Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Forschung und Innovation – wie die Schweiz an der Spitze bleibt»

Multis schätzen Nähe zu den Hochschulen

Multinationale Unternehmen sind ein wichtiger Pfeiler des Forschungsstandorts Schweiz. Die Nähe zu den Hochschulen und qualifizierte Fachkräfte sind aus Firmensicht ausschlaggebend für die Standortwahl. Andere Länder holen jedoch auf.

Roche-Chef Severin Schwan in Basel. Der Pharmakonzern liegt bei der Anzahl Patentanmeldungen in der Schweiz an der Spitze. (Bild: Keystone)

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Die Internationalisierung wertschöpfender Aktivitäten ist ein anhaltender Trend, der neben anderen Bereichen auch für das Schweizer Forschungs- und Innovationssystem weitreichende Folgen mit sich bringt. Da multinationale Unternehmen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle spielen, ist es für die Schweiz von besonderer Wichtigkeit, für international tätige Grossunternehmen ein attraktives Umfeld zu bieten. Gemäss einer empirischen Erhebung sind der Zugang zu hoch qualifizierten Fachkräften und die Nähe zu führender Forschung die wichtigsten Gründe für multinationale Unternehmen, F&I-Aktivitäten hier durchzuführen. Die Ergebnisse zeigen: Die Rahmenbedingungen für die Durchführung von F&I-Aktivitäten sind weiterhin gut. Aber: Die komparativen Wettbewerbsvorteile nehmen ab. Daher ist eine weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen zu empfehlen.

Zahlreiche Unternehmen haben wesentliche Teile ihrer Wertschöpfung in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker internationalisiert. Dieser Prozess beschränkt sich nicht auf einzelne Bereiche wie die Produktion, sondern erstreckt sich auch auf Forschungs- und Innovationsaktivitäten.

Als Treiber für Innovation sind multinationale Unternehmen für das nationale Forschungs- und Innovationssystem von zentraler Bedeutung: Grossunternehmen sind in der Schweiz inputseitig für über 70 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) verantwortlich. Outputseitig verantworten allein die Top 10 multinationalen Unternehmen nach Patentanmeldungen mehr als die Hälfte der Patentanmeldungen in der Schweiz.

Durch ihre Verbindungen zu verschiedenen Akteuren spielen die Konzerne auch indirekt – als Katalysatoren – eine zentrale Rolle. So betreiben Hochschulen und Konzerne gemeinsame Forschungs-und-Innovations-Zentren (sogenannte F&I-Labs): Beispiele sind das Forschungszentrum für Nanotechnologie des IT-Unternehmens IBM und der ETH-Zürich, das Nestlé Institute of Health Sciences an der ETH-Lausanne sowie das «Internet der Dinge und Dienste»-Labor des Technologiekonzerns Bosch an der Universität St. Gallen. Dass aus solchen Kooperationen erfolgreiche Spin-offs entstehen können, zeigte das preisgekrönte Spin-off der Universität St. Gallen und der ETH Zürich, Comfylight, welches intelligente LED-Lampen entwickelt.

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) profitieren von Kooperationen mit den Grossunternehmen in der Schweiz. Indem sie sich als Zulieferer hoch spezialisierter Komponenten in Wertschöpfungsketten der Konzerne eingliedern, erlangen sie den Zugang zu internationalen Märkten – und können sich so in Nischenmärkten zu «Hidden Champions» entwickeln. Zudem besteht für die KMU die Möglichkeit, sich an den zukunftsorientierten Schwerpunktthemen der Konzerne auszurichten (vgl. Abbildung 1).

Abb. 1: Akteure im nationalen Forschungs- und Innovationssystem

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Quelle: Graham und Woo (2009), OECD (1999), eigene Darstellung / Die Volkswirtschaft

Fachkräfte als Trumpf

Der Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern ist für multinationale Unternehmen der Hauptgrund, warum sie in der Schweiz Forschung und Innovation betreiben (siehe Abbildung 2 und Kasten). In Experteninterviews des Instituts für Technologiemanagement der Universität St. Gallen mit Unternehmensvertretern zeigte sich: Grossunternehmen greifen gerne auf hoch qualifizierte Absolventen der Schweizer Hochschulen zurück – allen voran auf Abgänger der beiden ETH in Zürich und Lausanne. Weitere Pluspunkte sind die guten Rahmenbedingungen bezüglich Lebensqualität und Infrastruktur.

Ebenfalls zentral ist die Nähe zu führender Forschung und Spitzentechnologie. Dies ermöglicht es den multinationalen Unternehmen, in der Forschung mit den Hochschulen zusammenzuarbeiten – was den Austausch und die Weiterentwicklung des nationalen Forschungs- und Innovationssystems vorantreibt. Dass dies in der Vergangenheit überaus gut funktioniert hat, ist nicht zuletzt an der weltweiten Spitzenposition der Schweiz bezüglich Patentanmeldungen pro Kopf zu erkennen.

Abb. 2: Gründe für F&I in der Schweiz aus Sicht multinationaler Unternehmen

Anmerkung: Durchschnitt, Anzahl befragter multinationaler Unternehmen = 45; 7-Punkt-Likert-Skala.

Quelle: Gassmann, Homann & Palmié (2016) / Die Volkswirtschaft

Öffentliche Förderung als Schwachstelle

Die Diskussion der Attraktivität und der Verbesserungspotenziale kann in folgende Kategorien gegliedert werden (siehe Abbildung 3)[1]:

  • Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal
  • Qualität der Hochschulen und Forschungsinstitute
  • Steuerliche und finanzielle Anreize für F&I
  • Förderung von F&E
  • Schutzrechte beim geistigen Eigentum

Wie schon erwähnt, punktet die Schweiz in der Befragung bei der Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal. Sowohl bezüglich des Bildungsniveaus als auch bezüglich des Zugangs zu qualifiziertem Personal wird das Land als sehr attraktiv eingeschätzt. Verbesserungspotenziale werden von multinationalen Unternehmen in der Erhöhung des naturwissenschaftlichen Anteils an der Bildung gesehen, um die Verfügbarkeit inländischer Fachkräfte zu verbessern. Darüber hinaus ist es für Grossunternehmen wichtig, dass der Zugang zu ausländischen Fachkräften auch in Zukunft sichergestellt ist.

Bezüglich der Qualität der Hochschulen und Forschungsinstitute wird die Schweiz ebenfalls als sehr attraktiv eingeschätzt. Verbesserungspotenziale bestehen diesbezüglich in der Erhöhung der Autonomie der Hochschulen, der Sicherstellung einer soliden Grundfinanzierung dieser sowie der Einrichtung eines nationalen Innovationsparks.

Ebenfalls als sehr attraktiv werden die Schutzrechte beim geistigen Eigentum beurteilt – sowohl mit Bezug auf den Zugang zu Schutz als auch bezüglich der Durchsetzung von Rechten an geistigem Eigentum.

In Hinblick auf steuerliche und finanzielle Anreize für F&I wird die Attraktivität der Schweiz hingegen lediglich als mittelmässig eingeschätzt. Die Gesamtsteuerbelastung ist dabei zwar attraktiv, die Steueranreize basierend auf Inputs (z. B. durch eine Mehrfachabzugsfähigkeit des F&I-Aufwands bei der Gewinnsteuer) und Outputs (z. B. durch Lizenzboxen) werden jedoch als weniger attraktiv eingeschätzt. Verbesserungspotenziale bestehen unter anderem aufgrund der im internationalen Vergleich niedrigen steuerlichen Begünstigung von F&I-Ausgaben. Es ist zu beachten, dass das steuerliche Umfeld durch die Unternehmenssteuerreform III derzeit einem Wandel unterliegt.

Betreffend die Förderung von F&E wird die Schweiz von multinationalen Unternehmen als am wenigsten attraktiv von allen Punkten angesehen. Verbesserungspotenziale bestehen aus Sicht der Befragten in der stärkeren staatlichen Förderung von F&E durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) und die Förderagentur für Innovation des Bundes (KTI). Insbesondere wird die Wichtigkeit der Teilnahme der Schweiz am EU-Förderprogramm Horizon 2020 betont.

Abb. 3: Attraktivität und Verbesserungspotenziale in der Schweiz aus Sicht multinationaler Unternehmen

Anmerkung: 7-Punkt-Likert-Skala von 1 = sehr unattraktiv bis 7 = sehr attraktiv bzw. von 1 = Verbesserung ist unwichtig bis 7 = Verbesserung ist sehr wichtig. Anzahl befragter multinationaler Unternehmen = 48.

Quelle: Gassmann, Homann & Palmié (2016) / Die Volkswirtschaft

Bessere Rahmenbedingungen erwünscht

Insgesamt ist festzustellen, dass die Schweiz weiterhin eine führende Position im internationalen Wettbewerb einnimmt, dass die komparativen Vorteile des Landes jedoch vermehrt unter Druck geraten. Entgegen der verbreiteten Meinung, dass die Innovativität der Schweiz vor allem auf starke KMU zurückzuführen ist, treibt insbesondere das symbiotische Zusammenspiel von multinationalen Unternehmen mit anderen Akteuren der Schweizer Wirtschaft und Hochschullandschaft die Innovationskraft voran und bringt die Schweiz in eine weltweit führende Position.

Der Nutzen, den die Schweiz als Volkswirtschaft aus den F&I-Aktivitäten multinationaler Unternehmen zieht, umfasst dabei unter anderem den signifikanten Anteil der multinationalen Unternehmen an der Gesamtwertschöpfung, die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit lokaler Unternehmen, die Schaffung gut bezahlter Arbeitsplätze, die qualitativ hochwertige Ausbildung von Nachwuchs, die Stärkung des Hochschulsektors sowie die Vernetzung Schweizer Akteure des F&I-Sektors im In- und Ausland.

Die Schweiz bietet aus Unternehmenssicht zwar weiterhin gute Rahmenbedingungen für F&I-Aktivitäten. Aufgrund des steigenden internationalen Wettbewerbs ist eine weitere Verbesserung jedoch zu empfehlen: erstens durch eine für Forscher und Spitzenkräfte attraktive und offene Nation, zweitens durch die Überprüfung einer möglichen steuerlichen Förderung von F&I und drittens durch die Weiterentwicklung zentraler Förderinstrumente wie SNF und KTI.

  1. Guimón, J., 2011. Policies to Benefit from the Globalization of Corporate R&D: An Exploratory Study for EU Countries. Technovation, 31, S. 77–86. []

Professor für Technologie- und Innovationsmanagement und Direktor des Instituts für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Forschungsassistent und Doktorand, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Assistenzprofessor für Energie- und Innovationsmanagement, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Umfrage und Experteninterviews

Dieser Artikel fasst die Resultate einer Studie des Instituts für Technologiemanagement der Universität St. Gallen (ITEM-HSG) zusammen. Die Studie basiert auf einer repräsentativen Umfrage im Winter 2014/2015 unter 54 multinationalen Unternehmen sowie auf 20 Experteninterviews mit Vertretern multinationaler Unternehmen, Schweizer KMU und Schweizer Hochschulen. Sie wurde gemeinsam vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) sowie den Wirtschaftsverbänden Economiesuisse, Scienceindustries und Swissholdings in Auftrag gegeben und finanziert.

Die Studie «F&I-Aktivitäten multinationaler Unternehmen in der Schweiz» ist unter Sbfi.admin.ch und Economiesuisse.ch abrufbar.

Professor für Technologie- und Innovationsmanagement und Direktor des Instituts für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Forschungsassistent und Doktorand, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Assistenzprofessor für Energie- und Innovationsmanagement, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen