Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert»

Unternehmen setzen auf qualifizierte Arbeitskräfte

Die Digitalisierung der Wirtschaft hat bislang in der Schweiz zu geringen Beschäftigungseffekten geführt, wie eine Unternehmensbefragung zeigt. Verschiebungen zeigen sich indes beim Ausbildungsniveau: Während die Nachfrage nach gut qualifiziertem Personal steigt, sinkt die Nachfrage nach Ungelernten.

In Grossunternehmen beeinflusst die Digitalisierung die Beschäftigung stark. (Bild: Keystone)

Abstract lesen...

Im Herbst 2016 haben die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, die Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie der ETH Zürich und die Hochschule für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) rund 1200 Schweizer Unternehmen zur Digitalisierung befragt. Nach Ausbildungsniveaus betrachtet, stieg die Anzahl der Firmen, die Absolventen von Universitäten, Fachhochschulen und Fachschulen sowie Personen mit abgeschlossener Berufslehre nachfragten. Geringere Nachfrage zeigt sich nur bei den An- und Ungelernten. Die gemeldeten Beschäftigungszuwächse für die Berufslehrabsolventen sind etwa gleich hoch in allen Sektoren, ebenfalls die Zuwächse für Auszubildende. Das unterstreicht die Bedeutung einer guten, formalen Ausbildung und kann als Hinweis interpretiert werden, dass das duale Ausbildungssystem von der Digitalisierung – jedenfalls zurzeit – nicht gefährdet wird. Allerdings sind neue zukunftsorientierte Technologien mit zum Teil experimentellem Charakter noch schwach vertreten.

Die Digitalisierung der Wirtschaft in der Schweiz steckt bezüglich der neuesten technologischen Entwicklungen noch in den Anfängen und hat bislang nur zu geringen Beschäftigungseffekten geführt. Das sind Hauptergebnisse einer repräsentativen Umfrage bei 1183 Schweizer Firmen zur Digitalisierung für den Zeitraum 2013 bis 2015. Die Erhebung wurde im Herbst 2016 von der KOF Konjunkturforschungsstelle gemeinsam mit der Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie der ETH Zürich und der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) durchgeführt.[1]

Die Firmen wurden unter anderem befragt, wie sie 24 ausgewählte Technologien bzw. Technologieelemente einsetzen. Wie sich zeigt, sind Softwareapplikationen wie «Enterprise Resource Planning» und «Customer Relationship Management» am stärksten verbreitet. Diese dienen der Informationserfassung und -verarbeitung im Gesamtunternehmen oder in bestimmten Unternehmensbereichen (siehe Tabelle 1). Ebenfalls häufig anzutreffen sind Technologien, die sich auf den firmeninternen bzw. -externen Informationsaustausch beziehen. Beispiele dafür sind E-Beschaffung, Social Media und Telearbeit.

Komplexere Technologien sind seltener. Auf der einen Seite sind dies beispielsweise Roboter oder Technologien wie Radio Frequency Identification und Rapid Prototyping, die primär in Industrieunternehmen bei der Güterproduktion eingesetzt werden. Auf der anderen Seite gehören zukunftsorientiertere Technologien wie 3-D-Printing und Internet of Things dazu, die zum Teil noch experimentellen Charakter aufweisen.

Tabelle 1: Einsatz von ausgewählten Technologien in Schweizer Unternehmen (Anzahl Nennungen in % der Firmen)

Rang Technologie Total Erstmals vor 2013 Erstmals 2013 bis 2015 Kleine Unternehmen Mittlere Unternehmen Grossunternehmen
1. ERP (Enterprise Resource Planning 60 48 12 50 73 92
2. E-Beschaffung 57 35 22 58 54 72
3. CRM (Customer Relationship Management) 47 30 17 42 52 65
4. Social Media – extern 45 15 30 42 47 65
5. Telearbeit  42 25 17 32 54 78
(…)
20. Internet of Things 12 5 7 12 11 17
21. Roboter  9 6 3 5 13 28
22. RFID (Radio Frequency Identification) 7 2 5 3 10 23
23. 3-D-Printing 5 2 3 4 7 15
24. Rapid Prototyping, Simulation 4 3 1 3 5 11

Quelle: Arvanitis et al. (2017)

Auswirkungen auf die Beschäftigung insgesamt

Rund drei Viertel der befragten Unternehmen melden keine Änderung der Gesamtbeschäftigung als Folge der Digitalisierung: Abnahme und Zunahme halten sich mit 12 und 11 Prozent die Waage (siehe Abbildung 1).[2] Für die Industrie und im Dienstleistungssektor sind diese Werte ähnlich. Es bestehen auch keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Teilsektoren sowohl in der Industrie als auch im Dienst­leistungssektor. Besonders wenig betroffen von der Digitalisierung ist die Baubranche, wo 92 Prozent der Firmen keine Änderung der Stellenzahl melden.

Relativ starke Beschäftigungseffekte gibt es bei den grossen Unternehmen, wo die digitalisierungsbedingte Zunahme 19 Prozent und die Abnahme 17 Prozent beträgt (siehe Abbildung 2). Netto sind diese Änderungen allerdings kaum mehr sichtbar.[3]

Abb. 1: Auswirkung der Digitalisierung auf die Beschäftigung im Industrie-, Bau- und Dienstleistungssektor (Anzahl Nennungen in % der Firmen)

Anmerkung: Prozentualer Anteil der Unternehmen des jeweiligen Aggregats; Quelle: Arvanitis et al. (2017) / Die Volkswirtschaft

Abb. 2: Auswirkung auf die Beschäftigung nach Firmengrösse (Anzahl Nennungen in % der Firmen)

Anmerkung: Prozentualer Anteil der Unternehmen des jeweiligen Aggregats; Quelle: Arvanitis et al. (2017) / Die Volkswirtschaft

Ungelernte als Verlierer

Aufschlussreich ist eine Betrachtung nach dem höchsten Berufsabschluss. Dazu wurden die Beschäftigten in die Personalkategorien Universitäts-, Fachhochschul-, Fachschul-, Berufslehrabsolventen, An- und Ungelernte sowie Lehrlinge eingeteilt (siehe Tabelle 2). Obwohl auch hier die meisten Befragten keine Änderungen aufgrund der Digitalisierung melden, ist die Richtung der Veränderung vermutlich wegweisend für die zukünftige Entwicklung der Beschäftigung nach Ausbildungskategorien. So überwiegt die Anzahl der positiven Nennungen bei den Absolventen von Fachhochschulen, Fachschulen und Personen mit einer abgeschlossenen Berufsschule deutlich. Auch Akademiker sind angesichts der Digitalisierung gefragter. Bei der Beschäftigung von Lehrlingen sind leicht häufiger positive Nennungen zu verzeichnen. Einzig bei den An- und Ungelernten bewirkt die Digitalisierung einen negativen Nettoeffekt: 15 Prozent aller Firmen melden hier eine Beschäftigungsabnahme, 5 Prozent eine Zunahme.

Tabelle 2: Auswirkung der Digitalisierung auf die Beschäftigung nach Ausbildungskategorien und Firmengrössen (Anzahl Nennungen in % der Firmen)

Anmerkung: Prozentualer Anteil der Unternehmen des jeweiligen Aggregats; Quelle: Arvanitis et al. (2017).

Die positiven Effekte für die vier ersten Kategorien sind sowohl im Industrie- und im Dienstleistungssektor als auch in der Baubranche anzutreffen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmass. So ist die Zunahme bei den Absolventen von Fachhochschulen und Fachschulen merklich stärker im Industrie- als im Dienstleistungsbereich. In der Baubranche ist sie etwas schwächer als in den anderen zwei Sektoren. Die Effekte für Universitätsabsolventen, wiederum, sind in der Industrie und im Dienstleistungssektor ähnlich; der Bau meldet keinen zusätzlichen Bedarf nach Akademikern.

Auffallend hoch sind die Zuwächse für die Kategorien Fachhochschulen/Fachschulen in allen drei Sektoren. Auch die gemeldeten Zuwächse für die Berufslehrabsolventen sowie die Zuwächse bei den Lehrlingen sind etwa gleich hoch. Beide Effekte zusammengenommen, deuten darauf hin, dass das duale Ausbildungssystem von der Digitalisierung derzeit nicht gefährdet wird. Bedroht scheint jedoch die Beschäftigung von An- und Ungelernten – und zwar in ähnlichem Ausmass in allen Sektoren.

Grossunternehmen reagieren am stärksten

Je nach Unternehmensgrösse wirkt sich die Digitalisierung auf die Beschäftigung in den verschiedenen Personalkategorien unterschiedlich aus. Die grössenbedingten Unterschiede sind dabei stärker als die sektorbedingten Differenzen. Relativ stark betroffen sind die grossen Unternehmen: 20 Prozent dieser Firmen melden eine Zunahme der Beschäftigung bei den Universitätsabsolventen, 31 Prozent eine Zunahme bei den Fachhochschulabsolventen und 29 Prozent eine Zunahme bei den Fachschulabsolventen. Für die Gelernten wird bei den grossen Firmen eine – wenn auch geringe – Nettoabnahme der Beschäftigung gemeldet. Bei den Ausbildenden wiederum ist netto ein kleiner positiver Effekt zu verzeichnen. Stark negativ ist der Beschäftigungseffekt allerdings bei den An- und Ungelernten: Ein Viertel der grossen Firmen meldet eine Abnahme der Beschäftigung bei dieser Kategorie.

