Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Alternde Gesellschaft und Wirtschaftsentwicklung»

Alterung: Ökonomisches Bewusstsein statt Panik

Ist die demografische Alterung für die Wirtschaft eine Schicksalsfrage? Nüchtern betrachtet gibt es keinen Grund für einen übertriebenen Pessimismus.

Für das langfristige Wirtschaftswachstum ist die Arbeitsproduktivität entscheidend – und nicht die Altersstruktur. (Bild: Keystone)

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Die demografische Entwicklung fordert die Industrieländer: Stagnierende Geburten und eine längere Lebenserwartung führen zu mehr und zahlenmässig stärkeren Kohorten von über 60-Jährigen – was oft als grosse Belastung für die wirtschaftliche Entwicklung angesehen wird. Diese Entwicklung ist aber keine Schicksalsfrage. Wichtig ist, dass die Erwerbstätigkeit der älteren Arbeitnehmer mit der steigenden Lebenserwartung Schritt hält. Kann gleichzeitig die Arbeitsproduktivität gestärkt werden, haben auch künftige Generationen Aussicht auf einen mit heutigen Verhältnissen vergleichbaren Wohlstand.

Das Thema Demografie ist immer wieder für Schlagzeilen gut: «Der Altersschock kommt erst», «Die ergraute Gesellschaft» oder «Schleichende Vergreisung». So titelten Schweizer Blätter in den letzten Jahren. Wie in den meisten Industrieländern verändert sich die Bevölkerungsstruktur auch in der Schweiz. Aufgrund verschiedener Faktoren wie stagnierender Geburtenzahlen, längerer Lebenserwartung und Übergang der geburtenstarken Jahrgänge in das Rentenalter ist absehbar, dass der Anteil der über 65-jährigen Bewohner in den kommenden Jahrzehnten zunehmen wird.

Heute leben in der Schweiz rund 1,5 Millionen über 65-Jährige. In 30 Jahren sind es vermutlich bereits 2,7 Millionen.[1] Der Anteil dieser Altersgruppe stiege somit von knapp 14 Prozent im Jahr 1980 auf gut 26 Prozent im Jahr 2045.

Die akademische Forschung und internationale Organisationen wie die UNO oder die OECD verfolgen die demografische Entwicklung aufmerksam. Neben der theoretischen Modellierung und der differenzierten Datenanalyse beschäftigen sich die Forscher vor allem mit Fragen zu den wirtschaftlichen, sozialen und soziologischen Auswirkungen einer alternden Gesellschaft. Oftmals dominieren in der Analyse eher pessimistische Schlussfolgerungen: Die Gesundheits- und Pflegekosten explodieren; die Finanzierung der Altersvorsorge wird schwieriger; das politische Wahl- und Abstimmungsverhalten wird konservativer (und ergo «schlechter»).

Solche Bedenken sind ohne Zweifel ernst zu nehmen. Dennoch plädiere ich für einen wirtschaftspolitisch zwar nicht gelassenen, aber doch von Selbstbewusstsein geprägten Blick auf die Entwicklung der Demografie. Dabei stehen drei Fragen im Vordergrund: Wie könnte sich die demografische Entwicklung auf den langfristigen Trend des Wirtschaftswachstums auswirken? Können ältere Arbeitnehmer überhaupt länger arbeiten, ohne junge vom Arbeitsmarkt zu verdrängen? Und: Wird die Schweiz mit der heute erwarteten Altersstruktur der Bevölkerung in den 2030er-Jahren schlechtere Voraussetzungen zur Erhaltung des heutigen Wohlstandes haben?

Demografie beeinflusst Wirtschaftswachstum nur indirekt

Im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung wird immer wieder der Begriff «Überalterung» verwendet. Damit wird suggeriert, dass die Bevölkerungsentwicklung zu einer Bevölkerungsstruktur tendiert, bei der es zu viele alte Leute geben wird. Abgesehen davon, dass es sich bei dieser Beschreibung um eine negative Konnotation handelt, erfasst sie den Punkt aus ökonomischer Sicht nur unvollständig. Denn: Das langfristige Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft basiert in erster Linie nicht auf der Altersstruktur, sondern hängt mit der Veränderung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen zusammen. So sind das Arbeitsvolumen (Anzahl der gesamtwirtschaftlich geleisteten Arbeitsstunden) sowie die Arbeitsproduktivität (Produktion pro geleistete Arbeitsstunde) die zwei entscheidenden Treiber der gesamtwirtschaftlichen Produktion – respektive des Bruttoinlandprodukts.

