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Vernünftiger als vermutet: Das Sparverhalten der Millennials

Für welche Ziele sparen junge Erwachsene in der Schweiz? Nebst dem Reisen sind Rücklagen für unsichere Zeiten, Steuern und Altersvorsorge die meistgenannten Sparzwecke.

Das häufigste Sparmotiv von Millennials ist der Wunsch zu reisen. San Francisco Bay Area. (Bild: Keystone)

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Millennials werden oft als im Jetzt lebende Menschen bezeichnet, die sich kaum Gedanken über ihre langfristige Zukunft machen. Was bedeutet dies für das Sparverhalten? Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt: Die Jahrgänge 1981 bis 1995 unterscheiden sich in ihrem Sparverhalten nicht substanziell von anderen Generationen. Die meistgenannten Sparzwecke sind Reisen, Rücklagen, Steuern, Altersvorsorge und grössere Anschaffungen. Unterschiede zeigen sich zwischen den Geschlechtern. So legen Frauen beispielsweise häufiger Geld für Zukunftsunsicherheiten beiseite als Männer.

Junge Erwachsene werden vielfach als wenig verbindlich, selbstbezogen, illoyal und kurzsichtig bezeichnet. Freude an der Arbeit sowie eine Balance zwischen Beruf und Freizeit sind den Millennials (je nach Definition die heute 23- bis 37-Jährigen) wichtiger als Status, Prestige und damit auch Geld. Freiräume und die Möglichkeit der Selbstverwirklichung stehen über starren Hierarchien. Gemäss dem Jugendbarometer Schweiz 2016 der Credit Suisse ist das wichtigste Ziel dieser Generation, die eigenen Träume zu verwirklichen.

Viele Millennials stehen gegenwärtig am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn und sind in einem Alter, in dem klassischerweise die Spartätigkeit beginnt. Da sich Millennials anscheinend weniger als frühere Generationen Gedanken über ihre Zukunft machen, darf angenommen werden, dass sie sich auch in ihrem Sparverhalten von diesen unterscheiden. Gemäss der Weltbank ist die Finanzkompetenz, die unter anderem das Sparen beeinflusst, bei jungen Erwachsenen wenig ausgeprägt. So bekunden Millennials Mühe mit dem Vermögensaufbau, wie im aktuellen Global Wealth Report der Credit Suisse nachzulesen ist.

Das Sparverhalten einer Generation hat volkswirtschaftliche Auswirkungen. Einerseits beeinflusst es die Bankenindustrie, für welche Sparguthaben ihrer Kunden eine wichtige Finanzierungsquelle darstellt. Andererseits bedeutet Sparen ein Konsumverzicht, respektive der Konsum wird in die Zukunft verschoben.

Doch wie steht es tatsächlich um das Sparverhalten der Millennials in der Schweiz? Anhand einer Umfrage ist die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) diesem Sachverhalt nachgegangen.[1] Zusätzlich wurden anonymisierte Kontobewegungen der Millennials bei der Zürcher Kantonalbank untersucht.

Die Befragung wurde mittels standardisierten Fragebogens zwischen Februar und April 2018 durchgeführt. Der Versand erfolgte elektronisch an die Studierenden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), über die Schuldenberatungsstelle des Kantons Zürich, über Facebook sowie das geschäftliche und private Umfeld der Autoren. Eingegangen sind 1903 Antworten, wovon 1440 zur effektiven Zielgruppe, Personen mit Jahrgang 1981 bis 1995, gezählt werden. Dieser Teil der Stichprobe wurde detailliert ausgewertet, die anderen Kohorten nur selektiv zu Vergleichszwecken. Das Sample der Millennials setzt sich aus 58 Prozent Männern und 42 Prozent Frauen zusammen. Aufgrund der zur Verfügung gestandenen Versandkanäle darf die Studie nicht als repräsentativ bewertet werden.

Sparen für Reisen

Die Erkenntnisse aus der Umfrage überraschen: 82 Prozent der Millennials verwenden bewusst einen Teil des frei verfügbaren Einkommens fürs Sparen, und 85 Prozent besitzen ein Sparkonto. Lediglich 18 Prozent wollen oder können aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht regelmässig sparen. Ein geschlechterspezifischer Vergleich zeigt: Während 86 Prozent der Frauen bewusst sparen, sind dies bei den Männern nur 78 Prozent.

Der meistgenannte Sparzweck ist das Reisen – was sich mit der allgemeinen Wahrnehmung der Millennials als konsumfreudige Geniesser deckt (siehe Abbildung 1). Demgegenüber handelt es sich bei den am zweit- bis fünftmeisten genannten Sparzwecken um weitsichtige Sparvorhaben: Rücklagen für Zukunftsunsicherheiten, Sparen für grössere Anschaffungen, Altersvorsorge und Steuerrechnungen. Damit unterscheiden sich die Antworten der Millennials kaum von den Vertretern der Babyboomer-Generation und der Generation X. Diese bezeichnen zwar die Altersvorsorge als wichtigsten Spargrund, sie nennen jedoch dieselben fünf Gründe wie die Millennials als Top-5-Spargründe.

Warum sparen Millennials?

Anmerkung: Mehrfachnennungen möglich, Jahrgänge 1981 bis 1995 (N =1440). Quelle: Fiorito und Schweizer (2018) / Die Volkswirtschaft.

Neben dem Sparwillen und dem Sparzweck interessiert auch, wie viel die Millennials für die einzelnen Kategorien reservieren. Die Abbildung 2 zeigt die Aufteilung der monatlichen Sparbeträge pro Zweck für die sechs meistgenannten Kategorien. Die am häufigsten genannte betragliche Bandbreite (unter Ausklammerung der Nennungen «gar nicht» und «gelegentlich») liegt bei allen Sparzwecken zwischen 50 und 200 Franken pro Monat. Bei den Reisen und den Rücklagen/Zukunftsunsicherheiten sowie bei den grösseren Anschaffungen nimmt der Anteil der Sparer mit höheren Beträgen relativ betrachtet rasch ab. Für Steuern und die Altersvorsorge verläuft die Entwicklung weniger extrem.

Abb. 2: Monatlicher Betrag pro Sparzweck

Anmerkung: Jahrgänge 1981 bis 1995 (N =1440). Quelle: Fiorito und Schweizer (2018) / Die Volkswirtschaft.

Männer und Frauen sparen anders

Offenbar gehen die Millennials – wie andere Generationen vor ihnen – differenziert in ihren Sparanstrengungen vor. Konsumbezogene respektive wenig greifbare Zwecke wie Reisen oder Rücklagen werden innerhalb der Alterskohorte mit einem relativ konstanten Betrag berücksichtigt. Für langfristiges, investitionsbezogenes Sparen wie die Altersvorsorge oder den Erwerb eines Eigenheims verteilen sich die Beträge hingegen wesentlich ausgeprägter, da sie mutmasslich von den finanziellen Möglichkeiten der Einzelnen abhängen.

Der geschlechterspezifische Vergleich offenbart Unterschiede je nach Sparzweck: Für Zukunftsunsicherheiten legt über die Hälfte der Frauen Beträge ab 50 Franken pro Monat beiseite; bei den Männern liegt der Anteil deutlich unter 50 Prozent. Hingegen spart fast die Hälfte der männlichen Millennials mindestens 50 Franken für die Altersvorsorge, beinahe jeder dritte gibt dafür sogar über 200 Franken aus. Bei den Frauen sind es nur 35 respektive 17 Prozent.

Das aktuelle Zinsumfeld beeinflusst das Sparverhalten der Millennials erstaunlich wenig. 74 Prozent der Umfrageteilnehmer sagen, ihr Sparverhalten sei nicht vom Zinsniveau abhängig. Auch von den zinssensitiven 26 Prozent würden 60 Prozent ihr Sparverhalten bei einer weiteren Zinssenkung nicht ändern. Nur 23 Prozent der zinssensitiven Gruppe ziehen bei einer weiteren Zinssenkung eine alternative Sparform wie beispielsweise Börsenanlagen in Betracht. Hier offenbart sich ebenfalls ein geschlechterspezifischer Unterschied: Während bei den Frauen lediglich ein Fünftel das Sparverhalten vom Zinsniveau abhängig macht, ist es bei den Männern über ein Drittel.

Über die Hälfte der befragten Millennials hat sich bereits mit der privaten Altersvorsorge beschäftigt, ein Viertel will dies in nächster Zeit tun. 87 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass ohne private Vorsorge immer mehr Leute im Alter arm sein werden. Während sich zwei Drittel der männlichen Befragten mit der privaten Vorsorge auseinandergesetzt haben und etwa 60 Prozent in die 3. Säule einzahlen, liegt die Zahl bei den weiblichen Vertretern tiefer. Lediglich die Hälfte hat sich mit der Altersvorsorge befasst, und nur 45 Prozent verfügen über eine private Vorsorgelösung. Dies ist unter anderem deshalb spannend, weil 55 Prozent der männlichen Befragten der Befürchtung zustimmen, im Alter nur eine geringe Rente zu erhalten. Bei den weiblichen Vertretern sind dies 75 Prozent.

Sparziele werden umgesetzt

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Sparen für die Millennials durchaus eine Bedeutung aufweist und dass die Generation auch konkrete, langfristige Sparziele verfolgt. Zur Validierung dieser Erkenntnisse aus der Umfrage wurden als zweiter Teil des Forschungsprojektes auch die Kontobewegungen aus einem Teilkundenportfolio der Zürcher Kantonalbank ausgewertet und mit den Erkenntnissen aus der Umfrage verglichen. Da beide Datensätze anonymisiert waren, konnte keine Verbindung zwischen den Umfrageteilnehmern und den Bankkunden hergestellt werden. Die Transfers von Salär- auf Sparkonti bestätigen auf aggregierter Ebene die Umfrageresultate. Somit interessiert sich nicht nur eine grosse Mehrheit der Millennials grundsätzlich fürs Sparen, sie setzt dies auch entsprechend um.

  1. Die Studie wurde im Rahmen einer Bachelorarbeit für die Zürcher Kantonalbank durchgeführt. Detaillierte Erkenntnisse werden nicht veröffentlicht. []

Mitarbeiterin Stab Private Banking, Zürcher Kantonalbank, Zürich

Dozent für Corporate Finance & Corporate Banking, Institut für Financial Management, ZHAW School of Management and Law, Winterthur

Mitarbeiterin Stab Private Banking, Zürcher Kantonalbank, Zürich

Dozent für Corporate Finance & Corporate Banking, Institut für Financial Management, ZHAW School of Management and Law, Winterthur