Für die drei Personalkategorien mit höherer Qualifikation (Universitäts-, Fachhochschul- und Fachschulabsolventen) melden auch die kleinen und die mittelgrossen Unternehmen (KMU) Zuwächse, wenn auch in geringerem Ausmass als die grossen Firmen. Im Gegensatz zu den grossen Firmen melden die KMU, insbesondere die kleinen Firmen, eine Nettozunahme der Beschäftigung für Gelernte. Die kleinen Unternehmen melden auch bei den Auszubildenden eine etwas stärkere Zunahme der Beschäftigung als mittelgrosse und grosse Firmen. Bei allen drei Grössenklassen sind negative Beschäftigungseffekte für An- und Ungelernte zu verzeichnen.

Für die Schweiz scheint somit die international oftmals vorgebrachte «Polarisierungsthese» insgesamt ungültig.[4] Laut dieser These bewirkt der technologische Wandel sowohl eine steigende Nachfrage nach Beschäftigten mit tertiärer Ausbildung als auch nach Ungelernten – gleichzeitig sinkt der Bedarf an Beschäftigten mit mittleren Qualifikationen. Allerdings gibt es für die Schweiz Hinweise auf die Substitution wenig qualifizierter Arbeit.

  1. Zur Umfrage siehe Arvanitis et al. (2017). Insgesamt wurden 3931 Firmen kontaktiert (Rücklaufquote von 30%). Die Umfrage wurde von der MTEC-Foundation der ETH Zürich gefördert; die Datenauswertung und die Verfassung des Berichts wurden vom SBFI unterstützt. []
  2. Die Anteile addieren sich nicht immer zu 100%, da einzelne Firmen keine Angaben geliefert haben. []
  3. Es wurde gefragt, ob eine Unternehmung aufgrund der Digitalisierung Beschäftigung aufgebaut bzw. abgebaut hat. Es wurde nicht gefragt, wie viele Stellen auf- oder abgebaut worden sind. Somit bezieht sich die Nettoveränderung auf die Anteile der Unternehmen mit der entsprechenden Nennung. []
  4. Michaels et al. (2013) und Autor (2006). Zur Situation in der Schweiz vgl. auch Arvanitis/Loukis (2015), basierend auf Daten von 2004, und Arvanitis (2005), basierend auf Daten von 1999. []

Dr. oec. publ., höherer wissenschaftlicher Mitarbeiter, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie, Departement Management, Technologie und Ökonomie, ETH Zürich

Professor für Angewandte Psychologie, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Olten

Titularprofessor und Leiter der Sektion Innovationsökonomik, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Literatur

  • Arvanitis, S. (2005). Information Technology, Workplace Organization and the Demand for Labour of Different Skills: Firm-level Evidence for the Swiss Economy, in: H. Kriesi, P. Farago, M. Kohli and M. Zarin-Nejadan (eds.), Contemporary Switzerland: Revisiting the Special Case, Palgrave Macmillan, New York and Houndmills, 135–162.
  • Arvanitis, S. and E. Loukis (2015). Employee Education, Information and Communication Technology, Workplace Organization and Trade: A Comparative Analysis of Greek and Swiss Enterprises, Industrial and Corporate Change, 24(6): 1417–1442.
  • Arvanitis, S., Grote, G., Spescha, A., Wäfler, T. und M. Wörter (2017). Digitalisierung in der Schweizer Wirtschaft: Ergebnisse der Umfrage 2016 – eine Teilauswertung im Auftrag des SBFI, KOF Studien Nr. 93, Zürich.
  • Autor, D.H., Katz, L.F. and M.S. Kearney (2006). The Polarisation of the U.S. Labor Market, American Economic Review, Papers and Proceedings, 96(2): 189–194.
  • Michaels, G., Natraj, A. and J. Van Reenen (2013). Has ICT Polarized Skill Demand? Evidence from Seven Countries over 25 Years, Review of Economics and Statistics, 96: 60–77.

Dr. oec. publ., höherer wissenschaftlicher Mitarbeiter, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich

Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie, Departement Management, Technologie und Ökonomie, ETH Zürich

Professor für Angewandte Psychologie, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Olten

Titularprofessor und Leiter der Sektion Innovationsökonomik, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich