Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Die Arbeitsproduktivität der Schweiz unter der Lupe»

Überqualifizierte Arbeitskräfte sind nicht das Problem

Die Gründe für das gedämpfte Produktivitätswachstum in der Schweiz sind kaum beim Humankapital zu suchen. So finden sich etwa keine Indizien, welche auf eine Über- oder eine Unterqualifizierung der Arbeitskräfte hindeuten.

Die Zahl der Hochqualifizierten ist in der Schweiz stark gestiegen. Studentin an der Universität St. Gallen. (Bild: Keystone)

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Die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität je Einwohner in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich entwickelt. Eine Studie des Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmens Prognos untersucht, ob und inwieweit die Entwicklung von Humankapitalausstattung und -einsatz in der Schweiz damit in Verbindung steht. Die Ergebnisse legen nahe: Die gedämpfte Produktivitätsentwicklung kann nicht mit diesen Änderungen beim Humankapital erklärt werden. Während sich das Qualifikationsniveau der Erwerbstätigen in der Schweiz im internationalen Vergleich überdurchschnittlich verbessert hat, lassen sich keine überzeugenden Indizien dafür finden, dass Erwerbstätige nicht entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt wurden. Auch die Veränderung der Branchenstruktur kann nicht als Ursache für die relativ geringen Produktivitätsfortschritte in der Schweiz herangezogen werden. Zwar haben Branchen mit einem geringen Produktivitätswachstum in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, jedoch zeigte sich eine ähnliche Entwicklung in den meisten Industrieländern. Zudem gingen keine bremsenden Impulse von Zuwanderern auf die Produktivitätsentwicklung aus. Schliesslich zeigen sich auch für das Ausmass der Akademisierung keine strukturellen Differenzen zwischen den Wirtschaftsbereichen.

Das jährliche Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) je Einwohner in der Schweiz war in den letzten 15 Jahren im Vergleich zu anderen Industrieländern leicht unterdurchschnittlich. Getragen wurde das Wachstum insbesondere durch die Zunahme des Arbeitseinsatzes der Bevölkerung. Der Beitrag der Arbeitsproduktivität war hingegen vergleichsweise schwach (siehe Abbildung 1).

Abb. 1: Durchschnittliches jährliches Wachstum der realen Produktivität je Arbeitsstunde (2000 bis 2014) sowie Niveau der Produktivität je Arbeitsstunde (2000)

Anmerkung: Die linke Achse zeigt das jährliche Wachstum der Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde zwischen 2000 und 2014 (Balken) in ausgewählten OECD-Ländern. Die rechte Achse gibt das Ausgangsniveau der Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde im Jahr 2000 wieder (grüne Punkte). 

Quelle: OECD / Die Volkswirtschaft

Zu einem Teil lassen sich die stärkeren Produktivitätsfortschritte in den anderen Ländern durch einen Konvergenzeffekt erklären. Länder, die vor 15 Jahren ein geringeres Produktivitätsniveau aufwiesen, zeigten in der Folge im Durchschnitt ein dynamischeres Wachstum. Allerdings nahm die Produktivität auch in einigen Ländern stärker zu, in denen das Ausgangsniveau der Produktivität bereits höher war als in der Schweiz (Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, Schweden und Österreich). Dementsprechend müssen weitere Effekte dazu beigetragen haben, dass die Zunahme der Arbeitsproduktivität in der Schweiz gedämpft verlief.

Einer der entscheidenden Faktoren für das Niveau wie auch für die Entwicklung der Produktivität ist die Qualifikation der Mitarbeitenden (die sogenannte Humankapitalausstattung[1]). Gemäss der Humankapitaltheorie führt eine Verbesserung des Humankapitals der Erwerbstätigen zu einem Anstieg der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität. Das Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos hat in einer Studie[2] untersucht, ob und wie sich das Humankapital in der Schweiz im internationalen Vergleich entwickelt hat und ob dadurch die Produktivitätsentwicklung gebremst wurde.

Vergleich mit Bayern, Baden-Württemberg und Österreich

Die durchschnittliche Qualifikation der Bevölkerung in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Insbesondere die Zahl der Hochqualifizierten ist stark angestiegen. Der Anteil der Bevölkerung mit einem Abschluss der Tertiärstufe stieg zwischen 1996 und 2014 um 14 Prozentpunkte auf 31 Prozent. Ähnlich dazu verfügten 2014 rund 38 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz über einen akademischen Abschluss – im Jahr 1996 waren es nur 22 Prozent.

Ein Vergleich mit den deutschen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg sowie mit Österreich zeigt: Die Schweiz wies im betrachteten Zeitraum den grössten relativen Anstieg der Akademiker (Tertiärstufe) auf (siehe Abbildung 2). Zugleich ist der Anteil der Erwerbstätigen mit einem Abschluss der Sekundarstufe I in der Schweiz am stärksten gesunken. Im Ergebnis hat sich die durchschnittliche Humankapitalausstattung der Erwerbstätigen in der Schweiz gegenüber den Vergleichsregionen deutlich verbessert. Dazu haben Schweizer und Ausländer in ähnlichem Masse beigetragen.

Dies ist bemerkenswert, da diese Vergleichsgebiete in Bezug auf Kennzahlen wie Einwohner, Produktivität, Anteil des verarbeitenden Gewerbes am BIP, Erwerbslosenquote, Erwerbstätigenquote eine hohe strukturelle Ähnlichkeit zur Schweiz aufweisen.

Abb. 2: Erwerbstätigenanteile nach Ausbildungsstufen in der Schweiz, Baden-Württemberg, Bayern und Österreich (jeweils ältester und jüngster Stand)

Anmerkung: Daten über die Ausbildungsstufen der Erwerbstätigen in den deutschen Bundesländern lagen zum Zeitpunkt der Berichtserstellung nur bis 2011 vor. Für Österreich stehen Daten erst seit dem Jahr 2004 zur Verfügung.

Quelle: BFS (Sake); Statistisches Bundesamt – Mikrozensus; Statistik Austria – Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung / Die Volkswirtschaft

Angesichts dieser Entwicklung überrascht der Befund der schwachen Produktivitätsentwicklung seit der Jahrtausendwende. In der Studie wurden deshalb weitere mögliche Ursachen untersucht.

«Doppelte Tertiärisierung» fällt als Ursache weg

So könnte eine veränderte Branchenzusammensetzung die Produktivität gebremst haben. Insbesondere wenn Höherqualifizierte zunehmend von Branchen mit einem geringeren Produktivitätswachstum absorbiert werden, reduziert dies den positiven Effekt durch die bessere Humankapitalausstattung.

Eine Erklärung könnte deshalb die «doppelte Tertiärisierung» liefern, welche die Schweiz in den letzten Jahren erlebt hat: Zusätzlich zur Akademisierung (tertiäre Bildung) hat die Bedeutung des Dienstleistungsbereichs (tertiärer Sektor) stetig zugenommen. Tatsächlich ist der Anteil der Erwerbstätigen im Gesundheits- und Sozialwesen sowie bei den freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen – beides Branchen mit einem tiefen Produktivitätswachstum – deutlich angestiegen (siehe Tabelle). Wirtschaftszweige mit einem überdurchschnittlichen Produktivitätswachstum hatten hingegen tendenziell einen Rückgang des Erwerbstätigenanteils zu verzeichnen (Handel, Reparaturgewerbe, Verarbeitendes Gewerbe).[3] Über die Zeit führte der strukturelle Wandel also zu einer gedämpften Entwicklung der Produktivität.

Veränderung der Produktivität und der Erwerbstätigkeit auf Branchenebene (2000 bis 2012)

Branche
Produktivitätswachstum in Prozent, jährlich
Erwerbstätigenanteil, Veränderung in Prozentpunkten
Anteil der Erwerbstätigen mit Tertiärabschluss, Veränderung in Prozentpunkten
Gesamt Schweizer Ausländer
Handel, Reparaturgewerbe 2,3% –1,7 –2,0 –0,5 6,8
Verarbeitendes Gewerbe und Energieversorgung 2,0% –3,1 –2,9 –4,7 9,1
Land- und Forstwirtschaft 1,7% –0,6 –0,7 0,0 9,3
Kunst, Unterhaltung, sonstige Dienstleistungen 1,3% 0,2 0,1 0,4 9,6
Verkehr und Lagerei 0,7% –0,4 –0,3 –0,7 5,8
Baugewerbe 0,4% –0,5 –0,6 –0,5 0,3
Information und Kommunikation 0,2% 0,4 0,4 0,7 30,1
Gesundheits- und Sozialwesen –0,2% 2,3 3,1 –0,3 12,5
Kredit- und Versicherungsgewerbe –0,5% 0,5 0,3 1,6 21,7
Freiberufl., wiss. und techn. Dienstleistungen –0,5% 1,7 2,1 0,4 18,5
Gastgewerbe –1,3% 0,9 0,4 2,1 0,7
Immobilien, sonst. wirtschaftl. Dienstleistungen –1,7% 0,6 –0,2 3,4 –4,5
Erziehung und Unterricht –2,0% –0,1 0,1 –0,3 18,4
Gesamt 0,9% 11,3

Anmerkung: absteigend sortiert nach der Höhe des jährlichen Produktivitätswachstums. Der Erwerbstätigenanteil ist der Anteil der Erwerbstätigen einer Bevölkerungsgruppe, die in einer Branche beschäftigt sind, in Relation zur jeweiligen Bevölkerungsgruppe.

Quelle: BFS, eigene Berechnungen / Die Volkswirtschaft

Eine vergleichbare Entwicklung der Branchenstruktur lässt sich jedoch in nahezu allen Industrieländern beobachten. Die im internationalen Vergleich gedämpfte Produktivitätsentwicklung in der Schweiz lässt sich damit also nicht erklären. Auch Zuwanderung kann diesen Effekt im Übrigen nicht erklären. Denn Ausländer werden nicht häufiger als Schweizer in Branchen mit geringen Produktivitätszuwächsen eingestellt.

Die Entwicklung der Erwerbstätigenanteile und der Qualifikation der Erwerbstätigen auf Branchenebene scheiden ebenfalls als Erklärung für das gedämpfte Produktivitätswachstum in der Schweiz aus. Zwar nahm die Akademisierung in Branchen mit einem ausgeprägten Produktivitätswachstum leicht unterdurchschnittlich zu. Allerdings ist dieser Zusammenhang nur schwach ausgeprägt und im Wesentlichen durch die starke Akademisierung im Bereich Information und Kommunikation getrieben.

Im Kredit- und Versicherungsgewerbe, bei den freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen sowie in Erziehung und Unterricht stieg der Anteil an Hochqualifizierten ebenfalls. Hier zeigt sich deutlich die zunehmende Bedeutung von Fachhochschulen in der Schweiz, die insbesondere in den Bereichen Wirtschaft, Recht, Geistes- und Sozialwissenschaften ausbilden.[4] Rückläufig war die Akademisierung hingegen im Bereich Immobilien und sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen.

Keine Taxi fahrenden Akademiker

Weiter wurde untersucht, ob die zunehmend besser qualifizierten Erwerbstätigen nicht ihrem Qualifikationsniveau entsprechend eingesetzt wurden. Als Beispiel für eine «nicht bildungsadäquate Beschäftigung» wird häufig der Taxi fahrende Akademiker aufgeführt, der in der Schweiz eine Ausnahmeerscheinung ist.

Dabei zeigt sich: Die bessere Humankapitalausstattung der Bevölkerung (sowohl der Schweizer als auch der Ausländer) hat nicht dazu geführt, dass es vermehrt zu einer «nicht bildungsadäquaten Beschäftigung» gekommen ist und Erwerbstätige eine Beschäftigung ausüben, die nicht ihrem Bildungsniveau entspricht. So sind die Bildungsrenditen, die zur Messung des pekuniären Nutzens eines höheren Bildungsniveaus herangezogen werden, in der Schweiz nicht signifikant geringer als in den Nachbarländern und in den skandinavischen Staaten (siehe Abbildung 3). Bildung zahlt sich demnach auch in der Schweiz aus.

Abb. 3: Private Bildungsrenditen von Abschlüssen der Tertiärstufe gegenüber Abschlüssen der Sekundarstufe II (2010)

Anmerkung: Die Zahlen für die Schweiz beziehen sich auf das Jahr 2012 und für Italien auf das Jahr 2008. Der jeweilige Wert gibt die langfristige Rendite auf eine Bildungsinvestition in Form eines Abschlusses der Tertiärstufe an. Dazu ein Lesebeispiel: Ein Mann mit einem Universitätsabschluss verdient in der Schweiz rund 9 Prozent mehr als ein Mann mit Abschluss der Sekundarstufe II (eine ausführlichere Darstellung der Interpretation von Bildungsrenditen liefert Weber (2002): Humankapital und Wachstum: Welche Konsequenzen für die Schweizer Bildungspolitik? Seco Diskussionspapier Nr. 9).

Quelle: OECD, eigene Berechnungen für die Schweiz / Die Volkswirtschaft

Eine Auswertung der Schweizer Arbeitskräfteerhebung lässt einen ähnlichen Schluss zu: In den letzten Jahren arbeitete nur ein geringer Teil der hoch qualifizierten Erwerbstätigen in der Schweiz in Berufen, die keinen Abschluss der Tertiärstufe erforderten. Hochqualifizierte wurden demnach gemäss den Ergebnissen der Studie entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt und in ausreichender Zahl von der Wirtschaft nachgefragt.

Ein weiteres Indiz dafür, dass eine «nicht bildungsadäquate Beschäftigung» vorlag, könnten über die letzten Jahre zunehmende Schwierigkeiten der Unternehmen bei der Rekrutierung von geeigneten Mitarbeitern sein. Bei zunehmenden Rekrutierungsschwierigkeiten können Firmen Stellen nicht besetzen oder sind gezwungen, auf Beschäftigte zurückzugreifen, die die Anforderungen an den Beruf nur eingeschränkt erfüllen und daher in der Folge eine geringere Produktivität erwirtschaften.

Über den Zeitverlauf und die Ausbildungsstufen hinweg zeigt sich kein signifikanter Anstieg bei den Unternehmen, die Stellen nicht besetzen konnten. Im Gegenteil: Der Anteil der nicht besetzten Stellen ist in den letzten Jahren, gegenüber dem Zeitraum vor der Finanz- und Wirtschaftskrise, sogar leicht zurückgegangen.

Insgesamt zeigen sich auch keine Hinweise darauf, dass die Produktivitätsentwicklung in der Schweiz durch einen zunehmend integrativen Arbeitsmarkt (Anstieg der Beschäftigung von vergleichsweise unproduktiven, gering qualifizierten Arbeitskräften) gedämpft wurde. Insbesondere hätte sich dies in einem Rückgang der Erwerbslosenquote der Geringqualifizierten oder einem Anstieg des Anteils der Geringqualifizierten in manchen Branchen zeigen müssen.

Abschliessend lässt sich sagen: Die unterdurchschnittliche Entwicklung der schweizerischen Arbeitsproduktivität ist anhand der hier diskutierten Einflussgrössen nicht zu erklären und bleibt insofern eine offene Forschungsfrage.

  1. Die Humankapitalausstattung kann beispielsweise anhand des Qualifikationsniveaus der Erwerbstätigen gemessen werden. Dabei werden die Abschlüsse in drei Stufen eingeteilt: Erwerbstätige mit einem Abschluss der Sekundarstufe I (z. B. obligatorische Schulbildung), der Sekundarstufe II (z. B. Lehre) und der Tertiärstufe (z. B. Hochschulabschluss). []
  2. Auftraggeber der Studie war das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). In diesem Artikel sind die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst. []
  3. Zwischen exportorientieren Branchen (Verarbeitendes Gewerbe / Energieversorgung, Kredit- und Versicherungsgewerbe, Information und Kommunikation, Handel und Reparaturgewerbe) und binnenorientierten Branchen (Bau- und Gastgewerbe, Gesundheit und Sozialwesen, Immobilien, sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen) lassen sich aus den hier verwendeten Daten keine strukturellen Unterschiede ableiten. Exportorientierte Branchen wiesen keine durchgehend günstigere Produktivitätsentwicklung auf. Für die Unterteilung in export- und binnenorientiert siehe: Grundlagen für die Neue Wachstumspolitik: Bericht des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF vom 21. Januar 2015, S. 53.

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  4. Bodmer, F. (2014). Akademisierung schreitet voran, IHKfacts Nr. 3/2014. []

Dr. rer. pol., Bereichsleiter, Prognos, Freiburg i. Br.

Berater, Prognos, München

Dr. rer. pol., Berater, Prognos, München

Dr. rer. pol., Bereichsleiter, Prognos, Freiburg i. Br.

Berater, Prognos, München

Dr. rer. pol., Berater, Prognos, München