Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert»

Anteil der «atypischen-prekären» Jobs bleibt stabil

Arbeit auf Abruf, befristete Verträge und Praktika: Rund 2,5 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten in einem sogenannten atypisch-prekären Arbeitsverhältnis. In den letzten Jahren blieb diese Quote stabil.

Taxifahrer protestieren in Bern gegen Uber. Web-Plattformen haben eine Debatte über Arbeitsverhältnisse ausgelöst. (Bild: Keystone) (Bild: Keystone)

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Vor dem Hintergrund des sich verändernden Arbeitsmarktes interessiert die Entwicklung der atypisch-prekären Arbeitsverhältnisse in der Schweiz. Ein Arbeitsverhältnis definieren wir dann als atypisch-prekär, wenn relative Unsicherheit vorhanden ist, die nur unfreiwillig in Kauf genommen wird. Vergangenes Jahr waren in der Schweiz 113’000 Personen in einem atypisch-prekären Arbeitsverhältnis tätig, was 2,5 Prozent aller Erwerbstätigen entspricht. Seit 2010 hat sich dieser Anteil nur geringfügig erhöht, wobei die Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse zugenommen hat. Betroffen sind vor allem junge, niedrig qualifizierte, weibliche und ausländische Erwerbstätige. Auch der Anteil der Solo-Selbstständigen, deren Situation teilweise vergleichbar ist, war in der Schweiz in den vergangenen Jahren stabil. Angesichts der zunehmenden Digitalisierung ist in diesem Zusammenhang zudem die sogenannte Plattformökonomie von Interesse. Aufgrund einer derzeit unzureichenden Datengrundlage kann deren Bedeutung nicht zuverlässig geschätzt werden.

Der Arbeitsmarkt verändert sich: Die Bedeutung der klassischen Vollzeitarbeit hat in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen. Im Gegenzug haben flexiblere Formen wie Teilzeitarbeit, befristete Arbeitsverhältnisse, Arbeit auf Abruf, Temporärarbeit und Praktika an Bedeutung gewonnen. Wenn die Flexibilität aus Sicht des Arbeitnehmers unfreiwillig in Kauf genommen wird, spricht man von einem sogenannten atypisch-prekären Arbeitsverhältnis. Prekär sind die Arbeitsverhältnisse gemäss der hier verwendeten Definition (siehe Kasten), wenn die Unsicherheiten monetär nicht abgegolten werden.[1]

Im Jahr 2016 waren in der Schweiz ungefähr 113’000 Personen in einem atypisch-prekären Arbeitsverhältnis beschäftigt. Dies entspricht 2,5 Prozent aller Erwerbstätigen (siehe Abbildung 1). Der Anteil dieser Arbeitsverhältnisse blieb im laufenden Jahrzehnt relativ stabil: Seit 2010 verharrte er zwischen 2,2 und 2,5 Prozent. Nachdem von 2010 bis 2013 eine leichte Abnahme zu beobachten gewesen war, fand von 2013 bis 2015 wieder ein gewisses Wachstum statt.

In den Jahren 2004 bis 2009 liess sich eine Zunahme der atypisch-prekären Arbeitsverhältnisse feststellen. Aufgrund des Strukturbruchs in der Datengrundlage[2] können die Anteile vor und nach 2010 jedoch nicht miteinander verglichen werden.

Abb. 1: Anteil Personen in atypisch-prekären Arbeitsverhältnissen an allen Erwerbstätigen (2004 bis 2016)

Anmerkung: Im Jahr 2010 änderte die Befragungsmethode der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake). Dies ist in der Abbildung als Strukturbruch gekennzeichnet. Hauptunsicherheiten entsprechen den beiden im Kasten beschriebenen «ökonomischen» und «zeitlichen» Unsicherheiten, wobei in einem Arbeitsverhältnis auch beide auftreten können.

Quelle: BFS (Sake), Berechnungen: Ecoplan / Die Volkswirtschaft

Befristete Arbeitsverhältnisse auf dem Vormarsch

Die atypisch-prekären Arbeitsverhältnisse weisen mit ungefähr gleicher Häufigkeit zeitliche wie ökonomische Unsicherheiten auf. Erstere werden vorwiegend durch befristete Arbeitsverhältnisse hervorgerufen, welche seit 2010 zugenommen haben (siehe Abbildung 2). Knapp die Hälfte dieses Zuwachses fand bei Praktika statt. Bei den ökonomischen Unsicherheiten dominiert die weitverbreitete Arbeit auf Abruf.

Atypisch-prekäre Arbeitsverhältnisse finden sich vor allem im Dienstleistungssektor. Davon sind überdurchschnittlich viele Frauen, jüngere Erwerbstätige und Personen mit tiefem Bildungsniveau betroffen. Unter Männern und Personen mit einem hohen Bildungsniveau sind atypisch-prekäre Arbeitsverhältnisse hingegen seltener. Die regionale Verteilung wiederum zeigt eine stärkere Verbreitung in der lateinischen Schweiz, besonders im Tessin, aber auch im Grossraum Genf. Im Tessin dürfte ein Grund dafür ein generell tieferes Lohnniveau sein. Die zwischen 2013 und 2015 beobachtete Zunahme fand ebenfalls in der lateinischen Schweiz, nicht aber in der Deutschschweiz statt, sodass sich die Unterschiede zwischen den Landesteilen in den letzten Jahren verstärkt haben.

Abb. 2: Anzahl Personen in atypisch-prekären Arbeitsverhältnissen 2004 bis 2016 nach Ausprägung (inkl. Doppelzählungen)

Anmerkung: Im Jahr 2010 änderte die Befragungsmethode der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake). Dies ist in der Abbildung als Strukturbruch gekennzeichnet. Heimarbeit in den Jahren 2004, 2005, 2007, 2013: Extrapolation aufgrund von weniger als 50 Beobachtungen. Diese Resultate sind mit grosser Vorsicht zu interpretieren.

Quelle: BFS (Sake), Berechnungen der Autoren / Die Volkswirtschaft

Aus dem Vergleich der Beschäftigungssituation vor bzw. nach einem atypisch-prekären Arbeitsverhältnis geht hervor, dass viele Personen nur kurze Zeit in einem atypisch-prekären Arbeitsverhältnis verweilen. Nur 15 Prozent der Betroffenen arbeiten länger als zwei Jahre in einer solchen Situation. Viele Personen wechseln von einem anderen Arbeitsverhältnis in ein atypisch-prekäres Arbeitsverhältnis und wieder zurück. Wie sich zeigt, wechseln mehr Personen aus der Erwerbslosigkeit oder Nichterwerbstätigkeit in ein atypisch-prekäres Arbeitsverhältnis als umgekehrt.

Anteil Solo-Selbstständiger bleibt stabil

Vor ähnlichen Herausforderungen wie Menschen, die in einem atypisch-prekären Arbeitsverhältnis angestellt sind, stehen viele Solo-Selbstständige. Auch sie verfügen oft über eine unterdurchschnittliche sozialstaatliche Absicherung. Zwischen 2004 und 2016 verharrte ihr Anteil ausserhalb der Landwirtschaft bei rund 6,5 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Solo-Selbstständige finden sich ebenfalls häufiger im Dienstleistungssektor und in der lateinischen Schweiz. Entgegen den Ergebnissen bei den atypisch-prekären Arbeitsverhältnissen zeigt sich hier, dass ihre Zahl mit zunehmendem Alter steigt, bei Personen mit tiefer Ausbildung unterdurchschnittlich ist und bei Schweizern häufiger vorkommt als bei Ausländern.

Einfluss von Uber, Airbnb & Co. noch ungewiss

Mit dem technologischen Fortschritt und der damit einhergehenden Digitalisierung haben sich verschiedenste Plattformen und Kommunikationskanäle entwickelt, die es erlauben, Arbeits- oder Dienstleistungen unabhängig von räumlicher Entfernung zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Kunden zu erbringen. Mit dem Aufkommen der sogenannten Plattformökonomie sind so neue Arbeitsformen entstanden. Bekannte Beispiele sind die Plattformen des Fahrdienstleisters Uber, des Unterkunftanbieters Airbnb sowie des Arbeitsvermittlers Upwork, welche sich allerdings stark bezüglich Arbeitsbedingungen unterscheiden. Allen Arbeitsverhältnissen in der Plattformökonomie gemeinsam ist, dass sie einen atypischen Charakter haben und damit nicht einem Normalarbeitsverhältnis entsprechen. Die Bedeutung der Plattformökonomie international abzuschätzen, ist sehr schwierig. Verschiedene Studien kommen zum Schluss, dass die Plattformökonomie gesamtwirtschaftlich im Moment noch eine sehr kleine Rolle einnimmt. In der Schweiz kann auf Basis der verfügbaren Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) noch keine empirische Evidenz für eine wachsende gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Plattformökonomie als Haupterwerbstätigkeit festgestellt werden.

  1. Dieser Beitrag basiert auf: Ecoplan (2017), Die Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse in der Schweiz, Studie im Auftrag des Seco. []
  2. Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (Sake). []

Ökonom, Ecoplan, Bern

Politologin, Ecoplan, Bern

Ökonom, Ecoplan, Bern

Dr. rer. pol., Ökonom, Partner, Ecoplan, Bern

Was ist ein atypisch-prekäres Arbeitsverhältnis?

Wir definieren ein Arbeitsverhältnis dann als atypisch-prekär, wenn relative Unsicherheit vorhanden ist, die nur unfreiwillig in Kauf genommen wird. Um die Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse messen zu können, müssen diese entsprechend operationalisiert werden. Dabei wird auf das bereits 2003 und 2010 von Ecoplan entwickelte Konzept der Hauptunsicherheiten atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse zurückgegriffen. Die Unsicherheiten werden über die verschiedenen Formen von atypischen Arbeitsverhältnissen definiert, und die Operationalisierung von «unfreiwillig» erfolgt über das Einkommen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Arbeitnehmende die Unsicherheit ab einem bestimmten Einkommen akzeptieren. Konkret wird ein Arbeitsverhältnis in der vorliegenden Studie dann als atypisch-prekär identifiziert, wenn es eine Form von Unsicherheit aufweist und das Einkommen kleiner ist als 60 Prozent des Medianlohns oder wenn es zwei Formen von Unsicherheiten aufweist und das Einkommen unter dem Medianlohn liegt. In der empirischen Analyse unterscheiden wir erstens die zeitliche Unsicherheit. Damit ist Unsicherheit aufgrund befristeter Anstellung oder unsicherer Einsatzplanung gemeint. Konkret sind das Temporärarbeit oder befristete Arbeitsverhältnisse. Zweitens gibt es die ökonomische Unsicherheit: Hierzu zählen unsichere Einkommen aufgrund von Unterbeschäftigung oder variablen Löhnen, z. B. aufgrund nicht gesicherter Arbeitsvolumen. Konkret sind dies Arbeit auf Abruf, Heimarbeit sowie Unterbeschäftigung mit Stellensuche im letzten Monat.

Ökonom, Ecoplan, Bern

Politologin, Ecoplan, Bern

Ökonom, Ecoplan, Bern

Dr. rer. pol., Ökonom, Partner, Ecoplan, Bern