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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Auf der Suche nach Fachkräften»

Es mangelt nicht nur an Ingenieuren

Die Nachfrage nach Fachkräften in der Schweiz bleibt gross. Ein Indikatorensystem des Bundes zeigt: Nebst Ingenieuren und Technikern sind beispielsweise auch Manager, Ärzte und Informatiker stark gesucht.

Im Gesundheitswesen ist Fachpersonal besonders gefragt. (Bild: Alamy)

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Wie lässt sich der Fachkräftemangel messen? Im Hinblick auf das Spitzentreffen des Bundes, der Kantone und der Organisationen der Arbeitswelt zum Thema «Fachkräfte Schweiz» im September 2016 wurde das bestehende Fachkräfte-Indikatorensystem des Bundes weiterentwickelt. Zur Beurteilung der Fachkräftesituation wird auf verschiedene Indikatoren abgestellt, welche unterschiedliche Aspekte der Fachkräfteknappheit in 380 Berufen möglichst genau abbilden. Starke Anzeichen für Fachkräftemangel gibt es insbesondere in den sogenannten Mint-Berufen. Ebenfalls stark betroffen sind Gesundheits-, Informatik- und Managementberufe.

Damit die Schweizer Wirtschaft ihre Spitzenposition im internationalen Umfeld halten kann, ist sie auf Fachkräfte angewiesen. Wie kann der Fachkräftemangel gemessen werden? Bereits 2009 haben das Forschungsinstitut B,S,S. und die Fachstelle für Arbeits- und Industrieökonomik der Universität Basel für die Schweiz ein erstes Indikatorensystem entwickelt, um die Fachkräftesituation in den Berufen zu beurteilen.[1] Seither wurde das System aktualisiert und weiterentwickelt.[2] Die neueste Ausgabe des Indikatorensystems hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erstellt und anlässlich des Spitzentreffens von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt zum Thema «Fachkräfte Schweiz» im September 2016 veröffentlicht.[3] Es stellt Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit eine umfassende Informationsgrundlage zu rund 380 Berufen in 36 Berufsfeldern bereit und schlägt punktuell auch die Brücke zu Potenzialen in den jeweiligen Berufsfeldern.

Fachkräftemangel bedeutet umgangssprachlich, dass Unternehmen Mühe bekunden, geeignete Arbeitskräfte zu finden. Obwohl von der Idee her einfach, ist Fachkräftemangel aufgrund verschiedener methodischer Herausforderungen nicht direkt messbar. Zur Analyse von Fachkräftemangel stützt sich das Seco daher auf verschiedene Indikatoren, welche die Fachkräftesituation in den Berufen möglichst genau abbilden.

Indikatoren zeigen Knappheit auf

Ein wichtiger Indikator ist beispielsweise eine unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit: Insbesondere in Verbindung mit einer hohen Quote offener Stellen deutet sie auf einen Fachkräftemangel hin. Ein weiterer Indikator ist die arbeitsmarktbedingte Zuwanderungsquote: Stehen im Inland nicht genügend qualifizierte Fachpersonen zur Verfügung, sind Unternehmen tendenziell stärker auf ausländische Fachkräfte angewiesen.

Auch die Demografie gilt es zu berücksichtigen: Gibt es genügend junge Arbeitskräfte, um ältere Arbeitskräfte im Pensionierungsalter zu ersetzen? Falls nicht, könnten diese Lücken den künftigen Fachkräftebedarf zusätzlich akzentuieren. Weiter gibt das langfristige Beschäftigungswachstum Aufschluss über einen möglichen Fachkräftemangel: So dürfte der Fachkräftebedarf in Berufen mit wachsender Beschäftigung auch in Zukunft anhalten. Schliesslich sind Fachkräftelücken tendenziell in denjenigen Berufen schwieriger zu füllen, die eine Berufsqualifikation auf der Sekundarstufe II oder auf der Tertiärstufe erfordern. Steigende Qualifikationsanforderungen sind häufig auch mit einer zunehmenden Spezialisierung verbunden, was die Rekrutierung von entsprechend ausgebildeten Fachkräften erschwert. Diesen Aspekt deckt ein Indikator für die Qualifikationsanforderungen in den Berufen ab.

Die erwähnten Indikatoren wurden für jeden Beruf zu einem Gesamtindex zusammengefügt. Der Index ermöglicht es, einzelne Berufe hinsichtlich des Fachkräftemangels einzuordnen. Um ein vertieftes Verständnis der Ursachen von Fachkräftemangel zu erlangen, müssen die Indikatoren zusätzlich einzeln betrachtet werden. Zudem sollten sie, um abschliessend interpretiert zu werden, zuweilen auch mit weiteren berufsspezifischen Informationen kombiniert werden. In diesem Sinne bildet das Indikatorensystem des Seco einen Ausgangspunkt für weiter gehende Analysen – beispielsweise durch die Branchen- und Berufsverbände.

Ingenieure an erster Stelle

Nicht alle Berufe sind gleichermassen von Fachkräftemangel betroffen. Starke Anzeichen für einen Mangel gibt es vor allem bei den sogenannten Mint-Berufen[4] wie beispielsweise den Ingenieur- oder Informatikberufen (siehe Abbildung 1). Stark sind ausserdem Gesundheitsberufe und die Managementberufe betroffen. Einen Verdacht auf Fachkräftemangel gibt es auch bei den Lehrkräften. Zusammen machen diese Berufe über ein Viertel der Gesamtbeschäftigung aus.

Keine oder vereinzelte Anzeichen für Fachkräftemangel können hingegen bei den Handels- und Verkaufsberufen, den landwirtschaftlichen Berufen sowie mehreren kleineren Berufsfeldern des sekundären Sektors, wie beispielsweise in der Textil- und Lederindustrie, beobachtet werden. Oft sind dies Berufe mit einer hohen Arbeitslosigkeit, mit einer negativen Beschäftigungsentwicklung und mit vergleichsweise tiefen Qualifikationsanforderungen.

Demgegenüber weisen die Berufsfelder, wo es starke Anzeichen für einen Mangel gibt, oft hohe Qualifikationsanforderungen und eine unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeit auf. Weiter kann in diesen Berufen ein positives trendmässiges Beschäftigungswachstum beobachtet werden. Da dieses meist durch langfristige strukturelle Faktoren wie die demografische und die technologische Entwicklung verursacht ist, dürfte sich das Wachstum mittelfristig fortsetzen. Ein weiteres Merkmal der technischen Berufe ist, dass vergleichsweise viele Stellen unbesetzt sind. Daraus lässt sich schliessen: Unternehmen können nur schwierig entsprechend qualifizierte Beschäftigte rekrutieren. Ein wichtiger Ausgleich für den inländischen Fachkräftemangel ist die Zuwanderung. Sie spielt vor allem in technischen Berufsfeldern eine wichtige Rolle.

Abb. 1: Fachkräftebedarf in ausgewählten Berufsfeldern (2012–2014)

Anmerkung: Es werden nur Berufsfelder mit einem Beschäftigungsanteil von mehr als 2 Prozent gezeigt. Eine vollständige Einordnung aller Berufsfelder befindet sich im Bericht «Fachkräftemangel in der Schweiz – Indikatorensystem zur Beurteilung der Fachkräftenachfrage» (Seco, 2016).

Quellen: BFS, Seco, X28 / Die Volkswirtschaft

Arbeitsvolumen in Mangelberufen bereits sehr hoch

In Berufen mit starken Anzeichen für Fachkräftemangel ist es von besonderer Bedeutung, dass latent vorhandene Fachkräftepotenziale – beispielsweise in Form von nicht oder Teilzeit erwerbstätigen Berufsleuten – erkannt und optimal ausgeschöpft werden.

Auffallend ist: Die Erwerbsbeteiligung und das Arbeitsvolumen sind in Berufen mit stark erhöhtem Fachkräftebedarf wie in den Mint-Berufen in der Regel bereits überdurchschnittlich hoch – und das nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen (siehe Abbildung 2). Verschiedentlich könnte einem Fachkräftemangel mittels einer Erhöhung der Erwerbsbeteiligung oder der Arbeitspensen – beispielsweise in den Bildungs- und Unterrichtsberufen – entgegengewirkt werden.

In verschiedenen Mangelberufen spielt die Rekrutierung von ausländischen Arbeitskräften eine wichtige Rolle zur Ausgleichung von Fachkräftelücken. Im Zuge der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative besteht eine Zielsetzung darin, das inländische Potenzial an Arbeitskräften noch besser zu nutzen.

Ein Ansatzpunkt zur Steigerung der Erwerbsbeteiligung oder zur Erhöhung von Teilzeitpensen bilden beispielsweise Massnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein weiteres zentrales Handlungsfeld der Fachkräfteinitiative liegt in der Schaffung guter Bedingungen zur Erwerbstätigkeit für ältere Arbeitnehmende. In Berufen mit starken Anzeichen für Fachkräftemangel liegen die Erwerbsbeteiligung und das Arbeitsvolumen der älteren Arbeitnehmenden tendenziell zwar bereits deutlich über den entsprechenden gesamtwirtschaftlichen Durchschnittswerten. Allerdings fällt die Arbeitsmarktbeteiligung in allen Berufsfeldern bereits vor Erreichen des offiziellen Pensionierungsalters ab, womit bei älteren Arbeitnehmenden je nach Berufsfeld also durchaus noch Fachkräftepotenziale stecken dürften. In allen Berufen dürften mittelfristig auch Massnahmen zur Nach- und Höherqualifizierung der inländischen Fachkräftepotenziale – ein weiteres zentrales Handlungsfeld der Fachkräfteinitiative – an Bedeutung gewinnen.

Abb. 2: Arbeitsvolumen und Fachkräftemangel in ausgewählten Berufen nach Geschlecht (2012–2014)

Quelle: BFS, Seco, X28 / Die Volkswirtschaft

Massgeschneiderte Lösungen

Der Hauptbeitrag dieses Indikatorensystems liegt darin, eine umfassende und objektive Analyse der Fachkräftesituation in rund 380 Berufen zu bieten. Es erlaubt eine Einordnung der Fachkräftesituation im Vergleich der Berufe untereinander. Ein genauerer Blick auf die einzelnen Berufsfelder zeigt aber auch: Den Mangelberuf gibt es nicht.

Fachkräftemangel hat unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen innerhalb der einzelnen Berufsfelder. So zeigt sich beispielsweise bei den Gesundheitsberufen ein erhöhter Fachkräftebedarf vor allem bei den Ärzten und den Pflegefachkräften, während medizinische Assistenzberufe keine Anzeichen für Fachkräftemangel aufweisen. Entsprechend sollte daher für die einzelnen Berufe auf massgeschneiderte Lösungen abgestellt werden. Das Indikatorensystem bietet eine gute Ausgangslage dafür.

 

  1. B,S,S. und FAI / Universität Basel (2009). Indikatorensystem Fachkräftemangel, Bern: BBT Forschungsbericht. []
  2. B,S,S. (2014). Fachkräftemangel in der Schweiz – Ein Indikatorensystem zur Beurteilung der Fachkräftenachfrage in verschiedenen Berufsfeldern. Bern: Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). []
  3. Staatssekretariat für Wirtschaft (2016). Fachkräftemangel in der Schweiz – Indikatorensystem zur Beurteilung der Fachkräftenachfrage, Bern. []
  4. Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. []

PhD in Volkswirtschaftslehre, Leiterin Amosa, Zürich

PhD in Volkswirtschaftslehre, Leiterin Amosa, Zürich