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Wie sieht die Schweiz im Jahr 2040 aus?

Megatrends wie Digitalisierung, Globalisierung und Bevölkerungswachstum verändern die Lebensräume in der Schweiz. Aus raumplanerischer Sicht sind Wirtschaftswachstum und Lebensqualität kein Widerspruch. Die öffentliche Hand ist gefordert.

Der Grossraum Chur dürfte in den nächsten Jahren stark wachsen. Blick über die Altstadt. (Bild: Keystone)

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Im Auftrag des Bundesrates hat der Rat für Raumordnung, eine ständige ausserparlamentarische Kommission, den Blick auf die Zukunft gerichtet: Welche Raumentwicklung ist nötig, um im Jahr 2040 weiterhin über attraktive Lebens- und Wirtschaftsräume zu verfügen? Aus dem Bericht ergeben sich relevante Schlüsse für die künftige Wirtschaftspolitik: Die Qualität der Schweiz als Wirtschaftsstandort ist untrennbar mit der Qualität der räumlichen Entwicklung verbunden. Die Herausforderungen des demografischen und digitalen Wandels können nur über administrative und sektoralpolitische Grenzen hinweg gelöst werden.

Die Schweiz im Jahr 2040: Die 10-Millionen-Bevölkerung ist Realität. Die Digitalisierung und die anhaltende Globalisierung haben die Schweiz in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht umgewälzt. Der Klimawandel beeinflusst die Entwicklung der Städte genauso wie der ländlichen Räume und Berggebiete nachhaltig. Diese Megatrends und Entwicklungen sind bereits heute spürbar, doch wie wirken sich diese nach weiteren 20 Jahren auf die Raumentwicklung der Schweiz aus? Welche Lösungen sind nötig, damit die Schweiz auch 2040 ein attraktiver Lebens- und Wirtschaftsraum bleibt?

Ein Bericht, welcher der Rat für Raumordnung (ROR) im Auftrag des Bundesrates erstellt hat, liefert Antworten auf diese Fragen.[1] Der Rat für Raumordnung ist eine ständige ausserparlamentarische Kommission, bestehend aus Experten aus Politik, Praxis und Forschung in den Bereichen Regionalökonomie, Raumplanung und Verwaltungsführung. Er berät den Bundesrat sowie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), welche für Regionalpolitik und Raumentwicklung zuständig sind.

Der Rat für Raumordnung stützt sich im Bericht auf die Trends und Herausforderungen, welche heute in der Schweiz feststellbar sind, und macht Aussagen mit einem Horizont von 20 bis 25 Jahren. Anhand von Empfehlungen zeigt er auf, wie vor diesem Hintergrund eine nachhaltige Raumentwicklung möglich ist.

Urbanisierung nimmt zu

Mit Megatrends werden Trends und Entwicklungen bezeichnet, die einen weitreichenden sozialen, ökonomischen, politischen und technologischen Wandel antreiben und unsere Werte sowie unser Denken und Handeln langfristig prägen. Gemäss dem Zukunftsinstitut Frankfurt sind Megatrends globale Phänomene, welche je nach Kontext unterschiedlich, ja sogar widersprüchlich wirken können und sich auch gegenseitig beeinflussen.

Ein Megatrend, der die Raumentwicklung in der Schweiz prägt, ist die Globalisierung. Angesichts der wachsenden Handelsströme steigt die Bedeutung von Mobilität und Transportinfrastrukturen. In der Folge schreitet die Urbanisierung in den Schweizer Städten voran, und die Nutzung der Landschaft als Tourismus- und Erholungsraum nimmt zu.

Weitere Megatrends sind die Digitalisierung und die Individualisierung. Die potenziellen Auswirkungen auf die Raumentwicklung betreffen die Arbeitswelt genauso wie die Mobilität und die Güterproduktion (Industrie 4.0).

Der demografische Wandel – als weiterer Megatrend – führt zu einem Bevölkerungswachstum. Eine Ursache ist die Migration; gleichzeitig nimmt der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung zu. Bereits heute zählt jeder sechste Einwohner zu dieser Altersgruppe. Aus Optik der Raumentwicklung besteht bei einer wachsenden Bevölkerung die Gefahr einer unkoordinierten Siedlungsentwicklung.

Mit dem Klimawandel gehen schliesslich eine Intensivierung ausserordentlicher Wetterereignisse und eine globale Erwärmung einher. In den Berggebieten sind die Auswirkungen zwiespältig: Zum einen nehmen die Naturgefahren aufgrund von Bergrutschen und Steinschlag zu, und die Schneemengen sind rückläufig; zum anderen gewinnen die Berglagen im Sommer mit ihrer frischen Luft an Bedeutung für den Tourismus. Im Flachland häufen sich heisse und trockene Sommer sowie klimatische Extremereignisse wie Stürme und Starkregen. Die Folgen für den Lebensraum Schweiz sind absehbar: unbewohnbare Orte in den alpinen und voralpinen Räumen sowie unangenehme bis schädliche Lebensbedingungen in den Städten.

Wachstumsstarke Agglomerationen

Ob und allenfalls wie sich Megatrends auf die Raumentwicklung auswirken, ist von der Situation vor Ort abhängig: In den urbanen Zentren (siehe Abbildung) führt das Wirtschaftswachstum grundsätzlich zu einer steigenden Lebensqualität – allerdings steigen die Wohnungspreise, und der Verkehr nimmt zu. In den ländlichen Räumen – insbesondere im Umkreis der Ballungszentren – schreitet die Zersiedlung voran. Dabei stellen die kleinräumigen administrativen Einheiten eine Herausforderung dar. Gleichzeitig verfügt der ländliche Raum nach wie vor über weitläufige intakte Landschaften.

Der alpine Raum schliesslich, der rund die Hälfte der Fläche der Schweiz ausmacht, ist äusserst heterogen. Er umfasst wachstumsstarke Agglomerationen – wie Sitten, Chur oder Bellinzona –, Tourismuszentren wie Davos, Andermatt und Zermatt sowie ländlich geprägte Seitentäler und periphere Räume. Während Erstere mit steigenden Siedlungs- und Verkehrsproblemen konfrontiert sind, kämpfen die Randgebiete gegen Abwanderung und Überalterung.

Raumtypen der Schweiz

Die 10-Millionen-Schweiz

Den Kern des Berichts bildet der Blick auf die Schweiz im Jahr 2040. In fünf sogenannten Fenster auf Morgen zeichnet der Bericht das Bild einer Schweiz, in der sich die Auswirkungen der verschiedenen Megatrends tiefgreifend entfaltet haben, wobei es aber gelungen ist, die Schweiz als attraktiven Lebens- und Wirtschaftsraum zu erhalten.

Gemäss diesen «Fenstern» ist die Schweiz im Jahr 2040 weiterhin eine Nutzniesserin der Globalisierung. Die anhaltende Zuwanderung hat die 10-Millionen-Schweiz Realität werden lassen. Damit verbunden ist ein anhaltendes bauliches Wachstum in den Ballungszentren, aber nicht nur. Mit der effizienter werdenden Mobilität und der Digitalisierung, mit welcher die Menschen immer ortsunabhängiger werden, lässt es sich überall in der Schweiz gut leben und arbeiten. Vor allem die kleinen und mittleren Städte zwischen Langenthal und Aarau, aber auch Agglomerationen um Sitten und Altdorf werden als attraktive Wohn- und Arbeitsorte entdeckt, welche in ihren Angeboten den grossen Städten in nichts nachstehen.

Ausserhalb dieser Siedlungszonen ist es gelungen, grössere intakte Landschaften zu erhalten. Gut vernetzte Bergdörfer bilden attraktive Wohnorte für digitale New Highlanders und Sommeraufenthalter. In den entlegenen Dörfern vermag aber auch die digitale Erschliessung die Bevölkerungsabwanderung nicht zu stoppen. Die weitläufigen Wildnisgebiete, welche sich in entvölkerten Talschaften bilden, eröffnen dabei neue touristische Potenziale.

Im Flachland ist die arbeitende Bevölkerung im Jahr 2040 oft unterwegs und weniger an klassische Unternehmen gebunden. Infolge der Verbreitung neuer Geschäftsmodelle (Blockchain, Crowdworking, «Ich-AGs») hat die Zahl der Freelancer stark zugenommen; diese leben teilweise aber in einer wirtschaftlich instabilen Situation. Mit der Industrie 4.0 ist die Schweiz als Produktionsstandort wettbewerbsfähig und bietet weiterhin genügend Arbeitsplätze. Zudem gibt es immer noch eine grosse Anzahl Tätigkeiten, welche nicht von Maschinen übernommen werden können, weil sie Kreativität und Empathie verlangen.

Anteil der Senioren steigt

Eine wachsende Bedeutung haben die über 65-Jährigen, welche 2040 rund 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen. In alpinen und ländlichen Regionen beträgt ihr Anteil teilweise sogar fast die Hälfte. Viele Senioren sind gesund und mobil, müssen aber aufgrund des gestiegenen Rentenalters oder auch aufgrund einer ungesicherten Altersvorsorge länger arbeiten. Wegen der Altenpflege sind die Freiwilligenarbeit und die Zuwanderung von ausländischem Fach- und Pflegepersonal weiterhin unerlässlich.

Die Städte im Jahr 2040 sind sogenannte Smart Cities, in denen Infrastrukturen, Dienstleistungen und Verkehrsmittel intelligent vernetzt und effizient genutzt werden. Veränderte Einkaufs- und Arbeitsverhalten haben in den Stadt- und Dorfzentren seit den 2010er-Jahren verstärkt zu einem Ladensterben und zu einem Rückgang der Nachfrage nach Büroflächen geführt. Die freien Flächen und sinkenden Mieten haben jedoch Möglichkeiten für Zwischennutzungen, Pop-up-Betriebe und Kultureinrichtungen eröffnet, welche den Zentren ein neues, attraktives Gesicht verleihen. Nicht nur trotz, sondern auch wegen der zunehmenden virtuellen Interaktionen sind öffentliche Räume als Begegnungsorte im Jahr 2040 wichtiger geworden. In den ländlichen Räumen und Berggebieten ist die Wertschätzung für Landschaft und lokale Baukultur gestiegen.

Dank intelligenten, miteinander vernetzten Fahrzeugen und einem Güterverkehr, der zu grossen Teilen mit autonomen Transportsystemen, unterirdisch und mit Drohnen abgewickelt wird, rollt der Verkehr flüssiger. In der Folge musste das Strassennetz nicht mehr ausgeweitet werden. Deshalb und aufgrund der geordneten Siedlungsentwicklung stehen 2040 ausreichende Flächen für die Landwirtschaft zur Verfügung, welche sich trotz Abbau der Handelsschranken und einem radikalen Strukturwandel dank digital unterstützten Produktionsmethoden auf grossen Flächen behauptet.

Lebensqualität als Standortvorteil

Welche Weichen müssen heute gestellt werden, damit diese Schweiz im Jahr 2040 Realität wird? Der Rat für Raumordnung nimmt in seinem Bericht aus seiner fachlichen Perspektive mit 18 Empfehlungen zu den wichtigsten Handlungsfeldern Stellung. Diese Empfehlungen regen weiterführende Überlegungen zu den kurz- und langfristigen Aufgabenstellungen der Wirtschaftspolitik an.

Damit die Schweiz 2040 weiterhin zu den Gewinnern der Globalisierung zählt, empfiehlt der Rat für Raumordnung in seinem Bericht, den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Sorge zu tragen. Dazu ist eine gute Anbindung an internationale Infrastrukturen in den Bereichen Energie, Mobilität (insbesondere Luft und Schiene) und Datenverkehr zentral. Die Empfehlungen zielen aber vor allem darauf ab, dass auch in einer 10-Millionen-Schweiz die spezifischen räumlichen Qualitäten der Siedlungen und Landschaften erhalten bleiben.

Tatsächlich können intakte Landschaften, aber auch die attraktiven Städte mit ihren vielfältigen Angeboten in ihrer Bedeutung für die Schweiz als internationalen Wirtschaftsstandort nicht überschätzt werden. Auch ausserhalb der Städte gilt es die Regionen als attraktive Wohn- und Arbeitsräume zu erhalten. Die wirtschaftsrelevanten Sektoralpolitiken müssen der Lebensqualität deshalb als entscheidender Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit und die Wertschöpfung Rechnung tragen. In einer immer stärker vernetzten Welt ist es dabei von grosser Bedeutung, dass sich die einzelnen Städte und Regionen gemäss ihren Potenzialen positionieren und Herausforderungen über enge Gemeindegrenzen hinweg angehen. Der Rat für Raumordnung weist denn auch auf die Notwendigkeit hin, die Governance in funktionalen Räumen zu stärken. Hier stehen die Kantone gemeinsam mit dem Bund in der Verantwortung.

Digitalisierung als Schlüssel

Laut dem Rat für Raumordnung soll die öffentliche Hand den digitalen Wandel proaktiv mitgestalten. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass der Internetzugang flächendeckend in hoher Bandbreite zur Verfügung steht. Wie könnte man das umsetzen? Beispielsweise könnte der Bund private Initiativen zur Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle fördern. Bei Wertschöpfungsketten, die auf Crowdworking bauen, könnten Bund, Kantone und Gemeinden zum Beispiel über digitale Vernetzungs-Plattformen dazu beitragen, die Transaktionskosten zu senken und gleichzeitig Rechtssicherheit und Arbeitnehmerschutz sicherzustellen.

Weiter empfiehlt der Rat für Raumordnung, die digitalen Kompetenzen der Erwerbsbevölkerung zu stärken. Insbesondere bei Jugendlichen, bei älteren Arbeitnehmenden und bei Menschen mit Migrationshintergrund besteht diesbezüglich ein grosses Potenzial. In den ländlichen Regionen und Berggebieten kann schliesslich die Kombination aus attraktiver Landschaft und guter digitaler Vernetzung in Wert gesetzt werden – zum Beispiel über die Positionierung als attraktive Standorte für internationale Start-ups.

Solche Ansätze verlangen von der öffentlichen Hand Flexibilität und Voraussicht. Darüber hinaus müssen Bund, Kantone und Gemeinden ihre Massnahmen koordinieren. Um nachhaltige Lösungen zu finden, ist deshalb der Blick über den Tellerrand unabdingbar.

  1. Rat für Raumordnung (2019): Megatrends und die Raumentwicklung in der Schweiz. Wird demnächst unter www.are.admin.ch veröffentlicht. []

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Geschäftsstelle Rat für Raumordnung, Ressort Regional- und Raumordnungspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Geschäftsstelle Rat für Raumordnung, Ressort Regional- und Raumordnungspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern