Die Volkswirtschaft

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Schwerpunktpolitik bewirkt in der Bildungsforschung wenig

Mit seinen Forschungsprogrammen will der Schweizerische Nationalfonds Schwerpunkte setzen. In der Bildungswissenschaft generieren diese Mittel jedoch kaum mehr Output. Sondern oft kommt es lediglich zu Geldverlagerungen.

Der Nationalfonds nimmt auch die Bildung unter die Lupe: Tanzstunde in einer Stadtzürcher Tagesschule. (Bild: Keystone)

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Staatliche und private Forschungsförderungsagenturen versuchen seit je durch gezielte finanzielle Förderung spezifische, besonders wichtige oder bislang ungenügend geförderte Forschungsthemen zu stärken. Eine Untersuchung zu den Nationalen Forschungsprogrammen des Schweizerischen Nationalfonds im Bildungsbereich zeigt nun aber: Diese gezielten Fördergelder führen oftmals dazu, dass nicht mehr Forschung entsteht, sondern lediglich temporär auf andere Geldquellen verzichtet wird. Für eine nachhaltige Strategie braucht es deshalb – zumindest in der Bildungsforschung – neue Ansätze.

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) verfolgt mit seinen Forschungsprogrammen einen thematischen Ansatz: Er unterstützt Projekte mit grosser politischer und gesellschaftlicher Bedeutung (siehe Kasten). Je nach gefördertem Thema kann es aber sein, dass damit nur eine wissenschaftliche Disziplin in den Genuss dieser zusätzlichen Fördergelder kommt. Dies erklärt, weshalb wissenschaftliche Disziplinen, die einen Mangel an Forschungsgeldern beklagen, sich häufig eine Aufnahme in ein Nationales Forschungsprogramm (NFP) wünschen. Die Bildungsforschung wurde dabei vom SNF zwischen 1980 und 2000 dreimal mit grossen NFP bedacht[1], und in weiteren Programmen wurden Bildungsthemen spezifisch als wichtige Teilaspekte der Oberthematik mitgefördert[2].

Analysiert man die Herkunft der finanziellen Mittel aller in einem Jahr gestarteten Bildungsforschungsprojekte, so zeigt sich: In den Startjahren der Nationalen Forschungsprogramme mit spezifischem Bildungsfokus (1980, 1993 und 2000) ist der Anteil der durch den SNF finanzierten Projekte wesentlich höher als in den übrigen Jahren, in denen die Forschenden auf die Einzelprojektförderung durch den SNF angewiesen waren (siehe Abbildung). In den Jahren 2003 und 2005 lässt sich allerdings kein Effekt auf den Anteil der durch den SNF geförderten Projekte beobachten. In diesen zwei Jahren hatten die Nationalen Forschungsprogramme die Bildungsforschung «nur» mitgefördert.

Nationalfondsgelder in der Bildungsforschung (Anteil in %, 1976 bis 2011)

Anmerkung: Rot = Jahre, in welchen ein Nationales Forschungsprogramm mit einem Bildungsfokus gestartet wurde. 2003 starteten zwei Forschungsprogramme mit teilweisem Bildungsfokus.

Quelle: SKBF / Die Volkswirtschaft

Fördergeld ersetzt Eigenfinanzierung

Auf den ersten Blick liesse sich also vermuten, dass die gezielte Förderung durch den SNF Wirkung gezeigt hat. Anhand von Regressionsanalysen, welche multiple Einflüsse auf die Zahl der in einem Jahr gesamthaft gestarteten Forschungsprojekte modellieren, zeigt sich aber: Nicht in allen Jahren mit einem NFP-Bildungsfokus wurden mehr Projekte gestartet als in anderen Jahren. Dies gilt insbesondere für die ersten beiden Schwerpunktprogramme («Bildung und das Wirken in Gesellschaft und Beruf» und «Wirksamkeit unserer Bildungssysteme»), welche relativ eng auf die Erziehungswissenschaften zugeschnitten waren, sowie für die beiden NFP mit einem Teilaspekt aus der Bildung («Integration und Ausschluss» und «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel»). Bei diesen Programmen substituierte die Finanzierung durch den SNF somit hauptsächlich die Eigenfinanzierung durch die Hochschulen.

Lediglich durch die Schwerpunktprogramme «Bildung und Beschäftigung» (Startjahr 2000) und «Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz» (Startjahr 2005), welche bildungsnah und doch stark auf andere wissenschaftliche Disziplinen – Ökonomie und Sprachwissenschaften – ausgerichtet waren, konnten zusätzliche Projekte in der Bildungsforschung generiert werden.

Ob es in diesen beiden Disziplinen im Gegenzug weniger Forschungsprojekte zu anderen Themen gab, können wir zwar nicht beantworten. Dass die spezifische Themensetzung eine Fokusverschiebung in diesen Disziplinen bewirkte, dürfte aber durchaus im Sinne der Forschungsförderung gelegen haben. Trotz der ausgebliebenen quantitativen Wirkung auf den Forschungsoutput in den klassischen Bildungsforschungsdisziplinen können wir zudem eine qualitative Wirkung nicht ausschliessen: Es könnte durchaus sein, dass die dank dem SNF eingesparten Eigenmittel denselben oder anderen Projekten in Form einer Zusatzfinanzierung zugutekamen und so deren Qualität zu steigern vermochten.

Geisteswissenschaften als Ganzes betroffen

Die hier präsentierten Ergebnisse beschränken sich auf die Analyse eines einzigen Forschungsfeldes. Aus einer früheren Analyse der Determinanten der Einzelprojektförderung durch den SNF[3] wissen wir aber, dass die Nationalen Forschungsprogramme auch generell die Zahl der Einzelgesuche an den SNF substituieren und dass die Geistes- und Sozialwissenschaften (im Gegensatz zu den anderen wissenschaftlichen Disziplinen) in der Regel auf eine Ausweitung der Finanzierungsmöglichkeiten nicht mit mehr Forschungsgesuchen reagieren. Mit anderen Worten lässt sich die rein substitutive Wirkung der eng auf die Bildungsforschung fokussierten Forschungsprogramme wohl auch für andere Forschungsgebiete im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften generalisieren.

Von der spezifischen und zielgerichteten Förderung von Forschungsthemen versprechen sich Forschungsförderungsagenturen einen kausalen Mehrwert. Wenn in dem geförderten Gebiet aber eine kurzfristig relativ beschränkte Zahl an förderungswürdigen Forschungsideen vorhanden ist, dann kann es durchaus sein, dass die Forschungsförderung einfach nur andere Finanzierungsquellen substituiert, welche ohne die neue Förderung gebraucht worden wären. In diesem Falle ändert sich die Finanzierungsquelle, nicht aber der Forschungsoutput. Wenn die quantitative Forschungsproduktion in einem bestimmten Gebiet nachhaltig gesteigert werden soll, müssen demnach andere Förderstrategien gesucht werden, die über das rein Finanzielle hinausgehen.

  1. Bildung und das Wirken in Gesellschaft und Beruf (NFP 10); Wirksamkeit unserer Bildungssysteme (33) und Bildung und Beschäftigung (43). []
  2. Integration und Ausschluss (NFP 51); Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel (52) und Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz (56). []
  3. Siehe Wolter et al. (2007). []

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF), Aarau

Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF), Aarau; Professor für Bildungsökonomie, Universität Bern

Nationale Forschungsprogramme (NFP)

In den Nationalen Forschungsprogrammen (NFP) werden Forschungsprojekte durchgeführt, die einen Beitrag zur Lösung wichtiger Gegenwartsprobleme leisten. Bundesämter, Forschungsinstitute, Forschungsgruppen oder einzelne Personen schlagen dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) die Thematik und mögliche Schwerpunkte eines NFP vor. Der Bundesrat wählt die Themen definitiv aus und überträgt diese dem Schweizerischen Nationalfonds zur Bearbeitung im Rahmen eines NFP.

Quelle: SNF / Die Volkswirtschaft

Literatur

  • Grossbacher, S. & Oggenfuss, C. (2015). Information Bildungsforschung, 40 Jahre Forschungsdokumentation der SKBF, Aarau: SKBF Staffpaper No. 15.
  • Wolter, S.C.; R Hübschi & M. Müller (2007). Push or Pull? An Empirical Analysis of the Demand for Individual Project Grants from the Swiss National Science Foundation, CESifo Working Paper No. 1953.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF), Aarau

Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF), Aarau; Professor für Bildungsökonomie, Universität Bern