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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Smart City – so sieht die Stadt der Zukunft aus»

Genf: Eine Smart City auf dem gesamten Kantonsgebiet

Der Kanton Genf fördert die Entwicklung «intelligenter» Technologien. Davon erhofft er sich eine bessere Raumentwicklung und mehr Wirtschaftswachstum.

Wo ist ein Parkplatz frei? Im Genfer Vorort Carouge weist ein intelligentes Parkleitsystem dem Autofahrer den Weg. (Bild: Keystone)

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Der Kanton Genf hat die «intelligenten» Technologien als Priorität in seine kantonale Wirtschaftsstrategie 2030 eingebunden. Der Austausch von Know-how bildet gewissermassen das Rückgrat dieser Strategie, da damit komplexe und innovative Produkte hergestellt werden können. Ein Beispiel ist der Sensor Presto Park des Genfer Unternehmens IEM, welcher die Autos auf den Parkplätzen von Carouge GE erfasst. Für die Entwicklung war das Know-how von vier Unternehmen erforderlich. Dank dieser Innovation ist IEM nun Marktführer und kann das Interesse weiterer Smart Cities für das Produkt wecken.

Dank neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) – insbesondere dank der Speicherung und Verarbeitung von Daten – entstehen vielerorts in Europa, Asien und Nordamerika Projekte für die Entwicklung von sogenannten Smart Cities. Die städtischen Gebiete der Schweiz gehören dabei allerdings nicht zu den Vorreitern – obwohl es hier durchaus viele führende ICT-Unternehmen gibt, die kreative Lösungen anbieten. In der Schweiz beschränkt sich Smart City somit meist auf einzelne isolierte Pilotprojekte.

Das muss nicht so sein, denn die digitale Revolution eröffnet der Wirtschaft neue Perspektiven. Sie ermöglicht eine Diversifikation, die Entwicklung neuer Branchen und Berufszweige, die Schaffung von Arbeitsplätzen und hilft mit, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Ausserdem schafft die Digitalisierung die Voraussetzungen für eine Optimierung der Dienstleistungen – insbesondere in den Bereichen Verkehr, Mobilität, Verringerung der Umweltbelastung, Energieversorgung, öffentliche Sicherheit, Bildung und Gesundheitswesen. Weiter kann sie die Lebensqualität verbessern und trägt dazu bei, der Bevölkerung und den Unternehmen neue Leistungen anzubieten sowie die Ressourcen in einem bestimmten Gebiet nachhaltig zu nutzen.

Das Projekt für eine «intelligente» Metropolregion Genf

Ende 2015 hat der Kanton Genf beschlossen, ein Projekt für eine intelligente Metropolregion zu lancieren («Smart Canton»). Dabei verfolgt er einen interdisziplinären Ansatz: Um den unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden, sollen die Standpunkte der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Bildung, der Behörden und des Umweltschutzes berücksichtigt werden.

Dieses ambitionierte Ökosystemprojekt wurde im Rahmen der kantonalen Wirtschaftsstrategie 2030 lanciert, wobei es im laufenden Jahr zu den prioritären Zielen gehört. Die Realisierung des Smart-Canton-Projekts setzt Folgendes voraus:

  • die Umsetzung einer Strategie zur Nutzung digitaler Technologien;
  • eine Infrastruktur auf der Basis des Internets der Dinge, d. h. den Onlineaustausch von Informationen und Daten aus verschiedenen Systemen (Sensoren und Detektoren);
  • die Auswertung der erhobenen Daten, um Dienstleistungen zu verbessern oder neu festzulegen;
  • die Mitwirkung der staatlichen, halbstaatlichen und privaten Akteure sowie der Bürger.

«Intelligentes» Parkleitsystem in der Stadt Carouge

Durch die Entwicklung und Verbreitung der digitalen Technologien wird die Zusammenarbeit von Unternehmen gefördert. Der lösungsorientierte Wissenstransfer von Start-ups, KMU und multinationalen Unternehmen bedeutet einen erheblichen Zeitgewinn. Und: Die komplexen und innovativen Produkte könnten im Alleingang kaum entwickelt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Prozess, der zur Entwicklung des intelligenten Parkleitsensors Presto Park des Genfer Unternehmens IEM führte.

Der Sensor erfasst Informationen zu den Fahrzeugen, die auf den Parkplätzen der Stadt Carouge abgestellt sind. Die freien Parkplätze werden den Autofahrern in Echtzeit über Leittafeln sowie im Navigationssystem ihres Fahrzeugs oder auf ihrem Mobiltelefon angezeigt. Auch die Gemeinden profitieren. Denn die Daten helfen, die Erwartungen und das Verhalten der Automobilisten zu verstehen. Dadurch können sie in einem zweiten Schritt deren spezifischen Bedürfnissen – etwa in Form von Parkplatzkategorien – besser entsprechen.

Hintergrund der Innovation ist die Tatsache, dass es oft schwierig ist, einen Parkplatz in der Stadt zu finden. Aus Studien geht hervor, dass Automobilisten in urbanen Zentren bis zu einer Viertelstunde benötigen, um einen Parkplatz zu finden. Während dieser Zeit legen sie rund 4,5 Kilometer zurück und verursachen beträchtliche CO2-Emissionen.

Das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Genfer Unternehmen

Die äusserst sensiblen Ultraschall- und Magnetsensoren hat IEM dank seinen Kenntnissen in den Bereichen Engineering und Elektronik entwickelt. Für die Herstellung des Sensorgehäuses, das alle elektronischen Komponenten vor äusseren Einflüssen schützt, kontaktierte die Westschweizer Förderagentur Office de Promotion des Industries et des Technologies (OPI) das Unternehmen Dupont de Nemours. Dessen Forschungszentrum entwickelte darauf ein Gehäuse aus polymeren Kunststoffen, das witterungsbeständig, stossfest und UV-beständig ist und dem auch das Gewicht von schweren Fahrzeugen nichts anhaben kann.

Anschliessend ging es darum, eine perfekte Abdichtung des Produkts zu gewährleisten, um eine Lebensdauer von etwa zehn Jahren zu erreichen. Gemäss der Empfehlung des Unternehmens LEM, das auf diesen Bereich spezialisiert ist, wurde ein spezielles Additiv verwendet, wodurch der Sensor absolut wasserdicht ist.

Schliesslich gab das Start-up Orbiwise, das im Genfer Inkubator Fongit untergebracht ist, dem Gerät den letzten Schliff, indem es die Übertragungstechnologie Lora integrierte. Damit können die Sensoren kleine Datenmengen an den zentralen Server übermitteln und den Automobilisten die benötigten Informationen zur Verfügung stellen. Dank einem geringen Energieverbrauch hat eine Batterie eine Lebensdauer von bis zu zehn Jahren.

Diese technologische Meisterleistung konnte nur über einen Wissensaustausch zwischen mehreren Genfer Unternehmen realisiert werden. Dank dem innovativen Parkleitsystem ist das Unternehmen IEM Marktführer auf diesem Gebiet und kann das Interesse anderer «Smart Cities» für seinen Presto-Park-Sensor wecken.

Diese Form der Zusammenarbeit, die innovative Akteure mobilisiert und die Kontakte zwischen Forschung, Unternehmen und Hochschulen fördert, wird in Zukunft zweifellos weiter zunehmen. Sie bietet umfangreiche Perspektiven für die Entwicklung von Produkten und die Durchführung von Forschungsprogrammen. Die künftige «intelligente» Metropolregion Genf wird davon in Form von Anwendungen und Dienstleistungen profitieren.

Staatsrat, Vorsteher des Sicherheits- und Wirtschaftsdepartements des Kantons Genf

Staatsrat, Vorsteher des Sicherheits- und Wirtschaftsdepartements des Kantons Genf