Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Staatsbetriebe im Wettbewerb mit Privaten»

«Post und Swisscom haben einzig den Hauptaktionär gemeinsam»

Im Gegensatz zur Post erhält die Swisscom keine staatlichen Gelder. «Wir möchten keine Subventionen», sagt Swisscom-Chef Urs Schaeppi im Interview. Im Gegenzug erwarte er aber vom Bund, dass dieser die Swisscom als eigenständige Firma behandle.

«Als CEO bin ich nicht nur dem Bund, sondern allen unseren rund 70’000 Investoren verpflichtet.» Swisscom-Chef Urs Schaeppi in der ehemaligen Bollwerkpost in Bern. (Bild: Marlen von Weissenfluh, Die Volkswirtschaft)

Herr Schaeppi, woran und wie oft merken Sie, dass Sie Chef eines Unternehmens mit Mehrheitsbeteiligung des Bundes sind?

Im laufenden Geschäft spüren wir den Einfluss des Bundes wenig, wir sind autonom – das ist in einem liberalisierten Markt wichtig für uns. Der Bund ist ein guter und langfristig orientierter Aktionär. Er gibt uns strategische Ziele vor und hat einen Vertreter im Verwaltungsrat.

Er macht auch Vorgaben über Auslandsaktivitäten. Sie dürfen beispielsweise nicht in Firmen investieren, die einen Grundversorgungsauftrag haben.

So wie sich der Telekommunikationsmarkt entwickelt hat, schränkt uns das nicht ein. Ein Konkurrent muss in dieser Branche eine gewisse Grösse aufgebaut haben. Folglich ist der Investitionsbedarf riesig. Wir investieren in der Schweiz jährlich rund 20 Prozent des Umsatzes in die Infrastruktur. Die Swisscom ist zu klein für solche Projekte im Ausland.

Ihre italienische Tochter Fastweb wächst.

In Italien, wo der Markt stark schwankt, ist das Risiko grösser als bei uns. Dafür gibt es dort mehr Wachstum – erst die Hälfte der Haushalte hat einen Internetanschluss.

Unser Erfolg basiert nicht auf einer Erbschaft.

In den Kerngeschäften Festnetz, Mobil und Breitband übertreffen Sie in der Schweiz bei den Marktanteilen die Konkurrenten. Der Vorteil eines Ex-Monopolisten?

Unser Erfolg basiert nicht auf einer Erbschaft. Sie blenden die Realität des Marktes aus. Als die Swisscom vor zwanzig Jahren in den freien Markt entlassen wurde, gab es nur die Festnetztelefonie und den Beginn des Mobilfunks. Die Infrastruktur und das Angebot haben sich seither stark verändert. Die Swisscom gehört heute zu den grössten IT-Unternehmen der Schweiz. Schnelles Internet, Fernsehen, IT-Services und der Mobilfunk haben massiv an Bedeutung gewonnen, die Festnetztelefonie ist stark rückläufig.

Sie machen rund 80 Prozent des Umsatzes mit Produkten, die in den vergangenen zehn Jahren entwickelt wurden. Stimmt das?

Ja, das ist so. Das zeigt, wie schnell sich unser Geschäft und die Swisscom verändern. Wir sind beispielsweise auch im Cloud-Geschäft tätig. Eine weitere Erfolgsgeschichte ist Swisscom TV: Von null Prozent Marktanteil sind wir Marktleader im digitalen Fernsehgeschäft geworden. Im jüngsten Innovationsranking des St. Galler Marketingberaters HTP sind wir unter den Top 3. All das zeigt: Die Swisscom hat vieles richtig gemacht, sonst hätten wir nicht diese Marktstellung. Während die Konkurrenz teils lediglich die Preise drückte, setzten wir konsequent auf Innovation und Qualität.

Sie konnten beim TV-Markteintritt von Kundenbindungen und der vorhandenen Netzinfrastruktur profitieren.

Unsere Netze waren schmalbandig. Wir mussten sie zuerst ausbauen. Die Konkurrenz hingegen verfügte bereits über breitbandige Netze und hatte 100 Prozent Marktanteil im Festnetz-TV. Wir haben durch Innovation neue Produkte geschaffen. Als Herausforderer im freien Wettbewerb punkteten wir mit zeitversetztem Fernsehen und dem Speichern von Filmen in der Cloud. Ein Erfolgsrezept war auch das Kombipaket für Telefonie, Fernsehen und Internet: Das Angebot inOne ist unser erfolgreichstes je lanciertes Produkt in Bezug auf die Kundenzahlen.

Die Marktanteile der Swisscom bei den Telekomprodukten sind deutlich höher als bei Ex-Monopolisten in anderen Ländern. Warum?

Erstens haben wir stark in die Infrastruktur investiert – und uns damit einen Vorteil mit sehr leistungsfähigen Netzen verschafft. Zweitens ersetzen wir ältere Produkte rasch durch neue. Dadurch waren wir in den Technologiezyklen früh dabei. Und drittens haben wir immer grossen Wert auf guten Kundenservice gelegt.

Der Post wird vorgeworfen, unrechtmässige Gewinne mit subventionierten Postauto-Linien erzielt zu haben. Wie erleben Sie als staatsnahes Unternehmen diese Debatte?

Ich kenne die Details nicht. Persönlich finde ich, dass zuerst die Fakten auf den Tisch müssen, bevor geurteilt wird. Darüber hinaus gilt: Post und Swisscom kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Wir bekommen keine Subventionen – auch nicht in Teilbereichen. Wir befinden uns in einem voll liberalisierten Markt. Das Einzige, was wir gemeinsam haben, ist der Bund als Aktionär. Als CEO bin ich nicht nur dem Bund, sondern allen unseren rund 70’000 Investoren verpflichtet.

Im Gegensatz zu den anderen Investoren schreibt Ihnen der Bundesrat aber Gewinnziele vor.

Das stimmt nicht. Wir haben kein quantitatives Ziel vom Bundesrat erhalten.

In den strategischen Vorgaben steht, der Aktienkurs müsse mit vergleichbaren Unternehmen in Europa Schritt halten.

Das heisst nichts anderes als: Die finanziellen Kennzahlen und die Aktienkursentwicklung müssen sich nahe den Vergleichswerten befinden.

Wie beeinflussen Sie als Swisscom-Chef den Aktienkurs?

Das geschieht indirekt. Als CEO treffe ich regelmässig institutionelle Investoren und versuche das Vertrauen der Anleger zu gewinnen und zu bestätigen. Relevant für die langfristige Kursentwicklung sind dabei unsere Leistungen – unter anderem die Entwicklung der Finanzkennzahlen und unsere Marktposition.

Die Grundversorgung ist ein Verlustgeschäft.

Seit der Marktöffnung ist die Grundversorgungskonzession bei der Swisscom. Was beinhaltet diese?

Die Grundversorgung wird regelmässig ausgeschrieben. Vereinfacht gesagt, geht es um die flächendeckende Festnetztelefonie und den Internetanschluss mit mindestens 3 Megabit pro Sekunde. Da kann sich jeder bewerben. Wir leisten auch den Zugang zu den Notrufnummern und bieten spezielle Dienste für Behinderte. Dass wir regelmässig die einzigen Bewerber sind, zeigt: Die Grundversorgung ist ein Verlustgeschäft. Einen abgelegenen Ort zu erschliessen, kann sehr viel kosten.

Warum machen Sie das?

Die Grundversorgung gehört gewissermassen zu unserer DNA – das wird von uns erwartet.

Sie könnten vom Bund eine Abgeltung für die Grundversorgung fordern. Warum tun Sie dies nicht?

Solange diese Grundversorgung massvoll formuliert ist, verlangen wir keine Abgeltung. Wir möchten keine Subventionen. Im Gegenzug erwarten wir, dass man uns als eigenständige Firma behandelt. Wenn wir jedoch plötzlich Glasfaserleitungen in alle Haushalte ziehen müssten, wäre das anders.

Sie sagen, die Grundversorgung gehöre zu Ihrer DNA. Fühlen Sie sich immer noch als eine Art PTT?

Unsere Firma heisst Swisscom und nicht PTT. Auch als börsenkotiertes und flächendeckend präsentes Unternehmen fühlen wir uns der Schweiz verpflichtet.

Dem Steuerzahler?

Nein, den Schweizer Kunden. Wir wollen ihnen eine gute Leistung bieten. Das hat natürlich auch mit der Marke Swisscom und dem Image zu tun.

Der Wachstumsmotor steckt ausserhalb des Kerngeschäfts. Wo wächst die Swisscom?

Die wenigsten wissen, dass die Umsätze der gesamten Telekommunikationsbranche schrumpfen. Nicht wegen der Angebote und der Volumen, die teils sehr stark wachsen, sondern wegen des enormen Preiszerfalls. Deshalb ist es wichtig, dass wir in neue Geschäftsfelder expandieren. Wir haben drei Wachstumsbereiche. Erstens im eigentlichen Kerngeschäft – hier können wir dank neuen Technologien wie dem Internet der Dinge wachsen: Indem Gegenstände vernetzt werden, gibt es mehr Verbindungen. Das zweite Feld sind IT-Lösungen wie Cloud-Angebote oder Swisscom TV. Diese Angebote liegen nahe beim Kerngeschäft.

Und das dritte Feld?

Dieses ist stärker mit Risiken behaftet und liegt ausserhalb des aktuellen Kerngeschäfts: Hier arbeiten wir mit Partnern zusammen. Mit der Verzeichnis- und KMU-Werbeplattform Localsearch beispielsweise wollen wir die Möglichkeiten nutzen, die die Digitalisierung bietet. Diese Internetgeschäftsmodelle bieten eine Schnittstelle zum Kunden. Der Zugang zum Kunden über Web-Plattformen wird immer wichtiger, wie das Beispiel Amazon zeigt –  als ursprünglicher Buchverkäufer ist Amazon heute der grösste Cloud-Anbieter.

Das Wort Expansionsstrategie gefällt mir nicht.

Wo liegen die inhaltlichen Grenzen Ihrer Expansionsstrategie?

Das Wort Expansionsstrategie gefällt mir nicht. Wir verbreitern unsere Wertschöpfungskette. Telefon, Informatik und Entertainment konvergieren: Ein Smartphone ist ein Telefon, ein Computer und ein Fernsehgerät.

Was haben Eventmanagement, Werbevermarktung und Onlinehandel mit dem ursprünglichen Hauptgeschäft zu tun?

Telekommunikation und IT sind die Basis unserer Aktivitäten. Das ist der rote Faden. Allerdings öffnet sich das Feld stetig: Ein wichtiges IT-Thema ist die künstliche Intelligenz. Sie hilft, Produkte zu vereinfachen und Prozesse zu automatisieren. Nehmen Sie die Blockchain-Technologie. Diese Technologie ist auch ausserhalb der Telekombranche möglich. Das heisst, wenn wir Banken IT-Lösungen anbieten, sind wir trotzdem noch keine Bank.

Gilt das auch für selbstfahrende Autos? Im Jahr 2015 finanzierten Sie entsprechende Tests auf den Strassen.

Wir waren die Ersten, die ein selbstfahrendes Auto in die Schweiz gebracht haben. Aus einem einzigen Grund: Wir wollten wissen, was die Anforderungen an die Infrastruktur der Zukunft sind. Unsere Rolle ist es, die dazu nötige Infrastruktur wie die 5G-Technologie zur Verfügung zu stellen.

Der Ständerat kam Ihnen im März nicht entgegen. Er wollte die Strahlengrenzwerte für 5G nicht lockern.

Wir bedauern das sehr. Das ist ein negativer Entscheid für den Wirtschaftsstandort. Da vergibt die Schweiz eine Chance, bei 5G eine Vorreiterin zu werden. Wir versuchen nun das Beste daraus zu machen. Es ist für uns keine Option, den Ausbau von 5G zu stoppen.

Kleine Firmen beklagen, dass die Swisscom durch ihre Marktmacht die Kleinen verdränge. Ist die Kritik berechtigt?

Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Wir sind einer der grössten Partner für KMU. Beim Netzausbau arbeiten wir beispielsweise mit lokalen Elektroinstallateuren zusammen – dadurch schaffen wir Tausende Arbeitsplätze.

Kaufen Sie KMU auch auf?

Vereinzelt machen wir das, vor allem im IT-Bereich. Da gehen wir aber sehr selektiv vor.

Mit der geplanten Revision des Fernmeldegesetzes könnten Sie gezwungen sein, Ihre Netze für andere Anbieter zu öffnen. Warum wehren Sie sich dagegen?

Die meisten Punkte der Revision unterstützen wir, oder sie werden von der Branche bereits vorweggenommen. Wichtig ist: Die Konkurrenten haben bereits heute Zugang auf unsere Netze. Wir wehren uns gegen eine Regulierung dieses Zugangs. Konkurrenten dürften unter diesem neuen Regime bei der Swisscom zu kostenorientierten Preisen – was auch immer das heisst – auf die Netze. Das birgt extreme Rechtsunsicherheit. Die Glasfasernetze sind im Wettbewerb verschiedener Akteure entstanden, und der Markt spielt.

Bisher war nur das Kupfernetz der Swisscom reguliert. Warum stört Sie diese Regulierung nicht?

Beim Kupfernetz machte die Regulierung Sinn, weil dieses Netz zu Zeiten der PTT entstanden ist. Das aktuelle Fernmeldegesetz ist eine Erfolgsgeschichte, da es Anreize für die Branche bietet zu investieren: Der Wettbewerb spielt auf allen Ebenen. So wie das Gesetz revidiert werden soll, ist es gegen die Swisscom gerichtet. Der Bundesrat wollte bei der letzten Gesetzesrevision 2007 bewusst die neuen Netze wie Glasfaser im Wettbewerb entstehen lassen. Und jetzt will er während des Spiels die Spielregeln ändern.

Empfinden Sie das als Wortbruch des Bundesrates?

Nein, das ist ein hartes Wort. Es ist ein Paradigmawechsel.

Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft

Urs Schaeppi

Seit 2013 ist Urs Schaeppi Chef der Swisscom, die zu 51 Prozent im Besitz des Bundes ist. Seit 2006 ist der 58-jährige Berner Mitglied der Konzernleitung. In die Swisscom eingetreten ist er kurz nach der Liberalisierung des Schweizer Telekommarktes im Jahr 1998, als die PTT in die Post und die Swisscom aufgeteilt wurde. Schaeppi begann seine Swisscom-Karriere in der Mobilfunksparte. Zuvor war er unter anderem als Betriebsleiter der Papierfabrik Biberist SO tätig. Der studierte Maschinenbauingenieur absolvierte später ein Betriebswirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen.

Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft