Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Freihandel versus Protektionismus»

Handelskosten: Schweiz profitiert von geografischer Lage

Dank der zentralen Lage in Europa entstehen der Schweiz geringe Handelskosten, wie eine Studie zeigt. Auf den ersten Blick entpuppt sich ein Wegfall des Aussenhandels als weniger folgenschwer, als man annehmen würde.

Verbindet Genua mit Rotterdam: Der Gotthardbasistunnel bei Erstfeld. (Bild: Keystone)

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Für die kleine und offene Volkswirtschaft Schweiz kommt dem Aussenhandel eine wichtige Rolle zu. Eine Studie hat analysiert, welche Gewinne für die Schweiz durch den internationalen Handel anfallen. Anhand eines Standardmodells der Handelstheorie wurde die Handelsintegration der Schweiz und deren Beitrag zum Pro-Kopf-Einkommen betrachtet. Wie sich zeigt, liegen die Handelskosten insbesondere aufgrund der vorteilhaften geografischen Lage weit unter dem Durchschnitt. Am meisten zu den Gewinnen tragen die EU-Länder bei. Änderungen in der Handelsintegration mit der EU wirken sich daher stärker auf den Wohlstand der Schweiz aus als beispielsweise veränderte Kosten im Handel mit China.

Die Schweiz ist ein wirtschaftlich sehr offenes Land.[1] Im Jahr 2015 wurden Güter und Dienstleistungen im Wert von rund 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) exportiert; die Importe beliefen sich auf die Hälfte des BIP. Damit lag die Schweiz deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 45 Prozent bei den Exporten respektive 40 Prozent bei den Importen. Aufgrund der geografischen Lage sind die europäischen Länder besonders wichtig für die Schweiz: 60 Prozent der Exporte gingen 2015 in europäische Länder, und 70 Prozent der Importe stammten aus diesem Gebiet.

Angesichts dieser Zahlen habe ich in einer Studie untersucht, welche Bedeutung der Aussenhandel für den Wohlstand der Schweiz hat (siehe Kasten). Im Zentrum steht ein modellbasiertes Mass für die Handelskosten, welches die Integration eines Landes in das globale Handelssystem widerspiegelt. Ein besonderes Augenmerk habe ich auf den Handel mit Europa gelegt.

Eine Handelsbeziehung ist grundsätzlich umso intensiver, je produktiver der Exporteur relativ zum Importeur ist. Intuitiv lässt sich das so verstehen, dass ein gegebenes Land mehr aus sehr produktiven Ländern importiert, da deren Produkte verhältnismässig günstig beziehungsweise von hoher Qualität und somit tendenziell kompetitiv im Vergleich zu den einheimischen Gütern sind. Diesen Zusammenhang bezeichne ich als die Handelsaffinität eines Exporteur-Importeur-Paares. Falls nun der Handel zwischen zwei Ländern intensiver ist, als die Handelsaffinität alleine suggerieren würde, deutet dies auf eine besonders starke Integration und somit auf besonders tiefe Handelskosten hin. Das Modell verwendet genau diese Abweichung des beobachteten Handels von dem aufgrund der Affinität zu erwartenden Handel, um die Handelskosten zu schätzen (siehe Abbildung).

Bilaterale Handelsbeziehungen zwischen wichtigen Handelspartnern der Schweiz

Anmerkung: Jeder Punkt repräsentiert eine bilaterale Handelsbeziehung zwischen den untersuchten 86 Ländern. Auf der logarithmisch dargestellten x-Achse ist mit der Handelsaffinität ein Mass für die Produktivität des exportierenden Landes relativ zu jener des importierenden Landes abgebildet. Auf der y-Achse ist mit der Handelsintensität (Importvolumen relativ zur vom Importeur selbst genutzten einheimischen Produktion) ein Mass für den tatsächlich beobachteten Handel dargestellt. Die Daten werden in standardisierter Form dargestellt. Werte über null deuten auf eine überdurchschnittliche Handelsaffinität beziehungsweise -intensität. Die schwarze Linie stellt den durchschnittlichen empirischen Zusammenhang zwischen Handelsaffinität und -intensität dar. Das Modell interpretiert die Streuung um den durchschnittlichen Zusammenhang herum als Resultat der Handelsintegration zweier Länder: Je weiter ein Länderpaar über der Geraden liegt, umso tiefer also fallen die vom Modell geschätzten Handelskosten aus.

Betrachtet man die Handelsintensität der EU-Länder untereinander, zeigt sich, dass diese Länder wesentlich mehr handeln, als dies die Affinität alleine suggerieren würde. Das heisst also, dass diese Länder überdurchschnittlich gut integriert sind. Bezüglich der Schweiz lässt sich sagen, dass sie insgesamt sehr gut ins globale Handelssystem eingebunden ist und dass insbesondere die Handelskosten mit den EU-Ländern tief sind.

Geografie, Sprache und «Exporteur-Effekt»

Obwohl der Fokus der Studie primär auf dem Beitrag von Handelskosten zum Wohlstand eines Landes lag, lässt das Modell Rückschlüsse auf die Ursachen der Handelskosten zu. Wichtige Treiber sind beispielsweise Geografie und Sprache. So weisen zentral gelegene Länder mit einer in vielen Partnerländern verwendeten Sprache tendenziell tiefere durchschnittliche Handelskosten auf.

Darüber hinaus gibt es aber auch Länder, welche wesentlich mehr exportieren, als die Produktivität des Landes sowie Geografie und Sprache implizieren würden. Das Modell weist solchen erfolgreichen Exporteuern wie beispielsweise Singapur, China, Holland, Belgien, Luxemburg und Deutschland, die ausserordentlich geringe Handelskosten aufweisen, einen tiefen «Exporteur-Effekt» zu. Diese Effekte erklären rund 60 Prozent der geschätzten globalen Variation der Handelskosten.

Betrachtet man die Schweiz, stellt sich interessanterweise heraus, dass sie beim Exporteur-Effekt lediglich auf dem 20. Rang liegt. Dies ist zwar immer noch unter dem Durchschnitt, bedeutet aber letztlich: Der geografische Aspekt ist für die Handelskosten der Schweiz ausschlaggebender als der Exporteur-Effekt.

11 Prozent des BIP-Pro-Kopf-Einkommens

Welchen Beitrag leistet die Handelsintegration zum Wohlstand der Schweiz? Anhand eines «kontrafaktischen Experiments» (siehe Kasten) wurde berechnet, wie stark sich das Pro-Kopf-Einkommen ändern würde, wenn die Handelskosten der Schweiz extrem hoch wären. In einer solchen Welt ist es für keinen Exporteur profitabel zu exportieren, und gleichzeitig findet es auch niemand sinnvoll zu importieren. Die Schweiz würde also vollständig autark leben. Gemäss Modell läge das Pro-Kopf-Einkommen in einer solchen Situation langfristig 11 Prozent unterhalb des Status quo.

Auf den ersten Blick mag dieser Effekt erstaunlich klein erscheinen, liegt doch zum Beispiel heute nur schon das kaufkraftadjustierte Pro-Kopf-Einkommen Frankreichs gemäss Weltbank 30 Prozent unter jenem der Schweiz. Ein Grund für das Gefühl, dass der Effekt kontraintuitiv klein ist, dürfte daher rühren, dass unsere Intuition bezüglich der Wichtigkeit des Auslands vor allem durch zyklische Fluktuationen geprägt ist. Diese erklären rund 60 Prozent der Varianz im Schweizer BIP mit dem Ausland. Das Ausland spielt somit also eine sehr wichtige Rolle für die Volatilität des BIP, jedoch – gemäss dem Modell – weniger für das Niveau.

Deutschland spielt zentrale Rolle

Anhand von weiteren kontrafaktischen Experimenten habe ich anschliessend untersucht, wie viel ausgewählte Länder zum Schweizer Pro-Kopf-Einkommen beitragen. Deutschland kommt dabei eine herausragende Bedeutung zu. Angenommen, der bilaterale Handel mit dem wichtigsten Handelspartner der Schweiz käme komplett zum Erliegen, würde das Einkommen um 3 Prozent sinken.

Weitere wichtige Impulse kommen von den Nachbarstaaten Frankreich, Italien und Österreich sowie aus den USA und aus China – allerdings liegen die Einkommensverluste im Falle bilateraler Autarkie für all diese Länder bereits unter 1 Prozent. Betrachten wir die EU als Ganzes, ergibt sich ein Einkommensverlust von 7 Prozent.

In weiteren Experimenten zu den Handelskosten zwischen der Schweiz und der EU habe ich realistischere Änderungen als die eben erwähnte Autarkie betrachtet. Konkret habe ich einerseits betrachtet, wie stark sich der Wohlstand verringern würden, wenn die Schweiz gleich gut in die EU integriert wäre wie das bestintegrierte EU-Land Deutschland. Andererseits habe ich den Effekt analysiert, welcher sich ergäbe, wenn die Schweiz im Durchschnitt gleich hohe Handelskosten mit den EU-Ländern aufweisen würde wie die USA. Während im ersten Fall das BIP-Pro-Kopf-Einkommen um 8 Prozent stiege, ginge es im zweiten Fall um 2,5 Prozent zurück.

Diese Grössenordnungen kontrastieren mit dem vierten Experiment, in welchem China betrachtet wird. Trotz der grossen bilateralen Distanz sind die Handelskosten zwischen der Schweiz und China bereits überdurchschnittlich tief (siehe grüne Punkte in der Abbildung). Würde man diese Kosten um ein Fünftel weiter senken, ergäbe sich gemäss Modell ein Schweizer Wohlfahrtsgewinn von vergleichsweise geringen 0,3 Prozent.

Kein Allheilmittel

Wie sind diese Resultate einzuordnen? Handelsliberalisierungen werden immer wieder als Lösung für alle möglichen ökonomischen Probleme angeführt. Gemäss dem Modell dürfte dem nicht so sein, denn die Effekte von Handelsliberalisierungen, welche zu tieferen Handelskosten führen, sind relativ moderat und lassen sich nur langsam materialisieren. Trotzdem sind sie wichtig. Nicht zuletzt, da die in der Literatur dokumentierten Effekte anderer ökonomischer Lösungsansätze – wie beispielsweise struktureller Reformen – nicht grösser sind.

Schliesslich bedarf es auch bei eher geringen Gewinnen aus Handelsliberalisierungen guter Gründe, diese nicht zu realisieren. Nehmen wir zum Beispiel an, dass ein Handelsvertrag in der langen Frist 0,1 Prozent mehr BIP schafft. Bei dem heutigen nominalen BIP wären dies rund 640 Millionen Franken. Bei einer konservativ tief angenommenen Besteuerung von 10 Prozent würde dies der Staatskasse zusätzliche Einnahmen von jährlich 64 Millionen Franken bringen, was die Verhandlungskosten sicherlich decken würde. Ein Entscheidungsträger muss also gute Gründe anführen, um der Ökonomie die verbleibenden fast 600 Millionen Franken vorzuenthalten – mögen diese auch noch so klein sein im Verhältnis zum BIP.

Geografische Lage ist entscheidend

Die Studie verdeutlicht, wie wichtig Europa für den Schweizer Aussenhandel ist. Ein Grossteil der Wohlfahrtsgewinne aus dem Handel kommt aus der EU. Dies liegt nur schon daran, dass die Schweizer Handelskosten aufgrund der geografischen Lage wesentlich tiefer sind als jene mit anderen Regionen.

Da die Studie nur die Effekte auf das Durchschnittseinkommen untersucht, wurden allfällige Verteilungseffekte vernachlässigt. Eine in jüngster Zeit sehr aktive Literatur hat jedoch die Präsenz von solchen Verteilungseffekten glaubwürdig dokumentiert.[2] Entsprechend sollten diese bei allfälligen Politikentscheidungen mit den hier dokumentierten positiven Durchschnittseffekten abgewogen werden.

  1. Die in diesem Artikel wiedergegebenen Ansichten sind diejenigen des Autors und stimmen nicht unbedingt mit denen der Schweizerischen Nationalbank überein. []
  2. Siehe zum Beispiel David H. Autor, David Dorn und Gordon H. Hanson (2016). The China Shock: Learning from Labor Market Adjustment to Large Changes in Trade, NBER Working Paper No. 20906. []

Dr. oec., Senior Economist, Konjunktur Schweiz, Schweizerische Nationalbank (SNB), Zürich

Handelsmodell von Eaton und Kortum

Die Studie Switzerland’s Gains from Trade with Europe ist Ende 2016 im Journal Aussenwirtschaft (Nr. 67-III) der Universität St. Gallen erschienen. Als Grundlage dient das Handelsmodell von Eaton und Kortuma. In einem ersten Schritt wurden die Handelskosten der Schweiz geschätzt. Dazu wurden die Handelsmuster von 86 Ländern im Jahr 2003 mit dem Modell kombiniert, um für alle Länderpaare den Grad der Handelsintegration abzuschätzen. Die Länder, die zusammen 87 Prozent des globalen BIP generieren, wurden aufgrund der verfügbaren Daten ausgewählt. In einem zweiten Schritt wurde ermittelt, welchen Beitrag die Handelsintegration zum Einkommensniveau der Schweiz leistet. Konkret wurde anhand kontrafaktischer Experimente berechnet, wie das Einkommensniveau auf Änderungen der geschätzten Handelskosten reagieren würde. Kontrafaktische Experimente sind in der Handelsliteratur weit verbreitet und bezeichnen das modellbasierte Simulieren einer von der Wirklichkeit abweichenden Entwicklung. Ein wichtiger Aspekt des Modells ist die statische Betrachtungsweise, was dazu führt, dass allfällige dynamische Effekte von Handel auf Innovation nicht berücksichtigt werden können.

aEaton, Jonathan und Samuel Kortum (2002). Technology, Geography, and Trade, Econometrica 70(5).

Dr. oec., Senior Economist, Konjunktur Schweiz, Schweizerische Nationalbank (SNB), Zürich