Die Volkswirtschaft

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Leistungsstarke Jugendliche stärken das Ansehen der Berufsbildung

Berufsbildung hat als Teil unseres Bildungssystems eine lange Tradition. Im Vergleich zu Schweizern geniesst sie bei neu zugezogenen Immigranten aber einen schlechteren Ruf. Doch eine Studie zeigt, dass sich diese Skepsis mit der Zeit verflüchtigt.

Angehende Winzerin im Wallis: Gute Berufslernende sind das Aushängeschild des dualen Bildungssystems. (Bild: Keystone)

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Rund zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz wählen eine Berufsbildung als Erstausbildung. Mit diesem Anteil ist die Schweiz weltweit führend. Dennoch wird der tiefe soziale Status einer Lehre immer öfter beklagt. Gemäss einer Umfrage ist rund jeder zweite Schweizer der Meinung, dass Personen mit einer Berufsbildung weniger Ansehen geniessen als jene mit einem Maturitäts- oder Universitätsabschluss. Noch extremer ist diese Sicht bei Immigranten, welche viel öfter den gymnasialen Weg bevorzugen. Die vorliegende Studie zeigt, dass sich mit längerem Aufenthalt in der Schweiz kognitiv leistungsfähigere Immigranten für eine Berufslehre entscheiden. Dies deutet darauf hin, dass Immigranten mit zunehmender Zeit mehr Informationen und damit den wahren Wert der Berufsbildung erfahren. So können frühe Informations- und Beratungsangebote Immigranten zu einer besseren Ausbildungswahl verhelfen.

Das Center on International Education Benchmarking attestiert der Schweiz bei einem internationalen Vergleich von Berufsbildungssystemen den «Goldstandard».[1] In der Tat ist es durch kontinuierliche Reformen wie der Einführung der Berufsmaturität und der Fachhochschulen sowie den Ausbau der höheren Berufsbildung gelungen, attraktive Laufbahnmöglichkeiten in sämtlichen Arbeitsmarktbereichen zu entwickeln. Zu dieser Attraktivität hat das jüngste Berufsbildungsgesetz massgeblich beigetragen. Es setzt auf zahlreiche innovative Bestimmungen und auf Bildungsstandards, die sich an Handlungskompetenzen orientieren.

Rund zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz wählen als erste nachobligatorische Ausbildung eine berufliche Grundbildung. Dieser hohe Anteil ist weltweit einzigartig. Einer der Gründe dafür ist die hohe Durchlässigkeit in andere Bildungsgänge. Trotzdem werden in der Öffentlichkeit regelmässig Debatten darüber geführt, ob die Berufsbildung heute noch zeitgemäss sei. Auf öffentlichen Podien und bei Berufswahlfragen wird der tiefe soziale Status der Berufsbildung beklagt. Doch wer selbst einen Berufsbildungsweg[2] durchlaufen oder vertiefte Kenntnisse der Schweizer Berufsbildung hat, für den ist diese tiefe soziale Wertschätzung wenig nachvollziehbar.

Umfragen zeigen nicht das ganze Bild

Etwa die Hälfte der Schweizer Wohnbevölkerung ist der Meinung, dass der soziale Status von Personen mit einer Berufsbildung tiefer ist als jener von Personen mit einer Maturität oder einem Universitätsabschluss. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage aus dem Jahr 2012, die im Auftrag der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) durchgeführt wurde.[3] Allerdings attestiert die befragte Bevölkerung Personen mit einer Berufsbildung gute Arbeitsmarktchancen: Nur rund ein Fünftel denkt, dass diese schlechter für den Arbeitsmarkt gerüstet sind.

Solche Umfragen sind mit verschiedenen Schwierigkeiten verbunden: Einerseits erheben sie stets einzelne Aspekte des sozialen Status, wie die Arbeitsmarktchancen oder das soziale Prestige von Personen mit Berufsbildung. Dadurch vermögen sie die soziale Wertschätzung der Berufsbildung nicht ganzheitlich abzubilden. Der soziale Status des gesamten Regelsystems – d. h. die Einbettung von Berufsbildungswegen ins Bildungssystem mit Zulassungsbedingungen und Anschlussmöglichkeiten – werden nicht erfasst. Andererseits birgt diese Art der Messung die Gefahr, dass Teilnehmende nicht ehrlich antworten. Stattdessen antworten sie das, von dem sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird und die Gesellschaft als richtig erachtet. Dieses Phänomen nennt man soziale Erwünschtheit.

Status ist eine relative Grösse

Um diese methodischen Probleme zu umgehen, haben wir in der Studie «Measuring the Social Status of Education Programmes»[4] eine neue Messgrösse entwickelt, die auf den sozialen Status der dualen Berufsbildung als Regelsystem fokussiert. Der soziale Status ist dabei eine relative Grösse. Das bedeutet, dass er nicht nur die soziale Wertschätzung in der Bevölkerung beschreibt, sondern auch, wie die duale Berufslehre im Vergleich mit anderen Bildungswegen wahrgenommen und in Bezug zu diesen positioniert wird.

Eine relative Messgrösse verwendet auch das Europäische Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (Cedefop): In einer Studie aus dem Jahr 2014 nutzt es dafür den Anteil Berufslernender in einer Kohorte. Wendet man diese Methodik auf die Schweiz an, so zeigt sich, dass der soziale Status der Berufslehre in der Deutschschweiz wesentlich höher ist als in der Westschweiz. Um diese Messgrösse zu verfeinern, gehen wir davon aus, dass sich mit höherem sozialem Status der Berufsbildung kognitiv leistungsfähigere Jugendliche für eine Berufslehre entscheiden. Wenn also die relativen Kompetenzen von 15-jährigen Jugendlichen, die eine Berufslehre wählen (im Folgenden «Berufslernende» genannt), steigen, ist – bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen – auch der soziale Status der Berufslehre gestiegen. Weil aber ein Referenzmassstab fehlt, kann das Niveau dieser Messgrösse nicht interpretiert werden. Stattdessen können nur Unterschiede zwischen Gruppen und Veränderungen über die Zeit festgestellt werden.

Immigranten unterschätzen Wert der Berufsbildung

Die Studie der SKBF kommt zum Schluss, dass Ausländer signifikant häufiger den gymnasialen Weg bevorzugen als Schweizer. In unserer Studie nehmen wir deshalb an, dass Immigranten, die noch nicht lange in der Schweiz sind, das Schweizer Berufsbildungssystem zu wenig bekannt ist und sie daher den wahren Wert einer Berufslehre noch nicht einschätzen können.

Mit der von uns verfeinerten Messgrösse haben wir diese Hypothese geprüft. Abbildung 1 zeigt die relativen Kompetenzen von in der Schweiz und im Ausland geborenen «Berufslernenden» anhand von Daten der internationalen Schulleistungsuntersuchungen.[5] Die Abbildung bestätigt, dass in der Schweiz geborene Jugendliche den sozialen Status einer Berufslehre höher einschätzen. Dies zeigt der Umstand, dass sich auch Jugendliche mit höheren kognitiven Kompetenzen für diesen Bildungsweg entscheiden.

Abb. 1: Relative Kompetenzen von «Berufslernenden» nach Geburtsland

Anmerkung: Relative Kompetenzen = Kompetenzen «Berufslernende» / Kompetenzen Kohorte. Gewichtete Daten für die Deutschschweiz aus den Jahren 2000, 2003 und 2009; Lesen: N=15‘731, Mathematik: N=14‘186.

«Berufslernende», die in der Schweiz oder in Liechtenstein geboren sind, weisen im Vergleich zu Jugendlichen in anderen Bildungswegen ein Lesekompetenz-Verhältnis von 0,940 auf. Für Immigranten liegt dieser Wert mit 0,909 klar tiefer. Damit wählen bei den hier Geborenen schulisch bessere Jugendliche eine Berufslehre als bei den Immigranten.

Quelle: Pisa / Die Volkswirtschaft

Erfahrungen mit Berufsbildung prägen die Einstellung

Doch weshalb schreiben Immigranten der Berufslehre einen tieferen sozialen Status zu? Wir vermuten, dass dies mit der Unkenntnis von neu immigrierten Personen bezüglich des Schweizer Berufsbildungssystems zusammenhängen könnte. Abbildung 2 zeigt, wie sich dieser Status verändert, wenn Immigranten länger in der Schweiz leben. Interessanterweise steigt der soziale Status der Berufslehre mit längerem Aufenthalt in der Schweiz. Bei Immigranten mit längerer Aufenthaltsdauer entscheiden sich zunehmend auch kognitiv leistungsfähigere Jugendliche für eine Berufslehre.

