Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Alternde Gesellschaft und Wirtschaftsentwicklung»

Der Altersgraben an der Stimmurne ist weniger tief als angenommen

Oft wird vor einer drohenden Gerontokratie an den Stimmurnen gewarnt. Eine Auswertung des Abstimmungsverhaltens von Jung und Alt zeigt jedoch: Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen sind kleiner als vermutet.

Der Konflikt zwischen den Generationen entpuppt sich als Mythos: Sängerin Taylor Swift und Mick Jagger. (Bild: Keystone)

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Das Medianalter der Stimmberechtigten steigt fortlaufend, und überdies beteiligen sich Ältere auch häufiger an Abstimmungen als Jüngere. Daraus liesse sich eine steigende Dominanz der Senioren an der Urne ableiten. Eine Auswertung des Abstimmungsverhaltens der verschiedenen Altersgruppen über die letzten 35 Jahre ergibt jedoch ein anderes Bild: Abweichende Mehrheiten gab es nur in einer Minderheit der Abstimmungsfälle, wobei die Senioren die Jungen nicht immer überstimmten. Zurzeit gibt es keine empirischen Anzeichen dafür, dass die elektorale Dominanz der Alten «zukunftsorientierte» Politik an den Stimmurnen zusehends blockieren würde.

Die Schweizer Gesellschaft überaltert und mit ihr das Elektorat. Das Medianalter der Stimmberechtigten ist zwischen 1991 und 2014 von etwa 44 auf rund 50 Jahre gestiegen.[1] Hinzu kommt: Politische Entscheide an der Urne werden nicht von der Gesamtheit der Wahlberechtigten gefällt, sondern von den am jeweiligen Urnengang Teilnehmenden – dem sogenannten Stimmkörper. Da ältere Stimmberechtigte fleissiger abstimmen gehen als jüngere, liegt das Medianalter des Stimmkörpers laut einer Schätzung von Avenir Suisse bei derzeit 55 Jahren und damit rund fünf Jahre über demjenigen des Elektorats.[2] Dieser Trend der Überalterung von Stimmberechtigten und Stimmenden wird sich zudem aller Voraussicht nach fortsetzen. Das Medianalter der Stimmenden dürfte im Jahr 2035 auf über 60 Jahre klettern. Angesichts dieser Zahlen verwundert es nicht, dass vielerorts vor einer «Gerontokratie» an den Stimmurnen gewarnt wird.

Die Überalterung des Elektorats ist unbestritten. Ebenso wenig steht zur Debatte, ob das Alter einen Einfluss auf die individuellen politischen Präferenzen ausübt: Dem ist nachweislich so. Lebenszyklische, generationelle, aber auch andere altersgebundene strukturelle Merkmale prägen Interessen und Wertehaltungen und wirken sich auf diese Weise auch auf das Stimm- und Wahlverhalten aus.[3]

Für den politischen Entscheidungsprozess ist dies allerdings nur dann relevant, wenn sich Jung und Alt in ihren politischen Präferenzen auch massgeblich unterscheiden. Massgeblich bedeutet im Kontext von Volksabstimmungen, dass die Mehrheiten in den Alterssegmenten voneinander abweichen. Überraschenderweise gibt es dazu kaum Studien zur Schweiz, obwohl Daten vorhanden sind – das Stimmverhalten der verschiedenen Altersgruppen wird in den Vox-Nachbefragungen seit den späten Siebzigerjahren nach jedem eidgenössischen Urnengang abgefragt.

Vergleicht man die Stimmentscheide der 18- bis 29-Jährigen mit denjenigen der über 64-Jährigen, so öffnete sich zwischen 1981 und 2015 bei 79 von 286 untersuchten Vorlagen (28%) ein mehrheitsübergreifender Altersgraben.[4] Im Umkehrschluss bedeutet dies: In rund drei Vierteln aller Fälle gelangten Jung und Alt zum gleichen Mehrheitsentscheid. Dabei gehörten die Senioren längst nicht immer zu den Abstimmungssiegern. In immerhin 31 dieser 79 Fälle setzten sich nämlich die Jungen an der Urne durch.

Uneinigkeit bei Wertefragen am grössten

Die durchschnittliche Differenz zwischen den Voten von Alt und Jung ist nicht sonderlich hoch: Sie beträgt rund 13 Prozentpunkte. Altersbedingte Unterschiede im Stimmverhalten sind zwar durchaus vorhanden, und in einzelnen Fällen sind diese sogar erheblich. Aber insgesamt von einem fundamentalen Generationenkonflikt zu reden, erscheint angesichts dieser Zahlen übertrieben. Des Weiteren ist es auch nicht so, dass der Altersgraben vor allem bei bedeutsamen Volksentscheiden auseinanderklaffen würde, während er bei konfliktarmen Sachgeschäften kaum erkenntlich ist: Denn die Differenzen zwischen Alt und Jung nehmen mit der wahrgenommenen Vorlagenbedeutung nur geringfügig zu.[5]

Uneins sind Alt und Jung vor allem bei Wertefragen – allen voran bei Abstimmungen zur Armee, bei denen die durchschnittliche Abweichung 18 Prozentpunkte beträgt. Auch in der Ausländerpolitik (16 Prozentpunkte) und bei sozialpolitischen Themen (15 Prozentpunkte) liegen die Präferenzen überdurchschnittlich stark auseinander. Dabei tendieren Junge oft, aber längst nicht immer zur «progressiven» Alternative, während die Alten oft «konservativ» stimmen. Die Ursachen dafür liegen bei genauerem Hinsehen aber längst nicht immer in den unterschiedlichen, durch die jeweilige Lebensphase bedingten materiellen Interessen, sondern vielmehr in unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Wertvorstellungen. Ein gutes Beispiel sind die Abstimmungen über die Mutterschaftsversicherung (1984, 1987, 1999 und 2004): Hier ging es nicht bloss um Ressourcenallokation, sondern auch um Rollenbilder und Familienmodelle, mithin also um Wertvorstellungen. Ähnliches gilt auch für die Goldinitiative der SVP (2002), von welcher die AHV zwar vordergründig betroffen war, bei der es beim Urnenentscheid aber weniger um die AHV, sondern hauptsächlich um die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges ging (Stichwort «Solidaritätsstiftung»).

Auch bei Abstimmungen zu Rentenfragen gibt es keine unüberbrückbare Kluft: Obwohl man erwarten dürfte, dass der «Verteilungskonflikt» zwischen den Generationen hier so offen wie nirgendwo sonst auftritt, beträgt die durchschnittliche Differenz im Stimmverhalten zwischen den beiden Alterskohorten lediglich 14 Prozentpunkte.

Die zentrale Fragestellung ist indes dynamischer Natur: Sind die Differenzen zwischen Jung und Alt im Gefolge der Überalterung gewachsen? Dafür gibt es wenig empirische Evidenz. In den letzten 35 Jahren gab es zwar immer wieder Perioden, in denen Jung und Alt unterschiedliche Mehrheitsentscheide fällten, eine kontinuierliche Zunahme dieser Differenzen ist jedoch nicht erkennbar (siehe Abbildung). Im Gegenteil: Während sich in den Achtzigerjahren bei beinahe jeder zweiten Abstimmung mehrheitsübergreifende Unterschiede offenbarten, wurden diese Werte im neuen Jahrtausend nur noch selten erreicht.

Abweichende Mehrheiten zwischen Jung und Alt (1981 bis 2015)

Abb.1_Milic

Anmerkung: Die Linie gibt an, wie hoch der Anteil Abstimmungen mit mehrheitsübergreifenden Differenzen zwischen Jung und Alt (in Prozent) zu einem bestimmten Zeitpunkt war. Dieser Anteil wird jeweils für die zum Zeitpunkt der Messung zehn zurückliegenden Abstimmungen angegeben. Die Horizontale stellt dabei die Zeitachse dar, auf welcher jede einzelne Vorlage (n=286) einen Fall repräsentiert. Ein Lesebeispiel: Bei der letzten Messung, d. h. am Urnengang vom 14. Juni 2015, beträgt dieser Anteilswert 10 Prozent. Das heisst: Bei den zehn zurückliegenden Abstimmungen von und bis zum 14. Juni 2015 gab es nur gerade einen Fall (ergo: 10%), bei welchem Jung und Alt unterschiedliche Mehrheiten aufwiesen.

Quelle: Voxit, Berechnungen Milic / Die Volkswirtschaft

Mehrheitsverhältnisse nur selten gekippt

Überstimmen die Alten die Jungen zudem vermehrt? Zunächst ist Folgendes klarzustellen: Ein «Überstimmen» liegt dann vor, wenn das Mehrheitsverhältnis aufgrund des Entscheids einer einzelnen Merkmalsgruppe – beispielsweise der über 64-Jährigen – kippt. Mit anderen Worten: Der Entscheid der einen oder der anderen Altersgruppe muss letztlich den Ausschlag für das Endergebnis gegeben haben, damit von einem «Überstimmen» die Rede sein darf. Dies war nur bei 24 der untersuchten 286 Vorlagen der Fall: Während bei 15 Vorlagen die Senioren das Resultat zu ihren Gunsten wenden konnten, überstimmten bei 9 Vorlagen die Jungen die Alten. Dabei wurde zudem ausser Acht gelassen, dass die Altersgruppe der über 64-Jährigen von vornherein eine grössere Chance hat, das Endergebnis entscheidend zu beeinflussen, da sie zahlenmässig klar stärker vertreten ist als die 18- bis 29-Jährigen. Zuletzt gibt es keinen empirisch überzeugenden Hinweis darauf, dass sich das Überstimmungsphänomen verschärft hat: Die Fälle, in denen Alte Junge überstimmen, haben über die Untersuchungsperiode hinweg nicht zugenommen.

Das Alter ist ein Faktor unter vielen

Die Analyse zeigt: Die Generationenkluft ist in der Abstimmungsdemokratie nicht so tief wie vielfach angenommen. Von einem Generationenkonflikt, der Reformen verhindert und ganze Politikbereiche lahmlegt, kann somit kaum die Rede sein. Das liegt zum einen daran, dass das Alter bloss einer von vielen Faktoren des Abstimmungsentscheids ist – und oftmals wohl nicht der wichtigste. Wie andere strukturelle Merkmale – etwa die Sprachzugehörigkeit, der Stadt-Land-Graben oder die Konfession – hat das Alter glücklicherweise keine entscheidende Spaltkraft: Jung und Alt gehören ähnlich wie die Deutschschweiz und die lateinische Schweiz abwechslungsweise zu den Abstimmungssiegern und -verlierern. Die frustrierende Erfahrung, permanent überstimmt zu werden, müssen demnach weder Jung noch Alt machen. Das liegt generell daran, dass die vielen verschiedenen gesellschaftlichen Konfliktlinien, die die Schweiz durchziehen und zu denen auch der Generationengraben zählt, bei den meisten Abstimmungsthemen zumeist quer zueinander liegen.[6] Diesem Umstand ist auch der «Sonderfall» Schweiz massgeblich zu verdanken.

Die Prämisse der Maximierung des Eigeninteresses, die der These des Generationenkonflikts zugrunde liegt, trifft zum anderen wohl längst nicht immer zu. Denn: Ältere Stimmberechtigte haben nicht nur ihr eigenes Wohl im Auge, sondern vielfach auch dasjenige ihrer Kinder und Enkelkinder. Jugendliche wiederum gehören oft deshalb dem Lager der Abstimmungsverlierer an, weil ihr Entscheid am stärksten vom Medianentscheid – und demnach nicht nur von demjenigen der Senioren  – abweicht. Allgemein gilt: Die Altersgruppen bilden keine in sich geschlossenen, homogenen Interessengruppen.[7]

Zudem deutet die 35 Jahre umspannende Analyse darauf hin, dass das «extreme» Stimmverhalten von Jugendlichen im Laufe ihres Lebens zurückgeht: Die Differenz zwischen Jung und Alt blieb im Beobachtungszeitraum mehr oder weniger konstant. Die politischen Präferenzen von Jung und Alt passen sich somit über ein Lebensalter hinweg oft an.

  1. BFS (Espop und Statpop). []
  2. Rühli (2016); Sciarini, Pascal et al. (2016) []
  3. Bonoli und Häusermann (2009), Tilley und Evans (2014). []
  4. Das Stimmrechtsalter wurde 1991 von 20 auf 18 Jahren herabgesetzt. Die zuvor ausgewiesenen Anteile der Jungen umfassen demnach 20- bis 29-Jährige. Da Umfragedaten stets einem Zufallsfehler unterliegen, wurden Robustheitstests durchgeführt. Mehr dazu findet sich in einer ausführlichen Version des Beitrags unter Thomasmilic.wordpress.com/publikationen/[]
  5. Als Indikator für die Bedeutungswahrnehmung wurde die in den Vox-Umfragen gestellte Frage nach der nationalen Bedeutung des Sachgeschäfts verwendet. []
  6. Linder (2012). []
  7. Lutz (2016). []

Dr. phil. I, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Zentrum für Demokratie, Aarau

Literatur

  • Bonoli, Giuliano und Silja Häusermann (2009). Who Wants What from the Welfare State? In: European Societies 11(2): 211–232.
  • Dermont, Clau (2016). Taking Turns at the Ballot Box: Selective Participation as a New Perspective on Low Turnout. In: Swiss Political Science Review 22(2): 213–231.
  • Linder, Wolf (2012). Schweizerische Demokratie, Institutionen – Prozesse – Perspektiven. 3., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Bern: Haupt-Verlag.
  • Lutz, Georg (2016). Eidgenössische Wahlen 2015 Wahlteilnahme und Wahlentscheid. Lausanne: Selects – FORS.
  • Rühli, Lukas (2016). Alterung, Avenir Suisse.
  • Sciarini, Pascal et al. (2016). The Underexplored Species: Selective Participation in Direct Democratic Votes. In: Swiss Political Science Review 22(1): 75–94.
  • Tilley, James und Geoffrey Evans (2014). Ageing and Generational Effects on Vote Choice: Combining Cross-Sectional and Panel Data to Estimate APC Effects. In: Electoral Studies 33: 19–27.

Dr. phil. I, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Zentrum für Demokratie, Aarau