelle Investoren. Dies kontrastiert stark mit anderen europäischen Ländern wie Grossbritannien und den Niederlanden, in denen institutionelle Investoren manchmal mehr als 90 Prozent des nachhaltigen Finanzmarktes ausmachen. Eine mögliche Erklärung für den hohen Anteil von nachhaltigen Privatanlegern in der Schweiz könnte die grosse Anzahl von vermögenden Privatkunden sein.

Nachhaltiger Finanzplatz Schweiz

Allgemein betrachtet zeichnet sich Sustainable Finance durch eine sehr positive Wachstumsdynamik aus: Zwischen 2011 und 2013 wuchsen nachhaltige Anlagen um etwa 60 Prozent. Bei den traditionellen Anlagen betrug das Wachstum im gleichen Zeitraum nur rund 20 Prozent.[5]

Schweizer Finanzdienstleistungen werden im Ausland als qualitativ sehr hochwertig und die Schweiz als ein umweltfreundliches und nachhaltiges Land wahrgenommen. Die Eidgenossenschaft ist sogar eines der wenigen Länder, die in ihrer Verfassung explizit auf Nachhaltigkeit hinweisen. So fordert Artikel 73 der Bundesverfassung, dass Bund und Kantone ein langfristig ausgewogenes Verhältnis zwischen der Erneuerungsfähigkeit der Natur und ihrer Beanspruchung durch den Menschen anstreben sollen.

Damit ist naheliegend, dass nachhaltige Finanzen eine besonders vielversprechende Strategie für die Erneuerung des Schweizer Finanzsektors darstellen. In Verbindung mit einer transparenten Weissgeldstrategie könnte eine nachhaltigkeitsorientierte Vermögensverwaltung made in Switzerland sehr wahrscheinlich ein weiterer Schweizer Exportschlager werden.

  1. Global Sustainable Investment Alliance (2014). Global Sustainable Investment Review. []
  2. Im Report Global Asset Management 2014 schätzt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group, dass 2013 Vermögen in Höhe von etwa 65,8 Billionen Dollar professionell verwaltet wurden. Die Beratungsgesellschaft PWC kommt in ihrer Studie Asset Management 2020: A Brave New World mit 64 Billionen Dollar für 2012 auf einen ähnlichen Wert. []
  3. Clark, G. L., Feiner, A., & Viehs, M. (2014). From the Stockholder to the Stakeholder: How Sustainability Can Drive Financial Outperformance. []
  4. Eurosif (2014). European SRI study 2014. []
  5. Siehe Boston Consulting Group (2014) Global Asset Management 2014 und Eurosif (2014) European SRI study 2014. []

Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Genf und am Swiss Finance Institute

Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Genf und am Swiss Finance Institute