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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Blockchain: Mehr als ein Hype?»

Warum die Blockchain-Technologie ökonomisch relevant ist

Netzwerke, die auf der Blockchain-Technologie basieren, haben einen ökonomischen Vorteil gegenüber Monopolen wie Facebook: Sie stellen die Nutzer ins Zentrum.

Das 2-Kammer-System als Vorbild für Blockchain-basierte Netzwerke? Ständeratssaal. (Bild: Keystone)

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Dezentralität und kryptografisch gesicherte Interaktionen sind ein Grundbestandteil der Blockchain-Technologie. Diese Eigenschaften ermöglichen neue Organisationsformen von Netzwerken, bei denen die Benutzer gleichzeitig die Netzwerkbesitzer sind und der Nutzen aller Teilnehmer optimiert wird. Dies dürfte Netzwerke wie Facebook langfristig unter Druck bringen. Eine Herausforderung auf dem Weg dorthin ist die Governance solcher Blockchain-basierter Netzwerke.

Viel wurde die vergangenen Monate über die Blockchain geschrieben. Zuerst – im Zuge der Bitcoin-Blase – oft mit sich überbietenden Superlativen über die bahnbrechende Wirkung der Technologie und ihre disruptiven Potenziale. Anschliessend, nach erfolgter Preiskorrektur, oft verharmlosend und im Sinne einer Klassifizierung als «Fussnote der Technologiegeschichte». Das Meinungspendel schlägt derzeit auch deshalb weit aus, da es noch früh ist, das ökonomische Potenzial der Blockchain-Technologie quantitativ abzuschätzen.

Trotzdem sei hier eine Prognose gewagt: Die Blockchain-Technologie wird Netzwerkstrukturen verändern. Netzwerke sind ein gewichtiger ökonomischer Einflussfaktor. Gemäss einer Studie der Venture Firma NFX bestimmt der sogenannte Netzwerkeffekt 70 Prozent der Wertschöpfung im Tech-Umfeld. Dieser Effekt ist intuitiv leicht verständlich: Ein Netzwerk ist umso wertvoller, desto mehr Teilnehmer sich darin tummeln.

Wenn Netzwerke wachsen, bilden sich natürliche Monopole: Je mehr Teilnehmer ein Netzwerk aufweist, desto grösser ist der Anreiz für Aussenstehende, sich dem Netzwerk ebenfalls anzuschliessen. Gleichzeitig werden für bestehende Teilnehmer die Wechselkosten stetig grösser, da sie bei einem Wechsel den Zugang zu den anderen Teilnehmern verlieren würden. Beispiele sind soziale Netzwerke wie Facebook oder Linkedin. Ein Netzwerkmonopol ist per se nichts Schlechtes: Aus Sicht eines Mitglieds steigt der Nutzen mit jedem zusätzlichen Teilnehmer. Und: Ein Monopol hat per Definition die meisten Nutzer. Entsprechend kann ein Netzwerkmonopol, unter den richtigen Umständen, zu einem maximalen Nutzen jedes Teilnehmers führen.

Bei Netzwerken in Firmenbesitz sind die Umstände aus Nutzersicht aber nie optimal, weil Firmen für ihre Aktionäre den grösstmöglichen Profit erwirtschaften müssen. Sobald die entsprechende Marktmacht vorhanden ist, extrahieren Firmen, die ein Netzwerk besitzen, entsprechend eine Rendite. Diesen Mechanismus bezeichnet man als «Extraction Imperative». Möglichkeiten hierzu sind vielfältig: Netzwerkfirmen können Nutzerdaten verkaufen, dem Nutzer Werbung vorsetzen oder Zugangsgebühren verlangen. Weiter bestehen für den Besitzer eines Netzwerkes Anreize, Dienstleistungen nicht mehr von Dritten zu beziehen, sondern diese zu internalisieren.

Spielregeln dank Token einhalten

Demgegenüber vermag die Blockchain-Technologie die Anreize von Netzwerknutzern und Netzwerkbesitzern in Übereinstimmung zu bringen: Wenn nämlich Nutzer und Besitzer identisch sind, fällt der Zwang dahin, Nutzer zugunsten der Aktionäre schröpfen zu müssen.

Wie funktioniert das? Eine Blockchain kann verstanden werden als kryptografisch gesicherte, global verteilte Datenbank, in welcher Daten nur hinzugefügt werden, nie aber gelöscht werden können. Diese Daten (das Resultat der Transaktionen aller Teilnehmer) sind fälschungssicher und unveränderlich gespeichert. Moderne Blockchains können zusätzlich Computerprogramme (sogenannte Smart Contracts) ausführen, die ebenfalls unveränderlich abgespeichert sind.

Ökonomische Anreize mittels sogenannter Token sorgen dafür, dass die Spielregeln bei der Benutzung der Blockchain, aber auch der auf der Blockchain aufsetzenden Applikationen eingehalten werden. Unter einem Token versteht man ein digitales Recht auf der Blockchain. Ein Token kann die Form einer Kryptowährung annehmen (etwa Bitcoin oder Ether). Solche Token klassifiziert die Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma als «Zahlungs-Token».[1] Ein Token kann aber auch Nutzungsrechte gewähren für Services oder Infrastruktur, welche auf der Blockchain bereitgestellt sind («Nutzungs-Token»), oder er repräsentiert einen Wert («Anlage-Token»). Die meisten Token sind standardisiert und global über ihre jeweiligen Blockchains transferierbar.

Mittels dieser Token ermöglicht die Blockchain-Technologie neue Organisationsformen: Organisationen werden nicht als Firmen strukturiert, sondern inhärent dezentral aufgebaut. Dezentralität ist oft erstrebenswert, wenn die Anreize aller Teilnehmer (Besitzer, Angestellte, Kunden) eines Systems in Einklang gebracht werden sollen. Diese Vorteile sind bei Netzwerkstrukturen offensichtlich.

Aufbau in Etappen

Die vollständige Dezentralität eines Netzwerkes ist aber – zumindest in der Aufbauphase – nicht realisierbar, da es eine Instanz braucht, die den Netzwerkaufbau koordiniert. Besteht das Ziel darin, dem «Extraction Imperative» zu entfliehen, bieten sich gemeinnützige Non-Profit-Stiftungen als Koordinationseinheit an. Ein dezentrales, von einer Non-Profit-Organisation koordiniertes Netzwerk impliziert aber nicht, dass die Netzwerknutzung gratis ist (oder sein soll): Bei jeder vollständig frei zugänglichen Ressource besteht nämlich die Gefahr der Übernutzung – ein Phänomen, das in der Ökonomie als «Tragik der Allmende» bekannt ist.

Genau hier besteht die grosse ökonomische Relevanz der Blockchain-Technologie: Sie erlaubt es, die Nutzung eines Netzwerks mittels Token effizient zu regulieren, ohne das Netzwerk dabei zu zentralisieren. Dies lässt sich an einem typischen Blockchain-basierten Netzwerk illustrieren, wo es keine Aktionäre und keine Firma gibt. Stattdessen existieren spezifische «Netzwerk-Token», welche jeder Teilnehmer des Netzwerks zwecks Zugang und Nutzung besitzen muss. Solche Token können im Einzelfall unterschiedlich ausgestaltet sein: Im simpelsten Fall kann der Token den Besitzer ermächtigen, am Netzwerk teilzunehmen. Token können aber auch das Zahlungsmittel für durch das Netzwerk angebotene Dienstleistungen sein, oder sie können als «Belohnung» für externe Dienstleister des Netzwerks dienen sowie das Ökosystem der Netzwerkentwickler «befruchten». Ein Beispiel für ein solches Netzwerk findet sich im Rohstoffhandel: Die dezentrale «ABC Platform» erlaubt es, für schwer handelbare Rohstoffe via Blockchain Marktliquididät zu schaffen. Zugang zum Netzwerk haben nur Rohstoffhändler, die über ein Plattform-Token verfügen und mittels dieser Token auch für in Anspruch genommene Leistungen auf dem Netzwerk bezahlen.

Veränderung als Knacknuss

Die Regulation des Netzwerkzugangs über Token ist ein Schlüsselaspekt in der Gestaltung eines dezentralen, langfristig lebensfähigen Netzwerks. Gleichzeitig muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass sich ein Netzwerk weiterentwickeln können muss. Dies ist wichtig, um veränderten regulatorischen Rahmenbedingungen gerecht zu werden oder um neue Funktionalitäten zu erschliessen.

Hier spielen Smart Contracts eine wichtige Rolle: Sie erlauben es, die Governance des Entwicklungsprozesses für alle Teilnehmer transparent festzuschreiben und direkt auf der Blockchain durchzusetzen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Token-Besitzer zur Veränderung des Netzwerks zu berechtigen. Die optimale Ausgestaltung dieser On-Chain-Governance ist momentan Inhalt intensiver Forschung, wobei vom naiven «one token – one vote»-Mechanismus über «Quadratic Voting» bis zu Formen des «Majority Judgement» viel ausprobiert wird. Beide Wahlverfahren gehen über das Ja-Nein-Schema hinaus und lassen Abstufungen zu.

Ein vielversprechender Ansatz erscheint dabei, Erkenntnisse zu berücksichtigen, welche über Jahrhunderte in sozialen Konsensussystemen gewonnen wurden. Als Beispiel sei hier das Zweikammernsystem der Schweiz oder der USA erwähnt, welches die Dominanz einer Machtgruppe verhindert und, im Blockchain-Kontext richtig umgesetzt, zum Beispiel sogenannte 51-Prozent-Attacken verhindern kann. Am Beispiel der «ABC Platform» kann dies illustriert werden: Hier übernimmt die als Netzwerkkoordinator wirkende gemeinnützige Stiftung die Rolle einer Kammer; die Rolle der zweiten Kammer übernehmen die Netzwerkteilnehmer. Beide Kammern müssen einverstanden sein, dass die Netzwerkregeln geändert werden. Mit diesem Ansatz wird einerseits verhindert, dass sich eine Gruppe von Netzwerkteilnehmern zum Nachteil des Restes zusammenschliesst. Sprich: Die Stiftung gibt Gegensteuer. Andererseits sind die Teilnehmer der Stiftung nicht ausgeliefert – diese muss sich zum Wohle der Teilnehmer verhalten.

  1. Vgl. Beitrag von Noël Bieri und Kaspar Ulmann (Finma) in dieser Ausgabe. []

Dr. oec., Dozent für Blockchain-Technologie, Institut für Finanzdienstleistungen (IFZ), Hochschule Luzern, Zug; Gründer «ABC Platform»

Dr. oec., Dozent für Blockchain-Technologie, Institut für Finanzdienstleistungen (IFZ), Hochschule Luzern, Zug; Gründer «ABC Platform»