Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Alternde Gesellschaft und Wirtschaftsentwicklung»

Die demografische Alterung beschleunigt sich

Die Alterung der Weltbevölkerung ist nicht aufzuhalten. Auch die Schweiz muss darauf gefasst sein.

Beim Erreichen des Rentenalters bleiben den Menschen in der Schweiz noch weit über 20 Jahre Lebenszeit. (Bild: Alamy)

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Die Babyboomer erreichen nach und nach das Rentenalter, wodurch sich die demografische Alterung in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern zunehmend beschleunigt. Die Schweiz ist keine Ausnahme, wie die Szenarien des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen. Diese gehen ausserdem davon aus, dass die Lebenserwartung weiter zunimmt, wodurch die Zahl der über 80-Jährigen ansteigen wird. Der Altersquotient wird sich also zwangsläufig erhöhen. Damit die Erwerbsbevölkerung wachsen kann oder zumindest nicht zurückgeht, muss die Einwanderung auf einem ähnlich hohen Niveau bleiben wie in den letzten Jahren. Die Schweiz ist kein Einzelfall: In den nächsten dreissig Jahren wird weltweit eine nie da gewesene Alterung zu beobachten sein, wie es die Beispiele Deutschland, Japan und China zeigen.

Die demografische Alterung kann in allen wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern seit mehreren Jahrzehnten beobachtet werden. In den kommenden zwanzig Jahren wird sich diese Entwicklung stark beschleunigen, denn die zwischen 1941 und 1970 geborenen Babyboomer erreichen das Rentenalter: Fast 85 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen dieser geburtenreichen Jahrgänge werden älter als 65 Jahre. Bei den Frauen beträgt die Lebenserwartung anschliessend noch über 25 Jahre, den Männern verbleiben knapp 23 Jahre.

Auch in der Schweiz wird die Zahl der Rentner zunehmen. Die bevorstehende Pensionierungswelle der Babyboomer beschleunigt die Alterung. Der Altersquotient (siehe Kasten) verdoppelt sich in den nächsten Jahrzehnten gegenüber dem Beginn des 21. Jahrhunderts, während die Erwerbsbevölkerung nur mithilfe der Einwanderung wachsen kann.

Mehrere Bevölkerungsszenarien

Das Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlicht regelmässig Szenarien, in denen plausible Bevölkerungsentwicklungen aufgezeigt werden. Aus dem letztjährigen Referenzszenario geht hervor, dass die Bevölkerung der Schweiz zwischen 2015 und 2045 von 8,3 Millionen auf 10,2 Millionen anwachsen wird (tiefes Szenario: 9,4 Millionen; hohes Szenario: 11,9 Millionen).[1] Dabei wird davon ausgegangen, dass die durchschnittliche Anzahl Kinder pro Frau leicht zunehmen wird: von 1,5 im Jahr 2015 auf 1,6 im Jahr 2045 (tiefes Szenario: 1,5; hohes Szenario: 1,7). Der Grund dafür sind bessere Rahmenbedingungen für Familien: Mehr Frauen haben die Möglichkeit, so viele Kinder zu haben, wie sie wünschen.

Wir werden immer älter. Bei den Männern betrug die Lebenserwartung im letzten Jahr 81 Jahre. Gemäss dem Referenzszenario steigt sie bis 2045 auf 86 Jahre (tiefes Szenario: 85,5; hohes Szenario: 87). Bei den Frauen steigt sie von 85 auf 89,5 Jahre (tiefes Szenario: 88,5; hohes Szenario: 90). Diese Entwicklung ist in erster Linie auf den medizinischen Fortschritt und die Prävention von gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen zurückzuführen.

Es wird davon ausgegangen, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften aufgrund der guten Wirtschaftslage weiterhin hoch bleibt. Gemäss dem Referenzszenario stagniert der internationale Wanderungssaldo bis 2030 bei 60’000 Personen pro Jahr (tiefes Szenario: 40’000; hohes Szenario: 80’000). Bis 2045 dürfte er auf 30’000 sinken (tiefes Szenario: 20’000; hohes Szenario: 40’000).

Infolge der aktuell tiefen Geburtenzahl wird die Erwerbsbevölkerung in Europa in rund zehn Jahren schrumpfen. Laut den UNO-Prognosen sinkt die Zahl der 15- bis 64-Jährigen in der EU zwischen 2015 und 2050 um 16 Prozent. Bereits heute ist ein Rückgang bei dieser Altersgruppe zu beobachten (–0,2 Prozent im Jahr 2014). Ab 2027 wird sie jährlich um mehr als 0,5 Prozent abnehmen. Das hat Auswirkungen auf die Schweiz, wo die Zahl der Einwanderungen zurückgehen wird.

Zahl der Rentner steigt

Die Zahl der über 65-Jährigen wächst zwischen 2015 und 2045 gemäss dem Referenzszenario um nahezu 80 Prozent: Sie steigt von 1,5 Millionen auf 2,7 Millionen Personen. Gemäss tiefem und hohem Szenario wird sich die Anzahl Rentner im Jahr 2045 auf 2,6 Millionen beziehungsweise 2,8 Millionen belaufen.

Seit 2008 wächst die Zahl der über 65-Jährigen um mehr als 30’000 Personen pro Jahr (siehe Abbildung 1). Diese Schwelle wird erst ab 2038 wieder unterschritten. Zwischen 2021 und 2035 dürften jährlich über 40’000 Neurentner gezählt werden; zwischen 2026 und 2032 sind es sogar über 50’000. Der Spitzenwert von 58’000 Personen wird im Jahr 2029 erreicht. Zum Vergleich: Zwischen 1975 und 2005 stieg die Zahl Rentner durchschnittlich lediglich um 13’000 Personen – mit einem maximalen Anstieg von 19’000 Personen im Jahr 1975 und einem minimalen Wachstum von 4000 Personen 1983.

Abb. 1. Jährliches Wachstum der ständigen Wohnbevölkerung ab 65 Jahren (Referenzszenario)

Quelle: BFS / Die Volkswirtschaft

Der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung steigt gemäss dem Referenzszenario im Laufe der nächsten 30 Jahre von 18 auf 26,5 Prozent. Die Zahl der über 80-Jährigen dürfte sich aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung mehr als verdoppeln und von 420’000 auf 1,1 Millionen steigen. Ihr Anteil an der Altersgruppe der über 65-Jährigen wächst in diesem Zeitraum von 28 auf 39 Prozent.

Dadurch steigt der Altersquotient rapide: Gemäss dem Referenzszenario wächst er zwischen 2015 und 2045 von 29 auf 48 (siehe Abbildung 2). Wird anstatt der Gesamtbevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren nur die Erwerbsbevölkerung berücksichtigt, steigt der Quotient von 34 auf 56.

Abb. 2 Entwicklung des Altersquotienten (über 64-Jährige / 15- bis 64-Jährige) in ausgewählten Ländern

Quelle: Weltbank, UNO / Die Volkswirtschaft

Die Erwerbsbevölkerung ist auf die Migration angewiesen

Zwischen 2015 und 2045 steigt die Zahl der Erwerbspersonen gemäss dem Referenzszenario um 9 Prozent auf 5,3 Millionen. Dieses Wachstum ist in erster Linie auf die Einwanderung zurückzuführen. Die ausländische Erwerbsbevölkerung, die sich im Jahr 2015 auf 1,3 Millionen Personen belief, wird bis 2045 auf 1,7 Millionen anwachsen. Ihr Anteil an der gesamten Erwerbsbevölkerung steigt in diesem Zeitraum von 26 auf 33 Prozent.

Die BFS-Szenarien zur internationalen Migration gehen weit auseinander – was sich in den Annahmen zur Erwerbsbevölkerung spiegelt. So wird die Erwerbsbevölkerung gemäss dem hohen Szenario stark zunehmen und sich 2045 auf knapp 6,0 Millionen belaufen. Demgegenüber rechnet man im tiefen Szenario mit einem Absinken auf 4,7 Millionen. Die Erwerbsbevölkerung kann somit nur wachsen, wenn der Wanderungssaldo über die nächsten Jahrzehnte hinweg konstant relativ hoch bleibt.

Im Moment scheint es wahrscheinlich, dass die Erwerbsbevölkerung in den kommenden dreissig Jahren – und darüber hinaus – wächst. Wie die Vergangenheit zeigte, kann sich der Wanderungssaldo jedoch rasch ändern und stark schwanken. Wenn er von den Trends der BFS-Szenarien abweicht, wird sich deshalb auch die Erwerbsbevölkerung anders entwickeln.

Auf die Bevölkerungsalterung in der Schweiz hat die internationale Migration hingegen nur einen geringfügigen Einfluss. Um Aussagen zur Entwicklung und zum Umfang der demografischen Alterung zu machen, sind die BFS-Szenarien deshalb äusserst hilfreich. Zusammen mit den Annahmen zur Gesamtbevölkerung oder zur Erwerbsbevölkerung dienen sie als Basis für politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Überlegungen – zur Zukunft des Landes.

Die ganze Welt altert

In den kommenden Jahrzehnten dürfte die Bevölkerung global älter werden, wobei die wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder besonders betroffen sind. Die Entwicklung des Altersquotienten, welche die Weltbank anhand der UNO-Prognosen für alle Staaten ermittelt hat, zeigt: Nebst den europäischen Ländern sind Japan und China mit einer starken Alterung konfrontiert.

In Japan wird der Altersquotient demnach bis 2050 einen Wert von 71 erreichen, nachdem er zwischen 2000 und 2015 bereits von 25 auf 43 angestiegen ist. In Deutschland wird er nach einer konstanten Zunahme von 24 (im Jahr 2000) auf 32 (im Jahr 2015) bis 2050 einen Wert von 59 erreichen. In China dürfte er bis 2050 auf 47 hochschnellen, nachdem er zwischen 2000 und 2015 lediglich von 10 auf 13 zugenommen hat.

Für die gesamte Weltbevölkerung erreichte der Altersquotient im Jahr 2015 einen Wert von knapp 13 (siehe Abbildung 3). Bis 2050 dürfte sich diese Zahl beinahe verdoppeln. In den ostasiatischen und pazifischen Ländern, im Nahen Osten und in Nordafrika sowie in Lateinamerika und in der Karibik wird sich der Altersquotient praktisch verdreifachen. In Südasien wächst er um 140 Prozent.

Abb. 3: Entwicklung des Altersquotienten nach Weltregionen (2015 bis 2050)

Quelle: Weltbank, UNO / Die Volkswirtschaft

Europa und Zentralasien registrieren hohe Werte, aber die Zunahme dürfte mit einem Wachstum von 83 Prozent weniger ausgeprägt sein. In Nordamerika (+68%) nimmt der Altersquotient etwas weniger stark zu. In Subsahara-Afrika verändert er sich mit einer Zunahme von 6 auf 8 hingegen kaum, was auf eine erhöhte Geburtenhäufigkeit und Mortalität zurückzuführen ist.

  1. BFS (2015). Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 2015–2045, Neuenburg. []

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sektion Demografie und Migration, Bundesamt für Statistik (BFS), Neuenburg

Der Altersquotient

Der Altersquotient vergleicht die Bevölkerungszahl der beruflich inaktiven Altersgruppen (Kinder und ältere Menschen) mit der Anzahl Personen im erwerbsfähigen Alter. Es gibt verschiedene Altersquotienten, die alle auf unterschiedliche Arten berechnet werden können. Auch das Referenzalter kann variieren.

In diesem Beitrag bezieht sich der Altersquotient nur auf die älteren Menschen und auf die Erwerbsbevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren. Im Gegensatz zur Weltbank (vgl. Abbildung 2) zählt das Bundesamt für Statistik (BFS) die 15- bis 19-Jährigen nicht zur Erwerbsbevölkerung, da ein grosser Teil dieser Jugendlichen in Ausbildung ist.

Will man jedoch die finanzielle Belastung durch die älteren Menschen für die Erwerbspersonen bestimmen, ist der Quotient nicht präzise genug. Denn bei den 20- bis 64-Jährigen wird nicht zwischen den erwerbstätigen und den nicht erwerbstätigen Personen unterschieden. Besser zum Ausdruck kommt dies in einem Indikator, welcher die Anzahl Personen ab 65 Jahren pro 100 Erwerbspersonen zwischen 20 und 64 Jahren erfasst.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sektion Demografie und Migration, Bundesamt für Statistik (BFS), Neuenburg