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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Kostbares Wasser»

Wasser: Grundlage für nachhaltige Entwicklung und Frieden

Um bei grenzüberschreitenden Gewässern die Wasserversorgung sicherzustellen, ist die Zusammenarbeit der Anrainerstaaten wichtig. In Zentralasien setzt sich die Schweiz für ausgewogene Lösungen mit maximalem Nutzen ein.

Die Bewässerung von Feldern stromaufwärts führte zum Austrocknen des Aralsees. Ehemaliger Hafen in Mo’ynoq, Usbekistan. (Bild: Alamy)

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Für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und die Stabilität der Länder ist der Zugang zu Wasser angesichts des Bevölkerungsdrucks und des Klimawandels von entscheidender Bedeutung. Das «blaue Gold» vereint die Anrainerstaaten von Wasserläufen. In einem solchen Umfeld ist eine grenzüberschreitende integrierte Wasserbewirtschaftung in den Einzugsgebieten unerlässlich. Die Schweiz engagiert sich daher in der internationalen Zusammenarbeit für den Zugang zu Wasser, insbesondere in Zentralasien, wo sich sechs Länder zwei Wasserläufe teilen. Im Hinblick auf eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung hat sich die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit auf regionale Massnahmen ausgerichtet, um die betroffenen Länder bei ihrer gemeinsamen Wasserbewirtschaftung zu unterstützen. Daraus ist die Initiative «Blue Peace Central Asia» entstanden, die sowohl diplomatischen als auch operativen Zwecken dient. Die Fortschritte hängen jedoch vom Vertrauen zwischen den Anrainern und von äusseren Einflüssen ab.

Stellen Sie sich folgendes Szenario im Jahr 2051 vor: Schnee ist Mangelware, und Niederschläge werden immer unregelmässiger. Sie sitzen im Gemeinderat einer Schweizer Berggemeinde und müssen über folgende Frage entscheiden: Wie soll das Wasser im Stausee auf dem Gemeindegebiet verwendet werden, um den grösstmöglichen Nutzen daraus zu ziehen? Wem soll es zugutekommen?

  1. Neuen Hotels, die Arbeitsplätze schaffen;
  2. der Erzeugung von erneuerbarer Elektrizität im Winter;
  3. der Bewässerung der Weinberge und dem Tränken des Viehs im Sommer;
  4. einer Wasserreserve zur Brandbekämpfung.
  5. Der Stausee soll die beiden flussabwärts liegenden Städte vor Überschwemmungen schützen.
  6. Die natürliche Schönheit des Flusses unterhalb der Staumauer für Touristen steht im Vordergrund.

Das Szenario stammt aus der Ausstellung «Wasser unser», welche vor zwei Jahren im Alpinen Museum der Schweiz in Bern zu sehen war. Es veranschaulicht Interessenkonflikte um die Ressource Wasser und zeigt, dass es notwendig ist, eine gemeinsame Vision für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu finden, gegensätzliche Positionen anzugleichen und Kompromisse auszuhandeln. Die Herausforderungen enden nicht an der Gemeindegrenze, sondern umfassen das Einzugsgebiet eines Wasserlaufs und betreffen alle Anrainer. Zusammenarbeit wird folglich zu einem Schlüsselwort, um Kosten und Nutzen zu teilen.

Flüsse enden nicht an der Landesgrenze

In der Schweiz und in Europa besteht bereits ein rechtlicher Rahmen, um ausgewogene Lösungen auszuhandeln – dazu gehören beispielsweise die Übereinkommen zum Schutz des Rheins und der Donau. Doch für die Mehrheit der 3 Milliarden Menschen, die weltweit von grenzüberschreitenden Süsswasserressourcen abhängen, sind solche Vereinbarungen alles andere als selbstverständlich. Weltweit teilen sich 153 Staaten 60 Prozent der Flüsse, Seen und Grundwasserleiter, die nicht nur zur Erzeugung von Trinkwasser, Energie, Lebensmitteln und Industriegütern dienen, sondern auch für das Ökosystem unabdingbar sind und in einigen Fällen als lebenswichtige kommerzielle Wasserstrassen genutzt werden.

Eine grenzüberschreitende integrierte Wasserbewirtschaftung in den Einzugsgebieten ist der Schlüssel zum Erfolg, um Wohlstand und Stabilität zu gewährleisten. Dieses Ziel ist in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung festgehalten: Gemäss Punkt 6.5 soll auf allen Ebenen eine integrierte Bewirtschaftung der Wasserressourcen umgesetzt werden – gegebenenfalls auch mittels grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Allerdings sind bisher nur begrenzte Fortschritte erzielt worden, wie ein Bericht aus dem Jahr 2018 zeigt.[1] Hinzu kommt: Der Wettbewerb um die Wasserressourcen wird sich in den nächsten 15 bis 30 Jahren verstärken.

Ein mangelnder Fortschritt bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit wirkt sich auf andere, ebenfalls wichtige Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) negativ aus. Dazu zählen die Erhöhung des Anteils der erneuerbaren Energie am globalen Energiemix, die Stärkung der Widerstandskraft und der Anpassungsfähigkeit gegenüber Naturkatastrophen, die Entwicklung der nachhaltigen Landwirtschaft sowie der Zugang zu Trinkwasser.[2] Im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit setzt sich die Schweiz dafür ein, dass die grenzüberschreitenden Herausforderungen bei der Wasserbewirtschaftung angegangen werden.

Aralsee ausgetrocknet

Um den Ansatz der Schweiz zu veranschaulichen, ist Zentralasien ein gutes Beispiel: In Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan steht Wasser seit über 25 Jahren im Zentrum der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und der Humanitären Hilfe. Diese semiaride Region ist auf Wasserressourcen, die aus zwei grossen Flussläufen stammen, angewiesen (siehe Abbildung). Der 2580 Kilometer lange Fluss Amudarja fliesst durch Afghanistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan. Der Fluss Syrdarja weist eine Länge von 2200 Kilometern auf und durchquert Kirgisistan, Usbekistan und Kasachstan. Beide Flüsse münden in den Aralsee. Die Übernutzung von Wasser für landwirtschaftliche Zwecke hat zur Austrocknung dieses Binnengewässers zwischen Usbekistan und Kasachstan geführt.

Wassereinzugsgebiet um den Aralsee

Anmerkung: Die Flüsse sind schematisch dargestellt. Die Liniendicke entspricht nicht der Durchflussmenge. In der Nähe des Aralsees enthalten die Flüsse kein Wasser mehr.

Für die wirtschaftliche Entwicklung und die Stabilität der zentralasiatischen Staaten ist der Zugang zu Wasser angesichts des Bevölkerungsdrucks und des Klimawandels heute mehr denn je entscheidend. Eine ökonomische Studie hat aufgezeigt, dass fehlende Massnahmen und eine mangelnde Zusammenarbeit zwischen den Anrainerstaaten in der Region direkt oder indirekt Kosten von mindestens 4,5 Milliarden Dollar pro Jahr verursachen.[3]

«Blue Peace»-Initiative

Im Hinblick auf eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung hat sich die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit daher auf regionale Massnahmen ausgerichtet, um die Anrainerstaaten in den Einzugsgebieten bei ihrer gemeinsamen Wasserbewirtschaftung zu unterstützen. Die Initiative Blue Peace Central Asia (BPCA) bündelt diese Anstrengungen. Einerseits stärkt sie die Diplomatie, indem sie auf die traditionellen Vermittlungskompetenzen baut. Andererseits stellt sie Fachwissen zur Verfügung, das in der Schweiz bei der grenzüberschreitenden Wasserbewirtschaftung und beim gemeinsamen Betrieb von Anlagen an Wasserläufen vorhanden ist. Wichtig sind auch Erfahrungen aus bestehenden Projekten in Zentralasien.

Das gemeinsame Verständnis, auf welches BPCA in Zentralasien hinarbeitet, lässt sich zusammenfassen mit dem Leitsatz: Wasser ist ein wesentlicher Faktor für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Region. Dazu sollen aber nicht einfach die Kosten, welche durch die Untätigkeit verursacht werden, aufgelistet werden, sondern es gilt Massnahmen zu ergreifen, die allen zugutekommen. BPCA umfasst drei Komponenten:

  1. Eine diplomatische und politische Komponente: Die Anrainerstaaten werden unterstützt, um im Dialog Lösungen für eine integrierte Bewirtschaftung der Einzugsgebiete grosser Wasserläufe zu suchen.
  2. Eine operative Komponente: Es gilt, verlässliche Daten zur verfügbaren Wasserqualität und -quantität zu erheben. Die Fakten bilden die Vertrauensbasis zwischen den Anrainern. Darüber hinaus unterstützt BPCA den Aufbau von Infrastrukturen mit einem grenzüberschreitenden Mehrwert.
  3. Eine Jugendkomponente: Junge Menschen werden für die verschiedenen ökologischen und sozioökonomischen Herausforderungen sensibilisiert, die im Zusammenhang mit der Wasserbewirtschaftung entlang von Wasserläufen zu bewältigen sind.

BPCA bietet einen politischen Rahmen für alle regionalen Massnahmen im Bereich Wasser, welche die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Zentralasien realisiert. Die Initiative stützt sich – insbesondere bei der operativen Komponente – auf bestehende bilaterale Programme in Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan. Beispielsweise unterstützt das Seco zusammen mit der Europäischen Union (EU) das von der Weltbank realisierte Entwicklungsprogramm für Energie und Wasser in Zentralasien (CAEWDEP) (siehe Kasten). Die Deza wiederum finanziert Programme, die dem Ausbau der nationalen Bewirtschaftung von Wasserressourcen (NWRM) dienen.

Im Bereich der Infrastrukturinvestitionen sind die politischen Strategien der multilateralen Institutionen eng mit den Handlungskonzepten ihrer Partnerstaaten verknüpft. Derzeit besteht allerdings kaum ein Interesse, ein komplexes Projekt mit grenzüberschreitenden Auswirkungen zu integrieren. Möglicherweise sind hier Unterstützungsbeiträge als Finanzierungsquelle nützlich, um den ersten Schritt zu tun und die Zurückhaltung bei den Investitionen in der Region abzubauen. Die Unterstützungsbeiträge bieten wahrscheinlich eine Nische für bilaterale Akteure.

Die Absicht, die Widerstandskraft der zentralasiatischen Länder zu stärken und in dieser Region eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten, ist zwar edel, und diesbezüglich bestehen ehrgeizige Ziele. Doch gleichzeitig müssen die Akteure bescheiden bleiben. Denn die Fortschritte hängen im Wesentlichen vom Vertrauen zwischen den Anrainerstaaten ab, das sich nicht einfach verordnen lässt. Massgebend sind auch äussere Einflüsse auf diese Region an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident, ein wesentliches Glied der alten und der neuen Seidenstrasse. Die Rolle der Schweiz in dieser Region wird daher sicherlich weit über die physischen Grenzen Zentralasiens hinaus wahrgenommen.

  1. UNO (2018): Sustainable Development Goal 6 – Synthesis Report on Water and Sanitation 2018, Kapitel II/E (S. 75–86), New York. []
  2. SDG 7.2, 13.1, 2.4 und 6.1. []
  3. Adelphi und Carec (2017): Rethinking Water in Central Asia – the Costs of Inaction and Benefits of Water Cooperation, Almaty. []

Sonderbeauftragter für Wasser in Zentralasien, Abteilung Globalprogramm Wasser und Eurasien, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), Bern

Das Central Asia Energy and Water Development Program

Die Wasser- und Energiesysteme Zentralasiens sind untrennbar miteinander verbunden, jedoch unzureichend koordiniert. Vor diesem Hintergrund stärkt ein Entwicklungsprogramm der Weltbank, das Central Asia Energy and Water Development Program (CAEWDP), die Rahmenbedingungen in Afghanistan, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Das vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) unterstützte Programm hilft den Regierungen, wirksame Institutionen aufzubauen. Beispielsweise vermittelt das CAEWDP Fachwissen, erstellt Machbarkeitsanalysen und prüft geplante Projekte auf ihre Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Weiter fördert es anhand von Plattformen den regionalen, auf Fakten basierenden Dialog. Über Ideenwettbewerbe belebt es den Austausch zwischen jungen Wasserexperten. Die Aktivitäten des CAEWDP sind mit dem Programm Blue Peace Central Asia sowie mit anderen Entwicklungspartnern koordiniert.

Sonderbeauftragter für Wasser in Zentralasien, Abteilung Globalprogramm Wasser und Eurasien, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), Bern