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Primat der Politik in der Konjunktur

Politische Entscheidungen haben einen erheblichen Einfluss auf den Konjunkturgang. Blick in den Nationalratssaal. (Bild: Keystone)

«Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen» – dieses berühmte Bonmot hat zuletzt noch besser auf die Konjunkturprognosen gepasst als meistens während meiner langjährigen Beschäftigung mit der Schweizer Konjunktur. Denn nicht nur die Konjunktur selbst, auch die Konjunkturprognose kennt einen Wechsel von einfacheren und schwierigeren Zeiten.

Herausfordernde Zeiten für die Prognosen gab es immer wieder. Beispielsweise mit der Finanzkrise 2008/2009, in der die toxischen Verflechtungen der Finanzmärkte, auch mit der Realwirtschaft, sträflich unterschätzt wurden. Daraus haben die Ökonomen jedoch gelernt: Auch bei BAK Economics haben wir die Prognosemodelle weiterentwickelt.

Die aktuelle Herausforderung kommt jedoch von anderer Seite: Es ist die in den letzten Jahren ausgesprochen unstetig und sprunghaft gewordene Politik. Natürlich hat es immer schon überraschende Entscheidungen in der Politik gegeben. Die Vorhersehbarkeit der politischen Entwicklungen hat jedoch klar abgenommen. Hinzu kommt, dass wirtschaftspolitische Massnahmen zunehmend als Druckmittel für andere Politikfelder eingesetzt werden. Das Paradebeispiel hierfür ist US-Präsident Donald Trump, welcher zuverlässig entsprechende Beispiele liefert. Mit dem Brexit oder der Dauerfehde in der italienischen Politik gibt es aber auch diesseits des Atlantiks reichlich Anschauungsmaterial. Für die Schweiz ist der lange Weg von der Unternehmenssteuerreform III über die Steuervorlage 17 und die AHV-Steuer-Vorlage (Staf) bis in die kantonalen Umsetzungen exemplarisch.

Mit dem «Primat der Politik in der Konjunktur» – politische Entscheidungen haben einen erheblichen Einfluss auf den Konjunkturgang – hat diese Entwicklung die Schwerpunkte der täglichen Arbeit als Chefökonom verschoben.

Die Vorhersehbarkeit der politischen Entwicklungen hat klar abgenommen.

So nehmen heute Analyse und Diskussion der politischen Rahmenbedingungen bedeutend mehr Raum ein. Eine wesentliche Aufgabe von mir als Chefökonom ist es, abzuwägen, welche politischen Entwicklungen als am wahrscheinlichsten anzusehen sind und somit die Grundlage für die Prognose bilden. Hierzu gehört auch, dass zusammen mit der Prognose immer die zugrunde liegenden Annahmen für die politischen Entwicklungen intensiver kommuniziert werden müssen.

Noch bedeutender ist die zweite Veränderung: die Entwicklung hin zum vermehrten Denken in Szenarien. So müssen stets auch alternative Entwicklungspfade im Auge behalten werden. De facto gibt es heute ein ganzes Bündel an Prognosen. Mit dem Denken in Szenarien berücksichtigt man bereits vorab die Sprunghaftigkeit politischer Entscheide und bereitet sich auf die verschiedenen Eventualitäten vor.

Die Prognosetätigkeit hat sich an diese neuen Gegebenheiten angepasst. Dennoch bleibt die Hoffnung, dass die Politik wieder in ruhigere Fahrwasser kommt. Denn – auch dies zeigt die regelmässige Konjunkturanalyse – die Sprunghaftigkeit der Politik bleibt nicht ohne Folgen: Die damit verbundene Unsicherheit bremst die wirtschaftliche Dynamik aus. Zwar gilt auch hier ein «Primat der Politik»: Politische Entscheide sollen nicht nur der Ökonomie untergeordnet werden. Dennoch sind die ökonomischen Konsequenzen immer zu berücksichtigen. «Unnötig» sollten ökonomische Chancen nicht verbaut werden.

Chefökonom, BAK Economics, Basel

Chefökonom, BAK Economics, Basel