Abb. 2: Relative Kompetenzen von im Ausland geborenen «Berufslernenden» in Abhängigkeit zu den in der Schweiz verbrachten Jahren

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Anmerkung: Relative Kompetenzen = Kompetenzen «Berufslernende» / Kompetenzen Kohorte. Gewichtete Daten für die Deutschschweiz aus den Jahren 2000, 2003, 2009; Lesen: N=1310, Mathematik: N=1172.

Die gestrichelten Linien zeigen die durchschnittliche Veränderung der relativen Kompetenzen von immigrierten «Berufslernenden» in Abhängigkeit zu der bis zur Ausbildungswahl in der Schweiz verbrachten Zeit. «Berufslernende», die erst kurz vor der Ausbildungswahl immigriert sind, weisen ein Lesekompetenz-Verhältnis von leicht über 0,850 auf. Im Gegensatz dazu entscheiden sich bei den Immigranten, die fast ihr ganzes Leben hier verbrachten, kognitiv leistungsfähigere Jugendliche für eine Berufslehre (etwa 0,950).

Quelle: Pisa / Die Volkswirtschaft

Der in Abbildung 2 dargestellte Anstieg trifft jedoch nicht für Jugendliche aus Deutschland und Österreich zu. Denn diese kennen ein ähnliches Berufsbildungssystem. Auch Jugendliche, bei denen mindestens ein Elternteil in der Schweiz geboren ist, sind davon ausgenommen. Diese Resultate unterstützen unsere Vermutung zusätzlich, dass der unterschiedliche Wissensstand zur Schweizer Berufsbildung die Veränderung beim sozialen Status erklärt. Eine alternative Erklärung für diese Veränderung ist die zunehmende Anpassung an Schweizer Normen und Werte. Je mehr Zeit die Jugendlichen und ihre Eltern in der Schweiz verbringen, desto eher erkennen sie den wahren Wert der Berufsbildung.

Integration verhilft zu besserer Berufswahl

Diese Resultate unterstreichen, dass die frühe Integration von Immigranten in das Schweizer Bildungssystem bedeutsam ist. Informations- und Beratungsangebote zum Bildungssystem für neu Immigrierte und ihre Kinder sind wesentliche Massnahmen, die den sozialen Status der Berufsbildung beeinflussen können. Sie ermöglichen, dass Immigranten eine optimale Ausbildungswahl treffen können, die zu ihren Kompetenzen und Interessen passt.

Doch die Forschung ist damit nicht abgeschlossen. Noch in diesem Jahr wollen wir die Ergebnisse zum sozialen Status der Berufsbildung durch zusätzliche Analysen verfeinern. Insbesondere die Determinanten des sozialen Status müssen weiter untersucht werden. Dazu sollen verschiedene Bevölkerungsgruppen beispielsweise nach Geschlecht, Sprachregion, Bildungshintergrund und sozioökonomischem Status verglichen und deren Veränderung über die Zeit untersucht werden.

  1. (Hoffman und Schwartz (2015) []
  2. Berufsbildungswege können die duale Berufslehre oder die Vollzeit-Berufsschule sein. []
  3. (Cattaneo und Wolter 2013) []
  4. Die Studie wird von der Hirschmann-Stiftung finanziert. []
  5. PISA.ch (2004, 2011, 2012) []

Dr. phil., Leiterin Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Doktorandin im Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Literatur

  • Bolli, T. und  L. Rageth (2016). Measuring the Social Status of Education Programmes: Applying a New Measurement to Dual Vocational Education and Training in Switzerland, KOF Working Papers No. 403, March, Zurich.
  • Cattaneo, M. A. und S. C. Wolter (2013). Nationale Eigenheiten von Bildungssystemen in Zeiten der Globalisierung. SKBF Staff Paper 10. Aarau.
  • Cedefop (2014). Attractiveness of Initial Vocational Education and Training: Identifying What Matters. Luxembourg: Publications Office of the European Union.
  • Hoffman, N. und R. Schwartz (2015). Gold Standard: The Swiss Vocational Education and Training System. Washington, DC: National Center on Education and the Economy.
  • PISA.ch (2004, 2011, 2012). Messung der Kompetenzen und Befragung der SchülerInnen in der Schweiz im 9. Schuljahr – 2000, 2003, 2009 [Datasets]. Bundesamt für Statistik BFS, Neuenburg; Schweizerische Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren – EDK, Bern. Distributed by FORS, Lausanne.

Dr. phil., Leiterin Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Doktorandin im Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich