Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Forschung und Innovation – wie die Schweiz an der Spitze bleibt»

Vielfalt an Förderangeboten überfordert Firmen

Unternehmen haben häufig Mühe, unter den zahlreichen kantonalen, regionalen und nationalen Förderangeboten die Übersicht zu bewahren. Dies zeigt eine Umfrage bei innovativen Unternehmen in der Schweiz.

Preisgekrönte Innovation aus Zürich: Jungunternehmer David Allemann (r.) und Designer Alex Brunner mit ihren «On»-Laufschuhen. (Bild: Keystone)

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Wie finden sich Unternehmen unter den zahlreichen Angeboten zu Forschung- und Innovationsförderung zurecht? Um dieser Frage nachzugehen, wurde das Angebot öffentlicher Innovationsförderung der Nachfrage in der Schweiz gegenübergestellt. Auf der Seite der Nachfragenden standen die Bedürfnisse und die Erfahrungen besonders innovativer Unternehmen im Zentrum. Sowohl Experten öffentlicher Innovationsförderung als auch für Innovationspreise nominierte Unternehmen teilen insgesamt die Einschätzung, dass es ein kaum überschaubares Angebot an Dienstleistungen öffentlicher Innovationsförderung gibt. Allerdings beurteilt die Anbieterseite diesen Umstand mehrheitlich als nicht problematisch. Vielmehr wird argumentiert, die Vielfalt fördere Konkurrenz und Qualität. Die befragten Unternehmen bewerten diesen Umstand dagegen kritisch. Vor allem jenen Unternehmen, die noch nie Unterstützung beansprucht haben, fehlt eine Übersicht über die Anbieter öffentlicher Innovationsförderung.

In der Schweiz sind zahlreiche öffentliche und private Akteure in der Forschungs- und Innovationsförderung aktiv. In einer Bestandsaufnahme haben das Forschungsinstitut Interface und die Universität Genf insgesamt 93 kantonale, 14 regionale und 19 nationale Anbieter öffentlicher Innovationsförderung identifiziert. Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit (siehe Kasten 1).

Besonders viele Anbieter gibt es in der Westschweiz (siehe Abbildung 1). Durch die Auswertungen der regionalen Kooperationen konnten ausserdem die vier regionalen Schwerpunkte «Westschweiz», «Zentralschweiz», «Nord­schweiz» und «Ostschweiz» ausgemacht werden.

Abb. 1: Innovationsförderung in den Kantonen und Regionen

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Anmerkung: Die Abbildung illustriert, wie viele Anbieter jeder Kanton aufweist und wie die Kantone im Rahmen regionaler Förderaktivitäten miteinander kooperieren. Die jeweilige Anzahl von Anbietern in einem Kanton ergibt sich aus der Zahl der Stellen, die in erster Linie in einem Kanton aktiv sind, sowie aus den Beteiligungen an regionalen Förderangeboten.

Quelle: Erhebung: Interface und Universität Genf, Geometrie: BfS / Die Volkswirtschaft

Kritische Stimmen aus der Westschweiz

Auf der Seite der Nachfragenden standen die Bedürfnisse und die Erfahrungen besonders innovativer Unternehmen im Zentrum. Darunter werden Unternehmen verstanden, die für einen der wichtigen Schweizer Innovationspreise nominiert waren (zum methodischen Vorgehen siehe Kasten 2).

Die Befragten schätzen die Wichtigkeit, aber auch den Nutzen öffentlicher Innovationsförderung als eher hoch ein (siehe Abbildung 2). Dies trifft insbesondere auf diejenigen Unternehmen zu, welche bereits Unterstützung in Anspruch genommen haben. Auffällig ist: Mehrheitlich fehlt den Befragten eine Übersicht über das Angebot; zudem beurteilen sie den Zugang zu den richtigen Anbietern öffentlicher Innovationsförderung oft als schwierig. Besonders hoch ist die Unzufriedenheit bei Unternehmen, welche bisher keine Förderung in Anspruch genommen haben.

Die Untersuchung macht weiter deutlich, dass insbesondere die Befragten aus der Westschweiz und dem Tessin die Koordination der Anbieter öffentlicher Innovationsförderung kritisch beurteilen. Zehn (rund 60%) der antwortenden Unternehmen aus der lateinischen Schweiz sind der Meinung, dass die Anbieter auf den Ebenen Bund, Regionen und Kantonen schlecht aufeinander abgestimmt sind. In der Deutschschweiz sind 14 (rund 30%) der antwortenden Unternehmen dieser Meinung. Demgegenüber beklagen die Deutschschweizer – im Vergleich zur lateinischen Schweiz – häufiger die ungenügende Übersicht über die Anbieter. Zudem wünschen sich die Deutschschweizer häufiger eine Beschränkung der Innovationsförderung auf die Optimierung der Rahmenbedingungen.

Abb. 2: Einstellung von befragten Unternehmen gegenüber der öffentlichen Innovationsförderung

Anmerkung: Die Anzahl der Befragten variiert je nach Frage zwischen 70 und 81.

Quelle: Interface und Universität Genf / Die Volkswirtschaft

Schliesslich hat die Befragung ergeben: Zwei Drittel der für Innovationspreise nominierten Unternehmen hatten Kontakte zu Anbietern öffentlicher Innovationsförderung. Die Zweckmässigkeit dieser Kontakte wird im Allgemeinen als hoch bewertet. Bemerkenswert ist: Während die Unternehmen die Unterstützung kantonaler und regionaler Anbieter besonders schätzen, bewerten sie die Unterstützung durch nationale und internationale Anbieter zurückhaltender. Zudem beurteilen die befragten Unternehmen den Nutzen «weicher» Dienstleistungen wie Information und Beratung als überdurchschnittlich hoch. Den Nutzen finanzieller Unterstützung empfinden sie hingegen als bedeutend weniger hoch.

Öffentliche Anbieter begrüssen Vielfalt

An einem Expertenworkshop wurden letztes Jahr ausgewählte Ergebnisse der Untersuchung mit Fachleuten der kantonalen, der regionalen und der nationalen Innovationspolitik diskutiert.[1] Dort teilten die Anbieter öffentlicher Innovationsförderung den Eindruck einer Vielfalt von Innovationsakteuren zwar. Sie beurteilen diesen Umstand aber mehrheitlich als nicht problematisch. Vielmehr sehen sie darin eine Situation, welche konkurrenzfördernd wirkt. Gemäss den Fachleuten sind die Förderangebote auf den unterschiedlichen Staatsebenen (kantonal und regional, national, international) komplementär, und die Zusammenarbeit funktioniert gut. Daher gibt es ihrer Ansicht nach kaum Handlungsbedarf in Richtung Förderung von Transparenz und Übersichtlichkeit bei den innovationspolitischen Angeboten.

Demgegenüber fehlt den innovativen Unternehmen, welche sich an der Befragung beteiligt haben, eine Übersicht über die Anbieter öffentlicher Innovationsförderung mehrheitlich. Vor allem jene Unternehmen, die noch nie Unterstützung beansprucht haben, sind der Meinung, die Übersicht sei ungenügend. Es sei für sie schwierig, Zugang zu den richtigen Anbietern zu finden. Und: Die Angebote des Bundes wie auch jene der Kantone und Regionen ergänzten sich nicht optimal.

Die vorliegende Studie erlaubt es nicht, die Frage, ob es notwendig ist, die Koordination über die Anbieter öffentlicher Innovationsförderung zu verbessern, abschliessend zu beantworten. Dazu sind die empirischen Grundlagen zu schmal. Allerdings ergeben sich sowohl aus der grossen Anzahl erfasster Anbieter als auch aus den Ergebnissen der Befragung Indizien dafür, dass hinsichtlich Übersicht über die Aktivitäten öffentlicher Innovationsförderung sowie deren Koordination Handlungsbedarf besteht.

  1. Der Workshop unter der Leitung von Andreas Balthasar und Frédéric Varone (Professor für Politikwissenschaft an der Universität Genf) fand am 22. April 2015 in Bern statt. []

Titularprofessor für Politikwissenschaft, Universität Luzern; Senior Consultant, Interface Politikstudien Forschung Beratung, Luzern

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Interface Politikstudien Forschung Beratung, Luzern

Kasten 1: Innovationsförderer mit Internetrecherche gefunden

Die Erhebung der Anbieter öffentlicher Innovationsförderung erfolgte mittels einer Internetrecherche. Dafür wurden mehrere Quellen verwendet, unter anderem die offiziellen Internetauftritte der Kantone, die nationale Netzwerkstelle für Regionalentwicklung Regiosuisse, das KMU-Portal der Schweizerischen Eidgenossenschaft, der Internetauftritt der Association of Swiss Technology Parks and Business Incubators und die Website «Ansiedlung Schweiz». Ausgehend von diesen Quellen, wurden mittels Schneeballprinzip und Expertengesprächen weitere Anbieter identifiziert. Es versteht sich von selbst, dass die auf diese Weise zusammengestellte Liste von Anbietern öffentlicher Innovationsförderung keine Vollständigkeit beanspruchen kann. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist ausserdem zu beachten, dass die Datenbasis (Anzahl Anbieter) keine Aussagen über die Intensität und die Qualität der Innovationsförderung in einem Kanton zulässt.

Kasten 2: Repräsentative Umfrage bei Unternehmen

Die Nachfrage besonders innovativer Unternehmen nach öffentlicher Innovationsförderung wurde mittels einer Befragung von 317 Unternehmen erhoben, welche zwischen 2010 und 2014 für den Swiss Economic Award oder den Swiss Technology Award des Swiss Economic Forum, den Prix SVC des Swiss Venture Club oder den Schweizer Innovationspreis der Idee-Suisse nominiert waren. Der verwertbare Rücklauf liegt bei 26 Prozent, was 82 Unternehmen entspricht. Die Repräsentativität des Samples der nominierten Unternehmen konnte anhand einer Gegenüberstellung mit den Daten der Innovationsbefragung der KOF (Arvanitis et al. 2013) bestätigt werden. Bei der Interpretation der Ergebnisse muss berücksichtigt werden, dass sich die Bedürfnisse von Unternehmen stark unterscheiden können. Dies wirkt sich unter anderem auf die Einschätzung des Nutzens von Förderaktivitäten aus.

Literatur

  • Arvanitis, S., Ley, M., Seliger, F., Stucki, T., Wörter, M. (2013). Innovationsaktivitäten in der Schweizer Wirtschaft. Eine Analyse der Ergebnisse der Innovationserhebung 2011, Zürich.
  • Frédéric Varone (Universität Genf), Andreas Balthasar (Interface, Universität Luzern), Milena Iselin (Interface), Chantal Strotz (Interface) (2016). Angebot und Nachfrage öffentlicher Innovationsförderung. Bestandsaufnahme und Befragung von Unternehmen, die für Innovationspreise nominiert waren. Luzern/Genf.

Titularprofessor für Politikwissenschaft, Universität Luzern; Senior Consultant, Interface Politikstudien Forschung Beratung, Luzern

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Interface Politikstudien Forschung Beratung, Luzern