Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert»

Berufe passen sich der Digitalisierung an

Der Schweizer Arbeitsmarkt reagiert auf die Digitalisierung. So wird beispielsweise in der Berufslehre mehr Wert auf Sozial- und Fachkompetenzen gelegt. Exemplarisch zeigt sich dies bei Gebäudetechnikplanern und Hotelfachleuten.

Zufrieden mit dem Hotelbesuch? Der Auftritt des Personals beeinflusst die Gästebewertungen im Internet. (Bild: Alamy)

Abstract lesen...

Der Schweizer Arbeitsmarkt und das Bildungssystem haben den Strukturwandel in den vergangenen zehn Jahren gut bewältigt, wie eine Studie des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB) und des Forschungs- und Beratungsunternehmens Infras im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt. Im Prozess der Anpassung an neue digitale Technologien gewinnen sowohl übergreifende Kompetenzen als auch berufliche Fachkompetenzen an Bedeutung. Exemplarisch lässt sich dies bei den Berufen Gebäudetechnikplaner mit Fachrichtung Heizung sowie bei Hotelfachleuten beobachten. Bei beiden Berufen ist die Bedeutung von kommunikativen und sozialen Kompetenzen gestiegen: Während bei Gebäudetechnikplanern die Zusammenarbeit mit anderen Technikern immer wichtiger wird, verlangen unter anderem Internetbewertungen nach einem kompetenten Umgang des Hotelpersonals mit den Gästen. Gleichzeitig sind aufgrund von neuen Geräten und Applikationen Fachkompetenzen verlangt.

Gemäss einigen Studien könnte die Digitalisierung zu disruptiven Umwälzungen und dem Verlust einer grossen Anzahl von Stellen und Berufen auf dem Arbeitsmarkt führen. Auf dem Schweizer Arbeitsmarkt fand der Wandel in den vergangenen zehn Jahren indes kontinuierlich statt, wie unsere Studie (siehe Kasten) im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt. Berufsbilder wie Beschäftigte haben sich dem Wandel laufend angepasst, sodass auf dem Arbeitsmarkt kaum Friktionen erkennbar sind. Die Veränderungen lassen sich exemplarisch bei den zwei Berufen Gebäudetechnikplaner mit Fachrichtung Heizung[1] sowie Hotelfachleute[2] beobachten, die wir in einem Expertenworkshop analysiert haben.

In den letzten zehn Jahren hat sich der Beruf der Gebäudetechnikplaner mit Fachrichtung Heizung stark verändert. Informatikkompetenzen sind wichtiger geworden: Während Pläne früher von Hand gezeichnet wurden, sind heute mit Computer-Aided-Design-Programmen (CAD) erstellte Modelle aus dem Berufsalltag nicht mehr wegzudenken. Ein Experte berichtete im Workshop, in seiner Firma besuchten alle Lernenden einen Excel-Kurs, um in der Anwendung des Tools und im Umgang mit Makros sicher zu sein.

Da Bauwerksdaten heute mit einer «Building Information Modeling»-Software allen am Bau und Unterhalt beteiligten Akteuren zur Verfügung gestellt werden können, haben sich beispielsweise der Austausch der Gebäudetechnikplaner aller Fachrichtungen sowie die Kommunikation mit anderen Technikern wie beispielsweise Elektroplanern verbessert. Für die Gebäudetechnikplaner ist weiter das Fachwissen in der Mess- und Regeltechnik sowie bei der «Gebäudeleitautomation» wichtiger geworden. Die Einführung von intelligenten Stromnetzen, sogenannten Smart Grids, bedeutet die kommunikative Vernetzung und Steuerung von Stromerzeugern, Speichern, elektrischen Verbrauchern und Netzbetriebsmitteln. Auch hierzu mussten sich die Gebäudetechnikplaner in den letzten Jahren neues Fachwissen aneignen. Schliesslich haben sich die Sitzungsformen verändert: Heute werden für Sitzungen Tablets, Laptops etc. eingesetzt, und die Zusammenarbeit kann über Clouds erfolgen, was gewisse IT-Kompetenzen voraussetzt.

Weitere technologische Entwicklungen zeichnen sich für die Zukunft ab, auch wenn noch nicht feststeht, ob sie sich durchsetzen werden: Mögliche Zukunftstechnologien sind Scanner zum digitalen Erfassen von Räumen oder Applikationen, mit denen geplante Gebäude in der Planungsphase virtuell begangen werden können. Die Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten – beispielsweise bei der Energieoptimierung – dürfte sich dabei weiter vertiefen.

Hotelfachleute müssen Social Media beherrschen

Die Digitalisierung beeinflusst auch die Arbeit von Hotelfachleuten, welche unter anderem Gäste empfangen und bedienen sowie Gästezimmer und Aufenthaltsräume unterhalten. So werden Checklisten, Zimmerstände und Bestellungen heute in der Regel digital bewirtschaftet. Die Interaktion und die Kommunikation mit den Gästen wirken sich auf die Onlinebewertung des Betriebs aus: Ein Fehler des Personals kann sofort zu einer schlechten Bewertung führen. Deshalb wird heute von den Hotelfachleuten einerseits mehr Empathie, andererseits auch Know-how im Umgang mit Social Media und Buchungsplattformen gefordert. Solche Herausforderungen nimmt der neu geschaffene Beruf «Hotel-Kommunikationsfachfrau/-mann» auf, bei dem vertiefte Sprachkenntnisse, Social-Media-Kompetenz und individualisierte Gästekommunikation verlangt sind.

Hotelfachleute müssen den Umgang mit komplexen Reinigungsmaschinen und Geräten wie Tablets beherrschen, die für die Gäste in den Hotelzimmern zur Verfügung stehen. Zudem müssen sie digitale Zahlungsmöglichkeiten kennen und sich der Sicherheitsrisiken bewusst sein. Mögliche Zukunftsperspektiven sind laut den Experten am Workshop der Einsatz von Robotern in der Küche und am Empfang. In den Hotelzimmern regulieren intelligente Systeme anhand der Körpertemperatur und anderer Indikatoren die Raumtemperatur, die Beleuchtung etc. automatisch. Dank der technologischen Unterstützung werden für die Hotelfachleute mehr Kapazitäten für die Betreuung der Gäste frei, um deren Hotelaufenthalt zu einem individuellen und unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen.

Spezifische und fachübergreifende Kompetenzen

Sowohl bei Gebäudetechnikplanern als auch bei Hotelfachleuten zeigt sich die zunehmende Bedeutung von kommunikativen und sozialen Kompetenzen. Sowohl die Kooperation mit anderen Fachleuten wie auch die Kommunikation mit Kunden gewinnt laut den Experten an Bedeutung. Für solche Aufgaben bleibt mehr Zeit, weil die klassischen Arbeitsschritte (Planung, Reinigung usw.) durch neue Technologien rascher und effizienter erledigt werden können.

Während soziale Kompetenzen zu den fachübergreifenden Kompetenzen gehören, zeigt sich zugleich, dass sich auch spezifische Fachkompetenzen verändern. Der allgemeine Umgang mit Software wie Excel und Hardware wie Tablets ist in vielen Berufen wichtig, jedoch finden sich auch viele Beispiele für spezifische digitale Anwendungen wie CAD-Programme und Buchungsplattformen, die in den berufstypischen Situationen kompetent eingesetzt werden müssen.

Die Digitalisierung führt somit nicht zu einer Entwertung von Fachkompetenzen zugunsten von übergreifenden Kompetenzen. Stattdessen verändern sich mit der Technologie die Anwendungssituationen, in denen sowohl übergreifende wie Fachkompetenzen kombiniert eingesetzt werden müssen.

Technologische Entwicklungen schaffen neue Arbeitsplätze

In Bezug auf die Veränderung der Stellenzahl in einem Beruf ist entscheidend, ob die digitalen Technologien die menschliche Arbeitskraft eher ersetzen oder ergänzen. Erfahrungen aus Umbrüchen im 20. Jahrhundert zeigen, dass technologische Entwicklungen bislang netto mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet haben.[3] Offen ist natürlich, ob diese Erfahrungen weiterhin Gültigkeit besitzen. Bisher lässt sich sagen: In den letzten zehn Jahren ist die Beschäftigung in der Schweiz angestiegen und die Arbeitslosigkeit ungefähr konstant geblieben.

Um zu untersuchen, wie und warum sich die Berufe insgesamt verändern, eignet sich ein tätigkeitsbasierter Ansatz.[4] Berufe werden dabei als Bündel von Tätigkeiten verstanden, die von der Digitalisierung ganz verschieden betroffen sein können. Da keine schweizerischen Daten vorliegen, verwendeten wir für die Analyse detaillierte Tätigkeitsbeschreibungen aus Deutschland und übertrugen sie auf die Schweiz.[5] Experten haben diese pro Beruf in die Kategorie Routinetätigkeiten oder Nicht-Routinetätigkeiten eingeteilt: Während Routinetätigkeiten automatisierbar sind, ist dies bei Nicht-Routinetätigkeiten gemäss dem aktuellen Stand der Technik nicht möglich. Diese Unterscheidung erlaubt eine direkte Aussage darüber, ob die entsprechende Tätigkeit durch digitale Technologien statt durch den Menschen ausgeübt werden kann.

Veränderung der Vollzeitäquivalente nach Tätigkeitsdimension in der Schweiz (2006–2015)

Quelle: Sake, DMP (2014), Berechnungen Aepli et al. (2017)

In den letzten zehn Jahren ist die Beschäftigung bei den analytischen und interaktiven Nicht-Routinetätigkeiten in der Schweiz am stärksten gestiegen (siehe Abbildung). Dazu gehören Tätigkeiten wie «Kunden beraten» oder den «Betriebsmitteleinsatz planen». Weniger stark legten die manuellen Nicht-Routinetätigkeiten (z. B. «Maschinen warten») zu. Ebenfalls gewachsen sind die kognitiven Routinetätigkeiten («Rechnungen überprüfen»), während die manuellen Routinetätigkeiten («Produkte verpacken») rückläufig waren.

Die stetige Entwicklung zeigt, wie die technologische Entwicklung laufend die Bedeutung verschiedener Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt beeinflusst. Vertiefende Analysen bestätigen, dass sich sowohl die Tätigkeiten innerhalb der Berufe verändern wie auch die Beschäftigungsanteile zwischen den Berufen verschieben, in Abhängigkeit von den Tätigkeiten, die den Beruf ausmachen.

  1. Gebäudetechnikplaner/-in Heizung EFZ[]
  2. Hotelfachfrau/-mann EFZ[]
  3. Autor (2015) diskutiert die einschlägige Literatur und präsentiert Daten insbesondere zu den Jahrzehnten. []
  4. Autor (2013). []
  5. Dengler et al. (2014). []

Prof. Dr. rer. oec., Co-Leiter Forschungsschwerpunkt Steuerung der Berufsbildung, Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), Zollikofen

Dr. oec. publ., Geschäftsleiter, Partner und Verwaltungsrat Infras, Zürich

Die vier Bausteine der Studie

Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) haben das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) und das Forschungs- und Beratungsunternehmen Infras gemeinsam untersucht, wie sich die Anforderungen an die Kompetenzen auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt im Zuge der Digitalisierung entwickelt haben.a Die Studie umfasst vier Bausteine: erstens eine Literaturanalyse zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf dem Arbeitsmarkt international und in der Schweiz. Zweitens eine statistische Analyse zu den Veränderungen von Berufen, Tätigkeiten und Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt von 2006 bis 2015. Drittens Experteninterviews zu den beobachteten Änderungen der Kompetenzanforderungen. Und viertens wurden in einem Expertenworkshop die Veränderungen der Kompetenzanforderungen anhand von fünf Berufen exemplarisch vertieft. Hierfür wurden fünf Berufe ausgewählt, in denen sich gemäss Erfahrungswissen des Zentrums für Berufsentwicklung am EHB in den letzten Jahren deutliche Entwicklungen gezeigt haben. Bei den Experten handelt es sich einerseits um Personen mit Überblickswissen zum ausgewählten Beruf. Andererseits sind es Personen, welche die Trägerschaft bzw. die Organisation der Arbeitswelt des ausgewählten Berufs vertreten, sowie Personen, die selbst im ausgewählten Beruf tätig sind.

aAepli, M., Angst, V., Iten, R., Kaiser, H., Lüthi, I. und Schweri, J. (2017). Die Entwicklung der Kompetenzanforderungen auf dem Arbeitsmarkt im Zuge der Digitalisierung, Studie im Auftrag des Seco (Arbeitsmarktpolitik No 47).

Literatur

  • Autor, D. (2013). The «Task Approach» to Labor Markets: An Overview, in: Journal of Labour Market Research, 46(3): 185–199.
  • Autor, D. (2015). Why Are There Still So Many Jobs? The History and Future of Workplace Automation, in: Journal of Economic Perspectives, 29(3): 3–30.
  • Dengler, K., Matthes, B. und Paulus, W. (2014). Berufliche Tasks auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Eine alternative Messung auf Basis einer Expertendatenbank, FDZ-Methodenreport Nr. 12. Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit.

Prof. Dr. rer. oec., Co-Leiter Forschungsschwerpunkt Steuerung der Berufsbildung, Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), Zollikofen

Dr. oec. publ., Geschäftsleiter, Partner und Verwaltungsrat Infras, Zürich