Indirekt beeinflussen die demografischen Verschiebungen das Arbeitsvolumen natürlich: Eine sinkende oder eine stagnierende Geburtenrate führt gekoppelt mit einer höheren Lebenserwartung dazu, dass der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung sinkt – was das Trendwachstum negativ beeinflusst.[2]

Hinzu kommt: Arbeit ist nicht der alleinige Produktionsfaktor. So kann aus dem Blickwinkel der neoklassischen Wachstumstheorie ein verringertes Wachstum der Erwerbsbevölkerung die Intensität des Kapitaleinsatzes in einer Volkswirtschaft erhöhen – was zu einem erhöhten Pro-Kopf-Einkommen führen kann.[3]

Bei den Ersparnissen ist unklar, ob sie in einer alternden Gesellschaft gesamtwirtschaftlich konstant bleiben. Auf der einen Seite lässt ein hoher Rentneranteil eine höhere Tendenz zum Ausgeben des Ersparten erwarten. Demgegenüber kann argumentiert werden, dass das Bewusstsein über die demografischen Verschiebungen die Erwerbstätigen zu einer höheren Sparneigung veranlasst – im Wissen, dass sie während ihrer aktiven Erwerbszeit mehr Vorsorgekapital aufbauen müssen. Dies kann sich – zusammen mit Kapitalimport – ebenfalls positiv auf die Kapitalbildung, die Arbeitsproduktivität und das Pro-Kopf-Einkommen auswirken.

Eine alternde Bevölkerung muss sich also langfristig nicht zwingend negativ auf die Entwicklung des Wohlstandes auswirken. Beim Wachstumstreiber Arbeitsvolumen sind letztlich die effektiven geleisteten Erwerbsjahre sowie die individuelle Wahl des Beschäftigungsgrades entscheidend. Statt um die Altersstruktur geht es somit vielmehr um die positiven (respektive negativen) Anreize zur Erwerbstätigkeit, welche nicht zuletzt über die Ausgestaltung der staatlichen Altersvorsorge gesetzt werden. Ebenfalls wichtig ist in diesem Zusammenhang die Rolle des Kapitaldeckungsprinzips in der zweiten Säule: Je mehr Vorsorgekapital die Erwerbstätigen in ihren Erwerbsjahren aufbauen können, desto stärker entlastet dies die Finanzierungsverpflichtung der Erwerbstätigen im Rahmen der AHV.

Verdrängungsargument widerlegt

Was bringt ein höheres Rentenalter? Gegner argumentieren oft, man könne die demografischen Verschiebungen nicht durch verlängerte Erwerbszeiten korrigieren, weil die älteren Erwerbstätigen sonst die jüngeren vom Arbeitsmarkt drängten. Dieses Verdrängungsargument («Wenn ältere Arbeitnehmer früher in Pension gehen, gibt es mehr Arbeit für die jüngeren») sticht vor allem in Ländern, in denen die Jugendarbeitslosigkeit insbesondere seit der Finanz- und Eurokrise hoch ist und/oder politische Argumente für Arbeitszeitverkürzungen (respektive gegen die Erhöhung des formellen Rentenalters) gesucht werden. Ökonomisch lässt sich diese These alleine anhand von zwei Bedingungen, welche die Behauptung voraussetzt, widerlegen.[4]

Erstens setzt die Verdrängungsthese voraus, dass die Nachfrage nach Arbeit eine fixe Grösse ist. Diese Annahme ist falsch. Denn die Arbeitsnachfrage ist eine sogenannt abgeleitete Nachfrage, welche durch die Endnachfrage auf den Gütermärkten getrieben ist. Wenn beispielsweise in der Automobilindustrie die Nachfrage nach innovativen Automobilen steigt, braucht es mehr Arbeitskräfte. So gesehen kann es bei einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum immer auch eine tendenziell steigende Nachfrage nach dem Produktionsfaktor Arbeit geben. Arbeit geht in langfristig wachsenden Volkswirtschaften nicht aus – vor allem nicht in personalintensiven Dienstleistungssektoren.

Zweitens geht das Verdrängungsargument davon aus, dass ältere Erwerbstätige problemlos durch jüngere substituiert werden können. Auch diese Voraussetzung kann in Zweifel gezogen werden[5]: Jüngere Arbeitnehmer haben in der Regel den Vorteil einer zeitgemässen (Berufs-)Ausbildung, während ältere Arbeitnehmer eine höhere Berufserfahrung in die Waagschale werfen. Diese Beobachtung spricht eher für eine Komplementarität zwischen jüngeren und älteren Erwerbstätigen.

Schliesslich stellen Studien fest: Eine höhere Beschäftigung der Älteren geht Hand in Hand mit einer höheren Beschäftigung der Jungen.[6] Diese optimistisch stimmende Erkenntnis gilt vor allem auch für die Schweiz: Die hohe Erwerbsquote der über 55-Jährigen ist im internationalen Vergleich ebenso beeindruckend wie die verhältnismässig tiefe Jugendarbeitslosigkeit.

Rezepte stehen bereit

Ist damit alles nur halb so schlimm? Müssen wir uns über die demografischen Veränderungen keine Sorgen machen? Selbstverständlich wäre das eine falsche Schlussfolgerung. Die demografischen Verschiebungen sind für alle betroffenen Länder eine grosse Herausforderung. Insbesondere da in unseren Breitengraden nicht auf eine starke Zuwanderung jüngerer Arbeitnehmer gesetzt werden kann: Dieser Option sind in vielen europäischen Staaten ausländerpolitische Grenzen gesetzt.

Entscheidend wird sein, dass die Treiber des Wirtschaftswachstums – die Entwicklung der Arbeitsproduktivität sowie eine hohe Erwerbsbeteiligung – auch in Zukunft ihre Impulse geben können. Dies ist grundsätzlich möglich. Denn: Die demografische Entwicklung ist kein Schicksalsurteil für das langfristige Wirtschaftswachstum.

Es kann mit einer gewissen Zuversicht davon ausgegangen werden, dass unsere Kinder und Enkel nicht zwingend schlechtere Voraussetzungen haben werden, um auch in den nächsten Jahrzehnten einen hohen Wohlstand geniessen zu können: Die Schweizer Politik hat die nötigen Ansatzpunkte erkannt. So setzt die im Sommer 2016 publizierte Wachstumspolitik des Bundesrates an der Analyse an, dass sich die Arbeitsproduktivität in den binnenwirtschaftlich orientierten Bereichen schwächer als in vielen anderen Ländern entwickelt – weshalb der Schlüssel für die künftige Stärkung der schweizerischen Volkswirtschaft bei binnenorientierten Sektoren wie der Landwirtschaft, dem Bau- und Gastgewerbe, den unternehmensbezogenen Dienstleistungen oder dem Gesundheitssektor liegt.

Gleichzeitig wird es wichtig sein, dass die hohe Erwerbsbeteiligung in der Schweiz erhalten oder gar ausgebaut wird. Die laufende parlamentarische Debatte um die Altersvorsorge 2020 diskutiert wesentliche Elemente, um der Tendenz zur (relativen) Frühpensionierung entgegenzuwirken.

Bürger haben es in der Hand

Ob und allenfalls wie der demografische Wandel den Wohlstand eines Landes beeinflusst, hängt alles in allem von den künftigen wirtschafts-, bildungs-, arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Entscheidungen sowie von der tatsächlichen Verhaltensanpassung der Individuen auf entsprechende Reformen ab. Die aktuelle demografische Entwicklung ist also definitiv keine Schicksalsfrage. Die Politik sowie die Bürger können auch in Zukunft eigenständig handeln.

Offen bleibt allerdings, wie sich die anstehenden Verschiebungen in der Altersstruktur der Bevölkerung auf das künftige Abstimmungsverhalten auswirken werden. Die Stimmbeteiligung in der Schweiz ist bei den 70-Jährigen am höchsten. Das Medianalter der Abstimmenden lag 2015 bei 56 Jahren – Tendenz steigend.[7] Sollten ältere Menschen künftig eher konservativ und tendenziell weniger reformfreudig sein, wäre dies aus politökonomischer Sicht tatsächlich keine gute Perspektive für demografiebezogene Entscheidungen, die auf die lange Bank geschoben werden.

  1. Referenzszenario des Bundesamtes für Statistik: BFS (2015). []
  2. OECD (2012). []
  3. Ronald Lee (2016). []
  4. OECD (2013). []
  5. Kalwij, Kapteyn, de Vos (2010). []
  6. OECD (2013). []
  7. Avenir Suisse (2016). []

Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik und stv. Direktor, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Literatur

  • Avenir Suisse (2016). CH 1995 2035 – Globale Trends, nationale Herausforderungen, liberale Lösungen
  • BFS (2015). Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 2015–2045. Neuenburg, Juni 2015.
  • OECD (2012). Looking to 2060: Long-Term Global Growth Perspectives. OECD Economic Policy Papers No. 3. Paris 2012.
  • OECD (2013). OECD Employment Outlook. Paris, OECD.
  • Kalwij, Adriaan, Arie Kapteyen, Klaas de Vos (2010). Retirement of Older Workers and Employment of the Young. In: De Economist 158, No.4, S. 342–359.
  • Lee, Ronald (2016). Macroeconomic, Aging and Growth. NBER Working Paper 22310, Cambridge.

Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik und stv. Direktor, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern