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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Smart City – so sieht die Stadt der Zukunft aus»

Missverständnis oder Königsweg?

Wissen spielt eine entscheidende Rolle: Wenn die Stadtbewohner ihre Daten aktiv bewirtschaften, kann Smart City eine Chance für alle sein.

Sind wir alle nur Datenspender? Metro in Singapur. (Bild: Dreamstime)

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Vernetzte Rechner, Big Data und individualisierte Mikrotechnologien verheissen die neue, bessere und ökologischere Stadt: die Smart City. Smart Buildings, Smart Homes und Smart Living wecken grosse Hoffnungen. Eine Koalition aus Big Government, Big Business, Big Advocacy hat sich innerhalb der EU aufgemacht, neue Lebensqualität zu erzeugen und die technologische Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken. Der Alltag der Menschen in den städtischen Räumen sieht bis heute jedoch anders aus. Die Diskussion über die nutzerfreundliche Umsetzung und Aneignung von Smart City wird in der Nische geführt. Grosse Technologieunternehmen versprechen effizientere, integrierte Infrastruktursysteme für die Städte (Smart City 1.0); grosse Informationsverarbeiter aus dem Silicon Valley durchdringen alle Poren des Alltags (Smart City 2.0). Smart City 3.0 kann dann sein, wenn die Stadtnutzer nicht nur Datenspender sind, sondern sich auch als Produzenten von Stadt verstehen. Stadtmachen und Stadtumbauen können also zu einem gleichgewichtigeren Geben und Nehmen werden.

Be attractive! Be competitive! Be sustainable! Be smart! Wer möchte nicht in einer «Smart City» leben? Um das Konzept Smart City zu verstehen, hilft es, sich vorzustellen, wie das Leben in einer Nicht-Smart-City aussähe. Hier zeigt sich, dass es sich bei Smart City sowohl um ein funktionierendes Gesamtsystem, das unsere Zukunft neu umreisst, als auch um ein Vorhaben, das unsere Stadt lebensfähiger macht, handelt. Somit sehen die einen darin die Vorstellung eines besseren städtischen Lebens, das visionär vor uns liegt. Andere verstehen Smart City als ein Infrastruktur- und Technikprojekt, das der Stadt zur Zukunftsfähigkeit verhilft.

Städte sind die Wiegen der kreativen Menschheit. Als ökonomische sowie institutionelle Treiber sind sie unabdingbar für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaften.[1] «Stadt» ist ein komplexes Phänomen von Netzen, das durch die Leistungsfähigkeit der technischen Infrastruktur und der dazu gehörenden sozialen Interaktion definierbar ist.[2] Im Zeitalter von vernetzten Rechnern und Big Data lassen sich die Grenzen dabei nicht mehr rein geografisch ziehen.[3] Aus der Perspektive von Akteuren steht im Vordergrund, was die Menschen aus ihrer Stadt machen: Wie wollen sie «smart» – geschickter, rücksichtsvoller, verträglicher als bisher – sein?

Eine zentrale Bedeutung kommt der Technologie zu: Durch den Einsatz von mehr vernetzter, digitaler Technologie und grossen Datenbeständen sollen unsere Städte ökonomisch produktiver und effizienter werden, mit der Folge eines geringeren ökologischen Fussabdrucks. Aus diesen Beweggründen werden in Asien und auf der Arabischen Halbinsel aktuell Stadtteile mit Smart Buildings, Smart Homes und Smart Living aus dem Boden gestampft.

Allerdings konnte die Hoffnung auf eine ökologischere Zukunft bisher nicht eingelöst werden, der Alltagsgebrauch erzählt eine andere Geschichte: Lebensqualität entsteht nicht alleine durch technologische Vernetzung und ökonomisches Wohlergehen, sondern durch die Identifikation mit der eigenen Tätigkeit, der Interaktion mit seinem persönlichen Umfeld sowie mit der Weise, wie die gebaute Umwelt den Menschen «willkommen» heisst. Diese Aneignungsprozesse gehen in der Debatte um Smart City meist vergessen.

Verkappte Industriepolitik

Ziel der EU-Kommission ist es, die Entwicklung und Implementierung intelligenter städtischer Technologien voranzutreiben. Zu diesem Zweck etablierte sie im Jahr 2012 die Initiative «Europäische Innovationspartnerschaft für Intelligente Städte und Gemeinschaften»[4], welche mit Geldern des EU-Forschungsprogramms Horizon 2020 Vorzeigeprojekte im städtischen Raum fördert.

Diese sogenannten Leuchtturmprojekte aus den Bereichen Energie, Verkehr und IT zielen alle auf eine höhere Lebensqualität. Die Hoffnung ruht dabei auf einer Reduzierung der Energiekosten für alle Akteure, auf einem beschleunigten, umweltfreundlichen Verkehr, auf einer verbesserten Mobilität, auf neuen Arbeitsplätzen, auf einer verbesserten Resilienz im Klimawandel – wie Reduktion von Hitzeinseln – sowie auf einer besseren Luftqualität.

Ein starker Treiber im Hintergrund ist Industriepolitik. In der EU scheint Smart City eine magische Verbindung von wichtigen Zielen zu bieten: Die internationalen Verpflichtungen zur CO2-Reduktion kombiniert sie mit überfälligen Erneuerungen der bisherigen technischen Infrastrukturen, der Herausforderung der Digitalisierung aller Lebenswelten, also des Internets der Dinge, sowie der Wettbewerbsposition europäischer Technologiefirmen.

Die Begeisterung für Smart City erklärt sich auch durch die nach wie vor untergeordnete Rolle, welche Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik – im Gegensatz zu Agrarpolitik und Strukturhilfe für schwächere Regionen – spielt. Zudem erhofft man sich davon, gegenüber aufstrebenden Regionen in Asien den Anschluss halten zu können.

Die noch junge Geschichte von Smart City bietet drei Lesarten, die im Folgenden erläutert werden.

Smart City 1.0 als Strategie von Institutionen

Smart City startete als Projekt von Eliten. Die Akteure stammen dabei vorwiegend aus der zentralisierten Verwaltung, aus der leistungsstarken Industrie und aus Interessengruppen: Big Government, Big Business, Big Advocacy. Die zentralen wirtschaftlichen Interessen werden besonders deutlich, wenn man versteht, dass die Schaffung eines digitalen Binnenmarktes eine von zehn Prioritäten von Kommission, Rat und Parlament in Brüssel darstellt.

Vor diesem Hintergrund liest sich Smart City 1.0 als «Durchbruchsstrategie» von Grossinstitutionen, die einerseits in der Lage sind, ihre Steuerungs- und Regulationskompetenz einzusetzen, und anderseits über die Erfahrung verfügen, ihre Kompetenzen zu Technologieentwicklung, Systemintegration sowie Finanzierung und Betreibermodellen für Städte zu bündeln. Eine neue Runde von Public-Private-Partnerships wird damit eingeläutet, welche die Fähigen – Technologie- und Regulationsanbieter – zusammenbringen mit den Willigen – den von strukturellen Haushaltsschwächen gezeichneten Stadtkommunen in Europa.

Als Normalbürger könnten wir uns entspannt zurücklehnen und sarkastisch sagen, bei Smart City handle es sich nur um ein weiteres von «oben» geplantes, angebotsorientiertes Infrastrukturprojekt, das «unten» kaum mit nennenswerten Effekten ankomme. Wir alle haben aber Anlass, genauer hinzuschauen, denn die digitale Durchdringung unseres Alltages bietet bereits ausreichend Anschauungsmaterial (siehe Kasten).

Ein ausschliesslich technologiebezogener Fokus verstellt aber den Blick für Herausforderungen und Chancen urbaner Transformation. Denn «Stadt» hat viele Gesichter und wird letztlich gemacht durch Interaktion. Je nach disziplinärer Herkunft lesen wir das Städtische anders: morphologisch-siedlungsstrukturell, funktional-wirtschaftlich, sozial-demografisch, institutionell-politisch, relational-vernetzt oder transformationsorientiert.

Smart City 1.0 ist als Grundkonzept auf die Physis der Stadtfunktionen ausgerichtet. Grosse Technologiefirmen des Hard- und Softwaresektors wie ABB, Siemens, IBM oder Cisco versprechen mit ihren Systemlösungen signifikante Skalenvorteile und Wirkungssprünge. Städte wie Wien bündeln ihre urbanen Technologien in Dienstleistungsagenturen.[5] Dabei zeigt sich: Die 24-Stunden-Stadt funktioniert nur mit einem leistungsstarken, hoch vernetzten infrastrukturellen Rückgrat – «Stadtmachen» wird insgesamt zum Abenteuer des 21. Jahrhunderts.

Google & Co. dominieren bei Smart City 2.0

Smart City 2.0 fügt neu die «Systemmanager» hinzu, deren Kernkompetenz im Sammeln von Daten und dem Verarbeiten zu Information liegt: Google, Apple, Facebook, Amazon und andere lassen uns erahnen, dass sie die «Master of Ceremony» sein können und das Internet der Dinge letztlich die Stadt der Zukunft bestimmt. Diese Internetkonzerne verknüpfen die sich weiter ausdifferenzierenden Teile des Internets der Dinge schrittweise zu neuen, räumlich wirksamen Wertschöpfungsketten.

Für die Nutzer von Smart City 2.0 erscheinen diese neuen Angebotssysteme zunächst attraktiv, denn sie zahlen geringe Grenzkosten für Netzwerk-Dienstleistungen. Zugleich sind sie aber die zentralen individuellen Lieferanten von Bewegungs- und Attributsdaten und werden euphemistisch als «Datenspender» bezeichnet.

Smart City 3.0: Wissen entsteht in Interaktion

Chancen bestehen, dass sich daraus Smart City 3.0 entwickeln könnte. Neuartige Nutzerkooperationen entwickeln sich als Public-Private-Partnerships, wo das Geben und Nehmen von Daten und Leistungen ausgeglichener als heute erfolgt. Smart City 3.0 bedingt, dass wir Stadt als Phänomen der sozialen Interaktion begreifen.

Die relational verstandene Stadt hat sich seit je durch Austausch zwischen Akteuren und Standorten transformiert.[6] Als Ergebnis entsteht Wissen. Es ist das Kapital der Wissensökonomie, die wir als jenen wachsenden Teil der Wirtschaft definieren, der hoch spezialisiertes Wissen und Fähigkeiten aus verschiedenen Segmenten der Wertschöpfungskette strategisch miteinander kombiniert, um Innovation zu ermöglichen und Konkurrenzvorteile zu wahren.[7]

Wirtschaften ist ein ständiger Neuerungsprozess, der im Begriff Innovation zusammengefasst ist. Als strategischer Wettbewerbsfaktor spielt Wissen hier eine entscheidende Rolle – etwa bei der Steuerung von unternehmerischen Wertschöpfungsketten. Das Produzieren von Wissen ist heute ein zentraler Treiber der räumlichen Transformation von Stadt. In den Worten das US-Stadtökonomen Ed Malecki: «If knowledge is not found everywhere, then where it is located becomes a particularly significant issue.»[8]

Informations- und Kommunikationstechnologien sind verantwortlich für die gesteigerten Möglichkeiten der Entstehung und Nutzung von Wissen. Distanzunabhängige Technologien bedeuten aber mitnichten das Ende von lokalen Qualitäten. Vielmehr verdeutlichen empirische Arbeiten das scheinbare Paradoxon der Komplementarität von räumlicher und relationaler Nähe für die Wissensgenerierung. Wissen wird erst im Austausch zwischen Menschen geschaffen, die sich sowohl räumlich als auch in Netzwerken nahe und vertraut sowie gleichzeitig zu diesem Austausch bereit und in der Lage sind. Der systematische Einsatz von Wissen im Sinne einer Kombination von wissenschaftlichem und erfahrungsgestütztem Wissen im unternehmerischen Wertschöpfungsprozess trägt heute wesentlich zur Transformation des Raumes bei.[9]

Selbstreflexion der Stadtbewohner entscheidend

Das menschliche Bedürfnis des Austausches, Sich-Begegnens und Erkannt-Werdens kann als Konstante der Raumnutzung betrachtet werden: Das ist meine Hypothese. Die Smart City wird uns nur dann die erhofften Wirkungen bescheren, wenn smart nicht nur die Eigenschaft von Menschen oder Institutionen meint, sondern vor allem auch die Anordnung und Organisation von gebauter und nicht bebauter Umwelt. Ziel sollte sein, Smart City 3.0 als Instrument der Steuerung von Stadttransformation zu begreifen.

Das Konzept umfasst zwei Lesarten: Erstens führt die Implementierung zu besserer Performance der Städte. Zweitens muss diese von Nutzern reflektiert werden können und zu neuem Wissen über räumliche Entwicklungsdynamik selber führen, beispielsweise über die räumlichen Konsequenzen des eigenen Nutzerverhaltens. Solches Wissen wiederum ist Grundlage für eine wirkungsvollere Steuerung der Städte.

Zielt politisches Handeln letztlich auf wirkungsorientierte Stadttransformation[10] – also auf absichtsvolle Kenntnisse von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen –, dann dient Smart City der gesellschaftlichen Verständigung über Wissen. Smart City 3.0 könnte der Königsweg darstellen und die Chance bieten, den Stadtbewohner wieder als Master of Ceremony ins Stadtmachen zurückzubringen. Wir müssen uns gleichzeitig als Produzent und Nutzer unserer eigenen steuerungsrelevanten Information begreifen. Indem wir Steuerungswissen öffentlich herstellen, lässt sich die Entwicklung von Stadt wirkungsvoller diskutieren.

  1. Glaeser 2011, Storper 2013. []
  2. Bettencourt 2013, Batty 2013. []
  3. Kitchin 2014. []
  4. European Commission o. J. []
  5. Vgl. Tinavienna.at []
  6. Taylor 2013. []
  7. Bentlage, Thierstein und Lüthi 2014. []
  8. Malecki 2000.:110 []
  9. Bentlage, Thierstein und Lüthi 2014. []
  10. Förster 2014. []

Dr. oec. HSG, Professor für Raumentwicklung, Fakultät für Architektur, Technische Universität München, Partner beim Beratungsunternehmen Ernst Basler und Partner, Zürich

Deutschland geht voraus

Die deutsche Regierung treibt Smart City voran. Laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung dient in erster Linie die dabei eingesetzte Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) dazu, «die stadtplanerischen Leitbilder im Bereich Klima, Verkehr und Mobilität, Verwaltungsmodernisierung, Daseinsvorsorge und öffentliche Sicherheit umzusetzen».a

Ein Beispiel aus München: Hier untersucht ein weiteres Forschungsteam im Projekt «Gamification, Prognosemärkte, Wikis & Co: Neues Wissen für die Stadt?»b innovative Ansätze der Wissens- und Entscheidungsfindung, die Herausforderungen und Zukunftsaufgaben in den Kommunen begegnen helfen. Die Autoren versprechen sich davon neue Ansätze zur Sicherung der kommunalen Grundversorgung, zur Stärkung der Transparenz in Verwaltungsabläufen, für neue Möglichkeiten des Monitorings räumlicher Entwicklungsdynamiken, für ein verbessertes Risikomanagement komplexer urbaner Systeme, für neue Wege, dezentrales Steuerungswissen in der Kommune zu bündeln sowie für vertiefte Kenntnisse über wichtige Zielgruppen für die kommunale Entwicklung und Möglichkeiten deren gezielter Ansprache und Aktivierung.

aBBSR (2015b):7.

bBBSR (2015a).

Literatur

  • Batty, Michael (2013). The New Science of Cities. Boston: MIT Press.
  • BBSR, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2015a): Smart Cities – Gamification, Prognosemärkte, Wikis & Co: Neues Wissen für die Stadt.
  • BBSR, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2015b). Smart Cities International – Strategien, Strukturen und Pilotvorhaben, Eva Schweitzer (Hrsg.). Bonn: BBSR, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.
  • Bentlage, Michael, Alain Thierstein und Stefan Lüthi (2014). Knowledge Hubs: Poles of Physical Accessibility and Non-physical Connectivity. In: Ben Derudder, Sven Conventz, Alain Thierstein und Frank Witlox (Hrsg.): Hub Cities in the Knowledge Economy. Seaports, Airports, Brainports. London: Ashgate, 31–54.
  • Bettencourt, Luis M. A. (2013). The Origins of Scaling in Cities. In: Science 340(1438), 1438–1441.
  • European Commission (o. J.). Smart Cities and Communities. The European Innovation Partnership on Smart Cities and Communities. Operational Implementation Plan: First Public Draft.
  • Förster, Agnes (2014). Planungsprozesse wirkungsvoller gestalten – Wirkungen, Bausteine und Stellgrößen kommunikativer planerischer Methoden. Doktor der Ingenieurwissenschaften (Dr-Ing), Fakultät für Architektur, Lehrstuhl für Raumentwicklung. München: Technische Universität.
  • Glaeser, Edward (2011). Triumph of the City: How Our Greatest Invention Makes Us Richer, Smarter, Greener, Healthier, and Happier. New York: The Penguin Press.
  • Kitchin, Rob (2014). Big Data, New Epistemologies and Paradigm Shifts. In: Big Data & Society 1(1).
  • Malecki, Edward J. (2000). Creating and Sustaining Competitiveness. Local Knowledge and Economic Geography. In: John Bryson, Peter Daniels, Nick Henry und Jane Pollard (Hrsg.): Knowledge, Space, Economy. London, New York, 103–119.
  • Storper, Michael (2013). Keys to the City. How Economics, Institutions, Social Interactions, and Politics Shape Development Oxford: Princeton University Press
  • Taylor, Peter J. (2013). Extraordinary Cities: Millennia of Moral Syndrome, World-Systems and City/State Relations. Edward Elgar Pub.

Dr. oec. HSG, Professor für Raumentwicklung, Fakultät für Architektur, Technische Universität München, Partner beim Beratungsunternehmen Ernst Basler und Partner, Zürich