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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Durch den Berg – Eröffnung des Gotthard-Basistunnels»

Von der Transit- zur Tourismusregion

Mit der Eröffnung der Neat erlangt der Gotthard als Alpentransitachse eine neue Bedeutung. Doch während das Gebirge in Rekordzeit unterquert wird, kämpft die Region auf seinem Rücken darum, den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung nicht zu verlieren. Mithilfe der Neuen Regionalpolitik setzen sich die vier Gotthard-Kantone und der Bund dafür ein, den Gotthard vom Transitkorridor wieder vermehrt zum Reiseziel zu machen.

Mit einem Relief des Gotthard-Massivs präsentieren sich Uri, das Tessin, das Wallis und Graubünden an der Expo Milano als Lebens- und Wirtschaftsraum St. Gotthard. (Bild: Keystone)

Der Gotthard verfügt über vielfältige Potenziale: einzigartige, intakte Natur- und Kulturlandschaften, fantastische Verkehrsinfrastrukturen und eine kulturelle Vielfalt als Grenzregion von drei Sprachgebieten. Zudem besitzt er eine spezielle Bedeutung für die Schweiz: Er ist das Herz der Alpen im Zentrum Europas, Mythos und Geschichte, Wasserschloss Europas, militärisches Bollwerk, Mahnmal der inneren Sicherheit und der nationalen Identität.

Herausforderungen gemeinsam meistern

Doch die Region steht vor grossen Herausforderungen. Abwanderung, Überalterung, Sicherstellung der Grundversorgung und Strukturwandel im Tourismus müssen bewältigt werden. Zersplitterte Strukturen und mangelnde Kooperation über institutionelle Grenzen hinweg haben dazu geführt, dass die Region ihre Potenziale zu wenig in Wert gesetzt hat. Ebenso fehlten gemeinsame Zukunftsperspektiven und Lösungsstrategien. Mit dem Abbau von Arbeitsplätzen bei der Armee trug auch der Bund zu dieser unerfreulichen Entwicklung bei.

Mit der Idee der Porta Alpina 2005 übernahmen die vier Gotthard-Kantone Uri, Tessin, Wallis und Graubünden gemeinsam Verantwortung für den Raum. Sie starteten eine Strategie zur koordinierten räumlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des Gotthards. Der Bund honoriert diesen Effort mit einer aussergewöhnlichen Förderung über die Neue Regionalpolitik (NRP). Dieses Instrument aus dem Bereich der Standortförderung des Bundes hat zum Ziel, die Regionen wettbewerbsfähiger zu machen, Wertschöpfung zu generieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Mit dem Programm «San Gottardo 2016–2019» realisieren die Kantone bereits das zweite Umsetzungsprogramm mit Unterstützung des Bundes.

Touristische Angebote und Strukturen verbessern

Das Programm hat zum Ziel, den Gotthard als attraktiven alpinen Lebens- und Wirtschaftsraum zu stärken. Insbesondere im Tourismus will man Wertschöpfung und Arbeitsplätze generieren, Strukturen und Organisationen weiterentwickeln sowie die gemeinsame Identität fördern. Impulse dazu gibt auch die Entwicklung des «Resorts Andermatt» durch den Investor Samih Sawiris. Gefordert ist dabei vor allem die Eigeninitiative der Wirtschaftsakteure. In der Programmperiode 2012 bis 2015 stellten Bund und Kantone für die Umsetzung der NRP im Gotthard gemeinsam rund 33 Millionen Franken À-fonds-perdu-Beiträge und 52 Millionen Franken rückzahlbare Darlehen zur Verfügung. Von 2016 bis 2019 sollen es knapp 20 Millionen Franken À-fonds-perdu-Beiträge und 38 Millionen Franken rückzahlbare Darlehen sein.

Ein beträchtlicher Teil dieser Mittel fliesst in die Skigebietsverbindung zwischen Andermatt und Sedrun. Weitere wichtige strategische Handlungsfelder bilden der Mountainbike- und der Nordic-Bereich sowie die Bahnerlebniswelt Gotthard (siehe Kasten). In der Programmperiode 2012 bis 2015 wurden wichtige Grundsteine gelegt, auf die man 2016 bis 2019 bauen kann: vertiefende Analysen über Wertschöpfungspotenziale, Entwicklung und Umsetzung überregionaler touristischer Produkte und die Entwicklung der Marke «St. Gotthard». Die intensivere Vernetzung und Koordination der Akteure über Pass- und Kantonsgrenzen hinweg gehört ebenso dazu. Identitätsstiftend wirkte sicher auch der gemeinsame Auftritt der Gotthard-Kantone an der Weltausstellung in Mailand. Mit dem aus Granit gefrästen Gotthard-Monolithen schafften sie es, sich überzeugend als Region zu präsentieren.

Kritische Erfolgsfaktoren

Doch diese positive Werbebotschaft lässt sich nicht ohne Weiteres in bare Münze umwandeln. Dazu muss es erst gelingen, die Kleinstrukturiertheit zu überwinden und überzeugende Angebote zu schaffen, die der Markt nachfragt. Nur dann kann sich der Gotthard vom Transitraum zum Reiseziel und schliesslich zur international bekannten Feriendestination entwickeln. Dafür sind in erster Linie die wirtschaftlichen Akteure der Region selbst gefordert. Sie müssen die Initiative ergreifen und Unternehmertum entwickeln. Dann kann ihnen das Programm «San Gottardo» Unterstützung bieten. Dazu muss dieses jedoch noch stärker an der Basis, also bei der regionalen Bevölkerung, verankert werden. Und dies wiederum gelingt nur, wenn es überzeugende, erfolgreiche Projekte hervorbringt – ein Teufelskreis, der nicht leicht zu durchbrechen ist. Umso mehr, als sich der Standortwettbewerb im Tourismus generell verschärft und die Währungsnachteile für noch härtere Rahmenbedingungen sorgen.

Stellvertretende Leiterin, Ressort Regional- und Raumordnungspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Bahnerlebniswelt Gotthard

Mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels fällt der bisherige Fern- und Güterverkehr der Eisenbahn über die Gotthard-Bergstrecke weitgehend weg. Deshalb müssen Bund und Kantone die Bedeutung und den Nutzen der Gotthard-Bergstrecke neu definieren. 2012 beauftragte das Parlament den Bundesrat, ein ausgewogenes, breit abgestütztes Konzept zur künftigen Nutzung der Bergstrecke zu erarbeiten.

Bei der Entwicklung der Gotthard-Region kommt der Bergstrecke eine wichtige Rolle zu. Einerseits ist sie zentrale Verkehrsader für die Erschliessung innerhalb der Region und sorgt für eine rasche Erreichbarkeit der Wirtschaftszentren. Ebenso bedeutend ist anderseits ihre Funktion als Zubringerin für Gäste aus dem Mittelland und dem Tessin in die Region und zur Ost-West-Verbindung vom Goms in die Surselva. Die Weiterführung eines Grundangebots mit der entsprechenden Haltepolitik wird im Hinblick auf die wirtschaftliche und touristische Entwicklung der Gotthard-Region sowohl von den SBB als auch von Bund und Kantonen als erfolgskritisch erachtet.

In seinem Konzept kommt der Bundesrat zum Schluss, dass eine Stilllegung der Gotthard-Bergstrecke aus politischen, historischen und verkehrstechnischen Gründen kurz- bis mittelfristig nicht angezeigt ist. Aufgrund der unsicheren Nachfrageentwicklung will er die Situation aber periodisch neu beurteilen. Verbindliche Beschlüsse zur mittel- und langfristigen Gestaltung der Gotthard-Bergstrecke will er erst nach Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels treffen, wenn verlässliche Daten zur Verkehrsentwicklung vorliegen. Aus heutiger Sicht wird dies frühestens 2025 der Fall sein.

Stellvertretende Leiterin, Ressort Regional- und Raumordnungspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern