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Die Schweiz in der Krise – der Landesstreik von 1918

Vor genau hundert Jahren standen sich Arbeiterschaft und Bürgertum unversöhnlich gegenüber. Mit einem landesweiten Streik versuchte die sozialistische Arbeiterbewegung, vom Bundesrat soziale und politische Reformen zu erzwingen. Doch der Streik scheiterte und behinderte für längere Zeit den Ausbau des Sozialstaates.

Im November 1918 stehen sich auf dem Zürcher Paradeplatz Armee und Bevölkerung gegenüber. (Bild: Keystone)

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Im November 1918 schlitterte die Schweiz in die grösste Krise seit 1848. Ungelöste soziale und politische Probleme sowie das Kriegsende mit seinen gesamteuropäischen Verwerfungen führten zum Landesstreik, der vor allem in den Deutschschweizer Industrieorten befolgt wurde. Der Streik scheiterte schliesslich an der unnachgiebigen Haltung von Bundesrat und Parlament, welche nicht auf die Forderungen des Streikkomitees eingingen und Truppen gegen die Streikenden aufboten. Der zweitägige Ausstand forderte vier Tote (einen Soldaten, drei Streikende) sowie mehrere Verletzte. Ausser dem 8-Stunden-Tag und vorgezogenen Nationalratswahlen erreichte die Arbeiterschaft wenig; der Streik provozierte im Gegenteil die Bildung des «Bürgerblocks» gegen die «rote Gefahr». Aber durch die machtvolle Demonstration wurde der Weg für die Integration der Arbeiterschaft in den bürgerlichen Staat geebnet.

«Es ist zum Heulen! Niemals ist schmählicher ein Streik zusammengebrochen […] an der feigen, treulosen Haltung der Streikleitung», schimpfte nach Streikabbruch der Sozialdemokrat Ernst Nobs in der Zürcher SP-Tageszeitung «Volksrecht». Damit gab er die Stimmung in der Arbeiterschaft wieder, die im abrupten Ende des Landesstreiks nach nur zwei Tagen «eine Kapitulation und nichts anderes» sah. Während der folgenden fünfzig Jahre erinnerte man sich in der Arbeiterbewegung nicht gerne an den Landesstreik von November 1918. Erst mit dem Wendejahr 1968, vor allem aber mit der Untersuchung des Historikers Willi Gautschi zum Landesstreik fand eine Umdeutung statt. Aus der Sicht des Historikers Adrian Zimmermann wurden die Streikenden nun zu «siegenden Geschlagenen». Und SP-Ständerat Paul Rechsteiner interpretierte den Streik wegen der späteren Umsetzung einiger Forderungen doch noch zu einem Sieg um.

Der Landesstreik – die bis heute grösste Krise des Bundesstaates – hatte verschiedene soziale, aussen- und innenpolitische Gründe. Die Arbeiterschaft war politisch marginalisiert durch die freisinnige Mehrheit, die mithilfe des Majorzwahlsystems und einer ausgeklügelten Wahlkreisgeometrie seit 1848 im Bundesparlament die absolute Mehrheit innehatte. Am 13. Oktober 1918 stimmten aber Volk und Stände im dritten Anlauf der vom Bundesrat verschleppten Proporzinitiative zu. Sozialdemokraten und Katholisch-Konservative hatten die Initiative bereits 1913 eingereicht. Das sichere Ende der freisinnigen Herrschaft weckte grosse Erwartungen.

Die Arbeiterbewegung radikalisiert sich

Während des Ersten Weltkrieges, dessen die Zivilbevölkerung und die Wehrmänner überdrüssig waren, hatten sich die wirtschaftlichen und sozialen Probleme verschärft. 1916 begann sich die Versorgungslage infolge von Missernten und wegen des Wirtschaftskrieges der Entente und der Mittelmächte zu verschlechtern. Die Löhne folgten nicht mehr der Inflation, sodass der Reallohn um 25 Prozent sank. Betroffen waren vor allem die Lohnabhängigen, während die Unternehmer und die Bauern Gewinne einfuhren. Erst 1917 begann der Bund mit der Rationierung von Grundnahrungsmitteln. Zudem belasteten diverse neue Kriegssteuern die Haushaltbudgets. Immer mehr Menschen waren von Sozialhilfe und vergünstigten Lebensmitteln abhängig. Im Krisenjahr 1917 setzte schliesslich eine Streikwelle ein.

Die erstarkende Arbeiterbewegung hatte sich radikalisiert und vertrat nun unter dem Einfluss junger Arbeiterführer – wie etwa des Marxisten Robert Grimm – revolutionäre Ideen. Ab 1915 lehnten diese die Armee als Instrument der «bürgerlichen Klassenherrschaft» ab. Die Russische Revolution von 1917 war auch für manche Schweizer Arbeiter ein leuchtendes Vorbild für eine bessere Zukunft. Doch die aggressive Revolutionsrhetorik und die Furcht vor einem Umsturz verunsicherten die nicht sozialistische Bevölkerung. Man erwartete turbulente Zeiten. So erklärte der Feldprediger bei der Entlassung des Unterwaldner Bataillons aus dem Ablösungsdienst im Tessin am 4. Mai 1918: «Freunde, wir gehen nicht rosigen Zeiten entgegen. Sturmvögel fliegen durch die Luft!»

Als der Bundesrat für alle 14- bis 60-jährigen Männer zur Bekämpfung der Versorgungsengpässe einen obligatorischen Arbeitsdienst einführen wollte, lud Robert Grimm, Nationalrat und Redaktor des SP-Parteiblatts «Berner Tagwacht», Anfang Februar 1918 über den Kopf der zuständigen Führungsorgane hinweg einige handverlesene Partei- und Gewerkschaftsführer zu einer Konferenz nach Olten ein. Dort beschloss man die Bildung des Oltener Aktionskomitees (OAK) unter dem Vorsitz Grimms. Das OAK bezweckte «die Vereinigung der gewerkschaftlichen und politischen Bewegung, die Zusammenfassung des Klassenkampfes unter einer einheitlichen Leitung». Gegen das putschartige Vorgehen von Grimm und seinen Genossen wehrten sich die Exponenten der Sozialdemokratischen Partei, die dem OAK Kompetenzüberschreitung vorwarfen und Grimm einen Diktator nannten. Nach einem personellen Umbau des OAK akzeptierten schliesslich die SP und die Gewerkschaften das OAK als «zentrale Aktionsleitung». Grimm legte bereits im Februar 1918 einen Plan mit Kampfmassnahmen in vier Stufen vor: allgemeine Agitation in Volksversammlungen, Demonstrationsversammlungen, befristeter allgemeiner Streik und schliesslich unbefristeter Generalstreik, der zum offenen Bürgerkrieg und zum Sturz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung führen sollte. Der letzte Punkt stiess jedoch intern auf Widerstand und wurde gestrichen.

Die Angst geht um im Bürgertum

Im Herbst 1918 überschlugen sich mit dem Kriegsende und dem Ausbruch von Revolutionen in Deutschland und Österreich die Ereignisse. In der Schweiz wuchs die Furcht vor einem Umsturz, so etwa, als die SP im Hinblick auf den ersten Jahrestag der Russischen Revolution sich zur Proklamation hinreissen liess: «Schon rötet die nahende Revolution den Himmel über Zentraleuropa.» Im Streik des Zürcher Bankpersonals vom 30. September und 1. Oktober, der von der Arbeiterunion mit einem lokalen Generalstreik unterstützt wurde, sah das Bürgertum bereits eine Hauptprobe für die bevorstehende Revolution. Misstrauen weckte auch die Sowjetmission in Bern, die man der bolschewistischen Agitation verdächtigte und der später vorgeworfen wurde, sie habe den Landesstreik mitorganisiert. Dafür fehlen aber die Beweise, auch wenn sich Missionschef Jean Berzine nach der Ausweisung seiner «revolutionären Propaganda» rühmte.

Anfang Oktober 1918 bat der Zürcher Regierungsrat den Bundesrat um Truppenhilfe, da er einen Aufstand befürchtete. Auf Antrag der Armeeführung beschloss der Bundesrat am 5. November, zwei Kavalleriebrigaden und zwei Infanterieregimenter für den Ordnungsdienst in Zürich aufzubieten und die sowjetische Mission des Landes zu verweisen. Der Bundesrat befürchtete bei revolutionären Unruhen eine Intervention der siegreichen Ententemächte, nachdem der französische Botschafter und der italienische Aussenminister entsprechende Andeutungen gemacht hatten.

Als Antwort auf das Truppenaufgebot rief das OAK am Samstag, dem 9. November, einen Proteststreik in 19 Städten aus. Der Proteststreik lief geordnet ab, wurde aber nicht überall befolgt. In Zürich beschloss die radikalisierte Arbeiterunion ohne Rücksprache mit dem OAK, den Proteststreik unbefristet fortzuführen und die vom Regierungsrat verbotene Kundgebung am 10. November auf dem Fraumünsterplatz abzuhalten. Die Demonstration verlief blutig: Ein Luzerner Soldat wurde mit einem Schuss aus einem Revolver getötet, worauf die für den Ordnungsdienst nicht ausgebildete Truppe das Feuer über die Köpfe der rund 7000 Protestierenden eröffnete und einige Personen durch Querschläger verletzte. Das OAK versuchte erfolglos, die Zürcher zum Abbruch des wilden Streiks zu bewegen. Da nun die Gefahr bestand, dass es die Kontrolle über die Streikbewegung verlor, beschloss es – «gleichsam aus der Pistole geschossen» (Grimm) –, den Generalstreik auszurufen. Der Streikbeschluss wurde aber nicht von allen Gewerkschaften unterstützt. So protestierten beispielsweise die Eisenbahner «gegen den vom Oltener Aktionskomitee mutwillig vom Zaune gerissenen Generalstreik».

Das Oltener Komitee erhob neun Forderungen (siehe Kasten) sowie als zehnte Forderung, ausserhalb des 9-Punkte-Katalogs, die «ungesäumte Umbildung der bestehenden Landesregierung unter Anpassung an den vorhandenen Volkswillen». Nur drei Forderungen waren sozialpolitischer Art: die 48-Stunden-Woche, die Sicherung der Lebensmittelversorgung sowie die Alters- und Invalidenversicherung. Bei den anderen handelte es sich um politische Forderungen. Die sofortige Umsetzung der meisten Forderungen wäre nur ausserhalb der geltenden Verfassungsordnung zu erreichen gewesen.

Der Landesstreik scheitert

Der Streik begann am Dienstag, 12. November, um Mitternacht. Er wurde, wie schon der Proteststreik, vor allem in den Deutschschweizer Städten befolgt und weniger in den ländlichen Gegenden und in der französischen und der italienischen Schweiz, wo man den Streik als Deutschschweizer Angelegenheit sah. Nach Angaben der Gewerkschaften sollen 250’000 Arbeiter gestreikt haben, was angesichts eines Bestandes von 220’000 Mitgliedern und der lauen Streikbereitschaft in einigen Landesteilen wohl etwas hoch gegriffen war. Zudem lehnten nicht sozialistische Gewerkschaften, wie der Christlich-nationale Gewerkschaftsbund, den Streik ab. Der Bundesrat antwortete auf den Landesstreik mit weiteren Truppenaufgeboten. Und mehrere Kantonsregierungen boten zusätzlich kantonale Landsturmeinheiten auf.

In der Sondersitzung der Bundesversammlung verurteilte der freisinnige Bundespräsident Felix Calonder den Landesstreik und prangerte die «skrupellosen Hetzer» und «die Vertreter des bolschewistischen Terrors» an. Gleichzeitig zeigte er aber auch Verständnis für mehrere Forderungen. In einer brillanten Rede legte Streikführer Grimm den Standpunkt der Streikenden dar. Er deutete – ganz Marxist – den Landesstreik als Klassenkampf, um seinen begriffsstutzigen bürgerlichen Ratskollegen zu erklären, dass sie «einer absterbenden, untergehenden Klasse» angehörten, und um zu behaupten, die Forderungen des OAK seien diejenigen «weitester Volkskreise». Trotzig rief er in den Saal: «Jawohl, wir Sozialdemokraten sind Revolutionäre.»

Der Auftritt Grimms löste Empörung aus. Der Bundesrat antwortete mit einem Ultimatum an das OAK, den Landesstreik sofort abzubrechen. Das OAK war in der Frage des Streikabbruchs gespalten. Die Meldungen von der Streikfront waren schlecht: Die Truppen gehorchten wider Erwarten ihren Vorgesetzten und verhielten sich gegenüber den Streikenden feindselig. Zudem begann die Streikbewegung zu bröckeln. Das OAK beschloss gegen den in die Minderheit versetzten Grimm, den Streik abzubrechen.

Dem abrupten Streikende folgte der Katzenjammer, wie ihn der Zürcher Nationalrat und SP-Pionier Hermann Greulich schon im März 1918 für den Fall eines gescheiterten Generalstreiks vorausgesagt hatte. In Grenchen kam es nach Streikabbruch zu einem blutigen Zwischenfall, als Demonstranten Eisenbahnschienen blockierten und die anrückenden Waadtländer Soldaten verhöhnten: Diese verloren die Nerven und eröffneten das Feuer, wobei drei Streikende getötet und mehrere verletzt wurden.

Die Forderungen mussten warten

Die unmittelbaren Folgen des Landesstreiks waren für die Arbeiterschaft negativ. Der Landesstreik führte zur Bildung des «Bürgerblocks» und von Bürgerwehren gegen die «rote Gefahr». Die innenpolitische Stimmung blieb für Jahre vergiftet. Von den Forderungen des OAK wurde fast keine erfüllt. Dennoch wurden die ersten Proporzwahlen um ein Jahr vorgezogen und bescherten 1919, wie erwartet, sowohl der SP als auch der neu gegründeten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) massive Sitzgewinne. Die Freisinnigen erlitten riesige Sitzverluste. Die Einführung des 8-Stunden-Tages 1919/20 war hingegen eher der internationalen Entwicklung geschuldet, da gleichzeitig auch die Nachbarländer diese einführten. Die AHV wurde zwar 1925 in einer Volksabstimmung in die Bundesverfassung aufgenommen, aber erst 1947 im Geiste der im Zweiten Weltkrieg entstandenen nationalen Solidargemeinschaft eingeführt. Das Frauenstimm- und -wahlrecht wurde sogar erst 1971 nach dem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel der Sechzigerjahre realisiert.

Die Arbeiterschaft hatte aber 1918 eindrücklich ihre Stärke demonstriert – mit ihr war in Zukunft zu rechnen. Tatsächlich wurde sie im Anschluss an den Landesstreik von Arbeitgebern und Behörden vermehrt in die Entscheidungsprozesse einbezogen, womit ihre Integration in den «bürgerlichen» Staat eingeleitet wurde. Diese Integration mündete 1937 ins Friedensabkommen der Sozialpartner und führte 1944 mit Ernst Nobs zur Wahl des ersten SP-Bundesrates.

Historiker und ehemaliger Chefredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS), Rüfenacht

Die Forderungen des Streikkomitees

  1. Sofortige Neuwahl des Nationalrats gemäss dem am 13. Oktober 1918 von Volk und Ständen beschlossenen Proporzwahlrecht
  2. Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts
  3. Einführung einer allgemeinen Arbeitspflicht
  4. Einführung des 8-Stunden-Tags bzw. der 48-Stunden-Woche
  5. Umbau der Armee zu einem Volksheer
  6. Sicherung der Lebensmittelversorgung
  7. Einführung einer Alters- und Invalidenversicherung
  8. Einführung eines staatlichen Aussenhandelsmonopols
  9. Tilgung der Staatsschulden durch die Besitzenden

Ausserhalb des Katalogs: Neuwahl des Bundesrates

Historiker und ehemaliger Chefredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS), Rüfenacht