Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Wer wie ich in den Achtzigerjahren Ökonomie studiert hat, kann sich gut an die heftig geführten Debatten über die langfristige Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft erinnern. Diese drehten sich weniger um den drohenden Zusammenbruch der Sowjetunion oder um die spätere Gründung einer europäischen Währungsunion – das hatte damals kaum jemand auf dem Radar. Vielmehr waren die demografische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Volkswirtschaft Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen.

Heute sind die dazumal erwarteten Verschiebungen Realität und setzen sich fort. Standen vor 30 Jahren einem Rentner noch 4,3 Erwerbstätige gegenüber, verschlechterte sich das Verhältnis auf heute 3,3. Weil dieser Trend anhält, debattiert das Parlament unter dem Titel «Altersvorsorge 2020» gegenwärtig Anpassungen im Vorsorgesystem, welche man aufgrund der absehbaren Entwicklung ohne Zweifel schon viel früher hätte umsetzen sollen.

In diesem Kontext wird auch heftig diskutiert, ob ältere Menschen in der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts überhaupt noch Arbeit fänden. Die Angst geht um, dass die «grauen Panther» gemessen an der Qualifikation der jüngeren Konkurrenten (und ihrer tieferen Lohnkosten) nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Mit der Diskussion rund um die Digitalisierung der Wirtschaft scheint sich die Frage zu akzentuieren.

Besser qualifiziert als je zuvor

Wie soll man da Zuversicht schöpfen? Nun, die vermeintliche «Überalterung» ist auf dem Arbeitsmarkt schon seit Längerem eingetreten. Entgegen den Befürchtungen haben ältere Erwerbstätige jedoch deutlich an Terrain gewonnen: Waren in der Schweiz 1990 noch 24 Prozent der 15- bis 64-Jährigen 50 Jahre alt oder älter, so waren es 2013 bereits 29 Prozent. In zehn Jahren stellt diese Gruppe vermutlich sogar ein Drittel der Erwerbsbevölkerung.

Erfreulich ist, dass das Arbeitsangebot der Älteren in den letzten Jahren nicht nur aufgrund der demografischen Entwicklung gewachsen ist. Die Tatsache, dass bei den über 55-Jährigen das Arbeitsangebot allein seit 2010 um 40’000 Vollzeitstellen zunahm, geht auf ihre gute Ausbildung zurück: Ältere Erwerbstätige sind heute besser qualifiziert als je zuvor. Ferner hat der Schweizer Arbeitsmarkt die bisherige Erhöhung des Rentenalters der Frauen problemlos absorbiert, und immer mehr Menschen arbeiten übers Pensionsalter hinaus weiter.

Dieses positive Gesamtbild wurde zuletzt durch die etwas gestiegene Erwerbslosenquote der 55- bis 64-Jährigen getrübt. So brauchen ältere Stellensuchende im Durchschnitt deutlich länger als jüngere, bis sie wieder eine neue Stelle finden. Dennoch lag die Erwerbslosenquote 2015 mit 4,2 Prozent (gemäss ILO) weiterhin unter dem Durchschnitt von 4,7 Prozent.

Technologischer Wandel und Alterung ergänzen sich

Was können wir aus diesen Entwicklungen lernen? Erstens: Der Arbeitsmarkt ist hierzulande ausserordentlich leistungsfähig und integriert sowohl Jüngere als auch Ältere in die Arbeitswelt. Da sich ältere Erwerbstätige durch Aus- und Weiterbildung fit und attraktiv halten, ist der Arbeitsmarkt auch gegenüber der demografischen Entwicklung widerstandsfähig. Wichtig war es, den früheren Trend zu Frühpensionierungen zu bremsen: Diese Wende ist vor allem dem Abbau von Fehlanreizen zum vorzeitigen Rücktritt aus dem Arbeitsmarkt zu verdanken. So haben beispielsweise Vorsorgeeinrichtungen der zweiten Säule verschiedentlich Überbrückungsrenten abgeschafft respektive reduziert.

Zweitens: Technologischer Wandel und demografische Entwicklung sind in einer alternden Gesellschaft keine doppelte Bedrohung. Im Gegenteil. Wenn der Anteil der jüngeren Arbeitnehmer an der Erwerbsbevölkerung weiter abnimmt, werden ältere Erwerbstätige für die Arbeitgeber relativ attraktiver. Ferner wird der technologische Fortschritt die Arbeit von allen Arbeitskräften noch produktiver machen. Auch hier können wir der bisherigen Erfahrung vertrauen: In den letzten beiden Jahrzehnten verzeichnete die Schweiz ein beachtliches Beschäftigungswachstum, trotz – oder eher dank – weitreichender Automatisierungstendenzen, beispielsweise in den Büros. Die Arbeit wird uns auch in Zukunft nicht ausgehen. Dies ist für Jung und Alt eine ermutigende Erkenntnis.

Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik und stv. Direktor, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik und stv. Direktor, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern