Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert»

Digitalisierung: Schweizer Arbeitsmarkt gut aufgestellt

Die Digitalisierung bringt Chancen für den Schweizer Arbeitsmarkt. Damit der Strukturwandel möglichst reibungslos stattfindet, sind Anpassungen bei der Bildung nötig.

Lernen, lernen, lernen. Eine gute Ausbildung hilft bei der Jobsuche. (Bild: iStock)

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Der Bundesrat hat sich in einem Bericht vom 8. November 2017 mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und den daraus entstehenden Herausforderungen für den Staat beschäftigt. Die Ausgangslage ist gut: Der Schweiz ist es bisher stets gelungen, den strukturellen Wandel zu ihren Gunsten zu nutzen. Die Beschäftigung ist in den vergangenen zwanzig Jahren netto um über 860’000 Stellen gewachsen. Zur Bewältigung der im Bildungsbereich identifizierten Herausforderungen hat der Bundesrat gezielte Massnahmen beschlossen. Ferner ist zu prüfen, inwieweit die neu entstandenen plattformbasierten Geschäftsmodelle eine Anpassung der Rahmenbedingungen erfordern.

Die Digitalisierung verändert zusammen mit anderen Trends die Arbeitswelt grundlegend. Aktuell steht insbesondere die Frage im Zentrum, wie sich die Digitalisierung auf das Beschäftigungsniveau, die Beschäftigungsstruktur und die Arbeitsbedingungen auswirkt. Verschiedentlich wird befürchtet, dass Maschinen und Roboter die menschliche Arbeit zu grossen Teilen ersetzen werden. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht hat sich der Bundesrat deshalb mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und den daraus entstehenden Herausforderungen für den Staat beschäftigt.[1]

Obwohl sich die technischen Möglichkeiten der Automatisierung fortlaufend erweitern, ist nicht davon auszugehen, dass die Gesamtbeschäftigung sinkt. Vielmehr hat der technologische Fortschritt in der Schweiz jeweils zu einem robusten Beschäftigungswachstum beigetragen. Mit der Einführung neuer Technologien fielen in gewissen Bereichen zwar jeweils Stellen weg, allerdings wurden diese durch neu geschaffene Arbeitsplätze in anderen Tätigkeitsfeldern stets überkompensiert. In den letzten beiden Jahrzehnten entstanden auf diese Weise netto über 860’000 neue Jobs. Auf Basis des aktuellen Wissens ist davon auszugehen, dass die Digitalisierung ähnlich wie die bisherigen technologischen Basisinnovationen das gesamtwirtschaftliche Beschäftigungswachstum positiv beeinflussen wird.

Neue Tätigkeitsprofile und Arbeitsbedingungen

In den letzten Jahren hat sich die Beschäftigung in der Schweiz in technologieorientierte und wissensintensive Bereiche verlagert. Dies betrifft vor allem Tätigkeiten, in denen die Technologien mehrheitlich komplementär zur menschlichen Arbeit eingesetzt werden. Fortschritte in der Robotik oder der Sensorik oder die zunehmenden digitalen Vernetzungsmöglichkeiten unter dem Stichwort «Internet der Dinge» ermöglichen die Entstehung neuer Tätigkeitsfelder und interdisziplinärer Berufe wie beispielsweise «Datenarchitekt» und «Bioinformatiker».

Noch ausgeprägter als die Verschiebungen zwischen den Berufen und Branchen waren die Veränderungen innerhalb der Berufe. So hatte die fortschreitende Automatisierung insbesondere in der Industrie sowie im kaufmännischen und administrativen Bereich zur Folge, dass sich die Aufgabenbereiche der Beschäftigten zunehmend in Richtung kognitive und interaktive Nichtroutineaufgaben verschoben haben. Entsprechend gewannen beispielsweise Tätigkeiten im Bereich Kommunikation, Führung, Planung oder Beratung an Bedeutung, während repetitive Aufgaben, die nach einem wiederkehrenden Schema erledigt werden können, zunehmend in den Hintergrund traten (siehe Abbildung). Diese Entwicklung dürfte sich in Zukunft fortsetzen. Mit den veränderten Tätigkeitsprofilen war auch eine erhöhte Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften auf Sekundär- und Tertiärstufe verbunden.

Beschäftigungsanteile nach Tätigkeitsprofilen (1996 und 2015)

 

Quelle: BFS/Sake, Besta, Berechnungen Rütter Soceco / Die Volkswirtschaft

Die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung verändern nicht nur die Produktions- und Vertriebsprozesse, sondern erlauben eine zunehmende Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen – sowohl in zeitlicher wie auch örtlicher Hinsicht. So sind Homeoffice und flexible Arbeitszeiten bereits in vielen Betrieben etabliert.

Daneben ermöglichen die neuen Technologien auch die Entstehung neuer Geschäftsmodelle. Beispielsweise erleichtern internetbasierte Plattformen wie Upwork, Uber und Airbnb die Auslagerung und Vernetzung von Tätigkeiten. Die Verbreitung dieser plattformbasierten Beschäftigungsmöglichkeiten ist in der Schweiz – ähnlich wie in den benachbarten Ländern – noch gering. Es liegen auch keine Hinweise vor, dass sie zu einem Anstieg von «atypisch-prekären» Arbeitsverhältnissen geführt haben.[2] Ferner ist die Lohn- und Einkommensentwicklung im internationalen Vergleich weiterhin ausgewogen.

Bildung steht im Zentrum

Die Entwicklungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung bergen neben Chancen auch Risiken. Da es sich um einen laufenden Prozess handelt, sind die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt noch nicht abschliessend absehbar. Deshalb ist es wichtig, die Risiken im Blick zu halten und bei Bedarf gezielt anzugehen.

Im Zusammenhang mit den sich verändernden Kompetenzanforderungen bestehen in erster Linie Herausforderungen im Bildungsbereich. Wer auch in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein will, muss die nachgefragten Kompetenzen vorweisen können. Dies bedeutet: Die wirksamste Prävention gegen Arbeitslosigkeit liegt in der auf die Arbeitsmarktbedürfnisse ausgerichteten Bildung.[3] Neben der Anpassung des obligatorischen Schulstoffs und der anschliessenden Bildungsgänge werden die Weiterbildung und das lebenslange Lernen an Bedeutung gewinnen.

Die Bestandsaufnahme zeigt, dass die Schweiz auch hier gut gerüstet ist. Im Grundsatz liegt die Verantwortung für die vorausschauende und zielgerichtete Weiterbildung in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Darüber hinaus sind auch die Sozialpartner und der Staat gefordert, ihren Beitrag zu leisten. So hat der Bundesrat kürzlich ein Konzept zur Förderung von Grundkompetenzen am Arbeitsplatz für gering qualifizierte und ältere Arbeitnehmende verabschiedet.

Regulierung grundsätzlich genügend

Die aktuelle Dynamik am Arbeitsmarkt stellt auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen auf den Prüfstand. Ermöglichen diese eine zufriedenstellende Regelung von innovativen Arbeitsformen mit Wachstumspotenzial, und sind sie weiterhin in der Lage, eine gleichbleibend hohe Qualität der Arbeit zu gewährleisten? Grundsätzlich zeichnet sich die Arbeitsmarktregulierung in der Schweiz durch eine hohe Anpassungsfähigkeit aus. Die aktuelle Regulierung erleichterte bisher die Bewältigung von verschiedensten Herausforderungen. So lässt sich beispielsweise das vergleichsweise junge Phänomen der Telearbeit innerhalb des bestehenden Rahmens regeln.

Mit Blick auf die aktuelle Dynamik kann beispielhaft erwähnt werden, dass das Arbeitsrecht verschiedene Arten von flexiblen Arbeitseinsätzen mit einem entsprechend abgestuften Schutz ermöglicht. Gleichzeitig besteht etwa im Gesundheitsschutz und bei der Bekämpfung der Schwarzarbeit ein zielgerichtetes Instrumentarium. Zudem wird mit der aktuellen Revision des Datenschutzgesetzes der gestiegenen Bedeutung des Schutzes von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberdaten Rechnung getragen. Ferner wird im Parlament derzeit diskutiert, inwiefern das Arbeitsgesetz an die flexibilisierte Arbeitswelt anzupassen ist.

Eine Schlüsselrolle im Gefüge der Arbeitsmarktregulierung spielen die Sozialpartner, die heute in allen zentralen arbeitsmarktlichen Gebieten institutionell eingebunden sind. So bestehen tripartite Gremien zur Definition von Bildungsinhalten in der Berufsbildung und zu Fragen der Arbeitszeitgestaltung, der Arbeitslosenversicherung und der Arbeitsmarktbeobachtung. Diese Rolle sollen die Sozialpartner gemäss dem Bundesrat auch in Zukunft wahrnehmen. Sollte sich die Plattformbeschäftigung mit den eher kurzen und insofern eher losen Arbeitsverhältnissen flächendeckend durchsetzen, wäre deshalb beispielsweise zu klären, ob es für die Sicherstellung der Arbeitnehmerinteressen gewisse rechtliche Anpassungen braucht.

Darüber hinaus stellen sich im Sozialversicherungs- und Arbeitsrecht Fragen zur Abgrenzung zwischen selbstständiger und unselbstständiger Erwerbstätigkeit. Abgesehen von den laufenden Verfahren, die diesbezüglich bei den Gerichten hängig sind, lohnt es sich, grundsätzliche Überlegungen anzustellen. International wird derzeit breit diskutiert, inwieweit die starre Unterscheidung zwischen selbstständiger und unselbstständiger Erwerbstätigkeit noch gerechtfertigt oder weiterzuentwickeln ist. Es ist zu prüfen, wie die heutigen Regelungen etwa im Sozialversicherungsrecht im Interesse der Entstehung von neuen Arbeitsformen flexibilisiert werden können, ohne dass damit eine Prekarisierung und eine Lastenverschiebung auf die Allgemeinheit einhergehen.

Herausforderungen für die Sozialversicherungen?

Vor dem Hintergrund neuer Automatisierungsmöglichkeiten und einer veränderten Art der Arbeitserbringung rückt auch die Frage in den Vordergrund, welche Auswirkungen der Strukturwandel im Zusammenhang mit der Digitalisierung auf das System der sozialen Sicherheit hat. Aktuelle Analysen zeigen, dass die zentralen Herausforderungen für die Sozialversicherungen, insbesondere die Altersvorsorge, in der demografischen Alterung und nicht in der technologischen Entwicklung liegen.

Es lassen sich derzeit keine negativen Auswirkungen der Digitalisierung auf das System der sozialen Sicherheit erkennen. Weder die Entwicklung der Erwerbslosigkeit noch jene der Sozialhilfebezüger legen nahe, dass die Sozialwerke infolge des aktuellen Strukturwandels stärker belastet werden. Eher trifft das Gegenteil zu, zumal das Beschäftigungs- und Lohnwachstum der letzten Jahrzehnte auch zu höheren Beiträgen zuhanden der sozialen Sicherheit geführt hat. Wie sich die Digitalisierung und die weiteren Treiber des Strukturwandels in Zukunft auf das System der sozialen Sicherheit auswirken werden, ist  – ähnlich wie die Beschäftigungsentwicklung – nicht im Detail absehbar. Entscheidend ist auch in diesem Kontext, dass das ausdifferenzierte Sozialversicherungssystem sich bisher als sehr anpassungsfähig erwiesen hat.

Insgesamt befindet sich die Schweiz in einer ausserordentlich guten Ausgangslage, um auch die Herausforderungen des aktuellen Strukturwandels erfolgreich zu bewältigen. Aktuell zeigt sich auf gesetzgeberischer Ebene kein grundlegender Handlungsbedarf. Im Zentrum stehen vielmehr die Anpassung der Bildungsinhalte an die neuen Anforderungen sowie eine punktuelle Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen. Darüber hinaus ist die Entwicklung der Arbeitsverhältnisse und der Arbeitsbedingungen eng zu verfolgen, und es ist laufend zu prüfen, ob die geltenden gesetzlichen Regelungen weiterhin den konkreten Bedürfnissen entsprechen.

  1. Auswirkungen der Digitalisierung auf Beschäftigung und Arbeitsbedingungen – Chancen und Risiken, Bericht des Bundesrates vom 8. November 2017. []
  2. Siehe dazu den Beitrag von Michael Mattmann, Ursula Walther, Julian Frank und Michael Marti in dieser Ausgabe. []
  3. Siehe dazu den Beitrag von Johannes Mure und Barbara Montereale in dieser Ausgabe. []

PhD in Economics, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. phil., stv. Leiterin Leistungsbereich Personenfreizügigkeit und Arbeitsbeziehungen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

PhD in Economics, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. phil., stv. Leiterin Leistungsbereich Personenfreizügigkeit und Arbeitsbeziehungen, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern