Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Wohin will die EU?»

Kein Ausdruck von Schwäche: Das Handelsdefizit der Schweiz mit der EU

Die Schweiz importiert mehr aus der EU, als sie dorthin exportiert. Dies ist ökonomisch gesehen unproblematisch.

Exportschlager Pharma: Produktionslabor von Merck Serono in Aubonne VD. (Bild: Keystone)

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Die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes gegenüber seinen Handelspartnern wird unter anderem anhand des bilateralen Handelsbilanzsaldos beurteilt. Dabei wird oft die merkantilistische Ansicht vertreten, ein Überschuss sei gut und ein Defizit schlecht. Aus diesem Grund gerät in der Schweiz das bilaterale Handelsbilanzdefizit mit der Europäischen Union (EU) immer wieder in die Kritik. Wie ist dieses Defizit ökonomisch zu interpretieren? Betrachtet man das Defizit mit der EU genauer, zeigt sich, dass die Schweiz nur im Warenhandel im Minus ist, während sie beim Dienstleistungshandel einen Überschuss erzielt. Zudem verzeichnet sie Importüberschüsse vor allem bei Waren, die in der Schweiz entweder gar nicht hergestellt werden oder die auch als Vorleistungen für Schweizer Warenexporte in den Rest der Welt dienen. Insgesamt erweist sich das Handelsbilanzdefizit mit der EU deshalb als kaum problematisch.

Die Schweiz ist als kleine, offene Volkswirtschaft im globalen Handel stark integriert. Um sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten, hat sie sich auf die Herstellung bestimmter Produkte wie zum Beispiel Pharmazeutika, Präzisionsinstrumente und Uhren spezialisiert (siehe Kasten). Insgesamt erwirtschaftet die Schweiz im Warenhandel seit 2002 einen Überschuss, der seither deutlich angestiegen ist. Betrachtet man allerdings nur die heutigen EU-Länder, so weist die Schweiz bereits seit den Achtzigerjahren ein Handelsdefizit aus (siehe Abbildung 1). Dieses Defizit im Warenhandel belief sich vergangenes Jahr auf 16 Milliarden Franken. Im selben Jahr resultierte jedoch bei den Dienstleistungen (ohne Tourismus) ein Überschuss von 12 Milliarden Franken.[1] Unter dem Strich belief sich damit das bilaterale Handelsbilanzdefizit zwischen der Schweiz und der EU 2017 auf 4 Milliarden Franken. Getrieben wird das Defizit vor allem durch den Warenhandel mit Deutschland, Irland und Italien. Mit den anderen EU-Ländern ist der Bilanzsaldo ausgeglichen, und mit Grossbritannien erzielt die Schweiz sogar einen bedeutenden Überschuss.

Abb. 1: Schweizer Handelsbilanzsaldo nach Handelspartner (in Mrd. Fr.; 1988–2017)

Anmerkung: Warenhandel (ohne nicht monetäres Gold, Wertsachen, Transithandel)

Quelle: EZV / Die Volkswirtschaft

Die EU ist für die Schweiz der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Zwar hat der Handelsanteil der EU aufgrund der Erschliessung anderer Märkte in den letzten zehn Jahren stetig abgenommen, dennoch gingen 2017 noch rund 53 Prozent der Schweizer Warenexporte in die EU; bei den Warenimporten lag der EU-Anteil sogar bei 72 Prozent. Auch beim Dienstleistungshandel ist die EU der wichtigste Partner. Dort betrug der Exportanteil 47 Prozent und der Importanteil 50 Prozent. Umgekehrt ist auch die Schweiz ein wichtiger Handelspartner für die EU. Der Kleinstaat lag 2017 bei den EU-Warenimporten (inklusive Gold und Wertsachen) auf Platz vier, bei den Warenexporten sogar auf Platz drei hinter den USA und China.

Historisch enge Beziehung

Dass die bilateralen Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und der EU so eng sind, überrascht kaum. Geografisch ist das Binnenland von EU-Ländern umgeben, und als rohstoffarme und kleine, offene Volkswirtschaft pflegt die Schweiz historisch enge Wirtschaftsbeziehungen mit ihren Nachbarländern. So wurde mit der EU – beziehungsweise mit ihren Vorgängerinstitutionen – bereits 1972 ein bilaterales Freihandelsabkommen verabschiedet. Darauf folgten 1989 ein Versicherungsabkommen, 1999 sieben sektorielle Abkommen (Bilaterale I) und 2004 die bilateralen Abkommen II.

Diese stetigen Verbesserungen der Rahmenbedingungen hat eine Intensivierung der Handelsbeziehung mit der EU ermöglicht und so zur laufenden Spezialisierung der Schweizer Wirtschaft beigetragen. Einerseits können Konsum- und Vorleistungsgüter einfacher importiert werden, was den Schweizer Haushalten beziehungsweise Produzenten entgegenkommt. Andererseits profitieren die Exporteure von einem erleichterten Zugang zum EU-Markt.

Exportüberschuss bei Pharma und Uhren

Die Spezialisierung der Schweizer Wirtschaft schlägt sich in den Daten für den Handel zwischen der Schweiz und der EU nieder. So erzielt die Schweiz auch mit der EU bei den Exportschlagern Chemie-Pharma und Präzisionsinstrumente-Uhren einen grossen und tendenziell ansteigenden Überschuss (siehe Abbildung 2). Bei den Dienstleistungen erwirtschaftet die Schweiz in den gewichtigen Bereichen Finanzdienste, Versicherungsdienste und Lizenzgebühren ebenfalls grosse Exportüberschüsse mit der EU.

Abb. 2: Schweizer Handelsbilanzsaldo nach Warengruppen (in Mrd. Fr.; 1988–2017)

Quelle: EZV / Die Volkswirtschaft

Die Importüberschüsse der Schweiz mit der EU betreffen dagegen vor allem Güter, die in der Schweiz kaum hergestellt werden. So finden sich die grössten Defizite mit der EU bei Strassenfahrzeugen, Erdöl, Landwirtschaftsprodukten, Bekleidung, Büromaschinen, Haushaltsapparaten und Metallen. Dasselbe gilt für den Dienstleistungshandel. Dort finden sich die grössten Defizite bei Beratungsdiensten sowie in der Forschung und Entwicklung, die oft als Vorleistungen in die Produktion von Dienstleistungen wie auch von Waren einfliessen.[2]

Globale Wertschöpfungsketten

Die laufende Spezialisierung der Schweizer Exportwirtschaft wurde auch von der verstärkten Globalisierung der Wertschöpfungsketten begünstigt. Diese führt dazu, dass die Exporte eines Landes mehr und mehr Komponenten enthalten, die in Drittländern hergestellt wurden. Beispielsweise erklärt sich das schweizerische Defizit mit Irland fast ausschliesslich durch einen Importüberschuss an chemischen und pharmazeutischen Produkten, welche grösstenteils in der Schweiz weiterverarbeitet und an Drittländer exportiert werden dürfen.

Aufgrund solcher Zusammenhänge erweist sich die Fokussierung auf bilaterale Handelsbilanzen zur Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes als zunehmend problematisch. Da die klassischen Aussenhandelsstatistiken immer den gesamten Wert des exportierten Guts dem Land zurechnen, welches es ausführt, sind diese Statistiken mit Vorsicht zu interpretieren.[3] Aus diesem Grund wird in vielen Ländern versucht, mithilfe sogenannter Input-Output-Tabellen wertschöpfungsbasierte Handelsbilanzen zu berechnen, in denen nur die im jeweiligen Land tatsächlich generierte Wertschöpfung als Export gemessen werden soll.

Vorteile der Globalisierung überwiegen

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Spezialisierung der Schweiz auf Waren und Dienstleistungen mit einer hohen Wertschöpfung erklärt den Handelsbilanzüberschuss, den die Schweiz mit ihren Handelspartnern insgesamt erwirtschaftet. Dass die Schweiz überproportional viele Güter aus der EU importiert und damit ihr gegenüber in der Summe ein Handelsbilanzdefizit aufweist, ist angesichts der historischen und geografischen Nähe nicht erstaunlich.

Allerdings birgt die internationale Verflechtung der Schweizer Wirtschaft auch Risiken. So steigt die Abhängigkeit von wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen im Ausland. In der Summe überwiegen jedoch für die kleine, offene Volkswirtschaft klar die Vorteile der weltwirtschaftlichen Integration. Für die Schweiz werden daher enge Handelsbeziehungen mit der EU und ihren anderen Handelspartnern auch in Zukunft zentral sein, um den hohen Lebensstandard zu sichern.

  1. Die SNB publiziert ländergegliederte Daten zum Dienstleistungshandel erst ab 2012. Für den Tourismus liegt bislang keine Ländergliederung vor. []
  2. Nathani und Hellmüller (2014). []
  3. Busch und Bernhard (2014). []

Dr. rer. pol., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. oec., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Handelsdefizit und komparative Vorteile

In der Handelsbilanz wird der Wert der Exporte dem Wert der Importe gegenübergestellt. Ein Handelsbilanzdefizit liegt vor, wenn die Einnahmen aus den Exporten kleiner sind als die Ausgaben für die Importe. Ein Importüberschuss ist dabei nicht per se schlecht. Gemäss ökonomischer Theorie ermöglicht der internationale Handel einem Land, sich auf die Produktion derjenigen Güter zu spezialisieren, für welche es einen komparativen Vorteil besitzt, das heisst, welche es relativ günstiger produzieren kann. Durch diese Spezialisierung lassen sich Effizienzgewinne realisieren, sodass mit begrenzten Ressourcen mehr hergestellt werden kann. Davon profitieren alle Handelspartner. Die Exporte sind dabei nicht Selbstzweck, sondern dienen dazu, importierte Waren und Dienstleistungen zu finanzieren, heute oder in der Zukunft. Zum einen nimmt so die Vielfalt an verfügbaren Gütern zu. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass sich der durch die Spezialisierung entstehende Handel symmetrisch über die Handelspartner verteilt. Vielmehr kann ein Land Überschüsse aus dem Handel mit einem Handelspartner zur Finanzierung eines Defizits mit einem anderen Handelspartner verwenden, wenn es dessen Güter bevorzugt. Auch diese Wahlfreiheit trägt zu den Wohlfahrtsgewinnen aus Handel bei (Lawrence 2018). Zum anderen ist die Handelsbilanz auch ein Resultat intertemporaler Spar- und Investitionsentscheidungen. Bei einem Handelsbilanzdefizit reicht die eigene Ersparnis nicht aus, um die Investitionen im Inland zu finanzieren. Hat zum Beispiel ein Land einen grossen Aufholbedarf und investiert aus diesem Grund relativ viel, so ist ein Handelsbilanzdefizit unproblematisch, da durch die Investitionen in der Zukunft mehr produziert werden kann.

Literatur

Dr. rer. pol., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. oec., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern