Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Migranten sind im Schweizer Arbeitsmarkt gut integriert

Immigranten integrieren sich schon nach kurzer Zeit gut in den Arbeitsmarkt. Die Männer erzielen mit den Schweizern vergleichbare Einkommen und schliessen die anfängliche Lücke bei der Erwerbsbeteiligung rasch. Immigrantinnen verdienen gar mehr als Schweizerinnen, bleiben dem Arbeitsmarkt dafür öfter fern.

Grund zur Freude: Im Juli 2018 feiern Franzosen und Frankreich-Fans den französischen Fussball-Weltmeistertitel in Lausanne. (Bild: Keystone) (Bild: Keystone)

Abstract lesen...

In den letzten Jahrzehnten ist die Immigration in die Schweiz stark gestiegen. Wie gut die Immigranten in den Arbeitsmarkt integriert werden, ist von grosser wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. Eine Studie für das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zeigt, dass die Integration von Immigranten in der Schweiz insgesamt gut gelingt. Erwerbstätige Männer, die in die Schweiz einwandern, können ihren anfänglichen Einkommensrückstand gegenüber den Schweizern schon nach wenigen Jahren im Land wettmachen. Erwerbstätige Immigrantinnen verdienen dank eines höheren Beschäftigungsgrades im Durchschnitt sogar mehr als vergleichbare Schweizerinnen. Die Erwerbstätigenquote unter Immigranten ist allerdings tiefer als unter vergleichbaren Schweizern. Mit zunehmender Verweildauer holen die Immigranten zwar gegenüber den Schweizern auf, doch die Lücke schliesst sich nicht gänzlich.

Seit der Unterzeichnung des Freizügigkeitsabkommens mit den EU- und Efta-Staaten im Jahr 1999 ist die Immigration aus diesem Raum in die Schweiz stark angestiegen. Dies löste eine teilweise sehr heftige wirtschafts- und gesellschaftspolitische Debatte über die möglichen Auswirkungen von erhöhter Immigration aus. Eine zentrale Rolle in dieser Debatte spielt die Arbeitsmarktintegration von Immigranten. Können diese auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig Fuss fassen, erleichtert das ihre gesellschaftliche Integration und stärkt die Sozialwerke. Die Autoren haben deshalb in einer Studie für das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) den Arbeitsmarkterfolg von Immigranten in der Schweiz analysiert und mit demjenigen von Schweizern verglichen. Für die Analyse wurden verschiedene Register- und Umfragedaten miteinander verknüpft (siehe Kasten).

Wie man Arbeitsmarktintegration misst

Wenn Ökonomen vom Arbeitsmarkterfolg einer Personengruppe sprechen, beziehen sie sich im Wesentlichen auf zwei Grössen: das Durchschnittseinkommen erwerbstätiger Personen und die Erwerbstätigenquote. Letztere misst den Anteil der Personen, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Die Einkommenshöhe ist von zentraler Bedeutung, weil sie letztlich bestimmt, welchen Lebensstandard eine Person sich leisten kann. Sie wird einerseits vom Stundenlohn – und damit von der Qualifikation – beeinflusst und andererseits vom Beschäftigungsgrad. Betrachtet man nur das Einkommen, lässt man allerdings ausser Acht, dass nicht alle Personen einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Um ein umfassendes Bild des Arbeitsmarkterfolges zu erhalten, muss man deshalb dem Einkommen beschäftigter Personen die Erwerbstätigenquote gegenüberstellen.

Als Referenzwerte, an denen Einkommenshöhe und Erwerbstätigenquote von Immigranten gemessen werden sollen, dienen die Arbeitsmarktergebnisse der in der Schweiz Geborenen. Zwischen den Immigranten und den in der Schweiz Geborenen gibt es je nach Alter, Bildung und Region bedeutende Unterschiede. So sind etwa Personen unter 25 und über 55 Jahren bei den Immigranten untervertreten, Geringqualifizierte und Hochqualifizierte jedoch übervertreten. Zudem konzentrieren sich Migranten stark auf urbane Regionen. Damit man Einkommen und Erwerbstätigenquote der beiden Gruppen miteinander vergleichen kann, muss in der Regressionsanalyse deshalb für Alter, Bildung und Wohnort kontrolliert werden.

Kaum Unterschiede bei den Einkommen

In der Migrationsdebatte wird oftmals die Befürchtung geäussert, dass Immigranten bereit seien, für tiefere Löhne zu arbeiten, und dass sie damit Schweizer aus dem Arbeitsmarkt verdrängten. In unseren Analysen finden wir dafür keine Anhaltspunkte.

Betrachtet man 25- bis 55-jährige erwerbstätige Männer, die in die Schweiz einwandern und während mindestens fünf Jahren im Land bleiben, verdienen diese zwar anfänglich noch deutlich weniger. Schon im ersten Jahr nach der Einwanderung sind ihre Einkommen aber im Durchschnitt höher als die von Schweizern (siehe Abbildung 1). Konkret: Bei den Männern verwandelt sich der anfängliche Einkommensrückstand von 6,4 Prozent nach fünf Jahren in einen Vorsprung von 1,9 Prozent. Über die Ursachen dieses Aufholprozesses erlaubt die vorliegende Studie keine direkten Aussagen. Denkbar ist aber, dass die Immigranten in dieser Zeit ihre Sprachkenntnisse verbessern, ein grösseres Netzwerk aufbauen oder den Schweizer Arbeitsmarkt besser kennenlernen. Da der Spielraum für Lohnsteigerungen in derselben Firma in der Regel begrenzt ist, dürften Arbeitsplatzwechsel dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Dieses positive Bild der Einkommensentwicklung von beschäftigten Immigranten ist teilweise durch die sehr hohen Einkommen einer kleinen Gruppe von Immigranten, beispielsweise Spitzenmanager, getrieben. Differenzierte Analysen nach Bildungs- und Einkommensgruppen zeigen aber, dass auch Geringqualifizierte sich im Laufe ihres Aufenthalts einkommensmässig gut integrieren.

Für eingewanderte Frauen zeichnen unsere Analysen ein etwas differenzierteres Bild. Weil Immigrantinnen einen deutlich höheren Beschäftigungsgrad aufweisen, übertreffen die Einkommen erwerbstätiger Immigrantinnen diejenigen der Schweizerinnen bereits im Jahr der Einwanderung und liegen fünf Jahre nach der Einwanderung deutlich darüber. Der höhere durchschnittliche Beschäftigungsgrad der Immigrantinnen findet sich in allen Bildungsgruppen gleichermassen.

Abb. 1: Einkommensunterschiede zwischen Immigranten und Schweizern im Laufe des Aufenthaltes

Anmerkung: Die Grafik zeigt Immigrantinnen und Immigranten im Alter von 25 bis 55 Jahren, die sich während mindestens fünf Jahren ununterbrochen in der Schweiz aufhalten und dabei unselbstständig erwerbstätig sind. Die Referenzgruppe sind Schweizerinnen und Schweizer im Alter von 25 bis 55 Jahren, die in derselben Zeit ununterbrochen unselbstständig erwerbstätig sind. Die Regressionsanalyse kontrolliert auch für Unterschiede in Alter, Bildung und Wohnregion.

Quelle: Individuelle Konten der AHV (ZAS) / ZEMIS (SEM) / STATPOP, Strukturerhebung (BFS) / Die Volkswirtschaft

Erwerbstätigenquoten gleichen sich an

Immigranten, die auf dem Arbeitsmarkt Fuss fassen, schneiden dort also mindestens so gut ab wie vergleichbare Schweizer. Ein differenzierteres Bild ergibt sich allerdings, wenn man auch Personen in den Blick nimmt, die nicht erwerbstätig sind.

Betrachtet man 25- bis 55-jährige Männer, die in die Schweiz einwandern und während mindestens fünf Jahren im Land bleiben, liegt die Erwerbstätigenquote bei der Einwanderung um 16,2 Prozentpunkte tiefer als bei Schweizern dieser Altersgruppe. Die Differenz nimmt im Laufe des Aufenthaltes zwar deutlich ab, doch auch nach fünf Jahren liegt die Erwerbstätigenquote der Immigranten noch rund 3 Prozentpunkte tiefer (siehe Abbildung 2).

Bei den Frauen ist der anfängliche Unterschied in der Erwerbstätigenquote zwischen Immigrantinnen und Schweizerinnen sogar noch grösser. Zwar geht die Differenz in den ersten fünf Jahren des Aufenthaltes stark zurück, doch danach bleibt die Quote bei den Immigrantinnen um 12 Prozentpunkte unter derjenigen von vergleichbaren Schweizerinnen.

Abb. 2: Unterschiede in der Erwerbstätigenquote von Immigranten und Schweizern im Laufe des Aufenthalts

Anmerkungen: Die Grafik zeigt Immigrantinnen und Immigranten im Alter von 25 bis 55 Jahren, die sich während mindestens fünf Jahren ununterbrochen in der Schweiz aufhalten. Die Referenzgruppe sind Schweizerinnen und Schweizer im Alter von 25 bis 55 Jahren. In der Regressionsanalyse wurde auch für Unterschiede in Alter, Bildung und Wohnregion kontrolliert.

Quelle: Individuelle Konten der AHV (ZAS) / ZEMIS (SEM) / STATPOP, Strukturerhebung (BFS) / Die Volkswirtschaft

Es stellt sich die Frage, ob die verbleibende Differenz in der Erwerbstätigenquote von Immigranten und Schweizern auf eine höhere Arbeitslosenquote der Immigranten oder auf eine höhere Quote der Nichterwerbspersonen, wie etwa IV-Rentner oder Sozialhilfebezüger, zurückzuführen ist. Es zeigt sich, dass die Immigranten nicht deshalb eine tiefere Erwerbstätigenquote als die Schweizer aufweisen, weil sie dem Arbeitsmarkt eher fernbleiben, sondern weil sie öfter arbeitslos sind. Denn der anfängliche Unterschied in der Nichterwerbsquote verschwindet nach fünf Jahren wieder, während die Arbeitslosenquote zunimmt (siehe Abbildung 3).

Abb. 3: Nichterwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit von Immigranten und Schweizern im Laufe des Aufenthaltes

Anmerkung: Die Grafik zeigt Immigranten im Alter von 25 bis 55 Jahren, die sich während mindestens fünf Jahren ununterbrochen in der Schweiz aufhalten. Die Referenzgruppe sind Schweizer im Alter von 25 bis 55 Jahren. Wir kontrollieren in der Regressionsanalyse auch für Unterschiede in Alter, Bildung und Wohnregion.

Quelle: Individuelle Konten der AHV (ZAS) / ZEMIS (SEM) / STATPOP, Strukturerhebung (BFS) / Die Volkswirtschaft

Anders als bei den Männern ist der Unterschied in der Erwerbstätigenquote bei den Frauen nur zum Teil auf ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko zurückzuführen. Die Hauptursache für den Unterschied besteht in der Erwerbsbeteiligung, die rund 9 Prozentpunkte tiefer liegt als bei Schweizerinnen. Dieser Unterschied muss aber keineswegs negativ interpretiert werden. Denn die tiefere Erwerbsbeteiligung der Immigrantinnen dürfte durch den Familiennachzug getrieben sein. Die traditionelle Rollenteilung, die den Frauen die Kinderbetreuung oder die Hausarbeit zuweist, könnte der Grund sein, dass Immigrantinnen – insbesondere in den ersten Jahren nach der Einwanderung – noch keiner Beschäftigung nachgehen. Für diese Interpretation spricht, dass die Erwerbstätigenquote in den ersten Jahren nach der Immigration stark zunimmt.

Insgesamt gelingt die Integration von Immigrantinnen und Immigranten in den Schweizer Arbeitsmarkt relativ gut. Männer, die auf dem Arbeitsmarkt Fuss fassen, erzielen mit den Schweizern vergleichbare Einkommen. Die Immigrantinnen verdienen sogar mehr als die Schweizer Vergleichsgruppe, da sie im Durchschnitt höhere Beschäftigungsgrade haben. Allerdings sind unter den Immigrantinnen und Immigranten weniger Personen erwerbstätig als unter den Schweizerinnen und Schweizern. Während dieser Unterschied im Jahr der Einwanderung noch beträchtlich ist, steigt die Erwerbstätigenquote der Immigranten im Laufe des Aufenthaltes stark an – auch dies ein Indiz für erfolgreiche Integration. Der verbleibende Rückstand ist bei den Männern auf ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko zurückzuführen. Bei den Frauen spielt ausserdem mit, dass sie dem Arbeitsmarkt möglicherweise aus familiären Gründen fernbleiben.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich

Professor für Volkswirtschaftslehre, SIAW-HSG, Universität St. Gallen

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich

Administrativdaten als Forschungsgrundlage

Für die vorliegende Studie hat das Bundesamt für Statistik (BFS) in Zusammenarbeit mit der Zentralen Ausgleichsstelle (ZAS) und dem Staatssekretariat für Migration (SEM) eigens einen Datensatz erstellt, der die Vorteile von Umfrage- und Registerdaten kombiniert. Dazu wurden die folgenden Datensätze auf Individualbasis verknüpft:

  • Individuelle Konten der AHV (ZAS), 1981–2015. Diese Daten ermöglichen es, individuelle Arbeitsmarktkarrieren zu konstruieren, die Aufschluss über Beschäftigungssituation und Einkommenshöhe geben.
  • STATPOP (BFS), 2010–2015. Diese auf den Personenregistern von Bund, Kantonen und Gemeinden basierende Datenquelle gibt Aufschluss über Personenmerkmale wie das Alter und den Wohnort.
  • ZEMIS (SEM), 2003–2015. Mit diesem Datensatz können individuelle Migrationsverläufe (Immigration, Emigration, Einbürgerung, Binnenmigration) konstruiert werden.
  • Strukturerhebung (BFS), 2010–2014. Diese Umfragedaten liefern für einen Teil der in den Registern erfassten Personen wertvolle Zusatzinformationen, etwa über Bildung und Arbeitsstunden.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich

Professor für Volkswirtschaftslehre, SIAW-HSG, Universität St. Gallen

Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Zürich