Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Auf der Suche nach Fachkräften»

Inländische Erwerbsbevölkerung wächst dank Frauen

In der Schweiz ist in den letzten fünf Jahren die Erwerbsbevölkerung auch ohne Zuwanderung gewachsen. Der Grund dafür ist in erster Linie eine stärkere Erwerbsbeteiligung der Frauen.

Die Frauen in der Schweiz sind immer besser qualifiziert. (Bild: 123RF)

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Angesichts der fortschreitenden demografischen Trends in ganz Europa, aber auch mit Blick auf die kritischere Haltung der Schweizer Bevölkerung gegenüber der Zuwanderung hat die Ausschöpfung inländischer Arbeitskräftepotenziale über die letzten Jahre an Aktualität gewonnen. Wie kann die Arbeitsmarktbeteiligung weiter gesteigert werden? Mit dieser Frage befasst sich die Fachkräfteinitiative von Bund, Kantonen und Sozialpartnern. Über die letzten fünf Jahre konnte das Arbeitskräfteangebot in der Schweiz allein durch eine Steigerung der Erwerbsbeteiligung um rund 100’000 Vollzeit erwerbs­tätige Personen erhöht werden. Verantwortlich dafür war in erster Linie eine stärkere Erwerbsbeteiligung der Frauen. Bei Fortsetzung der eingeschlagenen Politik zur Stärkung der Arbeitsanreize sollten weitere Steigerungen in ähnlichem Umfang möglich sein.

Die Schweiz weist im internationalen Vergleich eine hohe Erwerbsbeteiligung auf, und die Erwerbslosenquote gehört OECD-weit zu den niedrigsten. Eine hohe Erwerbsbeteiligung dürfte zum einen bedeuten, dass eine weitere Erhöhung zunehmend kostspieliger wird. So sind für weitere Steigerungen grössere Anpassungen in den Rahmenbedingungen erforderlich, und bei einem höheren Wohlstandsniveau gewinnen auch Trade-offs zu anderen individuellen oder gesellschaftlichen Zielen an Bedeutung. Denn eine höhere Arbeitsmarktbeteiligung geht immer mit einer entsprechenden Reduktion an frei verfügbarer Zeit einher. Mit anderen Worten: Die Opportunitätskosten steigen.

Andererseits ist eine hohe Erwerbsbeteiligung Ausdruck einer insgesamt hohen Beschäftigungsdynamik und einer erfolgreichen Arbeitsmarktpolitik. Diese positive Arbeitsmarktdynamik ist die Grundvoraussetzung dafür, dass erwerbswillige Personen einer Erwerbstätigkeit überhaupt nachgehen können beziehungsweise ihre Erwerbsaktivität bei einer Teilzeitarbeit allenfalls noch ausdehnen können. Hohe Löhne und gute Arbeitsbedingungen bieten ebenfalls positive Anreize zur Erwerbsbeteiligung.

Im Gegensatz zur Schweiz verzeichnen krisengeplagte Volkswirtschaften häufig hohe Anteile an arbeitslosen beziehungsweise nicht erwerbsaktiven Personen. Jugendliche Fachkräfte wandern in diesen Ländern oft aus. In einer solchen Situation ist der Ausbau der Erwerbsbeteiligung deutlich schwieriger.

Schweiz überflügelt EU-Staaten

Im Jahr 2015 lag die Erwerbsquote der 15- bis 64-jährigen Bevölkerung in der Schweiz bei 84,1 Prozent und damit fast 12 Prozentpunkte über dem Schnitt der EU-28-Staaten mit 72,5 Prozent. Sowohl in der Schweiz (+3,2 Prozentpunkte) wie auch in der EU (+2,8 Prozentpunkte) konnte die Erwerbsbeteiligung über die letzten zehn Jahre gesteigert werden (siehe Abbildung).

Erwerbsquote der 15- bis 64-Jährigen im internationalen Vergleich (2005 und 2015)

Quelle: Eurostat / Die Volkswirtschaft

Es gelang den EU-Staaten insgesamt nicht, den Abstand zur Schweiz zu verringern. Offensichtlich konnte die Schweiz über die letzten Jahre – trotz einem hohen Ausgangsniveau – ihr Arbeitskräftepotenzial also noch besser mobilisieren.

Stärkere Arbeitsmarktbeteiligung seit 2010

Die Erwerbsbevölkerung ist in der Schweiz zwischen 2010 und 2015 im Äquivalent von insgesamt 281’000 Vollzeit erwerbstätigen Personen gewachsen (siehe Tabelle). Ein Zuwachs von 102’000 war dabei auf eine Steigerung der Erwerbsbeteiligung beziehungsweise des durchschnittlichen Beschäftigungsgrades zurückzuführen. Der Beitrag der Arbeitsmarktbeteiligung zur gesamten Veränderung der Erwerbsbevölkerung wurde ermittelt, indem die Zunahme der vollzeitäquivalenten Erwerbsquote zwischen 2010 und 2015 pro Altersgruppe auf einen konstanten Bevölkerungsstand von 2010 umgerechnet wurde. Rund 60 Prozent der Zunahme gingen dabei auf die 25- bis 54-Jährigen und 40 Prozent auf die Bevölkerung ab 55 Jahren zurück.

Veränderung der Erwerbsbevölkerung in Vollzeitäquivalenten (2010 bis 2015)…

 
…durch Veränderung der Arbeitsmarktbeteiligung
…durch Bevölkerungswachstum
Total
Ständige Wohnbevölkerung ab 25 Jahren (insgesamt)
 102’000
 178’000
 281’000
Männer –3000 116’000 113’000
Frauen 105’000 63’000 168’000
  davon 25- bis 54-Jährige
62’000
124’000
186’000
  Männer –10’000 78’000 69’000
  Frauen 72’000 46’000 118’000
  davon 55-Jährige und älter
40’000
54’000
94’000
  Männer 7000 37’000 44’000
  Frauen 33’000 17’000 50’000

Anmerkung: Die Zahlen sind auf 1000 gerundet, was im Total zu Rundungsdifferenzen führen kann.

Quellen: Berechnungen Weber, BFS/Sake (2010 und 2015, jeweils 2. Quartal) / Die Volkswirtschaft

Wie eine nach Geschlecht differenzierte Betrachtung zeigt, stieg die Arbeitsmarktbeteiligung unter dem Strich ausschliesslich bei den Frauen. Neben einem gesteigerten Qualifikationsniveau dürften bei den 25- bis 54-jährigen Frauen Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein wichtiger Treiber gewesen sein. Bei den Frauen ab 55 Jahren bewirkten sowohl ein gesteigertes Qualifikationsniveau als auch höhere Anreize für einen längeren Verbleib im Arbeitsmarkt eine höhere Arbeitsmarktbeteiligung.

Bei den Männern wirkte sich die Arbeitsmarktbeteiligung insgesamt leicht negativ auf die Erwerbspersonenzahl aus (–3000). Dabei waren nach Altersklasse divergierende Trends massgeblich. Bei den Männern im Alter von 25 bis 54 Jahren führte eine etwas stärkere Verbreitung der Teilzeitarbeit zu einem Rückgang um 10’000 vollzeitäquivalente Erwerbspersonen. Bei den Männern ab 55 Jahren dagegen stieg die Erwerbsbeteiligung – unter anderem aufgrund eines Rückgangs bei Frühpensionierungen und einer vermehrten Weiterarbeit nach Erreichen des Pensionsalters – um insgesamt 7000 Vollzeitäquivalente.

Zuwanderung als Treiber

Das Bevölkerungswachstum bewirkte über die letzten fünf Jahre einen Zuwachs der Erwerbsbevölkerung um 178’000 Personen. Dahinter stand in erster Linie eine starke Zuwanderung, welche vorwiegend in der Bevölkerungsgruppe der 25- bis 54-Jährigen zum Ausdruck kommt. Die Zunahme der Bevölkerung ab 55 Jahren war demgegenüber dadurch zu erklären, dass zunehmend geburtenstarke Jahrgänge in diese Altersklasse hineinwuchsen.

Bei den Geschlechtern zeigt sich beim Bevölkerungswachstum ein anderes Bild als bei der Partizipation: Während die männliche Erwerbsbevölkerung in den Jahren 2010 bis 2015 um 116’000 Vollzeitäquivalente wuchs, stieg sie bei den Frauen lediglich um 63’000. Der Grund dafür ist die insgesamt höhere Erwerbsbeteiligung der Männer. Im Jahr 2015 belief sich die vollzeitäquivalente Erwerbsquote der 25- bis 64-jährigen Männern auf 92 Prozent; jene der Frauen betrug demgegenüber nur 61 Prozent.

Chancen für weiblich geprägte Branchen

Wie die steigende Erwerbstätigkeit der Frauen der letzten fünf Jahre zeigt, lindert die höhere Arbeitsmarktpartizipation den Fachkräftemangel insgesamt vor allem in weiblich geprägten Berufsfeldern. Dies bietet beispielsweise im Bildungs- oder im Gesundheitswesen mit ihren ausgesprochen hohen Frauenanteilen entsprechende Chancen für die kommenden Jahre.

In stark männlich geprägten Berufsfeldern mit Fachkräftemangel wie dem Ingenieurwesen oder der Informatik stehen hingegen andere Wege – sei es über zusätzliche Ausbildung, Rekrutierung von Quereinsteigern oder Rekrutierung im Ausland – eher im Vordergrund. Hinsichtlich der Arbeitsmarktpartizipation wurde in den letzten Jahren jedoch auch das Potenzial der Männer ab 55 Jahren noch stärker genutzt.[1]

Fachkräfteinitiative leistet Beitrag

Eine gezielte Ausrichtung von Massnahmen an der Fachkräftesituation in einem Beruf oder einer Branche sind möglich, wenn diese von den betroffenen Unternehmen beziehungsweise den Berufs- und Branchenverbänden ergriffen werden. Sie verfügen in der Regel über die relevanten Informationen zur Fachkräftenachfrage und wissen am ehesten, durch welche Massnahmen in ihrem Bereich zusätzliche Fachkräfte zu gewinnen sind. Zudem haben sie ein handfestes ökonomisches Interesse daran, einen allfälligen Fachkräftemangel zu lindern.

Der Staat kann – beispielsweise bei der externen Kinderbetreuung – durch geeignete Rahmenbedingungen und Anreize die Voraussetzungen verbessern, dass sich Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen. Von diesem gesteigerten Angebot profitieren Berufe mit einer hohen Nachfrage nach Fachkräften besonders, ohne dass eine aktive Selektion durch den Staat vorgenommen werden muss.

Wie die vorliegenden Betrachtungen zeigen, ist eine Steigerung der Erwerbsbeteiligung in der Schweiz trotz bereits hohen Werten möglich. Bei guter Wirtschaftsentwicklung dürfte eine weitere Steigerung in ähnlicher Grössenordnung über die kommenden Jahre realistisch sein, wenn ein Konsens darüber gefunden wird, wie die Grundbedingungen zur Stärkung der Erwerbsanreize noch weiter verbessert werden könnten.

Mit den Aktivitäten im Rahmen der Fachkräfteinitiative sollen entsprechende Entwicklungen – ergänzend zu den grossen Stossrichtungen der Arbeitsmarkt-, der Bildungs- und der Wachstumspolitik – punktuell gestärkt werden.

  1. Siehe Bernhard Weber (2015). Ältere im Arbeitsmarkt – wie gut sind sie integriert? In: Die Volkswirtschaft, 7-2015. []

Stv. Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Stv. Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern