Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Öffnung des Strommarktes»

Strommarktöffnung setzt positive Impulse

Ein liberalisierter Markt erhöht die Effizienz bei der Stromproduktion. Das wirkt sich langfristig positiv auf das Bruttoinlandprodukt der Schweiz aus. Kurzfristig kann es allerdings zu Preisschwankungen kommen.

Strom aus Schweizer Windkraft? Mit der Marktöffnung steigt die Produkteauswahl für die Konsumenten. Mont Soleil im Berner Jura. (Bild: Keystone)

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Die vollständige Öffnung des Strommarktes ist Teil des Massnahmenpakets zur Revision des Stromversorgungsgesetzes. Neu sollen auch kleine Gewerbekunden freien Marktzugang – und damit gleich lange Spiesse gegenüber ihren ausländischen oder grossen inländischen Mitkonkurrenten – erhalten. Kurzfristig ist unklar, ob die Endkundenpreise sinken oder steigen. In der längeren Frist erhalten die Kraftwerksbetreiber stärkere Anreize für Effizienzsteigerungen, was den technologischen Fortschritt im Stromsystem vorantreibt. Dies kann sich zum Beispiel in bedarfsgerechteren Preis- und Beschaffungsmodellen zeigen. Langfristig profitieren sowohl die Gesamtwirtschaft als auch die Umwelt.

Der Schweizer Strommarkt ist seit 2009 teilliberalisiert: Grosskunden mit einem Jahresverbrauch ab 100’000 Kilowattstunden können ihren Stromlieferanten selber wählen. Der Bundesrat will den Markt nun auch für kleinere Betriebe und Haushalte öffnen – gleichzeitig soll die gegenwärtige Preisregulierung aufgehoben werden, die den Stromanbietern kostendeckende Grundversorgungstarife zusichert. Im Oktober hat er eine entsprechende Gesetzesrevision in die Vernehmlassung gegeben.[1]

Ein Kleinbetrieb mit einem Jahresverbrauch von 30’000 Kilowattstunden bezahlt nächstes Jahr im schweizweiten Durchschnitt 18.6 Rappen pro Kilowattstunde (siehe Abbildung 1). Im Preis sind auch Netzgebühren und Abgaben enthalten, die rund zwei Drittel der Kosten ausmachen. Auf die Stromkosten entfällt mit 6.7 Rappen rund ein Drittel des Gesamttarifs – schweizweit geben die gebundenen Endkunden dafür rund 2 Milliarden Franken aus.

Abb. 1: Grundversorgungstarif für Kleinbetriebe pro Kilowattstunde

Anmerkung: Dargestellt sind die drei Preiskomponenten des Grundversorgungstarifes eines Kleinbetriebes mit einem jährlichen Stromverbrauch von 30’000 Kilowattstunden für das Jahr 2019.

Quelle: Elcom (2018b) / Die Volkswirtschaft

Steigende Nachfrage nach Marktprodukten

Seit der Umsetzung der Teilmarktöffnung veröffentlicht die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) jährlich Indikatoren zur Wechselbereitschaft der freien Grossverbraucher. Dabei zeigt sich: Viele Grosskunden präferieren nach wie vor ihren ursprünglichen Lieferanten, entscheiden sich aber für ein Marktprodukt. Während in den Anfangsjahren vor allem preissensitive Grossverbraucher vom Markteintritt Gebrauch machten, sind es danach zusehends auch Unternehmen, bei denen Strom ein weniger bedeutender Produktionsfaktor darstellt.[2]

Wie haben sich die durchschnittlichen Grundversorgungstarife für einen Kleinbetrieb im Vergleich zu den Preisen der freien Stromkunden entwickelt? Da keine Daten für die freien Endkundenpreise verfügbar sind, haben wir diese anhand eines Modells geschätzt, das sich auf die Grosshandelspreise der Strombörsen stützt. Über die gesamte Teilmarktöffnung betrachtet, befanden sich die Grundversorgungstarife mehrheitlich über dem Marktpreis, den ein typischer Kleinbetrieb im freien Markt hätte bezahlen müssen (siehe Abbildung 2). Phasenweise betrug die Differenz mehr als 2 Rappen pro Kilowattstunde. Dies kann ein Wettbewerbsnachteil gegenüber den grossen Mitkonkurrenten darstellen, von welchen mittlerweile 67 Prozent ihren Strombedarf auf dem freien Markt beschaffen.

Abb. 2: Grundversorgungstarif und Marktpreis für einen Kleinbetrieb

Anmerkung: Im Beispiel wird von einem Kleinbetrieb mit einem jährlichen Stromverbrauch von 30’000 Kilowattstunden ausgegangen. Der Marktpreis wurde anhand eines Modells berechnet, welches sich auf die Grosshandelspreise der Strombörsen Epex Spot und EXX stützt. Für den Marktplatz Schweiz wurde das Grundlastprofil «Base» zuzüglich einer in Europa marktüblichen Vertriebsmarge von 1.215 Cents pro Kilowattstunde (konstanter Eurokurs von 1.20 Franken) verwendet.

Quelle: Eigene Berechnung in Anlehnung an Elcom (2018b), Epex Spot, EEX und Acer / Die Volkswirtschaft

In der jüngeren Vergangenheit sind die Marktpreise deutlicher angestiegen als die Grundversorgungstarife. Wird sich dieser Trend auch für die Lieferperiode 2019 fortsetzen, dann liegt der Marktpreis voraussichtlich rund 2 Rappen pro Kilowattstunde über dem Grundversorgungstarif eines Kleingewerbekunden. Die Börsenpreise für Stromlieferungen im 2020 und 2021 zeigen jedoch wieder nach unten.

Wirtschaft profitiert

Wie wirkt sich eine vollständige Marktöffnung aus? Für die Kunden werden die Preise volatiler, und es wird schwierig, sie auf längere Zeit vorherzusagen. Dadurch ist derzeit kaum abschätzbar, ob die Endkundenpreise zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Marktöffnung – zum Beispiel 2023 –  kurzfristig eher steigen oder sinken werden.

Im Falle eines Preisanstiegs entstehen den Haushalten und dem Kleingewerbe höhere Kosten. Da die kurzfristige Preiselastizität der Nachfrage gering ist, werden diese Kunden ihren Strombedarf nicht wesentlich einschränken. Angebotsseitig steigert ein Preisanstieg den Gewinn bei Kraftwerken, die bislang für die Grundversorgung produzierten.

Demgegenüber käme ein Preisrückgang insbesondere den neu marktberechtigten Stromkunden – den Haushalten und dem Kleingewerbe – zugute. Auch effiziente Kraftwerke, deren Produktionskosten unter dem Marktpreis liegen, profitieren, indem sie einen höheren Gewinn erzielen können. Derzeit dürfen diese nämlich lediglich die tatsächlich anfallenden Kosten verrechnen. Ineffizienten Kraftwerken drohen hingegen finanzielle Verluste. Als Alpenland besitzt die Schweiz grundsätzlich einen komparativen Kostenvorteil bei der Wasserkraft. Die gewichteten durchschnittlichen Kosten aller Wasserkraftwerke betragen 5.6 Rappen pro Kilowattstunde.[3] Zum Vergleich: Der Marktpreis für das Kleingewerbe beträgt im kommenden Jahr schätzungsweise 9.1 Rappen pro Kilowattstunde (siehe Abbildung 2).

Unabhängig von der Preissituation setzt eine Marktöffnung bei allen Stromanbietern einen Anreiz zur Effizienzsteigerung. Insbesondere könnten die Stromanbieter bei positiven Skalenerträgen vermehrt Synergien in der Zusammenarbeit suchen. Die Ausweitung der Marktöffnung auf sämtliche Stromkunden beflügelt zudem die Nachfrage nach bedarfsgerechten Preis- und Beschaffungsmodellen. Das beschleunigt den technischen Fortschritt und führt zu mehr Innovationen im Stromsystem, was sich längerfristig positiv auf die Endkundenpreise auswirkt. Die kleinen Gewerbekunden erhalten damit gleich lange Spiesse wie ihre grossen Mitkonkurrenten.

Die Effizienzsteigerung der Strombranche erhöht damit die Leistungsfähigkeit der Gesamtwirtschaft – unabhängig davon, ob die Endkundenpreise mit der Marktöffnung fallen oder steigen. Eine vom Bundesamt für Energie (BFE) in Auftrag gegebene Studie hat gezeigt, dass das BIP je nach Szenario zwischen 0,05 Prozent und 0,22 Prozent steigt.[4]

Kunden haben die Wahl

Parallel zum eigentlichen Stromhandel existiert ein grenzüberschreitender Markt für Herkunftsnachweise. Indem der Kunde weiss, ob es sich beispielsweise um Kohle-, Atom-, Solarstrom oder Wasserkraft handelt, wird die ökologische Qualität des an sich homogenen Guts Strom differenzierbar. Entsprechend bieten viele Stromanbieter Produkte mit unterschiedlichen Umweltstandards an, die auch gebundenen Kunden eine gewisse Wahlfreiheit ermöglichen. Die Preisunterschiede zwischen dem günstigsten und einem höherwertigen Stromprodukt mit mehr erneuerbaren Energien betragen bei vielen Stromanbietern weniger als 1 Rappen pro Kilowattstunde.[5]

Mit der Marktöffnung erhalten die Kunden Zugang zu einem breiteren Produktsortiment. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass sich die Präferenzen der Haushalte mit der Marktöffnung stark ändern und diese in grossen Mengen auf Stromprodukte mit geringerem ökologischem Mehrwert wechseln. Gleiches gilt für das Kleingewerbe. Diejenigen, die sich einen wirtschaftlichen Vorteil bei der Vermarktung ihrer Produkte und Dienstleistungen versprechen, werden weiterhin bereit sein, diesen Aufpreis zu bezahlen.

Da die Marktöffnung neu flächendeckend Anreize schafft, den Strombedarf stärker an den Preissignalen auszurichten, wird die Nachfrage insgesamt elastischer und kann einen stärkeren Beitrag zur Stabilität des Stromnetzes leisten. Dadurch werden weniger Kraftwerke zum Netzausgleich benötigt, und Naturlandschaften bleiben erhalten.

Abschliessend lässt sich sagen: Das Potenzial in der Schweiz für einen wettbewerblichen Strommarkt und effizientere Preise ist vorhanden. Indizien hierfür liefern die Erfahrungen bei den Grosskunden, welche ihren Strombedarf zunehmend auf dem freien Markt decken. Auf dem Weg zu einem effizienten Strommarkt gibt es allerdings Hindernisse zu überwinden. So ist das Stromsystem derzeit gekennzeichnet durch zahlreiche Marktakteure, die miteinander interagieren. In einem liberalisierten Strommarkt kann die dafür notwendige Koordination relativ hohe Transaktionskosten verursachen, welche den Marktzutritt für neue Lieferanten oder die Wechselprozesse der Kunden hemmen. Hinzu kommt: Die Stromkosten machen nur einen relativ kleinen Anteil des Haushaltsbudgets aus. Für einen funktionierenden Wettbewerb wird es demnach wichtig sein, dass die individuellen Such- und Wechselkosten der Kunden möglichst tief sind.

  1. Bundesrat (2018). []
  2. Elcom (2018a). []
  3. BFE (2014). []
  4. Ecoplan (2013). []
  5. BET (2018). []

Stv. Ressortleiter Regulierungsanalyse und -politik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Literatur

  • Agency for the Cooperation of Energy Regulators and Council of European Energy Regulators (2016). Acer Market Monitoring Report 2015 – Electricity and Gas Retail Markets, Ljubljana.
  • BET (2018). Markt- und Wettbewerbsanalyse für den Bericht des BFE zu den Massnahmen des StromVG und der StromVV nach Art. 27 Abs. 3 StromVV, Zofingen.
  • Bundesamt für Energie (2014). Rentabilität der bestehenden Wasserkraft; Bericht zuhanden Urek-N, Bern.
  • Bundesrat (2018). Bundesrat startet Vernehmlassung zur Revision des Stromversorgungsgesetzes, Medienmitteilung vom 17. Oktober.
  • Ecoplan (2013). Strommarktliberalisierung – Zweiter Marktöffnungsschritt; Analysen zu den Auswirkungen eines zweiten Marktöffnungsschrittes, Bern.
  • EEX (2018). Marktdaten für den Terminmarkt (Futures) Schweiz, 10. September.
  • Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom (2018a). Tätigkeitsbericht 2017, Bern.
  • Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom (2018b). Rohdaten zu den Elektrizitätstarifen der Verteilnetzbetreiber, 10. September, Bern.
  • Epex Spot (2018). Marktdaten für den Day-Ahead-Strommarkt Schweiz, 10. September.

Stv. Ressortleiter Regulierungsanalyse und -politik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern