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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Entwicklungszusammenarbeit: Die Prioritäten der Schweiz»

Wirksame Entwicklungshilfe baut auf Fakten

In der Entwicklungszusammenarbeit kann die Wirksamkeit gesteigert werden. Dazu müssen die Entwicklungsinterventionen professionell analysiert werden. Ebenso wichtig ist es für jede Organisation, sich zu fokussieren und ihre Aktivitäten zu koordinieren.

Mithilfe von Analysen können die Entwicklungsprojekte verbessert werden. Eine Agrarexpertin berät einen Bauer in Ecuador. (Bild: Keystone)

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Vor dem Hintergrund einer steigenden Anzahl an Entwicklungszielen bei gleichzeitig knappen Ressourcen bleibt eine kritische Auseinandersetzung mit der Wirksamkeit von Entwicklungshilfe relevant. Eine generelle Bewertung von Entwicklungszusammenarbeit als Instrument zur Überwindung von Armut ist weder zielführend noch methodisch möglich. Allerdings können spezifische Politikmassnahmen der Entwicklungszusammenarbeit auf ihre Wirksamkeit analysiert werden. Bestehendes Wissen sollte vermehrt genutzt werden und in globales Wissen zur Armutsreduktion investiert werden: Erfolgversprechende Projekte können gefördert, Verbesserungspotenziale identifiziert und Misserfolge vermieden werden. Eine konsequente Wirkungsorientierung erfordert spezialisierte Entwicklungsorganisationen, eine koordinierte Schweizer Politik und auch eine fehlertolerante Öffentlichkeit.

Die UNO hat letztes Jahr mit der Agenda 2030 die Anzahl der internationalen Entwicklungsziele erhöht: von 8 Millenniumszielen auf 17 Nachhaltigkeitsziele (SDG) mit 169 Unterzielen. Fast gleichzeitig wurde in einigen Ländern – darunter die Schweiz – das Budget für Entwicklungszusammenarbeit gekürzt. Wie passt das zusammen? Wie soll mit weniger Mitteln mehr erreicht werden? Klar ist: Begrenzte Mittel erfordern einen effektiven Einsatz von Geldern und eine wirksame Entwicklungszusammenarbeit.

Ein Massstab für die Wirksamkeit ist weder die plangetreue Umsetzung von Projekten noch, ob jeder Rappen bei den Armen ankommt. Sondern es geht darum, wie stark jeder Rappen, der ankommt, die Lebensbedingungen armer Menschen langfristig verbessert (siehe Kasten).

In den letzten 25 Jahren wurde die globale Armut halbiert. Welchen Beitrag die Entwicklungszusammenarbeit hierzu geleistet hat, ist mit makroökonomischen Studien nicht präzise zu analysieren.[1] Allerdings zeigen viele wissenschaftliche Studien auf, dass spezifische Interventionen in unterschiedlichen Kontexten effektiv die Lebensbedingungen ärmerer Bevölkerungsgruppen verbessert haben.[2] Trotz grosser Fortschritte in der Vergangenheit bleibt jedoch die weltweite Reduktion von Armut und Ungleichheit eine Herausforderung für die Zukunft.

Mit wissenschaftlichen Methoden lernen

Wie kann die Wirksamkeit erhöht werden? Von Erfolgen und Fehlern in der Entwicklungszusammenarbeit muss noch mehr gelernt werden. Es ist an der Zeit, endlich von der alten Debatte «Wirkt Entwicklungshilfe, ja oder nein?» wegzukommen und eine neue Debatte anzustossen: «Welche Form der Entwicklungszusammenarbeit in welchen Kontexten wirkt und welche nicht?» Die Identifizierung von wirksamen Entwicklungsinterventionen mithilfe von wissenschaftlich anerkannten Methoden[3] sollte nicht nur im Interesse der Befürworter der Entwicklungshilfe sein, zu denen 9 von 10 Einwohnern in der Schweiz zählen,[4] sondern auch im Sinne der Kritiker.

Armutsbekämpfung ist komplex. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, bessere Mittel und Wege zu suchen, um diese Herausforderung anzugehen. Dazu muss bestehendes Wissen genutzt und Wissenslücken müssen identifiziert und geschlossen werden. Entwicklungszusammenarbeit sollte so weit wie möglich auf Fakten und nicht auf Meinungen aufbauen.

Das heisst nun nicht, dass jedes einzelne Projekt oder Programm der Entwicklungszusammenarbeit evaluiert werden muss. Es muss auch nicht jedes Unterfangen seinen eigenen Datenfriedhof generieren. Daten werden gesammelt, aber oft fehlen die Zeit und die Kapazität, diese Daten auszuwerten und die daraus gewonnenen Erkenntnisse anzuwenden. Studien zur Wirksamkeit der Entwicklungshilfe sollten nicht nur der Rechenschaftspflicht einer Organisation dienen, sondern sollten vor allem zu einer kontinuierlichen Verbesserung von Entwicklungsprogrammen führen, ganz im Sinne des französischen Schriftstellers André Gide: «Croyez ceux qui cherchent la vérité, doutez de ceux qui la trouvent.»

Die Generierung von entwicklungspolitisch relevantem Wissen sollte sich nicht auf die eigene Organisation beschränken: Lernen muss über Institutionen hinweg stattfinden. Die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit liegt auch darin, mehr in globales Wissen zur Armutsreduktion zu investieren[5] und dieses zu nutzen.

Ehrlichkeit auch bezüglich der Herausforderungen

Entwicklungszusammenarbeit soll in Zukunft nicht nur zur Armutsreduktion beitragen, sondern soll sich gemäss der Agenda 2030 zusätzlich noch anderen globalen Problemen (wie Klimawandel und internationaler Sicherheit) stellen. Es ist sicher richtig, dass zur Verbesserung von weltweiten Lebensbedingungen nicht nur ökonomische, sondern genauso soziale, politische und ökologische Entwicklung gehört und ein ganzheitlicher Ansatz gefragt ist. Aber können wir all diese Herausforderungen mit den Instrumenten der Entwicklungszusammenarbeit angehen, deren Finanzierung noch reduziert wird? Entwicklungshilfe ist nicht die Lösung für alle globalen Probleme.

Die Arbeitsgemeinschaft Schweizer Hilfswerke Alliance Sud hat 2015 ein Buch mit dem Titel «Zur Unübersichtlichkeit der Welt»[6] publiziert. Dieser Unübersichtlichkeit der Entwicklungszusammenarbeit würde ich gerne eine neue Ehrlichkeit der Entwicklungszusammenarbeit an die Seite stellen: Durch unzählige Studien[7] haben wir in den letzten Jahren viel darüber gelernt, welche Art von Interventionen funktionieren und welche nicht. Sowohl über Erfolge als auch über Misserfolge sollte offener kommuniziert und diskutiert werden, ohne dabei unsere humanitäre Pflicht gegenüber den eine Milliarde Armen der Welt[8] jedes Mal infrage zu stellen. Nur so können wir lernen und Verbesserungspotenziale identifizieren.

Ebenso gilt es, offener zu kommunizieren, was mit den begrenzten Mitteln von insgesamt rund 3,5 Milliarden Franken öffentlicher und privater Entwicklungsgeldern,[9] die in der Schweiz zur Verfügung stehen, weltweit überhaupt erreicht werden kann. Ehrlichkeit bezüglich der offenen Fragen von Entwicklungszusammenarbeit ist gefragt. Denn: Für viele scheinbar einfache Entwicklungsprobleme, wie zum Beispiel die kostengünstige und nachhaltige Bereitstellung von sauberem Trinkwasser in ruralen Gebieten, gibt es (noch) keine guten Lösungen. Auch müssen wir akzeptieren, dass aus methodischer Sicht nicht alle Entwicklungsprojekte und -programme bezüglich ihrer Wirksamkeit evaluiert werden können.

Kernkompetenzen stärken

Kontinuierliches Lernen für einen bestmöglichen Einsatz von Entwicklungsgeldern erfordert Fokussierung. Eine Entwicklungsorganisation kann nicht auf allen Gebieten der Entwicklungszusammenarbeit Spezialistin sein. Bei 169 Unterzielen der Agenda 2030 besteht des Weiteren die Gefahr, die Reduzierung der weltweiten Armut und Ungleichheit aus den Augen zu verlieren: Die Beendigung des weltweiten Hungers (Ziel 2.1) ist dort genauso aufgelistet wie die Förderung von nachhaltigem Tourismus (Ziel 8.9).

Nach der breiten Auslegung der Agenda 2030, die richtigerweise die Komplexität von Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit widerspiegelt, sollten wir uns jetzt wieder fokussieren. Die Agenda 2030 ist nicht als Zielekatalog für Organisationen zu verstehen, sondern nur als normativer Rahmen für eine lebenswerte Zukunft, zu der jede Organisation ihren ganz spezifischen Beitrag leisten kann.

Fokus erlaubt es einer Organisation, sich zu professionalisieren, um ihre Mittel effektiv einzusetzen. Er ermöglicht es ihr, mehr Verantwortung für durchgeführte Programme zu tragen. Fokus ist auch nötig, um zu vermeiden, dass Gelder, die für Entwicklungszusammenarbeit vorgesehen wurden, für sachfremde Zwecke, wie zum Beispiel den Klimaschutz, verwendet werden. Dafür sind andere Budgets erstellt worden.

Koordination der gesamten Politik

Will man die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit erhöhen, müssen die verschiedenen Politikbereiche – darunter etwa die Finanz- und Handelspolitik – besser koordiniert werden. Denn: Entwicklungszusammenarbeit ist ein wichtiger Baustein zur Armutsreduktion, aber nicht der einzige. Exemplarisch seien hier unlautere Finanzflüsse aus den Entwicklungsländern genannt, die jährlich ungefähr das Zehnfache der internationalen Entwicklungszusammenarbeit ausmachen.[10]

Eine vollkommene Politikkohärenz wird man nie erreichen. Zu gegensätzlich sind die Interessen und Ziele von verschiedenen Akteuren. Jedoch kann eine verbesserte Politikkoordination und -kooperation mit Abwägen von verschiedenen Interessen zu einer wirksameren Schweizer Entwicklungszusammenarbeit führen.

Eine verstärkte Koordination der Politikbereiche führt nicht nur zu einer erhöhten Kohärenz der Schweizer Entwicklungspolitik, sondern kann zusätzlich zu einer sinnvollen Arbeitsteilung führen, um mit verschiedenen Instrumenten und Mitteln verschiedene globale Ziele wirksam anzugehen. Entwicklungsorganisationen können sich dafür engagieren, dass auch andere Politikbereiche ökonomische, soziale und politische Entwicklungsziele stärker in ihren Agenden berücksichtigen.

  1. Channing Arndt, Sam Jones und Finn Tarp (2015). []
  2. Vgl. Datenbank «Impact Evaluations» der Non-Profit-Organisation 3ie unter www.3ieimpact.org[]
  3. Angrist, Joshua und Jörn-Steffen Pischke (2014). []
  4. GFS (2014). []
  5. Levine, Ruth und William Savedoff (2015). []
  6. Alliance Sud (2015). []
  7. 3ieimpact.org. []
  8. Stichwort Poverty–Overview unter Weltbank.org. []
  9. Deza, Zahlen und Statistiken[]
  10. Kar, Dev und Joseph Spanjers (2014). []

Professorin für Entwicklungsökonomie, Leitung NADEL – Center for Development and Cooperation, ETH Zürich

Wirkungsstudien

Wirkungsstudien in der Entwicklungszusammenarbeit quantifizieren die Veränderung der Lebensbedingungen der Bevölkerung (Individuen, Haushalte, Dörfer oder Firmen), die einem Projekt oder einer Politikmassnahme direkt zugeschrieben werden kann. Die Frage, welche hierzu beantwortet werden muss, ist: Was wäre gewesen, hätte keine Entwicklungsintervention stattgefunden? Die methodische Herausforderung besteht darin, dass dieselbe Person nicht gleichzeitig mit und ohne Intervention betrachtet werden kann. Mithilfe einer geeigneten Stichprobengrösse und verschiedener (meist statistischer) Methoden wird deshalb eine Vergleichsgruppe konstruiert, die der Bevölkerung, die Teil des zu analysierenden Projekts ist, so ähnlich wie möglich ist.

Literatur

  • Alliance Sud (2015). Zur Unübersichtlichkeit der Welt. Alliance Sud. Schweiz: Lausanne.
  • Angrist, Joshua und Jörn-Steffen Pischke (2014). Mastering Metrics: The Path from Cause to Effect. Princeton University Press. United Kingdom: Woodstock.
  • Channing Arndt, Sam Jones und Finn Tarp (2015). Assessing Foreign Aid’s Long-Run Contribution to Growth and Development. World Development, 69: 6–18.
  • GFS (2014). Monitorstudie Entwicklungszusammenarbeit 2014. Studie im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA. Schweiz: Bern.
  • Kar, Dev und Joseph Spanjers (2014). Illicit Financial Flows from Developing Countries: 2003–2012. Global Financial Integrity.
  • Levine, Ruth und William Savedoff (2015). The Future of Aid: Building Knowledge Collectively. Center for Global Development Policy Paper, 050.

Weblinks:

Professorin für Entwicklungsökonomie, Leitung NADEL – Center for Development and Cooperation, ETH Zürich