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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Öffnung des Strommarktes»

Braucht es einen offenen Strommarkt?

Zuweilen entsteht der Eindruck, die Liberalisierung des Strommarktes sei die alles entscheidende Frage. Dabei geht vergessen, dass die Strombranche unabhängig davon vor einem technologischen Umbruch steht.

Die EU findet klare Worte: kein Stromabkommen ohne vollständige Marktöffnung. Ob und allenfalls wann dieses Abkommen kommt, steht allerdings in den Sternen. Eine mögliche Liberalisierung in der Schweiz nur davon abhängig zu machen, greift also zu kurz. Von den einen wird sie herbeigesehnt, von den andern verteufelt. Fakt ist: Die Totalliberalisierung wurde bereits 2009 vom Bundesrat proklamiert, aber bis heute nur stückweise vollzogen und bleibt damit eine halbe Sache. Nun soll im Rahmen der Revision des Stromversorgungsgesetzes entschieden werden, ob halb für die Schweiz das Richtige ist oder ob aus halb doch ganz werden soll.

Betrachtet man die Realität in den umliegenden Ländern, stellt man fest: Trotz freien Märkten wurden überall Stütz- und Lenkungsmechanismen eingeführt – auch in Deutschland. Der «Energy only»-Markt scheint zwar oberflächlich betrachtet in der EU zu funktionieren, schafft aber auch dort keine Preissignale und damit auch keine Investitionsanreize.

Was heisst das für die Schweiz? Eine Marktöffnung darf nicht reiner Selbstzweck sein. Wesentlich ist, dass eine Grundlage definiert wird, die Investitionsanreize schafft, und man die Marktöffnung in diesem Rahmen diskutiert. Es braucht funktionierende Preissignale, wozu auch die Bepreisung von Versorgungssicherheit gehören könnte – der Kunde könnte dann wählen, wie viel ihm eine lückenlose Versorgung wert ist.

Dass er kein Recht hat, zu wählen, ist dem Konsumenten grundsätzlich schwer erklärbar. Würde ich mir vorschreiben lassen, nur noch Erdbeer- oder Himbeerjoghurt bei dem oder jenem Detailhändler einzukaufen? Das eben entdeckte Ananas-Pfefferminz-Joghurt aus der neuen Molkerei könnte ich gleich wieder von der Einkaufsliste streichen. Staatliche Vorgaben, wo man seine Grundnahrungsmittel einzukaufen hat, wären undenkbar. Ist das beim Strom anders? Ein offener Markt fördert Innovation. Er fördert die Anstrengungen, für den Konsumenten die beste Adresse zu sein und zu bleiben.

Zukunft ist digital und dezentral

Innovation wird in der Branche zukünftig gefragt sein wie noch nie. Die Energiewelt von morgen ist dezentraler und digitaler. Technologische Entwicklung und Digitalisierung werden uns fordern. Sie finden statt – mit oder ohne uns –, und sie werden Wege finden, den nur teilliberalisierten Markt zu umgehen und auszuhöhlen. Themen wie Eigenverbrauch, Cybersecurity oder Blockchain werden den noch nicht liberalisierten Teil des Marktes bröckeln lassen und umgehen seine Mechanismen schon heute wirksam. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Anbieters wird sich darin zeigen, wie er mit diesen Herausforderungen umgeht.

In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob eine vollständige Marktöffnung wirklich die grosse Herausforderung und damit die entscheidende Frage ist. Oder ob sie letztlich eine Folge von viel grösseren Veränderungen ist, die so oder so auf uns zukommen. Veränderungen, die andere Fähigkeiten und Anstrengungen brauchen werden und auf die wir Antworten finden müssen, ob es uns gefällt oder nicht.

Fürsprecher, Direktor Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), Aarau

Fürsprecher, Direktor Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), Aarau