Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Werben für die Schweizer Wirtschaft»

Schweizer Exportwirtschaft trotzt allen Widrigkeiten

Die Schweizer Exportindustrie hat die Frankenstärke insgesamt gut überstanden und ist heute robuster aufgestellt gegenüber Wechselkursschwankungen und dem Wirtschaftsgang der Eurozone. Doch die Abhängigkeit von Branchen wie der Pharmaindustrie und einzelnen Grossunternehmen steigt weiter.

Uhrenexporte reagieren nur wenig auf Wechselkursschwankungen. Werbung des Schweizer Uhrenherstellers Longines in China. (Bild: Keystone)

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Die exportorientierte Industrie sah sich während der letzten zehn Jahre einem äusserst widrigen Umfeld gegenüber. Trotzdem hat sich die Exportwirtschaft als sehr widerstandsfähig erwiesen. Innerhalb der Warenexporte hat zum einen ein Strukturwandel hin zu weniger wechselkurssensitiven Gütern stattgefunden und zum anderen eine breitere Diversifikation über die Exportdestinationen. Damit einher ging allerdings auch eine Konzentration auf weniger Exportbranchen. Speziell im Pharmasektor spielen nur wenige Unternehmen eine massgebende Rolle für die Entwicklung der gesamten Exporte.

Rund 452 Milliarden Franken: So hoch war der Wert der Waren und Dienstleistungen, welche die Schweiz 2018 exportierte. Im Vergleich zur gesamten Produktion der Schweiz ist das etwa ein Drittel. Im internationalen Vergleich gehört die Schweiz damit zu den sehr stark verflochtenen Volkswirtschaften. Deshalb ist sie abhängig von der ausländischen Wirtschaft, und ihre Fähigkeit, auf den Weltmärkten zu bestehen, ist zentral.

Die Entwicklung der Schweizer Warenexporte[1] kann mit zwei Einflussgrössen erklärt werden: der weltweiten Nachfrage nach Waren und der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen. Während die Nachfrage vom Konjunkturgang der Weltwirtschaft abhängt, wird die Wettbewerbsfähigkeit unter anderem vom Preissetzungsverhalten der Firmen und – insbesondere in der kurzen Frist – vom Wechselkurs bestimmt.[2]

Nachfrageeinbruch nach der Finanzkrise

In den letzten zehn Jahren wurde die Exportwirtschaft sowohl an der Nachfrage- wie auch an der Wechselkursfront stark gefordert. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009 brach die weltweite Nachfrage nach Produkten stark ein. Ab 2009 wertete sich der Schweizer Franken kontinuierlich auf und setzte der Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Exportfirmen immer mehr zu. Dann, am 6. September 2011, führte die Schweizerische Nationalbank (SNB) einen Mindestkurs zum Euro ein. Parallel dazu rutschte aber die Eurozone in eine zweite Rezession. Am 15. Januar 2015 entschied die SNB, den Mindestkurs wieder aufzuheben, worauf sich der Schweizer Franken in kürzester Zeit real um rund 13 Prozent gegenüber dem Euro aufwertete. Schliesslich durchlief der Welthandel eine ausgeprägte Schwächephase. Diese dauerte von 2011 bis 2016.

Viele Schweizer Exportunternehmen kamen aufgrund obiger Entwicklungen zumindest zeitweise in starke Bedrängnis. Zwischen 2009 und 2015 wurde dadurch das Schweizer Exportwachstum gehemmt (siehe Abbildung 1), und es mussten teilweise sehr schmerzhafte Rationalisierungsmassnahmen ergriffen werden. Trotzdem: Die insgesamt starke Entwicklung der Schweizer Warenexporte beeindruckt. Ende 2018 lagen die Warenexporte auch preisbereinigt rund 30 Prozent über den Höchstständen vor der Finanz- und Wirtschaftskrise. Hauptsächlich verantwortlich dafür war der kräftige Anstieg der Ausfuhren chemischer und pharmazeutischer Produkte. Stark spezialisierte Güter wie chemisch-pharmazeutische Produkte oder Uhren reagieren bekanntlich nur wenig auf Wechselkursschwankungen.[3] Zudem führen demografische Trends, wachsende Einkommen und die laufenden Fortschritte im medizinischen Bereich zu einer stetig steigenden Weltnachfrage nach Gesundheitsartikeln und Medikamenten. Ein weiterer Grund für die hohen Pharmaexporte ist der Handel mit Zwischenprodukten. Denn in der Pharmabranche werden üblicherweise bei der Wirkstofferzeugung über die globalen Wertschöpfungsketten Skalenerträge ausgeschöpft, bevor die Zwischenprodukte in den verschiedenen Absatzländern zu Fertigprodukten weiterverarbeitet werden. Dieses mehrstufige Verfahren generiert viele Grenzüberschreitungen, die in den Aussenhandelsstatistiken auftauchen.[4]

Diverse andere Exportarten entwickelten sich ab 2008 hingegen schwächer. Dies betrifft etwa die Maschinenindustrie und insbesondere kleinere Branchen wie die Papier- und Textilindustrie. Dort ist die Abhängigkeit gegenüber Konjunktur und Wechselkursschwankungen grösser. 2017, im Zuge des weltweit synchronen Konjunkturaufschwungs, konnten aber praktisch alle Exportbranchen wieder stark zulegen. Ob es in diesem Tempo weitergehen kann, ist fraglich angesichts der jüngsten Schwächetendenzen der Weltwirtschaft und der zahlreichen Risiken wie etwa des internationalen Handelsstreits.

Abb. 1: Schweizer Warenexporte mit und ohne Chemie- und Pharmaindustrie (2005–2018)

Seco / Die Volkswirtschaft

Industrie bleibt wichtige Wachstumsstütze

Die Schweizer Exportwirtschaft ist insgesamt gut aufgestellt. Da die wichtigsten Industriesektoren der Schweiz, insbesondere die Pharma-, die Uhren- und die Maschinenindustrie, den mit Abstand grössten Teil ihrer Produktion exportieren, hängt auch die gesamte Industriewertschöpfung der Schweiz stark vom Ausland ab. Umfragen der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) deuten darauf hin, dass sich die Ertragslage in der Industrie im Verlauf der Jahre 2017 und 2018 massiv verbessert hat und 2018 so gut dastand wie zuletzt vor der Finanz- und Wirtschaftskrise. Dementsprechend war es auch die Industrie, welche dank dem hohen Exportwachstum die Konjunkturerholung in der Schweiz zwischen 2017 und 2018 anführte.

Der Anteil der Industrie am Schweizer Bruttoinlandprodukt betrug im 4. Quartal 2018 18 Prozent und liegt damit nur leicht unter dem Stand von Ende der Neunzigerjahre. Damit ist der Industrieanteil in der Schweiz nach wie vor höher als in Frankreich, Italien, dem Vereinigten Königreich oder den USA. In diesen Ländern hat sich die Bedeutung der Industrie für die gesamte Wertschöpfung in den letzten 20 Jahren deutlich stärker reduziert. Dasselbe gilt für den Anteil der Industrie an der Gesamtbeschäftigung: 2008 lag dieser Anteil in der Schweiz bei 19 Prozent. Kurz nach der Aufhebung des Mindestkurses betrug er noch 16 Prozent. Seither ist er in etwa konstant geblieben.

Von einer breiten Deindustrialisierung während der letzten zehn Jahre kann also in der Schweiz keine Rede sein. Allerdings befindet sich jede Volkswirtschaft in einem steten Wandel. So haben die konjunkturelle Schwäche in Europa und die zwischenzeitliche Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit aufgrund der Frankenstärke zwei Entwicklungen begünstigt: erstens einen Strukturwandel hin zu weniger konjunktur- und wechselkurssensiblen Exportgütern und zweitens eine Diversifikation in neue Exportmärkte.[5]

Stärkere Konzentration auf wenige Branchen

Die ausserordentlich positive Entwicklung der pharmazeutischen Exporte hatte unweigerlich eine verstärkte Konzentration der gesamten Warenexporte zur Folge: Heute stammt rund die Hälfte aller Warenexporte aus der Pharmaindustrie. Zum Vergleich: 2005 waren es noch 36 Prozent. Die übrigen Branchen reduzierten ihren Anteil entsprechend; insbesondere die Maschinen, Apparate und Elektronikprodukte verloren an Gewicht. Um zu zeigen, wie sich die Konzentration der Exporte entwickelt hat, kann man den sogenannten Herfindahl-Index[6] verwenden. Eine Zunahme des Indexes bedeutet eine erhöhte Konzentration. Ein Beispiel: So haben sich etwa die Warenexporte zwischen 1995 und 2016 immer stärker auf einzelne Produktkategorien konzentriert (siehe Abbildung 2). Berechnet man den Index jedoch ohne die chemischen und pharmazeutischen Produkte, so sind die Warenexporte ungefähr gleich stark diversifiziert wie vor gut 20 Jahren. Seit 2016 ist die Konzentration stabil geblieben. Das ist vor allem auf die gute Weltkonjunktur zurückzuführen, die den meisten Exportbranchen gleichermassen Auftrieb verliehen hat.

Abb. 2:  Herfindahl-Index der Schweizer Warenexporte nach Branchen und nach Handelspartnern (1995–2018)

Lesebeispiel: Je höher die Konzentration nach Branchen, desto ungleicher sind die Grössenverhältnisse der Exportbranchen. So hat etwa die Pharmabranche ein zunehmendes Gewicht am gesamten Exportvolumen.

Quelle: EZV / Die Volkswirtschaft

Superstarfirmen dominieren Warenexporte

Die Warenexporte hängen stark von wenigen Unternehmen ab.[7] So machen Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten zwar rund 60 Prozent der exportierenden Firmen, aber nur rund 5 Prozent der Exporte aus. Umgekehrt machen Grossunternehmen mit über 249 Beschäftigten nur rund 2 Prozent aller Exportunternehmen aus, sie sind aber für mehr als die Hälfte der Exporte verantwortlich (53%). Bei den pharmazeutischen Produkten ist diese Konzentration besonders extrem (siehe Abbildung 3). Die fünf wichtigsten Unternehmen in dieser Branche bestreiten mit fast 60 Milliarden Franken an Exporten ungefähr 90 Prozent aller Pharmaexporte.

In den anderen Exportsektoren spielen die fünf führenden Unternehmen ebenfalls eine wichtige Rolle, doch ihr Anteil liegt deutlich tiefer. Zum Beispiel im Maschinen- und Elektroniksektor: Dort sind insgesamt rund zehn Mal mehr Exportunternehmen tätig als in der Pharmabranche. Und diese haben im Schnitt deutlich weniger Beschäftigte und generieren tiefere Exportvolumen als die Pharmaunternehmen. Aufgrund des Stellenwerts der Pharmaprodukte für die Gesamtexporte sind die grossen Pharmaunternehmen wichtige Treiber für den gesamten Schweizer Aussenhandel. Das Phänomen, dass nur wenige Firmen den Aussenhandel dominieren, ist allerdings keineswegs auf die Schweiz begrenzt.[8]

Abb. 3: Exportvolumen der führenden fünf Exportunternehmen in ausgewählten Branchen (2016)

Quelle: EZV / Die Volkswirtschaft

Bessere Diversifikation nach Handelspartnern

Ein anderes Bild zeigt sich bei den Absatzländern: Hier hat die Konzentration der Schweizer Warenexporte abgenommen (siehe Abbildung 2). Dies gilt sowohl für die einzelnen Branchen als auch für die Warenexporte insgesamt. Mit anderen Worten: Die Schweizer Exporte sind heute gleichmässiger über die Länder verteilt. Der Anteil des nach wie vor grössten Absatzmarktes, des Euroraums, betrug 2018 44 Prozent. 1995 waren es noch 55 Prozent. Gleichzeitig haben nicht zuletzt die USA und China als Absatzländer an Wichtigkeit gewonnen. So sank der Herfindahl-Index nach Handelspartnern, berechnet zwischen 1999 und 2013, kontinuierlich. Die Frankenstärke gegenüber dem Euro und die lange konjunkturelle Schwäche des Euroraums haben diesen Prozess seit der Finanz- und Wirtschaftskrise noch begünstigt. Die leichte Zunahme der Konzentration seit 2016 lässt sich durch den globalen Wirtschaftsaufschwung von 2017 und 2018 erklären, als sich die Exporte in wichtige Absatzländer wie Deutschland oder die USA besonders dynamisch entwickelt haben.

Die ausgewogenere geografische Verteilung der Exporte macht die Schweizer Exportwirtschaft robuster: Sie mindert die Abhängigkeit gegenüber Nachfrageschocks bei einzelnen Handelspartnern und reduziert die Auswirkungen einer Frankenaufwertung gegenüber einer einzelnen Fremdwährung. Die Schweizer Wirtschaft wurde so widerstandsfähiger bei Wechselkursschwankungen.[9]

Die Schweizer Exportindustrie hat die Phase seit der Finanz- und Wirtschaftskrise dementsprechend gut gemeistert. Gemessen am Wertschöpfungs- und Beschäftigungsanteil hat bislang keine beschleunigte, breite Deindustrialisierung stattgefunden. Hingegen wurde der Strukturwandel hin zu weniger wechselkurssensitiven Exporten – insbesondere pharmazeutischen Produkten – und zu neuen Exportmärkten begünstigt. Die stärkere Konzentration auf wenige Exportbranchen und Unternehmen bedeutet zwar einerseits eine höhere Abhängigkeit von branchenspezifischen Entwicklungen. Andererseits sind die Exporte aber stärker diversifiziert gegenüber einzelnen Wirtschaftsräumen und deshalb weniger abhängig vom Wechselkurs.

  1. Warenexporte ohne nicht monetäres Gold, Wertsachen und Transithandel. []
  2. Siehe zum Beispiel Hanslin, Grossmann et al. (2016); Kemeny und Pochon (2015); Doytchinov und Schmidbauer (2007). []
  3. Vgl. Indergand und Mahlstein (2012). []
  4. Vgl. hierzu das Industrieporträt des Dachverbandes für Chemie, Pharma und Lifesciences auf Scienceindustries.ch []
  5. Vgl. Erhardt et al. (2017) für eine umfangreiche Analyse der Exportkonzentration. []
  6. Der Herfindahl-Index berechnet sich als die Summe der quadrierten Exportanteile. []
  7. Im Dezember 2018 hat die Eidgenössische Zollverwaltung Daten zum Warenverkehr nach Wirtschaftszweigen (Noga) veröffentlicht, die Aufschluss über die Unternehmensstruktur des Aussenhandels geben. Mehr Informationen online auf Ezv.admin.ch. []
  8. Mayer und Ottaviano (2008). []
  9. Siehe auch Hanslin Grossmann et al. (2016) sowie Indergand und Mahlstein (2012). []

Dr. rer. oec., Leiter Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. pol., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Literatur

  • Doytchinov, Silvia und Schmidbauer, Frank (2007). Schweizer Warenexporte im Hoch – eine Ursachenanalyse, in: Die Volkswirtschaft, 2007/7-8, 38:41.
  • Erhardt, Tobias; Rutzer, Christian und Weder, Rolf (2017). Strukturwandel der Schweizer Wirtschaft in einem schwierigen Währungsumfeld: Frankenstärke und Exportstruktur, Studie im Auftrag des Seco.
  • Hanslin Grossmann, Sarah; Lein, Sarah und Schmidt, Caroline (2016). Exchange Rate and Foreign GDP Elasticities of Swiss Exports Across Sectors and Destination Countries, in: Applied Economics, 48:57.
  • Indergand, Ronald und Mahlstein, Kornel (2012). Schweizer Warenexporte im Zeichen der Frankenstärke, in: Die Volkswirtschaft, 2012/1-2, 8:12.
  • Kemeny, Felicitas und Pochon, Vincent (2015). Starker Franken heisst nicht schwache Wirtschaft, in: Die Volkswirtschaft, 2015/6, 54:56.
  • Mayer, Thierry und Ottaviano, Gianmarco (2008). The Happy Few: The Internationalisation of European Firms, in: Intereconomics, May/June 2008.

Dr. rer. oec., Leiter Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Dr. rer. pol., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern