Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Sinnhaftigkeit von BIP-Zahlen»

Die Rolle der BIP-Zahlen in der Geldpolitik

Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist das BIP eine zentrale Messgrösse. Im Allgemeinen sind gute Wirtschaftsstatistiken eine unabdingbare Voraussetzung für die erfolgreiche Führung der Geldpolitik.

Die Inflationsaussichten hängen massgeblich von der Auslastung der Wirtschaft ab. (Bild: Keystone)

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Der gesetzliche Auftrag verpflichtet die Schweizerische Nationalbank (SNB) zur Gewährleistung der Preisstabilität. Dabei soll sie der konjunkturellen Entwicklung Rechnung tragen. Für die optimale Erfüllung ihres Mandats ist die korrekte Einschätzung der Wirtschaftslage von zentraler Bedeutung. Als Mass der Wirtschaftsleistung ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) die Hauptreferenzgrösse. Die BIP-Schätzungen sind deshalb eine grundlegende Informationsquelle. Aufgrund ihrer Revisionsanfälligkeit bergen sie aber auch gewisse Herausforderungen. Deshalb setzt die SNB auf eine möglichst breite Palette an Konjunkturindikatoren.

Die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist darauf ausgerichtet, die Preisstabilität unter Berücksichtigung der konjunkturellen Entwicklung zu gewährleisten. Dies geschieht in der Regel über die Zinssteuerung. Nach Ausbruch der Finanzkrise wurde das Zinsinstrument durch Interventionen am Devisenmarkt ergänzt.

Um die Geldpolitik optimal zu gestalten, sind zwei Voraussetzungen nötig. Erstens muss die Zentralbank möglichst genau wissen, wie die Wirtschaft funktioniert, wie sie auf Störungen reagiert und was ihre geldpolitischen Impulse bewirken. Sie muss also die Transmissionsmechanismen in der Wirtschaft verstehen. Zweitens muss die Zentralbank den Zustand der Wirtschaft laufend richtig einschätzen können.

Damit beide Voraussetzungen erfüllt sind, ist die Verfügbarkeit von verlässlichen Wirtschaftsstatistiken zentral. Statistiken bilden die Grundlage für den Einsatz von Analyse- und Prognosemodellen in der Geldpolitik. Wirtschaftliche Entwicklungen müssen deshalb möglichst präzise, zuverlässig und rasch in Form von Daten erfasst werden. Nur so kann die Zentralbank einerseits die Transmissionsmechanismen empirisch erforschen und andererseits rechtzeitig erkennen, ob und allenfalls wie viel geldpolitischer Handlungsbedarf besteht.

Preise, BIP und Phillips-Kurve

Für die Analyse der Preisentwicklung greift die SNB auf die verschiedenen Preisindizes des Bundesamts für Statistik (BFS) zurück. Da die SNB die Preisstabilität mit einem Anstieg des Landesindexes der Konsumentenpreise (LIK) von weniger als 2 Prozent pro Jahr gleichsetzt, stehen dabei der LIK und seine Komponenten im Vordergrund.

Was die realwirtschaftliche Entwicklung angeht, ist naturgemäss die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) die wichtigste Quelle und das reale Bruttoinlandprodukt die Hauptreferenzgrösse. Der Grund ist klar: Die VGR erfasst im Detail die Wirtschaftstätigkeit aus den drei Perspektiven Produktions-, Einkommens- und Verwendungsseite, welche sich gegenseitig ergänzen. Somit bietet sie das vollständigste Bild des wirtschaftlichen Geschehens. Innerhalb der VGR ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) diejenige Zahl, welche die gesamte inländische Wirtschaftsleistung während eines Jahres oder Quartals am besten zusammenfasst. Deshalb steht das BIP im Zentrum der Berichterstattung und findet in der Öffentlichkeit besondere Beachtung.

Das BIP bildet die Basis für die allgemeine Einschätzung der Wirtschaftslage und der Preisentwicklung. Um die Inflation, also die Veränderung der Preise, zu erklären und zu prognostizieren, muss ihre Beziehung zur Wirtschaftsaktivität abgebildet werden. Diese Beziehung wird von Zentralbanken – die SNB ist hier keine Ausnahme – meist im Rahmen der sogenannten Phillips-Kurve dargestellt. Diese besagt, dass die Inflationsaussichten massgeblich von der Auslastung der Wirtschaft abhängen. Wenn die Auslastung der Wirtschaft über das normale Niveau ansteigt, haben die Unternehmen zunehmend Mühe, der Nachfrage nachzukommen. In der Folge erhöhen sie vermehrt die Preise ihrer Produkte – wodurch die Inflation steigt. Umgekehrt fällt in einer Rezession die Auslastung unter das normale Niveau. In dieser Situation versuchen Unternehmen mit Preissenkungen Kunden zu gewinnen. Dadurch nimmt die Inflation ab und kann sogar negativ werden.

Die Auslastung einer Wirtschaft wird im Rahmen der Phillips-Kurve mit der Produktionslücke gemessen. Diese erfasst die Diskrepanz zwischen dem normalen Niveau des BIP einer Wirtschaft (das oft als Vollbeschäftigungsniveau bezeichnet wird) und dem effektiv beobachteten Niveau. Die SNB bestimmt das normale BIP-Niveau mit verschiedenen Ansätzen. Allen gemeinsam ist, dass die jeweils resultierende Produktionslücke einen gewissen Zusammenhang mit der Inflation aufweist (siehe Abbildung 1). Bei einer positiven Produktionslücke steigt tendenziell die Inflation. Zeiten mit einer negativen Produktionslücke sind dagegen mit abnehmender Inflation verbunden.

Abb. 1: Produktionslücke und Inflation(1980–2017)

Quelle: SNB, BFS / Die Volkswirtschaft

Die Unsicherheit um das BIP und die Produktionslücke

Das Konzept des BIP ist aus theoretischer und definitorischer Sicht eindeutig. In der Praxis jedoch ist die Schätzung des BIP für die zuständigen Ämter – BFS und Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) – alles andere als einfach. Die Wirtschaftsleistung der Schweiz entsteht Tag für Tag aus Millionen von Entscheiden und Handlungen aller Wirtschaftsakteure. Zudem ist das Umfeld nicht konstant: Massgebende Aspekte wie Technologie, Produkte, Absatzkanäle oder Präferenzen der Leute ändern sich laufend.

Aus dieser Perspektive überrascht es kaum, dass das BIP nicht exakt geschätzt werden kann und dass ein Zielkonflikt zwischen rascher Verfügbarkeit und Präzision der Zahlen besteht. Besonders schwierig sind frühe Schätzungen, die sich nur auf sehr unvollständige Informationen stützen können. Im Zeitablauf führen neuere und ausführlichere Informationen sowie Optimierungen der Schätzmethoden dann immer wieder dazu, dass die BIP-Zahlen revidiert werden. Diese Feststellung gilt für die Schweiz wie auch für alle anderen Länder und dürfte zu einer gewissen Vorsicht bei der Interpretation der Daten führen.

Der Verlauf des BIP hängt also davon ab, zu welchem Zeitpunkt er geschätzt wurde. Die heutigen Quartalswachstumsraten des BIP können sich von denjenigen unterscheiden, die jeweils bei der Erstschätzung bekannt wurden (siehe Abbildung 2).

Abb. 2:  BIP-Wachstumsrevisionen (2000–2017)

Anmerkung: Reales BIP-Wachstum gegenüber Vorquartal, hochgerechnet.

Quelle: SNB / Die Volkswirtschaft

Aus geldpolitischer Sicht stellt die Revisionsanfälligkeit des BIP bedeutende Herausforderungen dar.[1] Der genaue und wahre BIP-Verlauf – sofern ein «genaues und wahres BIP» überhaupt geschätzt werden kann – ist erst mit Verzögerung verfügbar. In Echtzeit basieren deshalb Analysen und Prognosen auf unsicheren Informationen.

Breite Palette an weiteren Indikatoren

Um der Unsicherheit über den aktuellen Stand der Wirtschaft etwas entgegenzuwirken, ergänzt die SNB die Interpretation der BIP-Zahlen mit der ausführlichen Auswertung einer breiten Palette an weiteren Konjunkturindikatoren.[2] Ein Beispiel dafür ist der Business Cycle Index (siehe Abbildung 3). Dieser von der SNB erstellte Konjunkturindex setzt sich aus der systematischen Auswertung von über 600 Indikatoren zusammen.[3] Er umfasst konjunkturelle Signale aus verschiedensten Quellen. Eine wesentliche Rolle spielen Konjunkturumfragen.

Aus den gleichen Gründen legt die SNB grossen Wert auf den Informationsaustausch mit Unternehmen.[4] Die SNB-Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte führen jedes Quartal weit über 200 Gespräche mit Entscheidungsträgern von Unternehmen und sammeln so wertvolle Informationen aus erster Hand über den Stand der Wirtschaft. Die Informationen aus den verschiedenen Regionen und Branchen werden zusammengetragen und sowohl qualitativ als auch quantitativ ausgewertet.[5] Das Bruttoinlandprodukt ist auch bei diesen Analysen im Hintergrund die Referenzgrösse: Die Stichprobenauswahl für die Unternehmensgespräche richtet sich nach der branchenmässigen Zusammensetzung des BIP.

Abb. 3: Der SNB Business Cycle Index (2007–2017)

Quelle: SNB, Galli (2017) / Die Volkswirtschaft

Im Bewusstsein der Herausforderungen, welche mit der Schätzung des BIP verbunden sind, stützt die SNB ihre Analysen also auch auf viele zusätzliche Indikatoren. Diese Ansätze können jedoch lediglich eine ergänzende Rolle spielen. Letztlich sind verlässliche VGR- und BIP-Statistiken absolut unentbehrlich, um die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes verstehen zu können. Die Verfügbarkeit von guten Wirtschaftsstatistiken ist eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Führung der Geldpolitik.

  1. Siehe Cuche et al. (2008). []
  2. Siehe Galli et al. (2017). []
  3. Siehe Galli (2017). []
  4. Siehe Hunziker und Zanetti, 2015). []
  5. Siehe SNB (2017). []

Prof. Dr. rer. pol., Leiter Volkswirtschaft, Schweizerische Nationalbank, Zürich

Dr. rer. pol., Leiter Organisationseinheit Konjunktur, Schweizerische Nationalbank, Zürich

Literatur

  • Cuche, Nicolas, Pamela Hall and Attilio Zanetti (2008). Swiss GDP Revisions: a Monetary Policy Perspective, in: Journal of Business Cycle Measurement and Analysis, Vol. 4/2.
  • Galli, Alain (2017). Which Indicators Matter? Analyzing the Swiss Business Cycle Using a Large-scale Mixed-frequency Dynamic Factor Model, SNB Working Paper, 2017/08.
  • Galli, Alain, Christian Hepenstrick und Rolf Scheufele (2017). Mixed-frequency Models for Tracking Short-term Economic Developments in Switzerland, SNB Working Paper, 2017/02.
  • Hunziker, Hans-Ueli und Attilio Zanetti (2015). Die Delegierten der Nationalbank messen den Puls der Wirtschaft, in: Die Volkswirtschaft, 2015/5.
  • Schweizerische Nationalbank (2017). Konjunktursignale, Quartalsheft der Schweizerischen Nationalbank, 2017/4.

Prof. Dr. rer. pol., Leiter Volkswirtschaft, Schweizerische Nationalbank, Zürich

Dr. rer. pol., Leiter Organisationseinheit Konjunktur, Schweizerische Nationalbank, Zürich