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Den Klima-Stresstest bestehen

Die Finanzbranche muss ihre Portfolios rasch nachhaltiger gestalten, um keine unnötigen Risiken einzugehen. Die Uhr tickt.

Geldanlagen in fossile Brennstoffe können rasch an Wert verlieren. Braunkohletagebau Garzweiler in Deutschland. (Bild: Keystone)

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Nachhaltige Finanzprodukte spielen eine Schlüsselrolle bei den UNO-Klimazielen. Bedingt durch eine veränderte Risikoeinschätzung der Finanzinstitute und Änderungen bei der Regulierung, hat Sustainable Finance in der Finanzbranche an Bedeutung gewonnen.  Dennoch besteht weiterhin eine enorme Kluft zwischen Nachhaltigkeit und Finanzkapital. Während ein frühzeitiger Übergang zu einer CO2-armen Volkswirtschaft eine Chance für umweltfreundliches Wachstum sein kann, ist eine späte und plötzliche Umsetzung der betreffenden Massnahmen mit erheblichen Risiken verbunden. Verschiedene Arbeiten der Universität Zürich befassen sich mit der Frage, wie bekannte Kennzahlen für Finanzrisiken mit den Risiken von klimapolitischen Massnahmen erweitert werden können.

Der neue Trend in der Finanzbranche heisst Sustainable Finance. Damit sind Finanzprodukte und Anlagestrategien gemeint, die darauf abzielen, die Portfolios der Anleger auf Nachhaltigkeitskriterien wie die UNO-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) und die Ziele des Pariser Klimaabkommens auszurichten. Im letzten Jahr hat das Financial Stability Board der G-20-Staaten Richtlinien für Finanzinstitute herausgegeben, welche sich in erster Linie auf die freiwillige Offenlegung klimabezogener Informationen beziehen.[1] Die EU wiederum arbeitet an einem Aktionsplan, mit dem 2019 eine Taxonomie nachhaltiger Vermögenswerte und Kriterien für ökologische Anleihen vorgelegt werden sollen.[2]

Auch in der Schweiz gewinnt Sustainable Finance zusehends an Fahrt. Im Jahr 2016 stieg der Marktanteil der als nachhaltig bezeichneten Anlagefonds um rund 60 Prozent auf 7 Prozent des gesamten Fondsmarkts.[3] Dieser Trend dürfte sich fortsetzen und sich auf alle Arten von Finanzinstituten ausweitet. Beispielsweise hat der Rückversicherer Swiss Re kürzlich bekannt gegeben, er habe rund 70 Prozent seines Investitionsportfolios – etwa 155 Milliarden Dollar – in nachhaltige Fonds umgeschichtet.[4] Und ein grosser Teil der Schweizer Pensionskassen und Versicherungen liess die Aktienportfolios auf ihre Kompatibilität mit dem 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens testen, als das Bundesamt für Umwelt (Bafu) und das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) freiwillige «Klimaverträglichkeitstests» anboten.[5] Nicht zuletzt findet Sustainable Finance auch in den Medien Beachtung und wird regelmässig am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos erörtert.

Trotz dieser Anstrengungen wird nach wie vor der grösste Teil des privaten und öffentlichen Finanzkapitals in wirtschaftliche Aktivitäten investiert, die nicht auf die UNO-Ziele ausgerichtet sind oder sogar im Widerspruch dazu stehen. Die meisten Privatanleger, Finanzinstitute und Regierungen tragen den Nachhaltigkeitskriterien bei ihren Investitionen und bei der Verwaltung ihrer Portfolios nicht ausreichend Rechnung. Diesem grundlegenden Problem schenkt die Forschungsgemeinschaft derzeit zu wenig Beachtung.

Sozioökonomische Risiken

Obwohl sich mittlerweile viele Regierungen und Wirtschaftsakteure für den Klimaschutz engagieren, genügen die derzeitigen Anstrengungen gemäss den Prognosen der Klimaforschung nicht, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen.[6] Der damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels und die Zunahme extremer Wetterereignisse wie Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen haben sozioökonomische Folgen. Dazu gehören die Umsiedlung von Millionen von Menschen, die derzeit – auch in Industrieländern – in besonders exponierten Regionen leben, sowie der Wertverlust von Immobilien, der Verlust von Ackerland, Hungersnöte und soziale Unruhen.

Die Wirtschaftskreisläufe sind nach wie vor zu wenig ressourcenschonend. Weltweit werden schätzungsweise nur 6 Prozent der Materialien für Verbrauchsgüter, Gebäude usw. wiederverwertet. Damit überschreiten wir gegenwärtig die Belastungsgrenzen der Erde, wodurch sich die Funktionsweise des Planeten verändert.[7]

Nebst sozioökonomischen Risiken birgt der Klimawandel auch physische Risiken. Aus Sicht der Finanzindustrie sind Schäden an Sachwerten, Naturkapital und Menschenleben als Folge klimabedingter Wetterereignisse relevant. In Kontinentaleuropa wird sich die Risikozunahme schätzungsweise in 15 Jahren bemerkbar machen. Beispielsweise dürfte Südeuropa – die westlichen Balkanstaaten, mittel- und osteuropäische Länder, Italien, Spanien und Griechenland – von häufigeren und extremeren Wetterereignissen (Überschwemmungen und Dürren) betroffen sein. Dies hat Produktions- und Produktivitätseinbussen zur Folge, und die Kosten für den Wiederaufbau könnten die Staatsverschuldung verstärken – was möglicherweise die Nachhaltigkeit der Staatsverschuldung und die Kreditwürdigkeit beeinträchtigt. Die Auswirkungen sind umso grösser, wenn die Infrastruktur eines Landes nicht darauf ausgelegt ist. Anpassungen der Infrastruktur an den Klimawandel wirken hingegen risikomindernd.

Für die Finanzinstitute entstehen im Zusammenhang mit dem Klimawandel sogenannte Transitionsrisiken, da sich das Verhalten der Marktteilnehmer aufgrund von veränderten klimapolitischen Vorzeichen ändert. Beispielsweise können Erwartungen bezüglich der Auswirkungen von klimapolitischen Massnahmen (z. B. eine CO2-Steuer oder die Überarbeitung des Emissionshandelssystems in Europa) zu plötzlichen Wertanpassungen von Vermögenswerten und Preisanpassungen führen. Der Wert von mit fossilen Brennstoffen verbundenen Vermögenswerten dürfte in der Folge sinken. Indirekt beeinflussen solche «stranded assets» auch den Wert von Vermögenswerten in anderen Sektoren. Diese Auswirkungen fallen allerdings positiv oder negativ aus – je nachdem, ob die Unternehmen in der Lage sind, auf alternative Energiequellen umzustellen.

Kennzahlen ausbauen

Damit die Kluft zwischen klimapolitischen Zielen und dem tatsächlichen Investitionsverhalten überwunden werden kann, müssen die standardmässigen Finanzkennzahlen ausgebaut werden. Diese sollten auch Risikoquellen wie beispielsweise Klimarisiken umfassen, die derzeit nicht erfasst sind. Zudem müssen Wirkungskennzahlen eingeführt werden, die über das standardmässige Risiko-Ertrags-Verhältnis hinausgehen. Dadurch kann der Beitrag von Portfolios an Nachhaltigkeits- und Stabilitätsziele bewertet werden. Diese erweiterten Risiko- und Wirkungskennzahlen sollten dabei die Vernetzung in der heutigen Geschäftswelt abbilden. Dazu sind Netzwerkmodelle, die auf Investitions- und Versorgungsketten beruhen, geeignet.

In einer Studie aus dem Jahr 2017 haben wir aufgezeigt, wie Transitionsrisiken im Zusammenhang mit klimapolitischen Massnahmen bei der Berechnung von Kennzahlen für Finanzrisiken, wie beispielsweise Value at Risk, für einzelne Portfolios berücksichtigt werden können.[8] In unsere Kennzahlen fliessen Prognosen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels und von klimapolitischen Massnahmen auf die verschiedenen Bereiche des Energiesektors ein, wobei diese Prognosen aus einem Pool von etablierten integrierten Bewertungsmodellen stammen.[9] Indem die Kennzahlen den Investoren bekannt sind und für die Kapitalanforderungen relevant sind, beeinflussen sie den Entscheidungsprozess und stellen einen wichtigen Schritt dar, um Investitionen zu nachhaltig ausgerichteten Finanzierungen zu verlagern.

Tempo ist entscheidend

Wie anfällig sind Finanzinstitute für Klimarisiken? Und: Ist womöglich die Stabilität des Finanzsystems gefährdet? Die Antwort lautet: Werden Klimaschutzmassnahmen rechtzeitig und vorhersehbar umgesetzt, haben sie nicht zwangsläufig Verluste für die Finanzinstitute und systemische Risiken für das Finanzsystem zur Folge. Im Gegenteil: Klimapolitische Massnahmen können ein umweltfreundliches Wachstum bewirken, das zu einem höheren BIP und gleichzeitig zu einem kleineren ökologischen Fussabdruck führt. Werden die Klimaschutzmassnahmen hingegen verspätet oder uneinheitlich umgesetzt, kann dies eine Fehlbewertung des Risikos für wesentliche Anteile der Vermögenswerte institutioneller Anleger nach sich ziehen.[10]

In der erwähnten Studie haben wir systematisch analysiert, wie stark die Finanzinvestoren gegenüber klimapolitisch relevanten Sektoren (fossile Brennstoffe, Versorgungsunternehmen, Verkehr, energieintensive Bereiche, Wohnungsbau) exponiert sind. Während die Beteiligungsportfolios gegenüber den fossilen Energieträgern nur begrenzt exponiert sind (die Exposition liegt in einer Bandbreite von 4 Prozent für Einzelpersonen bis 13 Prozent für Gemeinwesen), ist die Exposition gegenüber der Kombination der relevanten Sektoren relativ gross (sie reicht von 45 Prozent für Versicherungen und Pensionskassen bis 48 Prozent für Gemeinwesen). Diese insgesamt relativ grosse Exposition hängt hauptsächlich mit dem energieintensiven Sektor zusammen.

Was bedeutet dies für die Banken? Die Studie zeigt, dass Banken von Klimaschutzmassnahmen, die den Wert von mit fossilen Energieträgern verbundenen Vermögenswerten beeinträchtigen, voraussichtlich nicht betroffen sind. Denn sie halten nur geringe direkte Positionen an diesen Vermögenswerten. Von grösserer Bedeutung für Banken dürften hingegen die Massnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz sein, die sich auf den Wert von Immobilien und damit auf den Wert von Krediten an private Haushalte auswirken könnten – hier sind die Banken in der Realwirtschaft stark exponiert. Eine Diversifikationsstrategie in Richtung Kredite für energieeffiziente Immobilien könnte dabei zu einem positiven Nettoergebnis führen. Schliesslich sollten sich Banken auch mit der Exposition innerhalb der Finanzbranche befassen (ihre grösste Exposition überhaupt), die negative Schocks verstärken kann.

Stärker betroffen von den direkten Verlusten aus dem fossilen Sektor sind die Pensionskassen. Die Gründe sind ihr indirektes Engagement in den Aktienmärkten über Investitionsfonds und ihr direktes Engagement in Staatsanleihen (Staaten halten in der Regel bedeutende Beteiligungen an inländischen fossilen Sektoren). In geringerem Ausmass gilt dies auch für Anlagefonds. Eine Diversifikationsstrategie in Richtung Green Finance könnte Verluste aus dem Bereich der fossilen Energieträger mehr als ausgleichen. Dabei ist zu beachten, dass der wirtschaftliche Wert bestehender Kraftwerke für fossile Brennstoffe innerhalb eines Jahrzehnts beträchtlich abnehmen würde. Wenn also alternde Energieerzeugungsanlagen durch Kraftwerke für erneuerbare Energien ersetzt werden, könnte der Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft zu einem Vorteil oder zumindest zu keinen Kosten für institutionelle Anleger mit einem Engagement im Energieversorgungssektor führen.

Da die Auswirkungen von Klimaschutzmassnahmen je nach Branche unterschiedlich sind und von der jeweiligen Anpassungsfähigkeit abhängen, könnten Finanzinstitute negative Schocks ausgleichen, indem sie ihr Portfolio in Richtung CO2-arme Aktivitäten diversifizieren. Dies würde zu Gewinnern und Verlierern führen, sowohl bei den Wirtschaftsakteuren als auch bei den Finanzinvestoren.

Instrument für Investoren

In weiterführenden Arbeiten versuchen wir, den Anwendungsbereich der Methodik zu erweitern. Konkret wollen wir die mit dem Klimawandel verbundenen Transitionsrisiken in die Bewertung von Finanzinstrumenten wie Krediten, Unternehmensanleihen und Staatsanleihen einbeziehen.[11] Damit erhalten Behörden und Investoren dereinst ein Werkzeug, mit welchem sie die finanzielle Performance von Finanzanlagen (z. B. risikoadjustierte Renditen) in Bezug auf die künftigen Risiken überwachen können, die aus klimapolitischen Szenarien resultieren. Ebenfalls bauen wir die zukunftsorientierten Bewertungsmodelle aus, indem wir beispielsweise endogene technische Veränderungen berücksichtigen.

Unsere Forschung trägt damit dazu bei, bestehende Hindernisse innerhalb der Arbeitsabläufe von Finanzinstituten zu überwinden, die bislang eine breitere Anwendung der Bewertung von Klimarisiken verhindern. Gefordert sind letztlich die Banken: Sie müssen die Daten zu einzelnen Geschäften und Krediten, die von den Kreditsachbearbeitern gesammelt und verwaltet werden, mit den relevanten Kennzahlen des Gesamtportfolios in Einklang bringen.

  1. TCFD (2017). []
  2. Europäische Kommission: Nachhaltige Finanzierung[]
  3. Swiss Sustainable Finance (2017). []
  4. Swiss Re (2018). []
  5. Bafu: Klima und Finanzmarkt[]
  6. Raftery et al (2017). []
  7. Steffen, W. et al. (2015). []
  8. Battiston et al. (2017). []
  9. Kriegler et al. (2013). []
  10. Vgl. Battiston et al. (2017). []
  11. Battiston et al. (2018) und Monasterolo et al. (2018). []

Professor für Banking, Universität Zürich

Literatur

Professor für Banking, Universität Zürich