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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Entwicklungszusammenarbeit: Die Prioritäten der Schweiz»

Nachhaltige UNO-Ziele leiten die internationale Zusammenarbeit der Schweiz

Mit ihrer internationalen Zusammenarbeit leistet die Schweiz einen Beitrag an die Umsetzung der UNO-Agenda 2030. Das Ziel ist eine nachhaltige Entwicklung – weltweit.

Bundesrat Didier Burkhalter (l.) und UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon treffen sich an der Jahreskonferenz der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Zürich. (Bild: Reuters)

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Im September 2015 haben die UNO-Mitgliedstaaten die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und die darin enthaltenen Ziele verabschiedet. Die Schweiz nimmt im Entwurf der Botschaft zur internationalen Zusammenarbeit 2017–2020 weitgehend Bezug auf diese weltumspannende Agenda, die für alle Staaten, aber auch für andere Akteure wie die Zivilgesellschaft gilt. Die internationale Zusammenarbeit der Schweiz setzt sich ein für eine Welt ohne Armut und in Frieden, für eine nachhaltige Entwicklung. Sie kann dabei – durch ihre thematischen und geografischen Schwerpunkte, durch ihr Engagement auf bilateraler und multilateraler Ebene und durch den Ausbau ihrer Partnerschaften mit dem Privatsektor – zur Umsetzung der Agenda 2030 beitragen. In einem von Herausforderungen und Krisen geprägten internationalen Umfeld spielt die Schweiz als solidarische, verantwortungsbewusste und kompetente Akteurin eine wichtige Rolle.

Die einstimmige Verabschiedung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (siehe Kasten) durch die UNO-Generalversammlung am 25. September 2015 markiert nach den Worten von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon einen «entscheidenden Moment in der Geschichte der Menschheit». Die Agenda 2030 und ihre 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Social Development Goals, SDG) bauen auf den Erfolgen der Millenniumsentwicklungsziele auf, die weiterentwickelt wurden.

Die Agenda 2030 sucht die drei Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung – Ökologie, Ökonomie und Soziales – im Gleichgewicht zu halten und nimmt Abschied vom Nord-Süd-Denken. Das Massnahmenpaket ist von universeller Tragweite, denn es gilt nicht nur für die Entwicklungs-, sondern auch für die Industrieländer: Letztere müssen ebenfalls einen innerstaatlichen Beitrag zur Umsetzung leisten – beispielsweise durch ein nachhaltiges Konsumverhalten. Weiter bietet die Agenda nicht nur Leitlinien für Regierungen, sondern auch für andere Akteure wie den Privatsektor und die Zivilgesellschaft, welche stark an der Ausarbeitung der Ziele beteiligt waren.

Das Echo auf die Verabschiedung der Agenda 2030 fiel teilweise negativ aus. Während einige Kommentatoren das Vorhaben als zu ehrgeizig oder sogar als naiv und idealistisch einschätzten, war es vor allem der Umfang, der am meisten Kritik erntete: Wenn alles Priorität habe, sei nichts prioritär. In Wirklichkeit ist die Agenda das Abbild einer komplexen Welt, in der die Probleme, mit denen die Menschheit und der Planet konfrontiert sind, immer enger zusammenhängen.

Die Agenda hat den Vorteil: Sie mobilisiert die verschiedenen Akteure für eine gemeinsame Vision. An diesen Zielen sind künftige Fortschritte zu messen. Da die Agenda universell gültig ist, nimmt sie alle Länder und alle Akteure in die Pflicht, beseitigt Trennwände und knüpft Beziehungen.

Eine Agenda auch für die Schweiz

Die Schweiz hat sich stark an der Ausarbeitung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung beteiligt. Eine wichtige Rolle spielte sie bei der Annahme der Einzelziele in den Themenfeldern Wasser, friedliche Gesellschaften und Gleichstellung der Geschlechter.

Die Agenda 2030 bietet der Schweiz innerstaatlich wie auch bei ihren internationalen Aktivitäten einen wichtigen Bezugsrahmen: Das zeigt die neue Strategie Nachhaltige Entwicklung 2016–2019 des Bundesrates. In der Aussenpolitik nimmt die Botschaft zur internationalen Zusammenarbeit 2017–2020 über weite Strecken darauf Bezug.[1] Nach dem Bundesrat sollte auch das Parlament noch dieses Jahr darüber befinden.[2]

Inklusion fördern, Ungleichheiten reduzieren

Im Rahmen der Botschaft 2017–2020 sind die Aktivitäten der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), des Leistungsbereichs Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) sowie erstmals auch der Abteilung Menschliche Sicherheit (AMS) des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten in eine gemeinsame Strategie eingebettet.[3] Sie orientieren sich an der Vision: «eine Welt ohne Armut und in Frieden, für eine nachhaltige Entwicklung».

Bei der Armutsbekämpfung wird sich die internationale Zusammenarbeit mit den verschiedenen Dimensionen der Armut auseinandersetzen: Nebst einem Einkommen und menschenwürdiger Arbeit spielt auch der Zugang zum Gesundheits- und Bildungswesen eine Hauptrolle. Weiter sind die Möglichkeit eines jeden, seine Rechte geltend zu machen, sich Gehör zu verschaffen, nicht diskriminiert zu werden und unvorhersehbaren Umständen gewachsen zu sein, zentral.

Der Grundsatz, niemanden auszugrenzen («leave no one behind»), ist in der Agenda 2030 fest verankert. Besondere Aufmerksamkeit gilt in der Botschaft 2017–2020 Frauen und schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen wie Kindern, Jugendlichen, alten Menschen und Kranken. Im Mittelpunkt stehen Inklusion und Verringerung der Ungleichheiten.

Die Gleichstellung der Geschlechter wird zu einem strategischen Ziel der internationalen Zusammenarbeit. In den Ländern Osteuropas und Zentralasiens ist im Rahmen der Transitionszusammenarbeit auch die soziale Inklusion ein wichtiges Thema. Die Deza wird ihr Engagement im Bereich Grund- und Berufsbildung verstärken, um insbesondere Jugendlichen bessere Perspektiven zu bieten. Auch die wirtschafts- und handelspolitischen Massnahmen, die das Seco im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit umsetzt, werden zu einem nachhaltigen und inklusiven Wachstum beitragen.

Handeln in fragilen Kontexten

Um zur Verwirklichung einer friedlichen Welt beizutragen, wird die Schweiz im Zeitraum 2017–2020 fragilen Regionen sowie Regionen, die von einem Konflikt betroffen sind, in denen Armut, Instabilität und Gewalt herrschen, einen grossen Teil ihrer Aktivitäten widmen. Zudem gilt ihre Aufmerksamkeit der friedlichen Beilegung von Konflikten, der Förderung der Menschenrechte und dem Schutz der Zivilbevölkerung. Die langfristige Friedenskonsolidierung und die Verminderung von Konfliktursachen bleiben dabei weiterhin als zentrale Aspekte bestehen.

Mit der zunehmenden Anzahl von Krisen wird auch die humanitäre Hilfe ihre Arbeit fortsetzen, namentlich im Rahmen der Nothilfe für Vertriebene. Überdies sind langfristige Massnahmen erforderlich, um die kumulativen Herausforderungen in fragilen Ländern und Regionen zu bewältigen, in denen derzeit rund 1,5 Milliarden Menschen leben und wo sich 2030 zwei Drittel der Armen dieser Welt befinden werden. Daher ist geplant, die bilaterale Zusammenarbeit in Subsahara-Afrika zu erhöhen. Bis 2020 soll diese die Hälfte der bilateralen Zusammenarbeit der Deza darstellen.

Lösungen für globale Probleme

Die Schweiz fördert die nachhaltige Entwicklung weltweit. Da bereits die Botschaft 2013–2016 der Lösung globaler Herausforderungen im Zusammenhang mit Klimawandel, Ernährungssicherheit, Wasser, Gesundheit, Migration, Finanzen und Handel eine zentrale Bedeutung beigemessen hat, spielt die Schweiz hier eine Vorreiterrolle. Dieses Know-how hilft ihr bei der Umsetzung der Agenda 2030.

Diese globale Herausforderungen und die damit verbundenen Themen wie Sanitärversorgung, Ernährung, Energie, nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion, Migration und Mobilität sowie übertragbare Krankheiten sind nun sowohl auf UNO-Ebene wie auch in der Botschaft 2017–2020 verankert. Die Schweiz wird sich dabei sowohl multilateral als auch an der Seite ihrer Partnerländer für die Umsetzung der Ziele der Agenda 2030 sowie für deren Monitoring einsetzen.

Zudem sieht die Botschaft 2017–2020 eine Ausweitung der internationalen Zusammenarbeit im Umweltbereich vor. Hierbei sollen insbesondere die Zusammenhänge zwischen Umweltaspekten und Armut beachtet werden. Denn: Wird gegen den Klimawandel nichts unternommen, könnten infolge von hohen Lebensmittelpreisen oder Krankheiten bis im Jahr 2030 weitere 100 Millionen Menschen verarmen.[4]

Synergien nutzen

Um die Agenda 2030 umzusetzen, braucht es ein Umdenken: Es geht nicht nur darum, mehr zu tun, sondern auch und vor allem darum, anders vorzugehen und den Übergang zur Nachhaltigkeit zu fördern. Zu diesem Zweck müssen alle an einem Strick ziehen.

Diesbezüglich setzt auch die Botschaft 2017–2020 mehrere Schwerpunkte: Gestützt auf ihre jeweiligen Kompetenzen werden Deza, Seco und AMS vermehrt ihre Synergien nutzen. Beispielsweise durch engere Zusammenarbeit in Regionen, in denen sie gleichzeitig tätig sind – wie sie es bereits in Nordafrika umsetzen.

Partnerschaften mit verschiedensten Akteuren sind ebenfalls eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Schweiz ihre Vision und die Ziele der Agenda 2030 verwirklichen kann. Dazu arbeiten Deza, Seco und AMS bereits heute eng mit multilateralen Organisationen wie den Entwicklungsbanken und den Organisationen des UNO-Systems und mit der Zivilgesellschaft, dem Privatsektor sowie Forschungsinstitutionen zusammen. Diese Zusammenarbeit soll künftig noch intensiviert werden.

Vor allem Unternehmen kommt eine Schlüsselrolle zu. In Zukunft sind innovative Formen der Kooperation zu entwickeln, die verschiedene Akteure einbeziehen und Schweizer Know-how nutzen. Im Sinne der Agenda 2030 wird auch die Bedeutung bereichsübergreifender Ansätze sowie der Politikkohärenz für nachhaltige Entwicklung zunehmen.[5]

Hilfe mit Hebelwirkung vergrössern

Die Herausforderungen in der internationalen Zusammenarbeit nehmen zu. Immer mehr Aufgaben sind zu erfüllen. Langfristige Investitionen sind nötig, um die Armut dauerhaft zu verringern. Allein für die Finanzierung der Grundbildung (Primar- und Sekundarstufe) für alle wären in den einkommensschwachen Ländern jährlich 32 Milliarden Dollar erforderlich.[6] Doch auch der kurzfristige Bedarf steigt: Die zunehmende Anzahl grosser Krisen in den vergangenen Jahren und der Umfang der durch sie verursachten Bedürfnisse – etwa im Nothilfebereich – sind eine Belastung für die Budgets der Geber. Auch die Bekämpfung des Klimawandels wird zusätzlich zur Entwicklungshilfe erhebliche Investitionen erfordern.

Was ist also zu tun angesichts der – auch in der Schweiz – knappen Budgets? Die fünf Rahmenkredite, die dem Parlament für den Zeitraum 2017–2020 vorgeschlagen werden, belaufen sich auf fast 11 Milliarden Franken.[7] Die öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz entspricht in diesem Zeitraum einer Quote von 0,48 Prozent des Bruttonationaleinkommens.[8] Sie nähert sich dadurch der 0,5-Prozent-Quote, welche das Parlament 2011 beschlossen hat. Im Übrigen anerkennt die Schweiz die von der UNO empfohlene Quote von 0,7 Prozent.

Zusätzlich zur Entwicklungshilfe erfordert die Umsetzung der Agenda 2030 auch die Mobilisierung anderer Ressourcen. Beispiele sind Steuererträge der Entwicklungsländer, private Investitionen sowie Überweisungen von Migranten in ihre Herkunftsländer. In der Botschaft 2017–2020 wird daher die internationale Zusammenarbeit vermehrt als Katalysator verstanden, welcher diesen Prozess stärkt.

Um ihre Wirkungskraft zu erhöhen, setzt die internationale Zusammenarbeit erprobterweise auf Hebelwirkungen: Sie stärkt die Institutionen, verbessert die Rahmenbedingungen, fördert Reformvorhaben in den Partnerländern, beeinflusst globale Politikfelder, unterstützt Akteure des Wandels – insbesondere aus der Zivilgesellschaft und dem Privatsektor – und setzt sich für die Politikkohärenz für nachhaltige Entwicklung ein.

Schweiz leistet wichtigen Beitrag

Die Schweiz kann als solidarische, verantwortungsbewusste und kompetente Akteurin einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Agenda 2030 leisten. Im Zeitraum 2017 bis 2020 trägt die internationale Zusammenarbeit der Schweiz durch ihre thematischen Akzente, durch ihre Aktivitäten auf bilateraler und multilateraler Ebene und durch eine Stärkung ihrer Partnerschaften sowie dank ihrer Rolle als Katalysator und Hebel massgeblich dazu bei.

Gleichzeitig bietet die UNO-Agenda der Schweiz die Möglichkeit, das Engagement in einem grösseren Rahmen, welcher alle Nationen und alle Akteure umfasst, zu verankern. In einem internationalen Umfeld, das von Krisen erschüttert und von Zerfall bedroht ist, stellt dieses gemeinsame und weltweite Vorhaben eine grosse Chance dar.

  1. Im Sinne der Botschaft 2017–2020 umfasst die «internationale Zusammenarbeit» die humanitäre Hilfe, die technische Zusammenarbeit und die Finanzhilfe zugunsten von Entwicklungsländern, wirtschafts- und handelspolitische Massnahmen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit, Transitionshilfe sowie Massnahmen zur Förderung des Friedens und der menschlichen Sicherheit. []
  2. Die Position des Bundesrates zur Botschaft war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. []
  3. Die Botschaft umfasst fünf Rahmenkredite: Diese betreffen die humanitäre Hilfe und das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe, technische Zusammenarbeit und Finanzhilfe zugunsten von Entwicklungsländern, wirtschafts- und handelspolitische Massnahmen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit, Transitionshilfe in den Ländern Osteuropas und Zentralasiens sowie Massnahmen zur Förderung des Friedens und der menschlichen Sicherheit. []
  4. Hallegatte S. et al. (2016). Shock Waves: Managing the Impacts of Climate Change on Poverty, Climate Change and Development Series, Weltbank. []
  5. Siehe Artikel von Werner Thut (Deza) in dieser Ausgabe. []
  6. Greenhill R. et al. (2015). Financing the Future: How International Public Finance Should Fund a Global Social Compact to Eradicate Poverty, Bericht, Overseas Development Institute. []
  7. Der definitive Vorschlag des Bundesrats lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. []
  8. Gemäss dem vom Bundesrat genehmigten Stabilisierungsprogramm 2017–2019. Die öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz umfasst mehr als die Budgets der internationalen Zusammenarbeit, namentlich die Kosten, die im Zusammenhang mit der Aufnahme von Asylsuchenden aus Entwicklungsländern im ersten Jahr ihres Aufenthalts in der Schweiz anfallen. []

Dr. iur., Programmbeauftragte, Abteilung Analyse und Politik, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), Bern

UNO-Agenda 2030: Eine breite Themenpalette

An der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklunga haben in fast dreijährigen Verhandlungen alle 193 UNO-Mitgliedstaaten mitgearbeitet. In bisher einmaligem Umfang waren auch nicht staatliche Akteure – insbesondere aus der Zivilgesellschaft und dem Privatsektor – beteiligt.

Die Agenda umfasst 17 Nachhaltigkeitsziele (SDG) und 169 Unterziele. Im Mittelpunkt steht weiterhin die Armutsbekämpfung: So ist das erste Ziel die Beseitigung der extremen Armut bis 2030. Die Agenda deckt gleichzeitig ein breiteres Themenspektrum ab, das die verschiedenen Säulen der nachhaltigen Entwicklung ausgewogen einbezieht und die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Bereichen hervorhebt.

 

Neben Themen wie Bildung, Gesundheit und Ernährungssicherheit, die bereits Gegenstand der Millenniumsentwicklungsziele waren, haben in der neuen Agenda Umweltfragen (wie Klimawandel und Biodiversität) sowie Wirtschaftsthemen (Nachhaltigkeit von Wachstum, Beschäftigung, Produktion und Konsum) einen hohen Stellenwert. Spezifische Einzelziele betreffen zudem die Förderung friedlicher und inklusiver Gesellschaften und die Verringerung der Ungleichheit.

aResolution 70/1 der UNO-Generalversammlung, verabschiedet am 25. September 2015, Transformation unserer Welt: Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung.

Dr. iur., Programmbeauftragte, Abteilung Analyse und Politik, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), Bern