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Kein Zusammenhang zwischen internationalem Handel und Arbeitslosigkeit in der Schweiz

Produziert die Globalisierung auch in der Schweiz eine zunehmende Lohnschere zwischen Hoch- und Tiefqualifizierten? Nein, sagt eine neue Studie. Doch nirgends in der OECD steigt das Arbeitslosigkeitsrisiko von Niedrigqualifizierten im Vergleich zu Hochqualifizierten so stark wie hierzulande.

Keine zunehmende Lohnschere zwischen Hoch- und Niedrigqualifizierten in der Schweiz feststellbar. Bauarbeiter fordern 2018 in Bellinzona höhere Löhne. (Bild: Keystone)

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Nicht die Lohnungleichheit, sondern die Arbeitslosigkeit der Tiefqualifizierten im Vergleich zu den Hochqualifizierten ist in der Schweiz in den letzten 30 Jahre angestiegen. Wir untersuchten, ob diese Entwicklung auf den zunehmenden internationalen Güterhandel zurückgeführt werden kann. Mit Daten von 33’000 Individuen, die im Zeitraum von 1991 bis 2008 im Industriesektor beschäftigt waren, fanden wir keinen Zusammenhang zwischen individuellem Arbeitslosigkeitsrisiko und dem Niveau bzw. der Veränderung von Import- und Exportvolumen auf Branchenebene. Es muss deshalb nach anderen Ursachen gesucht werden.

Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Beschäftigung gehören zu den brisantesten Themen in der aussenpolitischen Diskussion. In der Schweiz hat das Thema durch das Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union an Bedeutung gewonnen. Hierzulande besteht eine breite politische Unterstützung für die sogenannten flankierenden Massnahmen zum Schutz der Löhne. Gleichzeitig wird in den USA über die Ursachen der sogenannten Lohnschere debattiert. Denn dort sind die Löhne der niedrig qualifizierten Arbeitskräfte im Vergleich zu den hoch qualifizierten über die letzten dreissig Jahre gesunken.

Gemäss der Handelstheorie ist die Entwicklung in den USA nicht überraschend: Spezialisieren sich Länder wie die USA oder die Schweiz im Zuge der Globalisierung auf die Herstellung und den Export von Gütern und Dienstleistungen, bei denen es vorwiegend hoch qualifizierte Arbeitnehmer im Produktionsprozess braucht, steigt die Nachfrage nach diesen Arbeitskräften. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Niedrigqualifizierten. Denn Produkte, zu deren Herstellung es grösstenteils Niedrigqualifizierte braucht, werden zunehmend aus Schwellenländern importiert. Diese beiden Entwicklungen führen tendenziell zu einer – zumindest relativen – Abnahme der Löhne von Niedrigqualifizierten.[1] Dieser Zusammenhang wurde in der Handelstheorie durch das sogenannte Stolper-Samuelson-Theorem bekannt.[2]

Aber das ist nicht der einzige Grund, für eine mögliche Lohnreduktion bei Niedrigqualifizierten. Ähnlich kann zunehmende Immigration die Löhne der Arbeitskräfte im Inland unter Druck setzen, wenn sie mit den neu zugezogenen Immigranten oder auch mit temporären ausländischen Dienstleistungsanbietern in der Schweiz in Konkurrenz stehen. In beiden Fällen kann so der Ruf nach Begrenzung des internationalen Handels bzw. der Immigration über den Preis (Zölle bzw. Lohnuntergrenzen) oder über die Menge (Importquoten bzw. Zuwanderungskontingente) entstehen.

Relative Arbeitslosigkeit nimmt zu

Existiert auch in der Schweiz eine Lohnschere? Die Beobachtungen aus den USA kann man nicht ohne Weiteres auf die Schweiz übertragen. Das zeigt ein Vergleich des durchschnittlichen Monatslohns (Median) der Arbeitskräfte mit einem Diplom von einer Universität, Fachhochschule oder höheren Fachschule mit dem durchschnittlichen Monatslohn der Arbeitskräfte ohne abgeschlossene Berufsausbildung mit oder ohne unternehmensinterne Ausbildung. Das Verhältnis der Löhne der so definierten Hoch- zu Niedrigqualifizierten in der Schweiz ist zwischen 1991 und 2017 ziemlich konstant geblieben (siehe Abbildung 1). Die am Markt erzielte Entschädigung der Niedrigqualifizierten hat in den letzten dreissig Jahren in der Schweiz gemessen am Lohn von Hochqualifizierten nicht abgenommen. Im Gegenteil: Wenn schon, hat der Lohn sogar leicht zugenommen. Anders sieht es aus bei der relativen Arbeitslosigkeit: Über denselben Zeitraum hat die relative Arbeitslosigkeit der tief qualifizierten Arbeitskräfte in der Schweiz zugenommen.

Abb. 1: Relative Arbeitslosigkeit und relative Löhne von hoch und niedrig qualifizierten Arbeitskräften in der Schweiz (1991–2017)

Quelle: Eigene Berechnung der Autoren, BFS (Sake, Monatlicher Bruttolohn nach Ausbildung) / Die Volkswirtschaft

Diese Beobachtungen stellen den Ausgangspunkt unserer Analyse dar, welche letztes Jahr in der «Schweizerischen Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik» publiziert wurde.[3] Die Bedeutung des Themas akzentuiert sich noch, wenn man die Entwicklung der relativen Arbeitslosigkeit in der Schweiz mit anderen OECD-Ländern vergleicht. Unter allen OECD-Ländern, für die wir Daten zur Verfügung haben, hatte die Schweiz von 1991 bis 2014 die stärkste Zunahme der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten (siehe Abbildung 2).[4]

Theoretisch ist eine Zunahme der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten aufgrund des Stolper-Samuelson-Theorems dann möglich, wenn die Nominallöhne insbesondere der tief qualifizierten Arbeitskräfte aufgrund von Mindestlöhnen oder für allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträgen nach unten nicht flexibel sind.

Arbeitslosigkeitsrisiko für Niedrigqualifizierte höher

Hängt die in der Schweiz steigende (relative) Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten mit dem zunehmenden internationalen Handel zusammen? Um dies zu beantworten, haben wir die Daten von 33’000 Personen ausgewertet, welche zwischen 1991 und 2008 im Industriesektor der Schweiz beschäftigt waren (siehe Kasten 2).

Abb. 2: Durchschnittliche Wachstumsrate der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten (1991–2014)

Quelle: Eigene Berechnung der Autoren, OECD («Education at a Glance») / Die Volkswirtschaft

Generell gilt, dass Niedrigqualifizierte grundsätzlich ein statistisch signifikant höheres Risiko haben, arbeitslos zu werden. Das Arbeitslosigkeitsrisiko ist mitunter auch höher für Arbeitnehmer mit Teilzeitverträgen, für Temporärangestellte sowie für Ausländer. Verheiratete, verwitwete sowie ältere Arbeitskräfte weisen ein signifikant tieferes Risiko auf. Diese Resultate decken sich mit anderen Studien aus der Arbeitsmarktforschung. Die Effekte in unseren Schätzungen sind allerdings klein: Die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, ist für eine niedrig qualifizierte Person 1,3 Prozent höher als für eine hoch qualifizierte Person. Einen viel stärkeren Einfluss hat das Arbeitspensum: Für eine temporär angestellte Person ist die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, 11,3% höher als für eine fest angestellte Person.

Stellt sich die Frage, ob das Arbeitslosigkeitsrisiko zusätzlich vom internationalen Handel beeinflusst wird. Konkret: Steigt oder sinkt die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, wenn eine Branche ein hohes Niveau an Importen oder Exporten hat oder wenn das Import- oder Exportvolumen im beobachteten Zeitraum (z. B. im Vorjahr) stark zu- oder abgenommen hat? Die Antwort: Nein, es besteht kein signifikanter Zusammenhang – weder mit noch ohne zeitliche Verzögerung.

Handel und Arbeitslosigkeit: Schwacher Zusammenhang

Einzig für Niedrigqualifizierte lässt sich ein schwacher Zusammenhang zwischen internationalem Handel und Arbeitslosigkeit beobachten: Ist das Niveau der Importe nämlich um 1 Prozent höher, steigt das Arbeitslosigkeitsrisiko für eine tief qualifizierte Person um 0,017 Prozent. Veränderungen des Importvolumens (oder des Exportvolumens) beeinträchtigen die Arbeitslosigkeit jedoch nicht. In weiteren Schätzungen und verschiedenen Sensitivitätsanalysen wird dieses Ergebnis bestätigt: Wenn überhaupt, besteht zwischen Arbeitslosigkeitsrisiko und internationalem Handel nur ein geringer Zusammenhang, der zudem statistisch nicht signifikant ist.

Aufgrund unserer Analyse kann die Zunahme der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten zu Hochqualifizierten in der Schweiz kaum auf den zunehmenden internationalen Handel zurückgeführt werden. Es muss nach anderen Ursachen gesucht werden. Mögliche Gründe könnten zunehmende Regulierungen im Arbeitsmarkt sein, die verhindern, dass die Löhne nach unten flexibel sind. Ebenso könnten die Immigration oder die technologischen Veränderungen die Niedrigqualifizierten tangieren. Vor allem wenn sich der Trend zur Zunahme der (relativen) Arbeitslosigkeit von tief qualifizierten Arbeitskräften in der Schweiz fortsetzen oder gar verstärken sollte, ist es wichtig, die Gründe dafür zu kennen.

  1. Die Reallöhne der Tiefqualifizierten müssen dabei absolut nicht sinken, wenn in einer Volkswirtschaft gleichzeitig auch die Produktivität zunimmt.  []
  2. Siehe Stolper und Samuelson (1941). []
  3. Siehe Mohler, Weder und Wyss (2018). []
  4. OECD-Daten ab 2015 stehen uns zurzeit nicht zur Verfügung. Aufgrund der in Abbildung 1 beobachtbaren Entwicklung seit 2014 ist es möglich, dass die Schweiz im OECD-Vergleich von 1991 bis 2017 nicht mehr so schlecht dasteht. []

Dr. rer. pol., Research Fellow, Aussenwirtschaft und Europäische Integration, Universität Basel

Professor für Aussenwirtschaft und Europäische Integration, Universität Basel

Dr. rer. pol., Leiterin Economic Affairs, Novartis, Basel

Kasten 1: Von der Forschung in die Politik

Aktuelle wissenschaftliche Studien aus der «Schweizerischen Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik» mit einem starken Bezug zur schweizerischen Wirtschaftspolitik erscheinen in einer Kurzfassung in der «Volkswirtschaft».

Kasten 2: Die Studie im Detail

Die Analyse basiert auf Daten von 33’000 Personen, welche zwischen 1991 und 2008 im Industriesektor der Schweiz beschäftigt waren. Dank diesen Daten aus der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) konnten wir die Personen anhand zahlreicher sozioökonomischer Faktoren – wie Alter, Qualifikation, Geschlecht, Art der Arbeitsverträge oder Zivilstand – und aufgrund ihrer Branche charakterisieren. Die 17 Branchen, in denen die Personen arbeiten, verknüpften wir unter anderem mit internationalen Handelsdaten. Auf dieser Basis suchten wir nach Erklärungen für das individuelle Risiko, arbeitslos zu werden. Verschiedene Schätzmethoden und Spezifikationen führten alle zu qualitativ ähnlichen Resultaten.

Literatur

Dr. rer. pol., Research Fellow, Aussenwirtschaft und Europäische Integration, Universität Basel

Professor für Aussenwirtschaft und Europäische Integration, Universität Basel

Dr. rer. pol., Leiterin Economic Affairs, Novartis, Basel