Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Energiemanagement: Optimierungspotenzial bei Schweizer Unternehmen

Die Hälfte der energieintensiven Schweizer Unternehmen verfügt über kein leistungsstarkes Energiemanagement. Abhilfe schaffen könnten verstärkte Informationsanstrengungen und finanzielle Anreize.

Der zürcherische Waschmaschinenhersteller Schulthess hat den Energieverbrauch massgeblich gesenkt – unterstützt wurde die Firma von der Energie-Agentur der Wirtschaft (Enaw). (Bild: Keystone)

Abstract lesen...

Wie sieht es bei Schweizer Unternehmen punkto Energiemanagementsysteme aus? Eine Umfrage bei Energie-Grossverbrauchern hat die bestimmenden Faktoren eines Energiemanagementsystems sowie die Auswirkungen auf die Energieinvestitionen und die Energieeffizienz untersucht. Aus den Ergebnissen geht hervor, dass der Ausbaugrad des Energiemanagements (noch) unzureichend ist und anscheinend nicht mit den Energiekosten korreliert. Eine staatliche Politik, welche die Umsetzung einer Energiestrategie in den Unternehmen unterstützt, wirkt sich positiv auf Investitionen in die Energieeffizienz aus.

Energieeffizienz ist ein Mittel, um die Nachhaltigkeitsziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen. In vielen Unternehmen ist das Energiesparpotenzial nach wie vor nicht ausgeschöpft, und manche Investitionsprojekte zur Steigerung der Energieeffizienz werden nicht realisiert, obwohl sie rentabel wären. Ökonomisch spricht man von einer sogenannten Energieeffizienzlücke (Energy Efficiency Gap). Gründe dafür sind Investitionshemmnisse. So schenken die Unternehmensleitungen dem Energiemanagement beispielsweise zu wenig Beachtung.

Angesichts der Energieeffizienzlücke hat eine breit angelegte Umfrage untersucht, welches die massgebenden Faktoren dafür sind, dass Schweizer Unternehmen ein Energiemanagementsystem einführen, und von welchen Faktoren dessen Ausbaugrad abhängt. Ebenfalls analysiert wurde, wie sich ein solches System auf die Energieeffizienz auswirkt. Die Umfrage, die sich auf relevante Daten von Energie-Grossverbrauchern stützt, wurde im Rahmen des Forschungsprojekts «Determinanten von Investitionen in Energieeffizienz» durchgeführt. Am Projekt beteiligten sich die beiden Forschungs- und Beratungsunternehmen Infras und Impact Energy sowie die Universität Neuenburg. Finanziell unterstützt wurde es vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF). An der Konzeption und Anwendung des Fragebogens arbeitete die Westschweizer Ökonomin Catherine Cooremans mit. Dieser Fragebogen bildet die Grundlage der folgenden Ausführungen.

Als Grossverbraucher gelten in der Schweiz gemäss der Definition in der Gesetzgebung rund 10’000 Privatunternehmen, die über insgesamt rund 14’000 Betriebsstätten und Einrichtungen (Fabriken, Betriebe, Geschäfts- und Verwaltungsgebäude usw.) verfügen. Die Analyse fokussierte auf die Energieeffizienz von marktwirtschaftlich tätigen Grossverbrauchern. In den Energievorschriften von Bund und Kantonen sind Grossverbraucher in der Regel als öffentliche oder private Unternehmen oder Einrichtungen definiert, die jährlich über 0,5 Gigawattstunden elektrische Energie und/oder 5 Gigawattstunden Wärmeenergie verbrauchen.

Der Fragebogen wurde an 3670 Unternehmen des Industrie- und des Dienstleistungssektors versandt. Deren Kontaktdaten stammen von 12 Kantonen und einigen Akteuren, welche die Massnahmen von Unternehmen zur Steigerung der Energieeffizienz unterstützen. 900 Unternehmen haben den Online-Fragebogen zumindest teilweise beantwortet. 305 Fragebögen enthielten ausreichend vollständige Antworten. Zusätzlich wurden rund 20 Befragungen und 5 Fallstudien durchgeführt.

Aufgrund der gewählten Methode der Datenerhebung sind die befragten Unternehmen für das Wirtschaftsgefüge oder die Gesamtheit der angesprochenen Grossverbraucher nicht völlig repräsentativ. Doch die Umfrage liefert trotzdem einige interessante Informationen zum Ausbaugrad des Energiemanagements in den Unternehmen und zu dessen Auswirkungen auf die Energieinvestitionen und die Energieeffizienz.

Zwei Investitionsziele

Wie treffen die Grossverbraucher Investitionsentscheide zur Verbesserung der Energieeffizienz? Investitionsentscheide sind das Ergebnis eines komplexeren Prozesses, wobei die Rentabilität eines Projektes nicht der einzige Faktor ist.

Jede Investition weist charakteristische Merkmale auf[1], die sich nach ihrem funktionalen Ziel (Forschung und Entwicklung, Produktion usw.) und nach ihrem strategischen Charakter kategorisieren lassen. Der strategische Charakter einer Energieeffizienz-Investition wird vor allem durch deren Beitrag zu den Wettbewerbsvorteilen des Unternehmens bestimmt. Bei der Arbitrage hinsichtlich der Ressourcen innerhalb von Unternehmen ist dieser Aspekt oftmals bedeutender als die finanzielle Rentabilität. Allerdings handelt es sich hier um keine objektiven Tatsachen: Es sind immer die Entscheidungsträger, die den strategischen Charakter wahrnehmen, diagnostizieren und auslegen.

Wie wirkt sich das Energiemanagementsystem auf die Genehmigung von Investitionsprojekten zur Steigerung der Energieeffizienz und auf die Energieeffizienz selbst aus? Grundsätzlich soll das System als organisatorischer Filter wirken, der die Wahrnehmung des strategischen Charakters von Investitionen in die Energieeffizienz und somit auch die zu treffenden Entscheidungen positiv beeinflusst. Der Einfluss des Energiemanagements auf die Energieeffizienz (die das Ziel der Investitionen bildet) wird durch eine Wirkungskette ausgeübt. Diese besteht aus den drei Gliedern «Ausbaugrad», «strategischer Charakter» und «Entscheidungen» (siehe Abbildung).

Wirkungskette des Energiemanagements

Relativ tiefes Niveau

Bei den befragten Unternehmen handelt es sich grösstenteils um Grossunternehmen, die in zwei von drei Fällen über mehrere Standorte verfügen. Die eine Hälfte der befragten Firmen gehört zum Industriesektor, die andere Hälfte zum Tertiärsektor. Der primäre Sektor wurde nicht berücksichtigt. Ein Drittel der Umfrageteilnehmer ist Teil eines internationalen Konzerns, und drei Viertel beteiligen sich an mindestens einem Programm oder Netzwerk zur Förderung der Energieeffizienz.[2]

Der Ausbaugrad des Energiemanagements wurde anhand eines Index geschätzt. Dieser hat einen Wert von 0 bis 23 und wird aus sechs Fragen im Fragebogen hergeleitet (siehe Kasten). Ein Wert von mindestens 19 Punkten zeigt an, dass das Unternehmen die Anforderungen der ISO-Norm 50001 erfüllt. Diese ISO-Norm enthält Richtlinien für den Aufbau eines Energiemanagementsystems.

Etwa die Hälfte der befragten Unternehmen verfügt über kein Energiemanagement, das die Mindestanforderungen erfüllt (siehe Tabelle). Die Durchschnitts- und Medianwerte liegen bei rund 10 Punkten, was im Vergleich zu den Anforderungen der erwähnten ISO-Norm einem verhältnismässig tiefen Niveau entspricht.

Energiemanagement: Ausbaugrad der befragten Unternehmen

Anzahl Punkte Ausbaugrad des Energiemanagements (EM) Verbrauch < 0,5 GWh Verbrauch > 0,5 GWh Anzahl Unternehmen Anteil Energieintensität (Kosten/Umsatz)
0 bis 5 Kein systematisches EM oder System mit grossen Lücken 19 53 72 24% 2,9%
6 bis 10 EM erfüllt die Anforderungen in den Bereichen Informationserhebung und Umsetzung nicht 5 78 83 27% 2,6%
11 bis 18 Gutes EM-System mit Verbesserungsmöglichkeiten 12 112 124 41% 3,6%
19 bis 23 Hoher Ausbaugrad 1 22 23 8% 2,5%
Total Mittelmässiger Ausbaugrad (Durchschnitt: 10 Punkte) 37 265 302 100% 3,1%

Quelle: Iten et al. (2017)

Ein Viertel der Befragten betreibt kein systematisches Management des Energieverbrauchs. Jedes vierte Unternehmen, das über kein Energiemanagementsystem verfügt, zählt dabei nicht zu den Grossverbrauchern.

Hingegen hat die Hälfte der insgesamt 37 «Kleinverbraucher» (< 0,5 Gigawattstunden) bestimmte Energiemanagementelemente eingeführt. Die befragten Unternehmen weisen eine Energieintensität (Energiekosten in Prozent des Umsatzes) von 3,1 Prozent auf. Dieser Wert liegt deutlich über dem landesweiten Durchschnitt von 2,1 Prozent, den die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich anhand einer repräsentativen Stichprobe von Unternehmen geschätzt hat.[3] Der im Rahmen der Umfrage ermittelte Ausbaugrad des Energiemanagements scheint vordergründig nicht mit der Energieintensität zu korrelieren.

Staatliche Politik von Bedeutung

Gemäss einer ökonometrischen Analyse, die auf dem Index basiert, hängt der Ausbaugrad des Energiemanagements von vier Faktoren ab: Erstens spielt die Zahl der Arbeitsplätze (Unternehmensgrösse) eine Rolle. Ein zweiter Faktor sind ein grosser Energieverbrauch (über 5 Gigawattstunden pro Jahr) sowie eben auch eine hohe Energieintensität. Drittens hängt der Ausbaugrad davon ab, ob das Unternehmen einen Energieverantwortlichen ernannt hat. In geringerem Ausmass spielt viertens der Umfang der öffentlichen Unterstützung für die Energieeffizienz in den Kantonen eine Rolle. Damit sind die (subventionierte) Durchführung eines Energieaudits oder der Abschluss einer Zielvereinbarung gemeint.

Gemäss der eingangs erwähnten Wirkungskette sollte sich der Ausbaugrad des Energiemanagements positiv auf die Wahrnehmung des strategischen Charakters von Investitionen in die Energieeffizienz und letztlich auch auf die Energieeffizienz selbst auswirken. Der strategische Charakter von Investitionen hängt auch von der Intensität des Wettbewerbs auf den Märkten, von der Höhe des Energieverbrauchs sowie von der wohlwollenden Haltung der Geschäftsleitung und von den eingeführten Verfahren zur Steigerung der Energieeffizienz ab.

Wie erwähnt, wirkt sich auch die staatliche Politik auf die Energieeffizienz der Unternehmen aus. So haben mehrere Grossverbraucher eine Zielvereinbarung in Bezug auf die Energieeffizienz abgeschlossen, dank der sie teilweise oder vollständig von der CO2-Abgabe befreit werden. Ein weiterer Faktor zur Förderung der Energieeffizienz ist die Durchführung eines teilweise von der öffentlichen Hand subventionierten Energieaudits.

Aus wirtschaftspolitischer Sicht gibt es zwei Handlungsempfehlungen: Zum einen sollten die Informations- und Ausbildungsanstrengungen, auch auf technischer Ebene, verstärkt werden. Zum anderen sollten höher gesteckte Ziele hinsichtlich der Energieeffizienz festgelegt werden, indem die finanziellen Anreize, einschliesslich der schrittweisen Erhöhung der Energiepreise, ausgebaut werden.

  1. Siehe Cooremans 2012a und 2012b. []
  2. Enaw, ACT, Energo usw. []
  3. Arvanitis et al. (2016). []

Professor für Wirtschaftspolitik, Institut de recherches économiques (Irene), Universität Neuenburg

Professor für Wirtschaftspolitik, Institut de recherches économiques (Irene), Universität Neuenburg

Der Energiemanagement-Index

Der Energiemanagement-Index (0–23) wird mittels sechs Fragen ermittelt, die einem vereinfachten Energiemanagement-Audit entsprechen. Für jede Antwort gibt es eine bestimmte Punktzahl. Die Fragenliste basiert auf Empfehlungen der niederländischen Energieagentur und wurde von Catherine Cooremans (2012a) erarbeitet:

  • Hat das Unternehmen einen Energieverantwortlichen ernannt (2 Punkte)?
  • Wie hoch ist der Anteil der Energiekosten bzw. des Stroms am Umsatz (2 Punkte)?
  • Hat sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt, den Energieverbrauch kontinuierlich zu senken (2 Punkte)?
  • Hat das Unternehmen in Bezug auf die Energienutzung eine der folgenden Massnahmen getroffen: Bewertung des Performance-Benchmarkings, Festlegung des Vergleichsverbrauchs, Definition von Leistungsindikatoren, Festlegung einer Politik oder Strategie, Bestimmung messbarer Verbrauchsreduktionsziele, Definition der Datenerhebung, Festlegung der zu ergreifenden Massnahmen zur Erreichung der Ziele, regelmässiger interner Bericht (9 Punkte)?
  • Welche internen oder externen (finanziellen, personellen, technischen, informationsbezogenen) Ressourcen wurden für Energieeffizienzmassnahmen bereitgestellt (4 Punkte)?
  • Wendet das Unternehmen im Zusammenhang mit seiner Energiepolitik folgende Verfahren oder Systeme an: Ausbildung der Mitarbeitenden, Anreizsystem, Bewertung der Ergebnisse, Verfahren zur Überarbeitung der Ziele (4 Punkte)?

Literatur

  • Arvanitis S., Peneder M., Rammer C., Spescha A., Stucki T. und Wörter M. (2016). Creation and Adoption of Energy-Related Innovations – the Main Facts. KOF Studies, Nr. 77, Mai.
  • Cooremans C. (2012a). Investment in Energy-Efficiency: Do the Characteristics of Investments Matter? Energy Efficiency, 5, 497–518.
  • Cooremans C. (2012b). Energy-Efficiency Investments and Energy Management: an Interpretative Perspective. Proceedings of the International Conference on Energy Efficiency in Commercial Buildings (IEECB’12), Frankfurt.
  • Cooremans C. und Schönenberger A. (2019). Energy Management: a Key Driver of Energy Efficiency Investment? Journal of Cleaner Production, 230, 264–275.
  • Iten R., Brunner C. U., Cooremans C., Hammer S., Oettli B., Ouni M., Schönenberger A., Werle R. und Wunderlich A. (2017). Management as a Key Driver of Energy Performance, Schlussbericht, Zürich/Neuenburg, November.

Professor für Wirtschaftspolitik, Institut de recherches économiques (Irene), Universität Neuenburg

Professor für Wirtschaftspolitik, Institut de recherches économiques (Irene), Universität Neuenburg